{"id":9057,"date":"2019-02-11T16:36:53","date_gmt":"2019-02-11T14:36:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9057"},"modified":"2019-02-11T16:36:53","modified_gmt":"2019-02-11T14:36:53","slug":"social-media-februarvon-marlen-hobrack11-02-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/02\/11\/social-media-februarvon-marlen-hobrack11-02-2019\/","title":{"rendered":"Social Media Februarvon Marlen Hobrack11.2.2019"},"content":{"rendered":"<p>#bookstagram<!--more--><\/p>\n<p>Ausgerechnet auf Instagram, das als Medium oberfl\u00e4chlicher Selbstdarstellung gilt, werden B\u00fccher mit besonders viel Sorgfalt und Einfallsreichtum inszeniert. Bei sogenannten Bookstagrammern \u00fcbernimmt das Buchcover die Rolle des Gesichts im Selfie. \u00dcbrigens verf\u00fcgt das Buch \u00fcber ein eigenes Bildgenre, das Shelfie n\u00e4mlich (\u201cShelfie\u201d ist ein Kofferwort aus \u201cShelf\u201d f\u00fcr B\u00fccherregal und \u201cSelfie\u201d) Ist das Buch dabei lediglich Staffage, oder gelingt im Medium Instagram auch ernstzunehmende Buchkritik? Welchen Mehrwert bietet der Produser dem Follower, wenn er B\u00fccher zeigt?<\/p>\n<p>Um das Ph\u00e4nomen Bookstagram besser verstehen zu k\u00f6nnen, muss man zun\u00e4chst seine unterschiedlichen Erscheinungsformen betrachten. Grob lassen sich drei Kategorien identifizieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die erste Kategorie bilden jene Bookstagrammer, die semiprofessionelle Buchblogs betreiben und als nahbare Buchkritiker auftreten. Dabei stecken sie sich ein eigenes Bet\u00e4tigungsfeld ab: Bei dem einen mag es Fantasy sein, bei der n\u00e4chsten englische zeitgen\u00f6ssische Literatur.\u00a0Weil der Buchinhalt im Vordergrund steht, werden die geposteten Bilder von l\u00e4ngeren Texten begleitet, die vielleicht keine vollwertigen Kritiken sind, aber doch Details zum Text und eine Beurteilung desselben liefern. Die Textl\u00e4nge selbst ist interessant, da sie f\u00fcr gew\u00f6hnlich die Masse an Text, die wir auf Instagram zu lesen bereit sind, deutlich \u00fcberschreitet. Weil die meisten Menschen Instagram mit ihrem Smartphone nutzen, wird das Lesen l\u00e4ngerer Texte erschwert. Aber nicht nur das: Auch das Tippen ist verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig m\u00fchsam, was den Transfer vorbereiteter Texte vom PC auf das Smartphone n\u00f6tig macht. Allerdings kommen technische Ver\u00e4nderungen des Mediums ins Spiel: W\u00e4hrend Instagram seit l\u00e4ngerem eine App f\u00fcr Desktop-PCs anbot, konnte man zun\u00e4chst nur Inhalte sehen oder in Privatnachrichten teilen, jedoch nicht hochladen. Das ist inzwischen m\u00f6glich. Durch die Desktopvariante ist die Produktion umfangreicher Textinhalte weniger m\u00fchsam.<\/p>\n<p>Bookstagrammer der ersten Kategorie legen oft weniger Wert auf eine ausgefeilte Inszenierung, im Gegenteil: Das Buch soll ganz f\u00fcr sich stehen. Meist ragt es monolithisch ins Bild, auf einer Tischkante platziert, oder wird schlicht in der Hand gehalten. Diese Variante der Buchpr\u00e4sentation spielt nicht selten mit der schlichten Sch\u00f6nheit von Buchcovern.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9058\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.05.13.png\" alt=\"\" width=\"833\" height=\"595\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.05.13.png 833w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.05.13-300x214.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.05.13-768x549.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 833px) 100vw, 833px\" \/><\/p>\n<p>Spricht man neuerdings immer h\u00e4ufiger von Mikroinfluencern auf Instagram \u2013 die jedoch auch \u00fcber tausende Follower verf\u00fcgen \u2013, handelt es sich bei vielen Bookstagrammern dieser Sorte sogar um Mikro-Mikroinfluencer. Was ist der Nutzen f\u00fcr ihre Follower, was erwarten sie?<\/p>\n<p>Im Grunde passiert auf Instagram das, was wir auch in einer Buchhandlung erleben: Jemand, den wir f\u00fcr kompetent erachten, setzt ein Buch in Szene, gerne auch in Stapelform. Und wir greifen aus Interesse zu. Der Bookstagrammer hat vielleicht bereits in der Vergangenheit \u00e4hnliche literarische Interessen offenbart, der Rezipient vertraut dem Urteil. Wie auch \u201ein der Buchhandlung des Vertrauens\u201c, ergibt sich der Vertrauensvorsprung aus der Verbindung von bisherigem Angebot und pers\u00f6nlicher Note oder \u201eCredibility\u201c.<\/p>\n<p>Darin besteht die St\u00e4rke von Social Media: Im Gegensatz zur klassischen Buchkritik bietet Bookstagram \u00fcblicherweise eine Kritik von Laien oder Semi-Professionellen f\u00fcr Leser und vermittelt diese \u00fcber soziale Kontakte. Sympathie spielt \u2013 vermeintlich \u2013 eine gr\u00f6\u00dfere Rolle als die Kompetenz des Beurteilenden.\u00a0Allerdings k\u00f6nnte diese Vorstellung auch die verzerrte Perspektive des Feuilletons wiedergeben, das gerne die Professionalit\u00e4t der Blogger und Bookstagrammer in Frage stellt. Besonders dann, wenn sie gesponserte Leseexemplare von Verlagen erhalten. Das aber geschieht erst, wenn der Blogger einen gewissen Bekanntheitsgrad und damit einher- oder vorausgehenden Professionalisierungsgrad erreicht hat. Zudem erhalten auch klassische Journalisten Rezensionsexemplare, was jedoch keineswegs als Vorteilsnahme oder verdecktes Sponsoring begriffen wird.<\/p>\n<p>Die Bookstagrammer versuchen dann auch alles, um den Eindruck von Sponsoring zu entkr\u00e4ften. So werden die Posts vorsorglich mit der Bemerkung \u201eWerbung, nicht beauftragt\u201c oder \u00e4hnlichem versehen. Nat\u00fcrlich ist jede Pr\u00e4sentation eines Produktes letztlich auch Werbung. Diese erfolgt aber oft auch freiwillig und \u2013 eigentlich faszinierend! \u2013 ohne die Einwirkung des Profiteurs der Werbung. Bookstagrammer dieser Art \u00fcbernehmen also aus eigenem Antrieb das Marketing f\u00fcr Unternehmen (nichts anderes sind Verlage), ohne unmittelbar im gro\u00dfen Stil davon zu profitieren. Antrieb mag die Liebe zum Buch sein, vielleicht aber auch die M\u00f6glichkeit, das Expertentum der Rezensenten des Feuilletons und deren Macht zu hinterfragen. Schlie\u00dflich ist es die Expertenkritik, die Texte kanonisch werden l\u00e4sst. Die Kritik am lesenden Laien, der wom\u00f6glich minderwertige Literatur wertsch\u00e4tzt, wie sie eben auch in Feuilletons ge\u00e4u\u00dfert wird, ist \u00fcbrigens auch keine Neuheit, begleitet sie die Buchdiskurse doch seit der Fr\u00fchen Neuzeit.<\/p>\n<p>Instagram bietet neue M\u00f6glichkeiten der Selektion, Partizipation (langfristig auch der Kanonbildung?) und Multiplikation, eben auch deshalb, weil die Reichweite der Buchblogs und Bookstagrammer zusammen genommen sehr gro\u00df ist. Wurde schon mit dem Beginn des Buchdrucks die Frage der Selektion der sinnvollen B\u00fccher und Lekt\u00fcren zum Problem (zu viele B\u00fccher, zu wenig Zeit), steigert sich dieses auf dem zeitgen\u00f6ssischen Buchmarkt ins Unermessliche.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Selbst die kanonisierte Literatur l\u00e4sst sich kaum bew\u00e4ltigen, sodass der Selektionsdruck weiter steigt:<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Der Lesende muss immer st\u00e4rker zwischen lohnender und weniger interessanter Lekt\u00fcre unterscheiden. Die sozial vermittelte Buchkritik auf Basis der Empfehlung des Bookstagrammers hilft, weil sie \u00fcber die Frage hinaus, was man wissen oder kennen muss, auch fragt, was gut unterh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Kommen wir zur zweiten Kategorie der Bookstagrammer. Sie stellt den Aspekt der Behaglichkeit der Lesesituation in den Vordergrund. Das aufgeschlagene Buch (wichtig!) wird inmitten von Flauschfell, Teetasse, Lichterketten und anderen, Gem\u00fctlichkeit markierenden Gegenst\u00e4nden pr\u00e4sentiert. Gerne sind weibliche Beine, in dicke Kuschelsocken geh\u00fcllt, im Bild pr\u00e4sent. Auf den ersten Blick handelt es sich um die oberfl\u00e4chlichste Variante des Bookstagrams, bei dem der Inhalt des Buches in den Hintergrund tritt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9059\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.06.25.png\" alt=\"\" width=\"930\" height=\"596\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.06.25.png 930w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.06.25-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.06.25-768x492.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 930px) 100vw, 930px\" \/><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sich dar\u00fcber am\u00fcsieren, dass eine eher platte Form der Hyggeligkeit propagiert wird. Dabei verweist diese Art der Inszenierung gerade dadurch, dass sie das Buch zur vermeintlichen Staffage macht, auf den Kern des Buchlesens selbst. Denn wenn es doch gar nicht um den Inhalt des Buches geht, warum ist das Buch Teil der Inszenierung? Warum liegt an seiner Stelle kein Tablet, kein Handy oder eine Zeitung?<\/p>\n<p>Erstens, weil das Buch im Bild eine Reihe haptischer wie auch emotionaler Erfahrungen aufruft. Damit wird die eigentliche Leseerfahrung, das, was jedes gute Buch zu geben im Stande ist, zum Kern des Bildthemas. Lesen ist ja nicht nur Wissensaneignung. Es unterh\u00e4lt, stiftet Gemeinschaft, regt die Fantasie an.<\/p>\n<p>Das Buch verk\u00f6rpert zweitens die Vita Contemplativa, ein von geistiger Arbeit und Versenkung in den Gegenstand gekennzeichnetes Leben, das den Menschen aus seiner Umwelt l\u00f6st. Das so inszenierte Buch ist tats\u00e4chlich Gegenwelt, das obendrein f\u00fcr etwas steht, was viele Menschen immer schlechter k\u00f6nnen: Abschalten. Mit sich allein sein. Den eigenen Gedanken nachh\u00e4ngen. Fragt man Menschen, die nicht gerne lesen, warum dem so ist, dann spielt der Aspekt der Ruhelosigkeit und Ungeduld eine wichtige Rolle. Das Buch verspricht Zerstreuung oder Fokussierung, aber eben nur dann, wenn K\u00f6rper und Geist bereit daf\u00fcr sind.<\/p>\n<p>Die dritte Form des Bookstagrams ber\u00fchrt die Sph\u00e4re der Medienkunst. Ein sch\u00f6nes Beispiel hierf\u00fcr sind die Bilder von Stephan Porombka, der auch durch seine Arbeit f\u00fcr die Zeit als \u201eProfessor Praxis\u201c bekannt ist. Er selbst w\u00fcrde sich wohl gar nicht als Bookstagrammer bezeichnen. B\u00fccher fungieren bei dieser Form von Bookstagram als Stichwortgeber: Titel oder bekannte Zitate werden w\u00f6rtlich genommen oder ins Bild gesetzt. Die Bilder werden nur von einem kurzen Kommentar begleitet. Dieser fungiert, \u00e4hnlich wie im Falle der barocken Emblematik, als Motto, das der Kombination aus Bild und Buchtitel eine zweite oder dritte Ebene hinzuf\u00fcgt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9060\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.07.09.png\" alt=\"\" width=\"808\" height=\"594\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.07.09.png 808w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.07.09-300x221.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.07.09-768x565.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 808px) 100vw, 808px\" \/><\/p>\n<p>Ein Bild, das Porombka selbst mit einem Nietzsche-Buch vor dem Gesicht zeigt, wobei das legend\u00e4re Philosophenprofil Porombkas Profil ersetzt, wird mit der Caption \u201eJenseits von Gut und B\u00f6se\u201c versehen. Nat\u00fcrlich ist das neben dem Buchtitel auch eine selbstironische Aussage.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9061\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.07.53.png\" alt=\"\" width=\"810\" height=\"597\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.07.53.png 810w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.07.53-300x221.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.07.53-768x566.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 810px) 100vw, 810px\" \/><\/p>\n<p>Im umgekehrten Fall wird das Portr\u00e4t in einem aufgeschlagenen Buch durch Porombkas Profil, das auf seinem Smartphone sichtbar ist, ersetzt. Es ist ein Spiel, nicht nur mit witzigen und verbl\u00fcffenden visuellen Effekten, sondern auch mit dem \u00dcbergang eines Mediums zum anderen. Dieses Medien-Bookstagram, wenn man es denn so nennen m\u00f6chte, inszeniert also die Medialit\u00e4t des Buches, die ja nicht gleichbedeutend mit der des Textes ist.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste man noch eine vierte Form des Bookstagrams benennen: Diejenige, die B\u00fccher in der Masse inszeniert. Offenkundig geht es hier nicht um den Text oder das individuelle Buch, auch nicht um Leseempfehlungen. Eigentlich handelt es sich um ein Bild f\u00fcr Tsundoku, dieses sch\u00f6ne japanische Wort f\u00fcr das Problem, stapelweise B\u00fccher zu besitzen, die man gar nicht lesen kann.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9062\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.08.35.png\" alt=\"\" width=\"928\" height=\"594\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.08.35.png 928w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.08.35-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/02\/Bildschirmfoto-2019-02-08-um-12.08.35-768x492.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 928px) 100vw, 928px\" \/><\/p>\n<p>Ob die B\u00fccher nun massenhaft und ordentlich in Regalen arrangiert sind, in Haufen und Stapeln, die zu kippen drohen oder echte B\u00fccherh\u00f6hlen bilden: Immer auch wird die Aussichtslosigkeit des Lesenden, den Stoff zu bew\u00e4ltigen, inszeniert. Allerdings nie als tragische oder traurige Tatsache, sondern als staunenswerter Fakt. So besitzt das \u00fcberm\u00e4\u00dfige Sammeln von B\u00fcchern nicht die gleiche negative Konnotation wie das Horten ungetragener oder untragbarer Kleidung. Das Buch, auch als ungelesenes, hat einen Wert an sich. B\u00fccher wegzuschmei\u00dfen, bringt kaum jemand \u00fcbers Herz.<\/p>\n<p>Offenkundig wird eine Lust an der \u00dcberforderung inszeniert. Galt im 18. Jahrhundert das Viellesen, besonders bei Frauen, als potenziell sch\u00e4dliche Besch\u00e4ftigung, gilt das Lesen gerade in der Zeit medialer Dauerberieselung als tugendhafter Akt. Wer sich mehr vornimmt, als er schaffen kann, scheitert an der F\u00fclle, nicht am eigenen Verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Bei den Inszenierungsvarianten l\u00e4sst sich eine gewisse Geschlechterdisparit\u00e4t ausmachen. W\u00e4hrend in der ersten Kategorie des informierenden Bookstagrammers Frauen und M\u00e4nner ungef\u00e4hr parit\u00e4tisch vertreten sind, erscheint die Inszenierung der Behaglichkeit der Lesesituation als Frauenph\u00e4nomen. Jedenfalls sieht man keine haarigen M\u00e4nnerbeine in Kuschelsocken, vor denen ein aufgeschlagenes Buch liegt. \u00dcberraschend ist das nicht, folgt es doch einer Geschlechterlogik, die die Frau mit der Sph\u00e4re des H\u00e4uslichen verkn\u00fcpft. Das k\u00fcnstlerische Bookstagram wiederum ist bei Frauen wie M\u00e4nnern gleicherma\u00dfen beliebt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr alle Formen des Bookstagrams gilt, und das ist die eigentliche Pointe der Pr\u00e4senz des Mediums Buch in den Sozialen Medien, ist die Bedeutung des analogen, gedruckten Buches im digitalen Medium. Nur das analoge Buch mit sp\u00fcrbaren, visuell wahrnehmbaren, physikalischen Eigenschaften, mit ansprechend gestaltetem Cover und sichtbaren Lesespuren l\u00e4sst sich im Bild festhalten. Zwar kann uns das E-Book den Text, also den Inhalt des Buches pr\u00e4sentieren; es scheitert aber an der Repr\u00e4sentation der Leseerfahrung. Weder evoziert es Gef\u00fchle und Erinnerungen, noch erzeugt sein Abbild das Gef\u00fchl von Behaglichkeit oder Kontemplation. Ins Bild gesetzt wird also die mediale Differenz zwischen Text und Buch. Dass das digitale Soziale Medium Abermillionen von B\u00fccherbildern speichert, selektiert und distribuiert, ist wiederum der Triumph der vernetzten digitalen Welt \u00fcber die Gutenberg-Galaxis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl.: Leander Scholz: Die Industria des Buchdrucks. In: K\u00fcmmel, Albert [Hrsg.] u.a.: Einf\u00fchrung in die Geschichte der Medien. Paderborn 2004. 282 S. Hier: S. 11 \u2013 35.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"www.marlen-hobrack.de\">Marlen Hobrack<\/a>\u00a0schreibt als freie Autorin u.a. f\u00fcr den Freitag und Zeit Online.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#bookstagram<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[369,42898,746,1082,1995],"class_list":["post-9057","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bookstagram","tag-buecher","tag-feuilleton","tag-instagram","tag-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9057","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9057"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9057\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9057"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9057"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9057"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}