{"id":907,"date":"2012-11-12T11:41:40","date_gmt":"2012-11-12T09:41:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=907"},"modified":"2012-11-12T11:41:40","modified_gmt":"2012-11-12T09:41:40","slug":"der-fall-jimmy-savile-ein-kommentarvon-nadja-geer12-11-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/11\/12\/der-fall-jimmy-savile-ein-kommentarvon-nadja-geer12-11-2012\/","title":{"rendered":"Der Fall Jimmy Savile \u2013 ein Kommentarvon Nadja Geer12.11.2012"},"content":{"rendered":"<p>Als wandelbares Konzept setzt Pop seine eigene Freiheit immer wieder neu in Szene. Doch zwischen Pop als sch\u00f6pferischer Freiheitspraxis und Pop als einem individuellen (Pseudo\u2011)Recht auf Freiheit tun sich Abgr\u00fcnde auf. <!--more mehr-->Der Skandal um den BBC-Showmaster Jimmy Savile zeigt, wie jemand die Pop-Faszination der 50er, 60er und 70er Jahre in Gro\u00dfbritannien als sein individuelles Mittel benutzte, um \u00a0das zu bekommen, was er wollte: Zugang zu Minderj\u00e4hrigen. Ausgerechnet \u00bbTop of the Pops\u00ab, die Traummaschine f\u00fcr Teenager, gab Savile die\u00a0\u203aAura der Macht\u2039, gegen die sich die von ihm bel\u00e4stigten und vergewaltigten jungen Frauen und minderj\u00e4hrigen M\u00e4dchen \u2013 ein paar Jungen waren auch darunter \u2013 nach eigener Aussage nicht zur Wehr setzen konnten. Ein Armutszeugnis f\u00fcr den Gedanken der Dehierarchisierung, den Pop doch transportiert.<\/p>\n<p>\u00bbWoman is the Nigger of the World\u00ab sangen John Lennon und Yoko Ono in den 1970er Jahren. Im Hinblick auf Saviles Plantagenbesitzer-Habitus bekommt dieser feministische Pop-Slogan noch mal eine ganz neue Wendung. Die Hippies und die Glamrocker haben zwar auf der einen Seite freie Liebe und Emanzipation durch Pop gepredigt, auf der anderen Seite aber ihren Machismo auf die Spitze getrieben. Schlie\u00dft eure T\u00f6chter weg, jetzt sind wir in der Stadt, rockten AC\/DC, und dieses andere \u203aKlima\u2039, das jetzt immer wieder von der BBC beschworen wird, ein Klima, in dem \u00dcbergriffe als anti-spie\u00dfig nobilitiert wurden, fand ein krasses Bild in dem 1976er-Cover des Scorpions-Albums \u00bbVirgin Killer\u00ab, auf dem die minderj\u00e4hrige Nichte des Grafikers nackt posierte. Der Gedanke des \u203aDa-ist-doch-nichts-dabei\u2039, der die Siebziger mit ihrem Anti-Spie\u00dfer-Reflex pr\u00e4gte, ruft ebenfalls Erinnerungen wach an Gerold Becker, den glamour\u00f6sen Star der Reformp\u00e4dagogik und Leiter der Odenwaldschule, der immer so tat, als w\u00e4re nichts dabei, seine minderj\u00e4hrigen Sch\u00fcler anzufassen.. Das ist der Abgrund der Freiheit, der krasse Gegensatz zu Pop als Selbsterm\u00e4chtigungsinstrument \u2013 Pop und sexuelle Reform als Instrumente, um andere zu erniedrigen und gegen sie die eigene Freiheit durchzusetzen; mit anderen Worten: um sie zu vergewaltigen.<\/p>\n<p>Die eigene Freiheit: Frei zu sein von b\u00fcrgerlichen und christlichen Moralvorstellungen, ist es nicht das, wof\u00fcr Pop f\u00fcr viele steht? Keine bessere Eintrittskarte als der Glamour der Stars ist im Pop vorstellbar, um in die \u203afreie Welt\u2039 hereinzukommen, eine Welt jenseits der Gesetze: Nein, \u00bbNeverland\u00ab war nicht der Versuch, an kleine Jungen heranzukommen, sondern nur der Versuch, Kindertr\u00e4ume wahr werden zu lassen; nein, das gemeinsame Duschen in der Odenwaldschule war nicht Missbrauch durch den Oberreformp\u00e4dagogen, sondern nur anti-autorit\u00e4res Verhalten; nein, Jimmy Savile hat den labilen jungen M\u00e4dchen aus der Psychiatrie nichts angetan, er wollte nur Tr\u00e4ume erf\u00fcllen, nicht Alptr\u00e4ume erschaffen. Spin-Doctoren, Netzwerke und PR-Agenten sorgen daf\u00fcr, dass der Star ins Recht gesetzt wird. In sein Recht. Die ausgelebten Machtgel\u00fcste der Stars sind die Kehrseite des Pop-Glamours. Ich gl\u00e4nze, also seid ihr. Der Star, das ist der Potentat im Pop \u2013 daher k\u00f6nnte man zynisch festhalten: Es ist nur folgerichtig, dass Savile geadelt wurde.<\/p>\n<p>Kann man aber den Fall Savile und die Missbrauchsf\u00e4lle in der Odenwaldschule \u00fcber einen Kamm scheren? Zumindest geht es bei beiden um Machtpositionen, die ausgenutzt werden, um eine Art Wirklichkeitsverlust, sodass man nicht mehr nur die eigenen Grenzen austestet, sondern auch die der Mitmenschen. Aber welche Rolle spielt der Rock\u2019n\u2019Roll und dessen Liebe zu minderj\u00e4hrigen M\u00e4dchen? Die Erfindung der Jugend als marktwirtschaftliches Konzept ging damit einher, dass f\u00fcr die Stars der Szene Jugend zu einem begehrenswerten Faktor wurde. Jerry Lee Lewis hat bekanntlich seine 13-j\u00e4hrige Cousine geheiratet, und auch Priscilla war erst 14, als Elvis sie kennenlernte: Sweet little Sixteen, das Thema so vieler Songs, ist auch deswegen ein Thema, weil damit das \u00bbage of consent\u00ab erreicht wurde, also das Alter, in dem man Sex haben durfte. Das Besingen von 16-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen im Rock\u2019n\u2019Roll ist also eigentlich nichts anderes als das Besingen des Wunsches nach Geschlechtsverkehr \u2013 verklausuliert. Nur: Der Pop ist alt geworden und damit auch dessen Protagonisten, wie eben Jimmy Savile. Heute muss man sich fragen, warum im Pop die jetzt 60\u2011 oder 70\u2011J\u00e4hrigen noch immer diese Lust auf K\u00f6rperkontakt mit 16-J\u00e4hrigen versp\u00fcren. Und war es diese Geilheit auf den s\u00fc\u00dfen Vogel Jugend, der in den 1970er Jahren den S\u00e4nger der \u2013 ausgerechnet \u2013 The Mamas and the Papas \u2013 dazu brachte, \u00fcber Jahre mit der eigenen Tochter zu schlafen? Ist das eine Pop-Form eines archaischen Ritus: fr\u00fcher a\u00df man das Herz eines starken K\u00e4mpfers, um selbst stark zu sein, heute schlafen Popstars mit ihren T\u00f6chtern, um f\u00fcr immer jung zu bleiben? Klingt over the top.<\/p>\n<p>In den 1970er Jahren hob dieses Ph\u00e4nomen durch die sexuelle Befreiung so richtig ab. Zwei Vorstellungen fielen zusammen: Der Rock\u2019n\u2019Roll als \u203aanimalische\u2039 Kulturform und eine extreme Position innerhalb der Linken, die eine Zeit lang unter anderem in der deutschen Zeitschrift \u00bbKonkret\u00ab vertreten wurde: P\u00e4dophilie sei ebenso ein Zeichen der Emanzipation von b\u00fcrgerlichen Moralvorstellungen wie Homosexualit\u00e4t, und wer die Rechte der Schwulen und Lesben vertrete, m\u00fcsse auch f\u00fcr \u203aSex\u2039 mit Kindern sein \u2013 nun, das war, bevor ans Licht kam, dass sich der \u00bbKonkret\u00ab-Herausgeber ebenfalls wegen Kindesmissbrauchs verantworten musste.<\/p>\n<p>Und das alles im Namen der Freiheit? Nein, so viel Freiheit muss nicht sein, das hat man inzwischen auch verstanden und eine ganz andere Richtung eingeschlagen. \u00dcberspitzt ausgedr\u00fcckt: Der Pop ist in den letzten vierzig Jahren den Weg gegangen, den auch Alex in \u00bbClockwork Orange\u00ab gegangen ist: Vom gewaltsamen Einbrecher in die sch\u00f6ne heile Welt des Spie\u00dfb\u00fcrgers hat sich der renitente Pop-Held hin zum Muster an Disziplinierung entwickelt. Jeder Popstar, der mehr als ein Bier am Abend trinkt, muss in die Rehab. Pop in der Disziplinargesellschaft oder, wie man seit zehn Jahren wohl eher sagen kann, in der Performancegesellschaft kann sich keine Durchh\u00e4nger mehr leisten.<\/p>\n<p>Dennoch m\u00fcssen und d\u00fcrfen die \u00bbSexkinder\u00ab (Mark Greif) immer noch ihren Dienst ableisten in der Popkultur. Teilweise in der medialen Wirklichkeit \u2013 Britney Spears oder Tatu \u2013, teilweise im Imagin\u00e4ren. Denn hier l\u00e4sst sich der Zusammenhang zwischen Pop und Kindesmissbrauch finden: Pop als eine \u00c4sthetik der Oberfl\u00e4che braucht den perfekten Teenagerk\u00f6rper wie Dracula das Blut. Nat\u00fcrlich nicht in Wirklichkeit \u2013 oder wenn es doch der Fall ist, dann ist das kriminell und muss verfolgt werden \u2013, sondern in der Fantasie. Die Verj\u00fcngung der eigenen K\u00f6rper durch Fitness und Sch\u00f6nheitsoperationen ist die Weiterentwicklung einer radikalen \u00c4sthetik der Oberfl\u00e4che, die in den 1950er Jahren mit den \u00bbSweet Sixteen\u00ab begann. Es scheint sich um fast heidnische Rituale zu handeln, die nur einem Zweck dienen: die eigene Sterblichkeit zu \u00fcberdecken. Doch diese Freiheit, das m\u00fcssen auch die Glamrocker einsehen, kann sich kein Mensch nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als wandelbares Konzept setzt Pop seine eigene Freiheit immer wieder neu in Szene. 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