{"id":9084,"date":"2019-03-06T11:03:56","date_gmt":"2019-03-06T09:03:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9084"},"modified":"2019-03-06T11:03:56","modified_gmt":"2019-03-06T09:03:56","slug":"mode-wintervon-annekathrin-kohout6-3-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/03\/06\/mode-wintervon-annekathrin-kohout6-3-2019\/","title":{"rendered":"Mode Wintervon Annekathrin Kohout6.3.2019"},"content":{"rendered":"<p>Der Zozosuit<!--more--><\/p>\n<p>\u201eWenn ihr mich fragt: Ich will meinen Stil nicht erkennen, um lebensl\u00e4nglich der gleiche zu sein\u201c, hat Wolfgang Joop (der neuerdings einen Oberlippenbart tr\u00e4gt) einmal geschrieben. \u201eIch m\u00f6chte immer so aussehen wie der, der mir gerade gef\u00e4llt. Aber doch nicht so, wie ich vom lieben Gott oder der b\u00f6sen Mutter Natur zurechtgeschubst wurde. Soll ich mich dauernd mit diesem Kompromiss abfinden? Ich denke gar nicht daran.\u201c Ja, Mode ist etwas sehr Selbstbestimmtes und Emanzipatives. Jeden Tag k\u00f6nnen wir aufs Neue entscheiden, wie wir auftreten, k\u00f6nnen uns auff\u00e4llig kleiden und damit in den Vordergrund r\u00fccken oder schlicht und dezent anziehen und damit im Hintergrund bleiben. Wir k\u00f6nnen uns streng geben oder freundlich, f\u00f6rmlich oder l\u00e4ssig. Wir k\u00f6nnen uns einem sozialen Gef\u00fcge \u2013 Milieus und Szenen \u2013 zuordnen oder uns von ihnen abgrenzen. Und man kann, das betont Joop ganz besonders, auch die Macht \u00fcber den eigenen K\u00f6rper gewinnen, sich gr\u00f6\u00dfer oder kleiner, schlanker oder volumin\u00f6ser erscheinen lassen. Das oft formulierte Ziel, Mode zu demokratisieren, wobei \u201ademokratisieren\u2018\u00a0eigentlich in Anf\u00fchrungszeichen gesetzt werden m\u00fcsste, da sie in vielen bestimmenden Bereichen ein Luxusprodukt geblieben ist; Mode also m\u00f6glichst vielen Menschen zug\u00e4nglich zu machen bedeutete und bedeutet, ihnen ein wichtiges Ausdrucks- und Kommunikationsmedium zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p>Die \u201eDemokratisierung\u201c der Mode war zum Beispiel eine Motivation f\u00fcr die Einf\u00fchrung von Konfektionsgr\u00f6\u00dfen. Es sollten nicht mehr nur die Menschen passende Kleidung tragen k\u00f6nnen, die sich Schneider oder Zeit zum Schneidern leisten konnten\u00a0oder die zuf\u00e4llig einer Durchschnittsgr\u00f6\u00dfe entsprachen \u2013 also den Ma\u00dfen der Modelle, f\u00fcr die \u00fcberwiegend (bessere, teurere) Kleidung entworfen wurde. Vielmehr sollte vergleichbar vielen Menschen mit unterschiedlichen K\u00f6rpern ein Zugang zu mehr Selbstbestimmung durch Mode und Design erm\u00f6glicht werden. Zugleich wurden Konfektionsgr\u00f6\u00dfen auch aus \u00f6konomischer Perspektive angestrebt, mit ihnen konnten deutlich individuellere Ma\u00dfe noch zu erschwinglichen Preisen vertrieben werden. Es w\u00e4re schlichtweg nicht m\u00f6glich gewesen, und ist es heute noch immer nicht vollst\u00e4ndig, ma\u00dfgeschneiderte Kleidung f\u00fcr alle g\u00fcnstig anzubieten.<\/p>\n<p>Genau das aber ist das Ziel von einem neuen St\u00fcck Stoff, der sich \u201eZozosuit\u201c nennt. Er ist unheimlich d\u00fcnn und leicht, umschmeichelt den K\u00f6rper wie eine zweite Haut und liegt ebenso eng an. Er ist schwarz, dem Namen nach eine Art Jumpsuit und \u00fcbers\u00e4t mit vielen wei\u00dfen P\u00fcnktchen. Aber der Zozsuit ist kein gew\u00f6hnlicher Overall: Man tr\u00e4gt ihn weder als eng geschnittene, elegante Abendrobe, noch als locker sitzenden, entspannten Freizeitlook. Man muss ihn auch nicht mit Taschen, Ohrringen, G\u00fcrteln oder sonstigen Accessoires kombinieren. Vielleicht kann man es sich nun schon denken: Der Zozosuit ist kein Kleidungsst\u00fcck \u2013 sondern ein Messger\u00e4t. Er ist eine echte Innovation, weil er ma\u00dfgeschneiderte Mode f\u00fcr alle K\u00f6rperformen erm\u00f6glichen soll \u2013 auch finanziell.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9091\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo-1024x364.png\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo-1024x364.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo-300x107.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo-768x273.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/p>\n<p>Zozo geh\u00f6rt zum japanischen Unternehmen Start Today, wurde von dem Milliard\u00e4r und Kunstsammler Yusaku Maezawa 1998 gegr\u00fcndet und hat f\u00fcr Japan eine \u00e4hnliche Bedeutung und Reichweite wie Zalando hierzulande. Seit August 2018 ist die Website auch in Deutsch verf\u00fcgbar und ein Versand nach Deutschland ohne weitere Umst\u00e4nde m\u00f6glich. Nat\u00fcrlich habe ich mir sofort den kostenlosen Zozosuit bestellt: daf\u00fcr muss man lediglich Gewicht und K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe eingeben, auf dieser Grundlage wird die Gr\u00f6\u00dfe des Suits berechnet. Innerhalb weniger Tage ist er bei mir eingetroffen.<\/p>\n<p>Wohl der Flexibilit\u00e4t wegen handelt es sich gar nicht um einen Suit, sondern um einen Zweiteiler (optisch ergibt es dann aber einen Overall). Er l\u00e4sst sich ganz leicht und schnell \u00fcberziehen, hat kaum Gewicht, kaum Volumen und ist regelrecht \u201ezart&#8220;, sodass es auch nicht als Hindernis oder Aufwand wahrgenommen wird, die Messung vorzunehmen (anstatt einfach Gr\u00f6\u00dfe M im Online-Shop zu bestellen, ist ja auch sehr bequem).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9102\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo2-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"298\" height=\"447\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo2-683x1024.jpg 683w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo2-200x300.jpg 200w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo2-768x1151.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo2.jpg 1054w\" sizes=\"auto, (max-width: 298px) 100vw, 298px\" \/><\/p>\n<p>Ein kleiner Aufsteller f\u00fcr das Smartphone wurde mitgeliefert, nun muss nur noch die dazugeh\u00f6rige App ge\u00f6ffnet, die dort angezeigte Messung gestartet und das Handy im Aufsteller platziert werden. Automatisch beginnt die App mit Anweisungen, wie man sich hinzustellen hat, damit eine unfallfreie Messung m\u00f6glich wird, dann dreht man sich ein paar Mal im Uhrzeigersinn, es geht wirklich erstaunlich schnell, und schon kann man zum Bildschirm gehen und sieht den eigenen, vollst\u00e4ndig vermessenen K\u00f6rper in einem 3D-Raster. Ich wei\u00df nun nicht nur die Ma\u00dfe meiner Brust, Taille, H\u00fcfte, sondern auch die meiner Handgelenke oder Unterschenkel.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-9101\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo1-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"574\" height=\"383\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo1-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo1-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/zozo1.jpg 1776w\" sizes=\"auto, (max-width: 574px) 100vw, 574px\" \/><\/p>\n<p>Nun habe ich den Zozosuit einmal an und er sieht mit seinen vielen Punkten (in denen Chips eingelassen sind, die f\u00fcr die Messung ben\u00f6tigt werden) auch wirklich sehr komisch aus, zudem keinesfalls unvorteilhaft (wie bei eng anliegenden Overalls sonst \u00fcblich, wenn man keine Idealma\u00dfe besitzt), sodass ich kaum umhin komme, noch schnell ein Bild f\u00fcr Instagram zu machen. Und ich vermutete schon, dass ich damit keinesfalls allein bin. Unz\u00e4hlige Bilder sind unter dem gleichnamigen Hashtag zu finden. Bilder von M\u00e4nnern und Frauen, Bilder von allen nur denkbaren K\u00f6rpern. Ich erlaube mir sogar die Bemerkung, dass im Zozosuit ganz andere K\u00f6rperformen gut aussehen als sonst: die kurvigen, nicht die schlanken oder androgynen. Letztere wirken sogar langweilig und nicht \u2013 wie bisher \u2013 auratisch oder existentialistisch. Man sieht an meiner Bemerkung schon, dass der Zozsuit auf einen sehr dominanten Diskurs oder Trend unserer Gegenwart reagiert: Body Positivity.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9103\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.01.55-1024x425.png\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.01.55-1024x425.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.01.55-300x125.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.01.55-768x319.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.01.55.png 1960w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/p>\n<p>Body Positivity ist eine Bewegung, die sich f\u00fcr vielf\u00e4ltigere K\u00f6rperdarstellungen in den Medien, in der Werbung oder bei Konsumprodukten einsetzt \u2013 und das freilich auch ganz besonders im Bereich Mode. Dort wurde in den letzten Jahren immer wieder das fehlende Angebot von normabweichenden Ma\u00dfen beklagt, viele (besonders Design- und Luxus-) Marken h\u00e4tten unter XS und \u00fcber XL keine weiteren Gr\u00f6\u00dfen im Sortiment, somit seien sehr schlanke oder f\u00fcllige Menschen in ihren Ausdrucksm\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nkt und k\u00f6nnten nicht ohne weiteres der wichtigsten Funktion von Mode \u2013 dem Bed\u00fcrfnis nach sozialer Einf\u00fcgung oder eben Unterscheidung, Konformit\u00e4t oder Distinktion \u2013 nachkommen. Sie sind damit also nicht nur von der Modeindustrie, sondern auch von wichtigen gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen. Au\u00dferdem wird das negative K\u00f6rperbewusstsein, das durch Konfektionsgr\u00f6\u00dfen ausgel\u00f6st wird, kritisiert: Wer eine L tr\u00e4gt, empfinde dies als Defizit und werde in seinem Selbstwertgef\u00fchl geschw\u00e4cht. Zwischen S-, M- und L-T\u00e4ger*innen entstehen damit Hierarchien. Auch wird beklagt, es gebe mehr kleine Gr\u00f6\u00dfen als gro\u00dfe Gr\u00f6\u00dfen, was die Realit\u00e4t nicht abbilde. Dahinter verbirgt sich der Glaube, dass Marken nicht auf \u00f6konomische Belange reagieren (und deshalb eine S h\u00e4ufiger angeboten wird als eine XL), sondern auf \u00e4sthetische Trends, die wiederum Normen und vorgefertigte Ideale erzeugen, in die man sich dann \u201ehineinhungern\u201c m\u00fcsse. Auf dieses Problem wird nun, wie so oft in der Body-Positivity-Bewegung, mit einer Ausweitung und Umgewichtung von Normen und Idealen reagiert: Wie es nun Barbies in mehr als einer Gr\u00f6\u00dfe gebe, k\u00f6nne doch endlich auch Jil Sander Kleidungsst\u00fccke in XL entwerfen, das d\u00fcrfe dann aber nicht unter dem Schreckensbegriff \u201e\u00dcbergr\u00f6\u00dfe\u201c beworben und verkauft werden.<\/p>\n<p>Ob neue Bilder oder neue Sprechweisen \u00fcber etwas etabliert werden sollen: Das Problem an dieser Position ist, dass sie der Repr\u00e4sentationslogik verhaftet bleibt. Das ist zum einen gut nachvollziehbar und konsequent, denn der mediale Raum ist zwangsl\u00e4ufig auch ein repr\u00e4sentativer. Aber Repr\u00e4sentation kann nie alle einschlie\u00dfen, immer werden einige wenige als Stellvertreter f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe an Menschen fungieren. Das ist aber das Ziel von Body Positivity- oder allgemeiner Diversity-Kampagnen: Sie fordern, dass sich im Idealfall jede*r in der medialen \u00d6ffentlichkeit gleicherma\u00dfen stark wiederfinden kann. Das ist ein Anspruch, der sich in diesem Ausma\u00df vielleicht ja erst durch die in den Sozialen Netzwerken entstandenen umfangreichen M\u00f6glichkeiten der Selbstdarstellung in einem \u00f6ffentlichen Raum etablieren konnte.\u00a0Aber so f\u00fchrt der lobenswerte Kampf gegen Ausschluss und Diskriminierung am Ende zu neuen Typisierungen (die man doch eigentlich vermeiden wollte) und zu immer h\u00f6heren Anspr\u00fcchen von immer mehr Menschen, die sich nicht in der wie auch immer gearteten medialen \u00d6ffentlichkeit repr\u00e4sentiert sehen.<\/p>\n<p>Anstatt also Kleidergr\u00f6\u00dfen immer weiter auszudehnen oder sie umzubenennen, ist es da nicht viel sinnvoller, mit Personalisierung auf das Dilemma zu antworten? Das jedenfalls ist der Versuch, den der Zozosuit unternimmt. Normen, Ma\u00dfeinheiten und dergleichen spielen keine Rolle mehr, die Kleidergr\u00f6\u00dfe wird nicht ver\u00e4ndert, sondern abgeschafft. W\u00fcrde der Zozosuit etwas repr\u00e4sentieren, dann alle Menschen und zugleich jeden einzelnen \u2013 dazu passt auch sein Slogan: \u201eBe unique, Be equal\u201c. Dass wir uns die Entwicklung leisten k\u00f6nnen, personalisierte Kleidung zu sehr humanen Preisen zu verkaufen, ist eine echte Errungenschaft!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/youtu.be\/C2SgB_9jydY\">https:\/\/youtu.be\/C2SgB_9jydY<\/a><\/p>\n<p>Es ist also theoretisch ein sehr korrektes Produkt. Aber leistet es auch, was es verspricht? Nachdem ich meine Ma\u00dfe genommen habe, kann ich auch gleich online Kleidung bestellen. Wie ich schon vermutete, stehen (zumindest in Deutschland) bisher nur Basics zur Verf\u00fcgung: blaue und schwarze Jeans, wei\u00dfe, graue und schwarze T-Shirts, Sweatshirts und Blusen. Ich bestelle eine Hose und ein Sweatshirt und bin sehr gespannt, was das Produkt leisten wird. Skeptisch bleibe ich aber schon, ob es neben dem theoretischen auch einen praktischen Mehrwert, einen besseren Tragekomfort gegen\u00fcber einer Jeans in einer \u00fcblichen Konfektionsgr\u00f6\u00dfe geben wird. Sehr viel erwarten kann man (bei meiner Gr\u00f6\u00dfe, M, die immer ganz gut passt) vielleicht auch nicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/zozo.com\/de\/de\/items\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9106\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.06.10-1024x488.png\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"331\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.06.10-1024x488.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.06.10-300x143.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-06-um-10.06.10-768x366.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Herstellung der Sachen dauert circa f\u00fcnf Wochen, was mir sehr lang vorkommt. Ich werde ziemlich ungeduldig und bilde mir ein, dass mein K\u00f6rper sich doch l\u00e4ngst schon wieder ver\u00e4ndert haben muss \u2013 gegen\u00fcber der sehr genauen Messung f\u00fcnf Wochen zuvor. Aber als Hose und Shirt eintreffen, passen sie gut. Vom 26 Euro teuren Shirt bin ich begeistert: Es besteht zu 100% aus Baumwolle und sitzt vor allem an Schultern und Oberarmen erstaunlich gut. Die Hose \u00fcberzeugt nicht. Versprochen wurde, dass Nieten, Kn\u00f6pfe, Taschen, G\u00fcrtelschlaufen, Reisverschluss, ja, sogar Faltenwurf und S\u00e4ume perfekt auf die individuellen Proportionen abgestimmt werden. Das ist zwar der Fall, allerdings sitzt die Hose im Bund sehr eng, demgegen\u00fcber aber im Ges\u00e4\u00df zu locker. Wahrscheinlich ist das eine Folge der stofflichen Zusammensetzung (98% Baumwolle und 2% Elasthan), im Vergleich zu den bei mir \u00fcblicherweise sehr gut sitzenden Jeans ist der Anteil an dehnbaren Fasern recht gering. Oft gibt es neben Elasthan auch noch Elastomultiester (deren Anteil h\u00f6her sein kann, weil die Fasern pflegeleichter sind).<\/p>\n<p>Nun gibt es sie also, eine erschwingliche Kleidung, die auf individuelle Ma\u00dfe zugeschnitten ist. Endlich muss nicht mehr der K\u00f6rper in die Kleidung passen, sondern die Kleidung muss zum K\u00f6rper passen! Was hei\u00dft das aber f\u00fcr die Mode, die sich nicht zuletzt durch die Dominanz des K\u00f6rpers definiert hat, in dem sie ihm, unabh\u00e4ngig von den Ausgangsbedingungen, die gew\u00fcnschte Form und Silhouette verleihen konnte \u2013 und damit auch ein autonomes Erscheinungsbild. Mode \u2013 wie wir sie bisher verstanden haben \u2013 ergab sich per se aus einem Konflikt zwischen Kleidungsst\u00fcck und K\u00f6rper, eines von beiden musste immer ein wenig passend gemacht werden. Eine Jacke kann Schultern breiter und eine Person damit dominanter erscheinen lassen, wenn man sie eine Nummer gr\u00f6\u00dfer kauft; umgekehrt ben\u00f6tigt das Oversize-Modell eine bestimmte Haltung, vielleicht sogar Statur, um noch modisch und stark und nicht nachl\u00e4ssig und besch\u00fctzenswert zu wirken. Diese Spielr\u00e4ume und M\u00f6glichkeiten sind bei personalisierter Kleidung nicht gegeben. Damit geht nat\u00fcrlich auch ein Werkzeug der Selbstbestimmung und -Gestaltung verloren. Oder es verlagert sich: Wenn man weiterhin, wie Joop, gerne immerzu jemand anderes sein m\u00f6chte, muss dann nicht mehr die Kleidung gewechselt, sondern der K\u00f6rper geformt werden.<\/p>\n<p>Kleidergr\u00f6\u00dfen, wie sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg \u00fcberall etablierten, haben die Dynamiken der Mode, wie wir sie heute kennen, \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich gemacht und enorm beschleunigt: ihre immer schneller werdenden Trends, ihre Macht, Szenen und Subkulturen zu definieren. Wenn sie tats\u00e4chlich an ihr Ende kommen sollten, wird es interessant sein, zu sehen, wie die Mode darauf zu reagieren vermag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zozosuit<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[362,576,2223,2575,2600,2601],"class_list":["post-9084","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-body-positivity","tag-diversity","tag-start-today","tag-yusaku-maezawa","tag-zozo","tag-zozosuit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9084"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9084\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}