{"id":9222,"date":"2019-04-23T10:38:56","date_gmt":"2019-04-23T08:38:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9222"},"modified":"2019-04-23T10:38:56","modified_gmt":"2019-04-23T08:38:56","slug":"somaesthetikvon-diana-weis23-4-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/04\/23\/somaesthetikvon-diana-weis23-4-2019\/","title":{"rendered":"Som\u00e4sthetikvon Diana Weis23.4.2019"},"content":{"rendered":"<p>Mode, Drogen und Depression<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">[aus:<a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4456-2\/pop\/?c=312000158\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 14<\/a>, Fr\u00fchling 2019, S. 25-36]<\/p>\n<p>Unter dem Motto \u00bbJust say Moschino\u00ab pr\u00e4sentierte der Kreativchef des Labels Jeremy Scott im Fr\u00fchjahr 2017 eine kleine Kollektion an Keypieces (\u00bbCapsule Collection\u00ab). Der Titel persifliert nicht nur den Slogan des US-amerikanischen \u00bbWar on Drugs\u00ab der 1980er und fr\u00fchen 1990er Jahre (\u00bbJust say no\u00ab). Scott interpretiert zudem das modische Genre der Kapselkollektion auf ironisch buchst\u00e4bliche Weise, indem er bunte Pillen zum Leitmotiv seiner Entw\u00fcrfe macht. U.a. zeigt Scott eine skulpturale Handtasche, die eine Nachbildung jener zylindrischen, orangefarbenen Plastikd\u00f6schen darstellt, in denen Apotheken in den USA verschreibungspflichtige Medikamente ausgeben. Neben aufgedruckten Warnhinweisen, die enthaltenen Tabletten nicht in Kombination mit Alkohol zu konsumieren, ist die Tasche mit goldfarbenen, lederdurchflochtenen Kettenriemen versehen, ein wiederum ironisch gebrochenes Pastiche des ikonischen Handtaschenmodells 2.55 von Chanel.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9225\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode3-1024x753.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"511\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode3-1024x753.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode3-300x221.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode3-768x565.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/p>\n<p>Der kalkulierte Aufschrei lie\u00df nicht lange auf sich warten. Der Sozialarbeiter Randy Anderson stellte eine Petition ins Netz, die zum Boykott von Moschino aufrief und binnen weniger Tage mehr als 1.500 Unterschriften sammelte. Die Luxusanbieter Nordstrom und Saks Fifth Avenue gaben dem \u00f6ffentlichen Druck nach und nahmen die Teile aus dem Verkauf. Zwar wiesen Scotts Entw\u00fcrfe keine Hinweise auf, welche Art von Medikamenten die stilisierten Pillenverpackungen enthalten sollten, aber f\u00fcr das Heer der Emp\u00f6rten stand schnell fest, dass es sich bei der Kollektion um eine zynische Glamourisierung der Einnahme von Opioiden handelte.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig geschah dies auf dem H\u00f6hepunkt der medial ausgiebig in Szene gesetzten US-amerikanischen \u00bbOpioid Crisis\u00ab. Opioide sind starke Schmerzmittel, deren Wirkung mit der von Heroin vergleichbar ist; von der Pharmaindustrie werden sie unter Markennamen wie OxyContin, Vicodin, Percocet oder Fentanyl vertrieben. Die Zahl der j\u00e4hrlichen Todesopfer, die durch den Missbrauch opioider Schmerzmittel verursacht wurden, ist Studien zufolge in der Zeit zwischen 2000 und 2016 um \u00fcber 500 Prozent gestiegen. Besonders hart betroffen seien davon die sog. Millennials, also die zwischen 1980 und 2000 geborene \u203aGeneration Internet\u2039.<\/p>\n<p>Einiges deutet jedoch darauf hin, dass Scotts modische Pillen-Referenzen auf einen bis dahin weniger bekannten Nischenhype angstl\u00f6sender Mittel aus der Gruppe der Benzodiazepine zur\u00fcckgingen. Besonders um das Medikament Xanax, das in den USA pro Jahr etwa 50 Millionen Mal zur Behandlung von Depressionen und Angstzust\u00e4nden verschrieben wird, hatte sich bereits einige Jahre vor der Lancierung der skandal\u00f6sen \u00bbCapsule Collection\u00ab von Moschino auf haupts\u00e4chlich von Millennials genutzten Social-Media-Plattformen wie Tumblr oder Instagram ein regelrechter Kult gebildet. Unter Hashtags wie #sadgirl, #broken oder #mymeds wurden Bilder der riegelf\u00f6rmigen, in vier Abschnitte gegliederten Tabletten gepostet, oft als Teil m\u00e4dchenhafter Inszenierungen, etwa in herzf\u00f6rmigen Pillend\u00f6schen, in Verbindung mit Einhorn-Kuscheltieren oder Produkten der Marke Hello Kitty. Auf der E-Commerce-Website Etsy findet man unter dem Suchbegriff \u00bbXanax\u00ab eine Vielzahl von liebevoll in Kleinstauflagen produzierten Accessoires, etwa Seifen und Ketten- oder Schl\u00fcsselanh\u00e4nger in Pillenform.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nicht das erste Mal gewesen, dass Jeremy Scott sich bei stilpr\u00e4genden Elementen der Vaporwave-\u00c4sthetik, einer schwer definierbaren, netzbasierten, nihilistisch-hedonistisch gepr\u00e4gten Jugendkultur, bedient h\u00e4tte. Bereits seine auf dem eigenen Label erschienene Herbst\/Winter-Kollektion 2012, eine eklektische Mischung aus Regenbogenfarben, grob gepixelten Smileys und Bart-Simpson-Prints, musste sich aus der Szene den Vorwurf gefallen lassen, die Social-Media-Accounts von Teenagern auszubeuten: Ihre Traurigkeit und Verzweiflung verwandle Scott auf regressive Weise in tr\u00f6stende Popkultur-Versatzst\u00fccke aus der eigenen Kindheit.<\/p>\n<p>Als Modestil tauchte der Pharmazie-Look erstmals 2015 in Japan unter der Bezeichnung \u203aYami-Kawaii\u2039 auf. \u203aKawaii\u2039 bedeutet \u203aniedlich\u2039 oder auch \u203akindlich\u2039 und ist mit popul\u00e4ren gro\u00df\u00e4ugigen Figuren wie Pok\u00e9mon oder Sailor Moon fester Bestandteil der Manga-Kultur. Die japanische Leidenschaft f\u00fcr Niedlichkeit brachte bereits diverse jugendkulturelle Stile wie Lolita oder Decora hervor. Die Bezeichnung \u203aYami\u2039 steht dagegen f\u00fcr \u203akrank\u2039 oder auch \u203abehandlungsbed\u00fcrftig\u2039. Anh\u00e4ngerinnen des Stils (es sind in der Mehrzahl M\u00e4dchen) dekorieren ihre Gesichter mit Heftpflastern, tragen Ohrringe in Spritzenform und Kleidchen, auf die pastellfarbige Pillen gedruckt sind. Vielleicht \u00fcberraschenderweise wurde dieser Microtrend von der westlichen Modepresse \u00fcberwiegend als zwar verst\u00f6rend, aber grunds\u00e4tzlich positiv bewertet, weil er in Japan immer noch tabuisierte psychische Krankheiten und die seit Jahren steil ansteigende Suizidrate bei jungen Erwachsenen thematisieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Doch auch in den westlichen Nationen schlagen Experten f\u00fcr psychische Gesundheit Alarm: Es sei wiederum die Gruppe der Millennials, unter denen die Zahl der diagnostizierten depressiven Erkrankungen am schnellsten ansteige, seit 2013 um etwa 50 Prozent. Die Journalistin Emma Garland pr\u00e4gte 2017 in einem Artikel f\u00fcr das Magazin \u00bbVice\u00ab den Begriff \u00bbXanxiety\u00ab; f\u00fcr sie geht die Popularit\u00e4t des Medikaments Xanax auf spezifische Probleme der Millennials, wie deren zunehmende Vereinsamung durch die Verlagerung sozialer Kontakte ins Netz und \u00f6kologische sowie \u00f6konomische Zukunfts\u00e4ngste, zur\u00fcck: Xanax sei \u00bba cheap and instant Band-Aid for a problem too vast to have a solution\u00ab.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9224\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode2-1024x657.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"446\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode2-1024x657.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode2-300x192.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode2-768x493.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/p>\n<p>Es passt zur immer wieder zugeschriebenen Genderfluidit\u00e4t dieser Generation, dass das wohl bekannteste #sadgirl ein junger Mann war, der den Schriftzug \u00bbCry Baby\u00ab \u00fcber der rechten Augenbraue auf Stirn und Schl\u00e4fe t\u00e4towiert trug. Lil Peep war einer der Protagonisten einer neuen Jugendsubkultur um Soundcloud- oder Emo-Rap, einem Musikstil, der Hip-Hop-Elemente mit d\u00fcster-emotionalen Lyrics verbindet und deshalb auch als \u00bbsad rap\u00ab bezeichnet wird. Das Video zu \u00bbAwful Things\u00ab (auf YouTube mehr als 130 Millionen Mal angeklickt) zeigt Lil Peep auf dem R\u00fccksitz eines Autos auf dem Weg in die High School, wo er sich mit sadistischem Lehrpersonal sowie zombiefizierten Teengirls herumschlagen muss. Ein kurzer Schwenk in den Fu\u00dfraum des Wagens offenbart dutzende ebenjener orangefarbenen Pillendosen, die Jeremy Scott zu seinem eingangs beschriebenen Handtaschenentwurf inspirierten. Im November 2017 verstarb Lil Peep zwei Wochen nach seinem 21. Geburtstag an einer Kombination der Medikamente Xanax und Fentanyl. Vier Monate vor seinem Tod war er noch zu Gast bei der Pariser Fashion Week; Fotos zeigen, wie er in einer mit goldenen Nieten besetzten Jacke des Labels Balmain neben Carine Roitfeld, der ehemaligen Chefredakteurin der franz\u00f6sischen \u00bbVogue\u00ab, in der Front Row sitzt. Lil Peeps \u00e4lterer Bruder gab den Medien sp\u00e4ter eine Mitschuld an seinem Tod: Sein Bruder sei \u00bbdaf\u00fcr bezahlt worden, traurig zu sein\u00ab.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9226\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode4-1024x656.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"445\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode4-1024x656.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode4-300x192.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode4-768x492.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist weder die Faszination f\u00fcr Suchterkrankungen noch das Schw\u00e4rmen f\u00fcr Personen mit psychischen Problemen ein neues Ph\u00e4nomen in der Mode oder der Popkultur allgemein. Es gibt zahllose Beispiele von K\u00fcnstlern, deren fr\u00fcher Tod durch Suizid oder eine \u00dcberdosis von Drogen oder Medikamenten als tragische Konsequenz eines genialischen Talents romantisiert wurde. Die Mitglieder des \u00bbClub 27\u00ab, Michael Jackson oder der Designer Alexander McQueen seien hier nur als einige augenf\u00e4llige Beispiele genannt. Einen wichtigen Aspekt der Anziehungskraft dieser Figuren bildet das, was Susan Sontag in ihrem Essay \u00bbIllness as a Metaphor\u00ab aus dem Jahr 1978 als \u00bbthe nihilistic and sentimental idea of \u203athe interesting\u2039\u00ab bezeichnet hat: Die Vorstellung, dass Krankheit auf ein schillernd-komplexes Innenleben verweise \u2013 Sontag w\u00e4hlte den Begriff des \u00bbinteriour d\u00e9cor of the body\u00ab \u2013, w\u00e4hrend Gesundheit als banal und vulg\u00e4r empfunden werde.<\/p>\n<p>In der j\u00fcngeren Modegeschichte lassen sich einige \u203aSkandalkollektionen\u2039 finden, die mit subkulturellen \u00c4sthetiken kokettieren, welche stark mit dem Konsum von Drogen assoziiert werden. Darunter Raf Simons\u2019 Herbst\/Winter-Kollektion 2018, die Kleidungsst\u00fccke im Farbton \u00bbPillendosen-Orange\u00ab zeigt, die mit dem Schriftzug \u00bbDrugs\u00ab oder Bildern der Schauspielerin Natja Brunckhorst in ihrer ikonischen Rolle als Teenager-Junkie Christiane F. im Film \u00bbWir Kinder vom Bahnhof Zoo\u00ab aus dem Jahr 1981 versehen sind. Ein historisches Beispiel bildet Marc Jacobs\u2019 Fr\u00fchjahr\/Sommer-Kollektion 1993, die wegen \u203adrogenverherrlichender\u2039 Referenzen auf die Grunge-Subkultur daf\u00fcr sorgte, dass Jacobs seinen Posten als Chefdesigner f\u00fcr das Label Perry Ellis verlor. Im Herbst 2018 legte Jacobs 26 Looks der Original-Kollektion unter dem Namen \u00bbRedux Grunge\u00ab neu auf.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9223\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode1-1024x698.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"474\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode1-1024x698.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode1-300x204.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode1-768x523.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/p>\n<p>Der \u00dcberbegriff \u203aDrogenmode\u2039 \u00fcbersieht jedoch, dass sich die Wirkung psychotroper Substanzen und damit die pr\u00e4genden Gef\u00fchlswelten der jeweiligen Jugendkulturen sehr unterschiedlich gestalten. \u00bbSom\u00e4sthetik\u00ab lautet das vom US-amerikanischen Philosophen Richard Shusterman Ende der 1980er Jahre begr\u00fcndete Forschungsfeld f\u00fcr solche Differenzierungen. Der Ansatz begreift den menschlichen K\u00f6rper und seine psychosozialen Zust\u00e4nde als Ort der Auspr\u00e4gung \u00e4sthetischer Vorlieben \u2013 die subjektiven Erfahrungen des Leibes, als Vermittlerinstanz zwischen Denken und F\u00fchlen, Kultur und Kreatur, bestimmten noch vor visuellen Klischees von Kunst und Design die Hinwendung zu unterschiedlichen Formen, Farben und Materialien.<\/p>\n<p>Es gibt nur wenige belastbare Daten zum Einfluss psychischer Gesundheit auf die Mode. Eine klinische Studie aus dem Jahr 2012 kommt zu dem wenig \u00fcberraschenden Ergebnis, dass Patientinnen und Patienten mit Depressionen locker sitzende Kleidung aus weichen anschmiegsamen Stoffen in gedeckten Farben bevorzugten. Nicht ganz zuf\u00e4llig liest sich das wie eine Beschreibung der \u00bbYeezy Season 1\u00ab-Kollektion des zum Modedesigner aufgestiegenen Rappers Kanye West aus dem Oktober 2015. West, der sich im November 2016 wegen nicht weiter benannter \u00bbStress-induzierter\u00ab Probleme in klinische Behandlung begab, zeigte ausschlie\u00dflich \u00fcbergro\u00dfe schwarze, schlamm- und hautfarbige Kleidungsst\u00fccke in jener dicken, kuscheligen, innen aufgerauten Baumwoll-Sweat-Qualit\u00e4t, die auch zur Anfertigung von Jogginganz\u00fcgen \u2013 dem Klischee-Kleidungsst\u00fcck der Depressiven \u2013 verwendet wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9228\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode6-1024x656.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"445\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode6-1024x656.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode6-300x192.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode6-768x492.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/p>\n<p>Auch die niederl\u00e4ndische Trend-Forscherin Li Edelkoort stellt in ihrem Forecast f\u00fcr das Jahr 2019 einen Zusammenhang zwischen dem psychischen Befinden der Millennials und dem anhaltenden Trend zu Oversize-Mode her. Junge Konsumenten h\u00e4tten heute \u00bbmehr Angst als je zuvor\u00ab, Designer w\u00fcrden deshalb Kleidung entwerfen, \u00bbdie Menschen besch\u00fctzt und in der man sich verstecken kann\u00ab. Der Wirtschaftswissenschaftler Ernst Mohr hingegen verkn\u00fcpft in seinem 2014 erschienenen Buch \u00bb\u00d6konomie mit Geschmack. Die postmoderne Macht des Konsums\u00ab psychosoziale Zust\u00e4nde mit der som\u00e4sthetischen Wirkung aufputschender und beruhigender Drogen, sog. \u203aUpper\u2039 und \u203aDowner\u2039, als determinierende Faktoren gegens\u00e4tzlicher Lebens- und Konsumstile. Mohr beschreibt den Effekt von Stimulantien wie Amphetaminen oder Kokain als \u00bb\u00dcberinteressiertheit\u00ab und damit als einen Zustand, der perfekt zur \u00bbLeistungsethik\u00ab neoliberaler Gesellschaften passe. Die som\u00e4sthetische Erfahrung von Sedativa wie Opioiden oder dem Angstl\u00f6ser Xanax k\u00f6nne dagegen als \u00bbUninteressiertheit\u00ab aufgefasst werden, einer tendenziell antikapitalistischen Haltung, welche das individualisierte Wohlbefinden dem Erlangen sozialen Prestiges vorziehe.<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung wird von einer Handvoll Modeblogger und -bloggerinnen, die laut Selbstaussage von einer \u00bbbipolaren St\u00f6rung\u00ab betroffen sind, best\u00e4tigt. Sie geben \u00fcbereinstimmend an, dass ihre modischen Vorlieben sowie ihr Konsumverhalten sich w\u00e4hrend manischer und depressiver Episoden stark unterschieden. In manischen Phasen w\u00fcrden viele neue Kleidungsst\u00fccke gekauft, sie f\u00f6rderten die Vorliebe f\u00fcr enganliegende und den K\u00f6rper in sexueller Weise zur Schau stellende Mode; Depressionen hingegen f\u00fchrten dazu, sich eher f\u00fcr eine Uniformierung \u00fcbergro\u00dfer, den K\u00f6rper verh\u00fcllender und m\u00f6glichst bequemer Kleidung zu entscheiden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9227\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode5-1024x657.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"446\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode5-1024x657.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode5-300x192.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/04\/mode5-768x493.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/p>\n<p>Der u.a. von der Autorin Katie Conibear im Oktober 2017 in der \u00bbHuffington Post\u00ab aufgeworfenen Frage, ob das medientr\u00e4chtige Hausieren mit Diagnosen wie \u203aBipolar Disorder\u2039 an sich bereits ein \u00bbmodisches\u00ab Ph\u00e4nomen darstelle oder ob psychische Krankheiten wie Depressionen oder Angstzust\u00e4nde letztendlich nachvollziehbare Reaktionen auf konkrete zeitgen\u00f6ssische Probleme bildeten, wie es etwa der US-amerikanische Soziologe und Psychiater Allan V. Horwitz in seinem 2002 erschienenen Buch \u00bbCreating Mental Illness\u00ab annimmt, kann an dieser Stelle nicht in der erforderlichen Tiefe diskutiert werden. Mit Blick auf die gegenw\u00e4rtige Modelandschaft lassen sich jedoch einige Ph\u00e4nomene ausmachen, die perfekt zur som\u00e4sthetischen Sph\u00e4re der depressiven \u00bbUninteressiertheit\u00ab zu passen scheinen. Dazu z\u00e4hlt der bereits seit einigen Jahren anhaltende und sich stetig versch\u00e4rfende Trend zu volumin\u00f6ser, den K\u00f6rper verh\u00fcllender und m\u00f6glichst bequemer Kleidung. Unter Schlagworten wie \u203aStreetstyle\u2039 oder \u203aAthleisure\u2039 konnte sich ein globaler Modestil durchsetzen, der zudem einen demonstrativ informellen Charakter aufweist. Damit wird zugleich auf den f\u00fcr die j\u00fcngeren Generationen typischen und auch auf den Sozialen Netzwerken beobachtbaren Wegfall zwischen Privatheit und \u00d6ffentlichkeit verwiesen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In der Retrospektive f\u00e4llt auf, dass der in den 1990er Jahren aufgekommene Begriff des \u203aHeroin Chic\u2039 eigentlich auf einem Missverst\u00e4ndnis beruhte. Tats\u00e4chlich war diese Dekade mit dem Triumph des Konsumkapitalismus und dem Aufkommen der Techno-Kultur eher von stimulierenden Drogen gepr\u00e4gt. Selbst als das Postergirl des \u203aHeroin-Chic\u2039, das britische Model Kate Moss, schlie\u00dflich durch Paparazzi-Fotos des Drogenkonsums \u00fcberf\u00fchrt werden konnte, handelte es sich bei der von ihr favorisierten Substanz um Kokain. Die von Moss zu dieser Zeit popularisierte Uniform aus hautengen Skinny-Jeans, Stiefeletten mit hohen Abs\u00e4tzen und schmal geschnittenen Blazern mit kantiger Schulterpartie bildete gewisserma\u00dfen den som\u00e4sthetischen Gegenpol zur aktuell vorherrschenden Oversize-, Athleisure- und Sneaker-Mode.<\/p>\n<p>Das Ende der \u203adepressiven\u2039 Silhouetten ist augenblicklich noch nicht absehbar. M\u00f6glicherweise liegt der Ausweg jedoch in den Mechanismen der Mode selbst, die sich trotz der von einigen Seiten ge\u00e4u\u00dferten gegens\u00e4tzlichen Einsch\u00e4tzungen auch im Jahr 2019 noch als \u00fcberaus lebendig erweisen. Dazu z\u00e4hlt, dass auf jeden Trend ein Gegentrend folgt und nichts die demonstrative Abkehr von vormals als subversiv oder provokant empfundenen Stilmitteln so schnell vorantreibt wie deren Thematisierung in den Mainstream-Medien.<\/p>\n<p>So k\u00fcndigt sich bereits eine \u00dcbers\u00e4ttigung des Xanax-Trends auf der Plattform Instagram an. Eine Lil Peep-Epigone, die ironischerweise den K\u00fcnstlernamen Lil Xan tr\u00e4gt, gr\u00fcndete vor einigen Monaten unter dem Hashtag #nomorexans eine Anti-Xanax-Bewegung, die jungen Fans dabei helfen m\u00f6chte, auf die Einnahme der Tabletten zu verzichten. Letztlich tr\u00e4gt diese neuerliche Wendung dazu bei, die modische \u00bbUninteressiertheit\u00ab, als deren popkulturelles Symbol die Xanax-Pille gelesen werden kann, selbst als Pose zu entlarven. Oder anders gesagt: Wer noch ausreichend Interesse aufbringt, um im Internet etwa einen goldenen Kettenanh\u00e4nger mit der Aufschrift \u00bbDepression\u00ab des kalifornischen Labels Ban.Do zu erwerben, den oder die d\u00fcrfte die teuflische Krankheit noch nicht allzu fest in ihren Klauen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Diana Weis (1974) unterrichtet Modesoziologie und \u00c4sthetik an der Universit\u00e4t Hamburg sowie Modetheorie an der AMD Berlin. Als freie Autorin schreibt sie f\u00fcr zahlreiche Magazine Stilkritiken und hat 2012 das Buch \u201eCool aussehen. Mode &amp; Jugendkulturen\u201c herausgegeben. 2017 promovierte sie an der Universit\u00e4t Hamburg mit einer kulturwissenschaftlichen Arbeit \u00fcber Botox.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mode, Drogen und Depression<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[87636,343,521,594,595,736,835,986,1131,1194,1380,1535,1541,1567,1725,1941,2562,2563,2567],"class_list":["post-9222","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-sadgirl","tag-bipolar-disorder","tag-depressionen","tag-drogen","tag-drogenmode","tag-fentanyl","tag-genderfluiditaet","tag-heroin-chic","tag-jeremy-scott","tag-kanye-west","tag-lil-peep","tag-millennials","tag-mode","tag-moschino","tag-opioide","tag-raf-simons","tag-xanax","tag-xanxiety","tag-yeezy-season"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9222","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9222"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9222\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9222"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9222"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9222"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}