{"id":9278,"date":"2019-05-20T09:17:54","date_gmt":"2019-05-20T07:17:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9278"},"modified":"2019-05-20T09:17:54","modified_gmt":"2019-05-20T07:17:54","slug":"afterwork-allesfressenvon-miriam-zeh20-5-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/05\/20\/afterwork-allesfressenvon-miriam-zeh20-5-2019\/","title":{"rendered":"Afterwork Allesfressenvon Miriam Zeh20.5.2019"},"content":{"rendered":"<p>Frankfurter Museum-Events<!--more--><\/p>\n<p>[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2018\/09\/24\/heft-13-pop-kultur-und-kritik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heft 13<\/a>, Herbst 2018, S. 35-39]<\/p>\n<p>Der Skyline-Blick ist ein wichtiger Parameter in der Frankfurter Afterwork-Szene. Eine ganze Reihe von gehobenen Hochhausbars und Event-Locations verkauft ihn zu stolzen Preisen. So verspricht das MainTower Restaurant &amp; Lounge im 53. Stock des Helaba-Turms die \u00bbetwas h\u00f6here Art des Genie\u00dfens\u00ab mitten im Herzen des Frankfurter Bankenviertels, die 22nd Lounge &amp; Bar im 22. Stock des Eurotheums wirbt mit einer \u00bbexklusiven Clubatmosph\u00e4re bei Cool Jazz und Live-Entertainment mit Blick auf \u203aMainhattan\u2039\u00ab, und auch beim beliebten \u00bbAfter Work Shipping\u00ab auf dem Main garantiert der Ausflugsfahrten-Veranstalter Primus nicht nur \u00bbtanzbare Partymusik, Fingerfood und Cocktails \u2013 nat\u00fcrlich alles frisch zubereitet\u00ab, sondern auch \u00bbSkyline-Blick inklusive!\u00ab<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BveUHuvBTxR\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9279\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.32.44-1024x656.png\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.32.44-1024x656.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.32.44-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.32.44-768x492.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.32.44.png 1584w\" sizes=\"auto, (max-width: 533px) 100vw, 533px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nicht einmal nach Feierabend scheint der prototypische Arbeitnehmer dieser \u203alittle Global City\u2039 genug zu bekommen von dem deutschlandweit einmaligen Ensemble aus repr\u00e4sentativen B\u00fcrohochh\u00e4usern \u2013 liegen doch die Arbeitspl\u00e4tze der Hochhausbarbesucher nur wenige Stockwerke von den erlesenen Afterwork-Einrichtungen entfernt. Zwar mischen sich auch immer wieder junge Paare und Touristen unter die G\u00e4ste, zum Gro\u00dfteil bestehen die zahlungskr\u00e4ftigen Besucher der Hochhausbars aber aus sog. Financial Professionals. Sie arbeiten als Trader, Analysten, Fonds- und Portfoliomanager in der Frankfurt dominierenden Finanzwirtschaft oder im Consulting und nehmen damit eine h\u00f6chst einflussreiche Position im heutigen Wirtschaftsgef\u00fcge ein. Sich auch nach Feierabend in den hoch \u00fcber der Stadt gelegenen Orten vom Get\u00fcmmel der City zu separieren, erlaubt es den Financial Professionals, der Gew\u00f6hnlichkeit des Lokalen zu entfliehen und mit einem Hauch von Extravaganz, mit dem Odeur des Globalen zu umh\u00fcllen. Zwar erstreckt sich das Frankfurter Bankenviertel \u00fcber eine relativ kleine Fl\u00e4che von wenigen Quadratkilometern an der Grenze zur Innenstadt im Osten, dem Westend im Nordwesten und dem Bahnhofsviertel im S\u00fcdwesten der Stadt, in seiner st\u00e4dtebaulichen \u00c4sthetik jedoch ist es den globalen Finanzmetropolen wie New York oder Hong Kong nachempfunden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dabei heben sich die B\u00fcrot\u00fcrme nicht nur durch ihre Bauh\u00f6he vom Rest der Stadt ab. Auch ihre gl\u00e4nzende Materialit\u00e4t aus Glas und Stahl macht die Frankfurter Skyline bei Tageslicht und in spektakul\u00e4rer Beleuchtung bei D\u00e4mmerung zur perfekten verbindenden Kulisse f\u00fcr all jene performativen Praktiken, die sich selbst gern im Licht der \u203aGlobalit\u00e4t\u2039 sehen. Als Praktiken des \u00bbworlding\u00ab bezeichnen Aihwa Ong und Ananya Roy diese Verhaltensmuster und -routinen, die sich in Global Cities weltweit beobachten lassen. Seine exquisite Gin-Kreation mit Aussicht auf die n\u00e4chtlich erleuchteten Bankent\u00fcrme zu genie\u00dfen und dabei von Kollegen gesehen zu werden, folgt der Wunschvorstellung eines Kollektivs, zur globalen Finanzklasse zu geh\u00f6ren \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob man bereits zum Bankenvorstandsmitglied aufgestiegen ist oder gerade ein Praktikum macht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/Bn8YICuiRrr\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9280\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.35.03-1024x653.png\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.35.03-1024x653.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.35.03-300x191.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.35.03-768x490.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.35.03.png 1578w\" sizes=\"auto, (max-width: 533px) 100vw, 533px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Doch nicht nur Skyline-Bars eignen sich zur Darstellung gesellschaftlicher Superiorit\u00e4t und Weltgewandtheit. Auch Kultur muss in die Afterwork-Performanz jedes Financial Professionals integriert werden \u2013 und zwar in m\u00f6glichst gro\u00dfer Bandbreite. So sieht man die jungen Berater und Banker nicht nur als verkleidete Hipster \u2013 mit etwas zu teuren Hemden unter dem Pullover und in den etwas zu neuen Turnschuhen \u2013 vor den angesagten Bars im szenigen Bahnhofsviertel stehen. Auch in der Frankfurter Oper findet sich regelm\u00e4\u00dfig eine ganze Anzahl von Parkett-Reihen f\u00fcr Firmenkunden reserviert. Man gr\u00fc\u00dft sich jovial und geht dann \u2013 in diesem Kontext mit der teuren Garderobe weitaus angemessener gekleidet \u2013 einvernehmlich in eine Diskussion von Gesch\u00e4ftlichem anstatt einer Kurzkritik des dargebotenen St\u00fcckes \u00fcber.<\/p>\n<p>Vor allem f\u00fcr Berufsanf\u00e4nger und -aufsteiger ist es wichtig, bei der Verl\u00e4ngerung des Beruflichen in die private Abendgestaltung hinein eine gewisse kulturelle Flexibilit\u00e4t zu demonstrieren. Mitte der 1990er Jahre diagnostizierte der amerikanische Soziologe Richard Peterson einen Wandel im Geschmack gesellschaftlicher F\u00fchrungsschichten. Die oberen R\u00e4nge in der Sozialstruktur unterschieden sich nicht l\u00e4nger, wie Bourdieu es in \u00bbDie feinen Unterschiede\u00ab 1982 gezeigt hatte, mit einem hochkulturellen Gout von den Vorlieben der Masse. Kulturelle Distinktion verlagerte sich nach Peterson dahingehend, dass sowohl hochkulturelle als auch popul\u00e4re Praktiken und Produkte im pers\u00f6nlichen Geschmacksrepertoire kuratiert werden. Diese Praxis wird in der zeitgen\u00f6ssischen Kultursoziologie mit dem Begriff der \u00bbcultural omnivorousness\u00ab, der kulturellen \u00bbAllesfresserei\u00ab bezeichnet. Zum zentralen Kriterium eines kulturell \u00dcberlegenen geh\u00f6rt es nun, sich gerade nicht auf einen bestimmten Geschmack festzulegen, sondern sich wie selbstverst\u00e4ndlich auf den unterschiedlichsten kulturellen Events zu bewegen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Popkultur zu gro\u00dfen Teilen durch \u203alearning by doing\u2039 appropriiert wird, setzen besonders die Frankfurter Museen zur Nachhilfestunde an. Hochkultur will vermittelt werden und das am liebsten in \u203aungezwungener\u2039 Atmosph\u00e4re und mit elektronischer Tanzmusik und Mate-Mix-Getr\u00e4nken. Viele Museen der Stadt bieten eine regelm\u00e4\u00dfige Afterwork-Partyreihe an; die Schirn etwa den \u00bbAusstellungsbesuch mit Clubatmosph\u00e4re \u2013 jedes Mal neu und immer wieder anders inszeniert\u00ab: \u00bbSchirn at night\u00ab. Zur Magritte-Party werden schwarze Melonen verteilt, am Basquiat-\u00bbCrown Club\u00ab-Abend wird Boom-Boom-Bier ausgeschenkt. Auch die \u00bbSt\u00e4deln\u00e4chte\u00ab eventisieren aktuelle Ausstellungen mit DJs und Cocktails. \u00bbSinnliche K\u00f6rper und gesteigerte Dynamik\u00ab gibt es zur Rubens-Schau nicht nur im \u0152uvre des K\u00fcnstlers, sondern auch live auf dem Dancefloor.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BsDexnEAbT2\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9281\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.39.05-1024x657.png\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"342\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.39.05-1024x657.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.39.05-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.39.05-768x493.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.39.05.png 1584w\" sizes=\"auto, (max-width: 533px) 100vw, 533px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein wichtiges Element dieser musealen Veranstaltungsreihen ist dabei stets die partielle p\u00e4dagogische Betreuung der Partybesucher. Trinken und tanzen wird ihnen eigenst\u00e4ndig zugetraut, Bildbetrachtung allerdings braucht Anleitung. Durch die impulsgebende Ausstellung f\u00fchren an diesen Abenden deshalb \u00bbjunge Kunstvermittler\u00ab, wie das St\u00e4del sie bezeichnet. Die Schirn weist die Museumshelfer etwas unverbl\u00fcmter als Studierende der Kunstp\u00e4dagogik bzw. Kunstgeschichte aus und markiert sie auf den entsprechenden Veranstaltungen mit plakativen \u00bbFrag-Mich\u00ab-Shirts. Selbstredend handelt es sich bei diesen Kunstvermittlern nahezu ausschlie\u00dflich um Kunstvermittlerinnen und Kunstgeschichtsstudentinnen. Bei Musik und Drinks sollen die jungen Frauen den Besuchern die ausgestellten Werke erkl\u00e4ren. Zwar ist die Besucherschaft nicht derart m\u00e4nnerdominiert wie in den einschl\u00e4gigen Hochhausbars im Bankenviertel. Charakteristische Gruppen aus M\u00e4nnern Mitte drei\u00dfig, mit gepflegtem \u00c4u\u00dferen, geb\u00fcgelten Hemden und hochpreisigen Sommerjacketts lassen sich jedoch immer wieder beobachten.<\/p>\n<p>Bei der \u00bbSecret Garden Party\u00ab im Liebieghaus, einem besonders stimmungsvollen Afterwork-Event, treffen die beiden Milieus, die Financial Professionals und die jungen Kunstvermittlerinnen, aufeinander. Der Garten des Skulpturenhauses am Sachsenh\u00e4user Museumsufer ist an diesem Sommerabend mit Lichterketten, Lampions und Diskokugeln geschm\u00fcckt. Kleine St\u00e4nde verkaufen Getr\u00e4nke, Cr\u00eapes und gebrannte Mandeln. Zwischen den B\u00e4umen, Str\u00e4uchern (und Skulpturen) markiert ein leicht erh\u00f6htes DJ-Pult die Tanzfl\u00e4che. Zwischen zwei Live-Musik-Sets laden halbst\u00fcndlich \u00bbKurzf\u00fchrungen\u00ab ein, die William-Kentridge-Ausstellung in jener schlossartigen historistischen Villa zu besichtigen, die seit 1907 vom Altersruhesitz des b\u00f6hmischen Textilfabrikanten Baron Heinrich von Liebieg zum Museum umfunktioniert wurde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BkXvmbejedR\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9282\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.41.58-1024x655.png\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.41.58-1024x655.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.41.58-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.41.58-768x491.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/05\/Bildschirmfoto-2019-05-17-um-12.41.58.png 1582w\" sizes=\"auto, (max-width: 533px) 100vw, 533px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Meine Kunstvermittlerin stellt sich mit Vornamen vor. In einer Gruppe von acht Leuten bewegen wir uns durch ausgew\u00e4hlte R\u00e4ume der Schau. \u00bbH\u00f6rt einfach nur mal darauf, wie der monotone Rhythmus den Raum erf\u00fcllt\u00ab, weist sie uns an, als wir vor Kentridges imposanter Videoinstallation \u00bbThe Refusal of Time\u00ab stehen. In der Mitte des Raums steht eine l\u00e4rmend stampfende Maschine. F\u00fcnf Filme sind an die W\u00e4nde zwischen und \u00fcber den rund 2000 Jahre alten Skulpturen des Liebieghauses projiziert. Von der Decke h\u00e4ngende Megaphone beschallen uns. \u00bbIn diesem Raum h\u00f6rt jeder etwas anderes. Stellt euch einfach irgendwo hin und lasst die Eindr\u00fccke auf euch wirken. H\u00f6rt zu, wie die Zeit unweigerlich weiterrinnt!\u00ab Die Kunstvermittlerin l\u00e4sst ihren Blick leicht nach oben, ins Leere gleiten, als wolle sie demonstrieren, wie man die Zeit verrinnen h\u00f6rt. Ein junger Mann mit zerknitterter Anzughose und wei\u00dfem Hemd tritt vor eines der Megaphone und macht es ihr mit konzentrierter Miene nach.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Schnell wird deutlich: Hier werden nicht nur Informationen \u00fcber das Werk pr\u00e4sentiert, sondern vor allem eine ad\u00e4quate Art, sich Kunstobjekten zu n\u00e4hern. Denn geradezu beil\u00e4ufig vermittelt die Kunstexpertin ihren Sch\u00fctzlingen eben auch, welche Armhaltung und welchen Gesichtsausdruck man einnehmen kann, wenn man gerade zwischen skurrilen Filmen eines s\u00fcdamerikanischen Gegenwartsk\u00fcnstlers herumsteht, die entweder furchtbar erhaben oder urkomisch sein k\u00f6nnen. Genauso wie in der 22nd Lounge &amp; Bar eine bestimmte Getr\u00e4nkewahl, Sitzhaltung und Wahl der Gespr\u00e4chsthemen den Insider ausweist, demonstriert auch ein spezifischer Habitus den kulturell Gewandten. Praktiken des \u00bbworlding\u00ab haben \u00e4quivalente Praktiken des \u00bbculturing\u00ab. Ein \u203aMann von Welt\u2039 hat beide zu beherrschen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Am Ende der F\u00fchrung verwickelt ein sportlicher junger Mann in hellblauem Hemd und braunen Lederschuhen unsere F\u00fchrerin in ein Gespr\u00e4ch, stellt Fragen zum Museum und zu ihrer Arbeit. W\u00e4hrend sie freundlich und zuvorkommend Auskunft gibt, schlendern beide in den dezent beleuchteten Garten und steuern auf einen Getr\u00e4nkestand zu. Die Musik ist bereits verstummt, Technik wird abgebaut. Denn p\u00fcnktlich um zehn ist der Donnerstag-Afterwork-Abend im Liebieghaus vorbei. Ich meine zu beobachten, wie der interessierte Banker der Kunstvermittlerin zum Feierabend einen letzten Drink bezahlt. So gibt jeder, was er hat, denke ich. Sie ihr kulturelles, er sein \u00f6konomisches Kapital \u2013 eine renditestarke Verbindung. H\u00e4tten Museen diese Veranstaltungsform nicht bereits etabliert, lie\u00dfe sich daraus sicher ein lukratives Paarvermittlungsformat entwickeln. Denn gerade in Frankfurt besteht das amour\u00f6se Dilemma h\u00e4ufig darin, dass sich Financial Professionals in ihrem Modus der Weltgewandtheit auf der einen Seite des Flusses in ihren Skyline-Bars an\u00f6den, w\u00e4hrend am anderen Ufer kulturaffine, prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte in ihrem Modus moderner Bildungsb\u00fcrgerlichkeit an ihresgleichen erm\u00fcden. Wenn der Investmentbanker und die Kunstvermittlerin den von hohen Mauern umgebenen Garten des Liebieghauses am Ende der Party verlassen, erwartet beide der effektvolle Blick \u00fcber den Main, hin zur hell erleuchteten Frankfurter Skyline.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.schreibszene.uni-frankfurt.de\/personen\/miriam-zeh-m-a\/\">Miriam Zeh<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungskolleg \u00bbSchreibszene Frankfurt\u00ab der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurter Museum-Events<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[91453,98634,692,785,1373,1743,2128],"class_list":["post-9278","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-22nd-lounge-bar","tag-afterwork","tag-event","tag-frankfurt","tag-liebieghaus","tag-party","tag-shirn"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9278","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9278"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9278\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}