{"id":9291,"date":"2019-05-27T09:25:15","date_gmt":"2019-05-27T07:25:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9291"},"modified":"2019-05-27T09:25:15","modified_gmt":"2019-05-27T07:25:15","slug":"populismus-und-populaere-kulturvon-thomas-hecken27-5-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/05\/27\/populismus-und-populaere-kulturvon-thomas-hecken27-5-2019\/","title":{"rendered":"\u203aPopulismus\u2039 und \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039von Thomas Hecken27.5.2019"},"content":{"rendered":"<p>Merkmale und Wertungen<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">[aus:<a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4456-2\/pop\/?c=312000158\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 14<\/a>, Fr\u00fchling 2019, S. 150-177]<\/p>\n<p>Viele sprechen von \u203aPopulismus\u2039, Journalisten, Politiker und Wissenschaftler zugleich, eine erstaunliche Konjunktur des Begriffs. Nicht wenige f\u00fcgen hinzu, der Ausdruck sei diffus, schwierig zu definieren, schwer zu fassen. Auch das ist immer ein untr\u00fcgliches Zeichen f\u00fcr die Bedeutung eines Worts; es zieht viele an, erscheint ihnen attraktiv, auch wenn sie nicht wissen, aus welchen Gr\u00fcnden. Bleibt ein Begriff umstritten, seine Bedeutung umk\u00e4mpft, herrscht kein Einvernehmen dar\u00fcber, worauf er sich bezieht, dann zeigt das seinen hohen Rang an, nicht seine Minderwertigkeit.<\/p>\n<p>Teilnehmer an politischen Debatten wissen das aber nur selten richtig zu sch\u00e4tzen, sie glauben offenbar, irgendwo in der gesellschaftlichen Welt gebe es Dinge, die ihren Namen auf der Stirn tr\u00fcgen, weshalb nur eine Bedeutung zutreffe, die den Kern der Sache erfasse. Dies denken sie nicht nur angesichts greifbarer Gegenst\u00e4nde \u2013 Rednerpulte im Parlament, Richterroben, Stimmzettel, Schlagst\u00f6cke \u2013, sondern immerfort. Zuerst gestehen sie die Schwierigkeit ein, den Begriff zu fassen, am Ende trauen sie sich es im Regelfall aber doch zu. Seht her, rufen sie dann, das ist Populismus, und zeigen dabei nicht nur auf Handlungen und Ereignisse, sondern \u2013 gewollt oder ungewollt \u2013 auch auf ihre eigene Verwendung des Begriffs.<\/p>\n<p>Kommt demselben Wort in anderem Zusammenhang eine davon verschiedene Bedeutung zu oder wird es bewusst anders definiert, wollen sie das jedoch nicht als weiteren, unterschiedlichen Sprachgebrauch auffassen, sondern als Wirklichkeitsverkennung brandmarken. Sie sehen es darum nicht als ihren Erfolg an, wenn sich ihr Sprachgebrauch durchsetzt, sondern schreiben es dem Wesen der Dinge zu, die nur so richtigen Ausdruck finden konnten. Ihr eigenes Verm\u00f6gen, mit Worten Tatsachen zu schaffen, wollen sie nicht wahrhaben. Sie wollen sich gar nicht daf\u00fcr feiern lassen, Bedeutungen geschaffen und anderen erfolgreich vermittelt zu haben, sie wollen vielmehr das Medium sein, durch die Dinge sich anderen mitteilen. Dass diese Bescheidenheitsgeste bzw. diese Gewissheit, die politische Wirklichkeit richtig erkannt und zwingend benannt zu haben, ebenfalls ein rhetorischer \u00dcberzeugungs- und Lenkungsversuch ist, will ihnen darum nicht in den Sinn kommen.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit, mit Begriffen Weltanschauungen zu pr\u00e4gen, erreicht ihren H\u00f6hepunkt bzw. Abschluss, wenn die in die Welt gesetzten W\u00f6rter nicht nur bestimmte Ph\u00e4nomene aufrufen, sondern zugleich allen eindeutig erscheint, wie die bezeichneten Ph\u00e4nomene zu bewerten sind (ohne dass der Sprecher Adjektive wie \u203agut\u2039, \u203aschlecht\u2039, \u203agef\u00e4hrlich\u2039, \u203avortrefflich\u2039 noch in den Mund nehmen m\u00fcsste). Auch \u203aPopulismus\u2039 war einige Jahrzehnte lang solch ein Wort, das kaum jemand in deutsch- und englischsprachigen L\u00e4ndern mit positivem Akzent verwendete. Deshalb wurde es auch h\u00e4ufig gebraucht, um neue, zum Teil rasch aufstrebende Str\u00f6mungen und Parteien der beginnenden 2010er Jahre zu bezeichnen, die der gro\u00dfen Mehrzahl an Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern missfiel. Mittlerweile dient der Begriff aber nicht mehr ausschlie\u00dflich als Negativbegriff, sondern wird von den derart Abgewerteten manchmal wieder mit positivem Zungenschlag angeeignet (historisch schlie\u00dft sich dadurch der Kreis, der bei der US-amerikanischen Populist Party seinen Anfang fand; in den romanischen Sprachen, besonders in Lateinamerika, ist \u203aPopulismus\u2039 ohnehin nie ein reines Schimpfwort gewesen).<\/p>\n<p>Diese Ambivalenz versteht sich beinahe von selbst, steckt in \u203aPopulismus\u2039 doch genauso wie in \u203aDemokratie\u2039 das \u203aVolk\u2039 (lateinisch \u203apopulus\u2039, griechisch \u203ademos\u2039). Gerade im Deutschen ist dieser Gleichklang der Wortherkunft freilich wenig gegenw\u00e4rtig, darum reden Populismus-Kritiker auch nicht vom \u203aDemokratismus\u2039. Der Demokratie bleibt so nicht nur der angeh\u00e4ngte \u203aismus\u2039, mit dem oftmals (Extremismus, Fanatismus), wenn auch nicht immer (Humanismus) eine Abwertung angezeigt wird, erspart; sie wird prinzipiell von der antipopulistischen Abneigung nicht erfasst. \u203aDemokratie\u2039 als Begriff soll keinerlei Missklang zugedacht bekommen.<\/p>\n<p>Das allerdings ist viel weniger selbstverst\u00e4ndlich, man muss hier blo\u00df an Kants deutliche Bevorzugung des \u00bbRepublikanism\u00ab (mit der Gewaltenteilung als Regierungsform) gegen\u00fcber der \u00bbDemokratie\u00ab (als Herrschaft des Volkes bzw. seiner Mehrheit) erinnern. Dank der Konzentration auf \u203aPopulismus\u2039 kann diese Konsequenz vermieden werden. Mit der abf\u00e4lligen Rede \u00fcber den \u203aPopulismus\u2039 kann man sich missbilligend zu Volks-Konzeptionen \u00e4u\u00dfern, ohne mit kritischem Unterton \u203aDemokratie\u2039 sagen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Trotz dieser Ignoranz oder Raffinesse bleibt aber auch f\u00fcr die Gegner des Populismus die Notwendigkeit bestehen, ihre Scheidung von guter Demokratie und schlechten populistischen Bestrebungen zu begr\u00fcnden oder auf andere Weise plausibel zu machen. Dann kommt Kants Differenzierung aus seiner Altersschrift \u00bbZum ewigen Frieden\u00ab (1795) oftmals wieder zu Ehren. In der negativ gehaltenen Aussprache \u00fcber den Populismus machen sich Demokraten zumindest auf verdeckte Weise selbst den Prozess, indem sie mit dem \u203aVolk\u2039 und seinen Herrschafts- und Ausdrucksformen ins Gericht gehen.<\/p>\n<p>Als Zeitschrift, die sich der Analyse der Pop- und Popul\u00e4rkultur widmet, sind wir f\u00fcr solche Populismus-Debatten prinzipiell gut vorbereitet. Sehr viele der Kritikpunkte am Populismus scheinen aus den \u00e4lteren Diskussionen \u00fcber die popul\u00e4re Kultur gel\u00e4ufig zu sein. Es ist darum naheliegend, in einem ersten Schritt ihr Potenzial f\u00fcr die Bestimmung und Einsch\u00e4tzung des Populismus zu \u00fcberpr\u00fcfen. Ebenfalls vertraut muten die Bestrebungen der letzten Jahre an, dem Begriff \u203aPopulismus\u2039 wieder eine positive Konnotation zu verleihen. Hier stellt sich die Frage, ob dabei an die oftmals gegl\u00fcckten Versuche angeschlossen wird, W\u00f6rtern im Umkreis der (einst) verfemten Popul\u00e4r- oder Massenkultur einen guten Klang zu geben. Dieser Frage soll im zweiten Teil nachgegangen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Popul\u00e4re Kultur<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ungebrochenen Dominanz von Aristokratie und Klerus bedurfte die Kunst und Kultur der Herrschenden keiner umfangreichen Theorie und Verteidigung, die detailliert M\u00e4ngel, Zumutungen und verf\u00fchrerische Verlockungen der Lebensweisen der Bauern, Handwerker, S\u00f6ldner herausstellt, um den eigenen Vorrang zu rechtfertigen. Erst mit den Erfolgen b\u00fcrgerlich-revolution\u00e4rer Bestrebungen \u00e4ndert sich dies, als Argumente aufkommen, mit denen gegen die h\u00f6fische Lebensart deutlich gemacht werden soll, dass es so etwas wie eine respektable Kultur des Volkes gibt.<\/p>\n<p>Diese Variante zielt in Abgrenzung von der Kultur der Gelehrten und des Adels auf eine regionale und sp\u00e4ter nationale Einheitsvorstellung. \u203aKultur\u2039 wird fr\u00fchzeitig an Abstammung, Klima und Geografie, die eine bestimmte Lebensweise hervorbringen, gebunden, nicht an aristokratische Verfeinerungen. \u203aVolkspoesie\u2039, als Ausdruck solch urspr\u00fcnglicher Kultur, ist darum ein Lobestitel; sich auf ihre Einfachheit und Sinnlichkeit zur\u00fcckzubesinnen. Sie wird den gebildeten Autoren im Namen der \u203aPopularit\u00e4t\u2039 abverlangt, damit ihre Lieder und Schriften die Gemeinsamkeiten zwischen den Schichten wieder verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Zum Volk z\u00e4hlen aber nicht alle, die sich einer allzu \u203aunnat\u00fcrlichen Kultur\u2039 verweigern; die Abgrenzung kann auch in die andere Richtung gehen: Bei Herder ist es der \u00bbP\u00f6bel\u00ab, der vom \u00bbVolk\u00ab geschieden wird. Das Volk \u00bbsingt und dichtet\u00ab, der P\u00f6bel \u00bbschreit und verst\u00fcmmelt\u00ab, hei\u00dft es unmissverst\u00e4ndlich in seinen Betrachtungen \u00fcber die \u00bbVolkslieder\u00ab aus dem Jahr 1779. Mit der alten Tradition, nach der \u203aVolk\u2039 \u203aniederes Volk\u2039 bedeutet, wird hier gebrochen, die Zweiteilung bleibt jedoch erhalten: Der Anteil des \u203aNiederen\u2039 wird an den \u203aP\u00f6bel\u2039 weitergegeben.<\/p>\n<p>\u203aP\u00f6bel\u2039 geht ebenfalls auf \u203apopulus\u2039 zur\u00fcck, es sind aber die W\u00f6rter \u203apopul\u00e4r\u2039 und \u203aPopularit\u00e4t\u2039, die im deutschsprachigen Bereich im Unterschied zu \u203aP\u00f6bel\u2039 um 1800 h\u00e4ufiger ihren negativen Klang verlieren. Schiller etwa h\u00e4lt 1791 in seiner Besprechung zu den Gedichten Gottfried August B\u00fcrgers \u00bbPopularit\u00e4t\u00ab f\u00fcr ein sehr wichtiges Ziel, er besteht allerdings darauf, dass man dieses Ziel nur durch \u00bbIdealisierkunst\u00ab erreichen k\u00f6nne und d\u00fcrfe. Wer nie \u00bbdie Sch\u00f6nheit der Form\u00ab, sondern blo\u00df erregende, sinnliche \u00bbMaterie\u00ab in seinen Gedichten b\u00f6te, dem versagt Schiller folglich den Lobestitel des \u00bbVolksdichters\u00ab.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Bis auf den heutigen Tag sind diese Argumente und Urteile immer wieder zu vernehmen. Mit dem Rangverlust der Aristokratie tritt die Abgrenzung gegen das \u203aNiedere\u2039 stark in den Vordergrund. Solche Abgrenzungen greifen im B\u00fcrgertum selbst Raum (\u203aB\u00fcrger\u2039 gegen \u203aKleinb\u00fcrger\u2039, \u203aBildungsb\u00fcrger\u2039 gegen \u203aBesitzb\u00fcrger\u2039) und v.a. in der Auseinandersetzung der \u203aB\u00fcrger\u2039 mit den \u2013 aus ihrer Sicht \u2013 Nicht-B\u00fcrgern (den \u203aProleten\u2039, den \u203aPlebejern\u2039, dem \u203aP\u00f6bel\u2039, der \u203aUnterschicht\u2039, der \u203aMasse\u2039, den \u203aHalbstarken\u2039, den \u203aBeatfans\u2039, den \u203aTV-Konsumenten\u2039, den \u203abildungsfernen Schichten\u2039, der \u203aSpa\u00dfgesellschaft\u2039 etc.). Ihnen wird mitunter nach dem Vorbild Schillers bescheinigt, eine falsche Form der Popularit\u00e4t zu erzielen. Oftmals lautet das Urteil aber, Popularit\u00e4t sei ein (fast) untr\u00fcgliches Zeichen des Minderwertigen. Die \u203aniederen\u2039 Schichten verf\u00fcgen nach dieser Auffassung \u00fcber eine eigene, \u203aniedere\u2039 Kultur \u2013 eine \u203aUnkultur\u2039, die wegen der gro\u00dfen Zahl der Subalternen leider eine hohe Popularit\u00e4t genie\u00dfe. Zu den Merkmalen solch \u203apopul\u00e4rer Kultur\u2039 geh\u00f6rten Schlichtheit, Vulgarit\u00e4t, Konditionierung, Schematismus, Seichtheit, Effekthascherei, Kitsch und eine bornierte sowie leicht manipulierbare Rezeption. Nicht die Werksch\u00f6pfer mit ihren Absichten und Anspr\u00fcchen seien hier von Bedeutung, sondern die Werke hinsichtlich ihrer Funktion, f\u00fcr Ablenkung, Freude, Sinnenkitzel, Aufregung, Best\u00e4tigung zu sorgen. Schafften sie dies nicht, w\u00fcrden sie vom Publikum der Popul\u00e4rkultur verworfen, das keine weitere Anstrengung der Ausdeutung und der historischen Einbettung untern\u00e4hme, um sich Werk und Autor n\u00e4herzubringen.<\/p>\n<p>Zwar kann man diese Einsch\u00e4tzungen \u00fcber zwei Jahrhunderte lang unver\u00e4ndert h\u00f6ren, sie treten aber nicht zu jeder Zeit in derselben St\u00e4rke und Anzahl auf. Zwei Unterschiede sind mit Blick auf das Populismus-Thema besonders bemerkenswert. Erstens geht die Einsch\u00e4tzung, die popul\u00e4re sei zumeist eine niedere Form der Kultur, seit den 1960er Jahren kaum noch mit starken Bedenken gegen\u00fcber dem politischen System der Demokratie mit ihrem gleichen Stimmrecht f\u00fcr jeden wahlberechtigten Staatsb\u00fcrger einher. Dies war lange Zeit anders. Um noch einen Klassiker, Tocqueville, anzuf\u00fchren, bei dem kulturelle und politische Kritik untrennbar verbunden sind: Der bevormundenden Macht jener \u00f6ffentlichen Meinung, die in der Wahldemokratie von Mittelma\u00df und Oberfl\u00e4chlichkeit beherrscht werde, entspreche eine Kultur, in deren Mittelpunkt das Gef\u00e4llige und Rei\u00dferische stehe (\u00bbDe la D\u00e9mocratie en Am\u00e9rique\u00ab, erster Band 1835, zweiter Band 1840 erschienen). Diese Diagnose f\u00fchrt nicht selten zu Vorschl\u00e4gen, das Prinzip gleichen Stimmrechts aufzuheben, was sogar von einem der Ahnherren des Liberalismus, John Stuart Mill, propagiert wurde. Da die \u00f6ffentliche Meinung (\u00bbpublic opinion\u00ab) auf konformistische Weise von den mittelm\u00e4\u00dfigen Massen dominiert werde (\u00bbOn Liberty\u00ab, 1859), solle ein ungelernter Arbeiter bei Wahlen \u00fcber eine Stimme verf\u00fcgen, ein gelernter Arbeiter \u00fcber zwei, ein Vorarbeiter \u00fcber drei, Bauern, H\u00e4ndler, Handwerker \u00fcber drei oder vier, Rechtsanw\u00e4lte, \u00c4rzte, Priester, Schriftsteller, Beamte \u00fcber f\u00fcnf oder sechs \u2013 und alle, die einen Universit\u00e4tsabschluss erworben haben, \u00fcber mindestens genauso viele. Zus\u00e4tzlich schl\u00e4gt Mill vor, dass jeder bei freiwilligen Pr\u00fcfungen die H\u00f6chstzahl an Wahlstimmen erringen k\u00f6nne, wenn er dort nachweise, ungeachtet seines Standes \u00fcber eine \u203ah\u00f6here Bildung\u2039 zu verf\u00fcgen (\u00bbThoughts on Parliamentary Reform\u00ab, 1859), welche ihn offenbar bef\u00e4higt, vom Mittelma\u00df abzuweichen. Solche Konsequenzen ziehen die scharfen Kritiker der Popul\u00e4r- und Massenkultur in der Gegenwart nicht mehr, ihre Klagen \u00fcber die Verflachung der Bildung kommen ohne Forderungen nach entsprechenden (heutzutage verfassungswidrigen) Wahlrechts\u00e4nderungen aus.<\/p>\n<p>Der zweite historische Unterschied, der auch Auswirkungen auf die Populismus-Debatte besitzt, hat ebenfalls etwas mit dem individuellen, egalit\u00e4ren Stimmrecht zu tun. Nun geht es aber um ihre Summierung und die damit verbundenen Folgen. Wenn unstrittig ist, dass derjenige, der bei politischen Wahlen die meisten Stimmen erh\u00e4lt, die gr\u00f6\u00dften Rechte erh\u00e4lt, auf Machtpositionen zuzugreifen, dann kann bei anderen \u203aWahlsiegern\u2039 nicht von vornherein ausgeschlossen werden, dass ihnen ebenfalls eine bedeutende Rolle zusteht. Tats\u00e4chlich hat auch im kulturellen Bereich die Orientierung an Charts und Quoten in den letzten Jahrzehnten beachtlich zugenommen; nicht nur kommerzielle Unternehmen, sondern auch \u00f6ffentlich-rechtliche Sender, Museen etc. verweisen zu ihrer Legitimation regelm\u00e4\u00dfig darauf, dass ihre Erzeugnisse hohe Pl\u00e4tze bei der quantitativ bilanzierten Rezipientengunst \u2013 bei den \u203aMassen\u2039 \u2013 erringen. Eine kategorische Vermeidung quantitativer Verfahren zugunsten qualitativer Ma\u00dfst\u00e4be findet nicht mehr statt. Durch die Ausstellung solcher Daten in Charts und anderen Listen wird sehr h\u00e4ufig sichtbar, dass die nationale Popul\u00e4rkultur sich v\u00f6llig oder weitgehend von gewissen traditionellen, vom Klima und der Bodenbeschaffenheit diktierten, von manchen als nat\u00fcrlich und ethnisch unabdingbar angesehenen gel\u00f6st hat und ganz im Reich der internationalen K\u00fcnstlichkeit angekommen ist.<\/p>\n<p>Qualitative Ma\u00dfst\u00e4be, die kategorisch die Minderwertigkeit popul\u00e4rer Kultur behaupten, bleiben in den Bereichen der subventionierten Kunst, des Feuilletons, der Schulen und Universit\u00e4ten gleichfalls nicht ohne Herausforderung. Verwiesen wird dann weiterhin (1) auf die traditionelle, l\u00e4ndlich-landsmannschaftlich verankerte Folklore, (2) auf die solidarische, realistische, pragmatische Kultur der Arbeiter, Handwerker und Bauern, oder seit einigen Jahrzehnten v.a. (3) auf (internationale) Subkulturen, die sich um authentischen, gemeinschaftsinnigen Ausdruck oder (4) um subversive Praktiken bem\u00fchen. Aber auch ohne soziologischen Zugriff k\u00f6nnen sich Hoch- bzw. Umwertungen etablieren, die Artefakte der Popul\u00e4rkultur nobilitieren: Das Vulg\u00e4re ist nach positiv gewendetem Urteilsspruch das Sinnliche, das Konditionierende das Reizvolle, das Schlichte das Einfache, Unvermittelte, Direkte, das Stereotype das Musterhafte, das Seichte das Unterhaltsame, der Kitsch das Opulente, die Effekthascherei das Karnevaleske, die Borniertheit emphatische Identifikation \u2013 und gerade das nicht sch\u00f6n bzw. nicht nach autonomen \u00e4sthetischen Prinzipien Durchgeformte bef\u00f6rdere kreative Aktivit\u00e4t und verhindere jene eine passive Haltung, die kanonisierte akademische wie moderne Kunstwerke bewirkten.<\/p>\n<p>Viele, aber nicht alle dieser Ab- und Umwertungen spielen auch bei der Rede \u00fcber den Populismus eine wichtige Rolle. Es wird sich zeigen m\u00fcssen, ob es in st\u00e4rkerem Ma\u00dfe die \u00dcbernahmen, die Auslassungen oder die Verschiebungen sind, die hier von Bedeutung sind. Da zumindest die Rede vom \u203aPopulismus\u2039 j\u00fcngeren Datums ist als die \u00fcber das \u203aPopul\u00e4re\u2039 und die \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039, kann aber eins vorweggenommen werden: Zum \u203aPopulismus\u2039 gibt es kaum etwas, das nicht bereits zum \u203aPopul\u00e4ren\u2039 und zur \u203aMasse\u2039, zu \u203apublic opinion\u2039 bzw. \u203apopular clamour\u2039 ausgef\u00fchrt worden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Merkmale des \u203aPopulismus\u2039<\/p>\n<p>Wenn nun verschiedene Merkmale zusammengetragen werden sollen, dann geht es stets um Eigenschaften, die von anderen benannt worden sind, nicht um eine eigene Bestimmung. Es geht also auch nicht um eine abschlie\u00dfende Liste von Merkmalen, die am Ende zu einer eigenen Definition mit notwendigen und hinreichenden Elementen addiert w\u00fcrden, sondern um einen \u00dcberblick \u00fcber wichtige Positionen, die nicht zuletzt eine Funktion in der politischen Auseinandersetzung besa\u00dfen oder besitzen. Es soll deshalb nicht um akademische Definitionen ohne Resonanz, sondern um wirkungsm\u00e4chtige Begriffsverwendungen und Sprachregelungen gehen. Drei Punkten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu: Die Bestimmung des Populismus als (1) wirklichkeitsfremde, (2) vereinfachende, (3) essentialistische politische Weltanschauung. Alle drei Bestimmungen gewinnen ihr Profil, indem sie die angef\u00fchrten Eigenschaften explizit oder implizit auf Volks-Konzeptionen hin ausrichten.<\/p>\n<p>(1) Als der \u203aRechtspopulismus\u2039 noch nicht in aller Munde war, hie\u00df es angesichts einer ganzen Reihe politischer Vorhaben bereits oftmals, sie seien \u203apopulistisch\u2039. Diese Einsch\u00e4tzung war immer negativ gemeint. Wenn sie von liberalkonservativer Seite kam, sollte sie nicht nur zum Ausdruck bringen, dass Absichten und Forderungen politischer Gegner wirklichkeitsfern seien, unverantwortlich und \u00fcberzogen, sondern auch, dass sie sich zu nah an den W\u00fcnschen und Instinkten gro\u00dfer Teile der ungebildeten, wenig sachkundigen, ideologisch verblendeten Bev\u00f6lkerung bewegten \u2013 nach \u00e4lterer Terminologie: an denen des \u203aVolks\u2039 bzw. der \u203aMasse\u2039. Aus der Kritik an der Popul\u00e4rkultur besonders gut bekannt ist Annahme von der Verf\u00fchrbarkeit und \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Sinnlichkeit des kulturindustriell konditionierten Publikums. Gemeinsam ist unterschiedlichen negativen Einsch\u00e4tzungen der popul\u00e4ren Kultur die Auffassung einer passiven, \u203aweiblichen\u2039, konsumorientierten Masse. Was in der Kritik am kommerziellen Spektakel die leichte Manipulation der Zuschauer und die einfachen, sinnlichen Reizausl\u00f6ser sind, ist in der Populismus-Kritik die Verf\u00fchrbarkeit und materialistische Haltung der angesprochenen W\u00e4hler. Diese lie\u00dfen sich durch \u203aWohltaten\u2039 und finanzielle \u203aGeschenke\u2039 (die ihnen als Staatsb\u00fcrgern und Steuerzahlern offenbar keineswegs zukommen) allzu leicht vom Blick auf die eigentlich gebotene Zur\u00fcckhaltung im Dienste eines unterstellten Gesamtwohls.<\/p>\n<p>So vertraut die liberalkonservative Populismuskritik ausf\u00e4llt, so selten wird auf ihren beinahe paradoxen Zuschnitt hingewiesen. Zum einen polemisiert sie gegen die Wirklichkeitsferne der politischen Vorhaben, zum anderen postuliert sie eine ewige Wirklichkeit konsumistischer, leicht verf\u00fchrbarer Haltungen unter gewissen niederen Schichten, manchmal sogar unter breiten Schichten der Bev\u00f6lkerung. Der liberalkonservativen Populismuskritik bliebe deshalb streng genommen blo\u00df ein resignierter Modus \u00fcbrig: H\u00e4lt sie ihre eigenen Pr\u00e4missen f\u00fcr wahr, kann sie blo\u00df zum Schluss gelangen, dass sich die populistischen Forderungen beim leicht verf\u00fchrbaren Volk stets durchsetzen. Ihre Kritik m\u00fcsste dann im Bewusstsein erfolgen, dass sie sinnlos bzw. aussichtslos ist. Verf\u00fcgt die Kritik jedoch \u00fcber einen hoffnungsvollen Grundton, erweist sich ihre Argumentation als heuchlerisch bzw. als effektvoll zugespitzt \u2013 denn solche Hoffnung kann in einer Demokratie nur bestehen, wenn das Volk als vern\u00fcnftig oder erziehbar gilt.<\/p>\n<p>Aufseiten linksprogressiver Akteure erweist sich der Populismus-Vorwurf darum ebenfalls als problematisch. Wenn sie ihren konservativen, liberalen oder reaktion\u00e4ren Gegnern vorwerfen, populistisch zu agieren, verraten sie ihre eigenen aufkl\u00e4rerischen, plebejischen oder anti-elit\u00e4ren, volksfreundlichen \u00dcberzeugungen. Deshalb sollte eine linke Kritik an autorit\u00e4ren, xenophoben, misogynen Parolen und Einstellungen, die in Form der Populismus-Kritik ergeht, leninistischen Kr\u00e4ften und neulinken Theoretikern, die keine Sympathien f\u00fcr Volks- oder Volksfront-Konzeptionen hegen, vorbehalten bleiben. F\u00fcr Linke, die im Zeichen solidarischer Massen oder mehr oder minder spontaner Bewegungen antreten, verbietet sich jene Populismus-Kritik, die eine leichte Verf\u00fchrbarkeit oder gar eine prinzipielle Ignoranz niederer Schichten oder gro\u00dfer Volksklassen konstatiert, eigentlich von selbst.<\/p>\n<p>(2) Es gibt aber einen Weg, dem gerade aufgezeigten Widerspruch zu entgehen. Das Volk wird als prinzipiell vern\u00fcnftig oder erziehbar angesehen, seine gelegentliche Anf\u00e4lligkeit gegen\u00fcber populistischen Vorschl\u00e4gen deren gro\u00dfer manipulativer Kraft zugeschrieben: Populisten seien geschickt, charismatisch, begabte Redner, verf\u00fcgten \u00fcber wirkungsvolle Slogans und klare, eing\u00e4ngige politische Abgrenzungen. Bei entsprechender Aufkl\u00e4rung sei aber die Demokratie vor solchen Manipulationen oder Rhetoriken gefeit.<\/p>\n<p>Dies klingt grunds\u00e4tzlich gut und plausibel, das Problem dieser Argumentation liegt jedoch in ihrer inhaltlichen Ausgestaltung. Schaut man n\u00e4her hin, erkennt man rasch, in welch starkem Ma\u00dfe die Rede von den geschickten Populisten wenig Raffiniertes ins Feld f\u00fchrt: plakative Slogans, viriles Auftreten, Lautst\u00e4rke, Schwarz-Wei\u00df-Gegens\u00e4tze, Vereinfachungen, haltlose Versprechungen, L\u00fcgen usf. Angesichts solcher Manipulationen und Verf\u00fchrungen, die den Populisten von ihren Gegnern nachgesagt werden, ist es kaum oder gar nicht mehr m\u00f6glich, von einer schwer durchschaubaren Strategie zu sprechen, die eine erh\u00f6hte Aufkl\u00e4rungsanstrengung ben\u00f6tigte. Folglich kann auch das Volk gar nicht vern\u00fcnftig sein, das auf solche primitiven \u00dcberredungsma\u00dfnahmen anspricht. Sind die eingesetzten Mittel ebenso einfach wie erfolgreich, m\u00fcssen auch die \u00dcberzeugten schlicht sein. Die Demokratie steht dann in Frage, wenn die Wahlberechtigten derart leicht zu manipulieren sind und offenkundig \u00fcber sehr wenig Vernunft verf\u00fcgen. Woran sollte Aufkl\u00e4rung dann \u00fcberhaupt ansetzen?<\/p>\n<p>(3) Der dritte wichtige Bestimmungspunkt des \u203aPopulismus\u2039 setzt genau hier an. Er nimmt die Perspektive der Populisten ein und enth\u00e4lt sich dadurch erst einmal der Wertung. Das Volk gilt nicht sofort als simpel, wenn als typisch f\u00fcr den Populismus angenommen wird, dass er sich durch die Absetzung von einer verdorbenen Elite auszeichne \u2013 eine Abgrenzung, die nicht blo\u00df quantitativ (wir viele gegen die wenigen), sondern substantiell vorgenommen werde. Aus der (unterstellten) Mehrheit der Bev\u00f6lkerung werde so das Volk. Der angenommene Gegner dieses Volks geh\u00f6rt folglich nicht zu ihm, die Eigenschaften des Antipoden k\u00f6nnen nicht die des Volks sein; alle, die \u00fcber jene Eigenschaften verf\u00fcgen, z\u00e4hlen nicht zu ihm, sie unterliegen dem Ausschluss, sind \u203avolksfremd\u2039. Aus populistischer Sicht gibt es darum keine Wahlbev\u00f6lkerung, aus der heraus die einen f\u00fcr dieses, die andere f\u00fcr jenes, dritte f\u00fcr drittes etc. eintreten und stehen, sondern das essentielle Volk mit seinen guten Eigenschaften und \u203aVolksfremde\u2039 mit schlechten.<\/p>\n<p>Man braucht keinen Politikwissenschaftler oder Soziologen, um zu dieser Bestimmung zu gelangen. Sie ist von den Verfechtern der US-amerikanischen People\u02bcs Party (auch als Populist Party firmierend) in vielen Reden Ende des 19 Jahrhunderts zum Ausdruck gebracht worden: \u00bbIt is no longer a government of the people, by the people and for the people, but a government of Wall Street, by Wall Street and for Wall Street\u00ab, h\u00f6rt man dort etwa. Der Klassengegensatz steht aber bei den \u00bbPopulists\u00ab (wie die Parteianh\u00e4nger auch hei\u00dfen) nicht f\u00fcr sich allein, sondern wird \u00fcberw\u00f6lbt durch den zwischen rechtschaffenem Volk und unmoralischen Herrschern: \u00bbThe great common people of this country are slaves, and monopoly is the master. Money rules, and our Vice President is a London banker. Our laws are the output of a system which clothes rascals in robes and honesty in rags.\u00ab (zit. n. John D. Hicks: \u00bbThe Populist Revolt. A History of the Farmers\u02bc Alliance and the People\u02bcs Party\u00ab, Minnesota 1961, S. 160)<\/p>\n<p>Aus dem simplen Volk wird so das anst\u00e4ndige Volk, das sich seine \u203aurspr\u00fcngliche\u2039 Tugend, seine Nat\u00fcrlichkeit erhalten hat und dadurch vor der Einstellung (wenn auch nicht den Handlungen) der \u203awurzellosen\u2039, internationalen, \u203aamoralischen\u2039, \u203adekadenten\u2039 Elite bewahrt bleibt. Wenn wiederum die Kritiker solch populistischer Anschauungen nicht allein deren Volks-Essentialismus und die unterstellte Tugendhaftigkeit des sesshaften Arbeiters und Kleinb\u00fcrgers als haltlos verwerfen, sondern (auch) die Primitivit\u00e4t der ganzen Konzeption denunzieren, bekommt die vorgebliche Einfachheit aber erneut ihre negative Bedeutung zugewiesen: Aus dem anst\u00e4ndigen, mit \u203agesundem Menschenverstand\u2039 ausgestatteten Volk wird das simple, gemeine, niedere Volk.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wertungen des Populismus<\/p>\n<p>Wie gesehen, gehen Bestimmung und negative Bewertung des Populismus oftmals Hand in Hand. Neuerdings sind aber auch in Europa und den USA Bestrebungen zu beobachten, den Populismus-Begriff positiv zu wenden. Ganz anders als in den Cultural Studies sind diese Umwertungen jedoch nicht auf den Nachweis kultureller Praktiken hin ausgerichtet, die in einem \u00fcberraschenden, vielf\u00e4ltigen, abweichenden Gebrauch standardisierter Produkte bestehen, sondern streichen genau umgekehrt das Generalisierbare und Essentielle heraus. Zum einen werden unter dem Zeichen eines positiv gewendeten Populismus bewusste politische Zuspitzungen gelobt (erst Freund\/Feind-Dichotomien erlaubten eine Diskussion und Entscheidungsfindung, die einer vorgeblichen Alternativlosigkeit entgehe) sowie Setzungen hoch abstrakter, von vielen adaptierbarer, nicht technokratisch oder schichtenspezifisch vermittelter Werte als essentielle demokratische Verfahren gerechtfertigt (erst sie erm\u00f6glichten die \u00dcberbr\u00fcckung der Spaltung in Interessengruppen). Zum anderen wird die Berufung auf das Volk mitunter in seinem Namen durchgef\u00fchrt: Populismus als \u203awahre\u2039 Demokratie, als \u203aVolksdemokratie\u2039. Bislang konnten diese Bem\u00fchungen aber keine Popularit\u00e4t erzielen, die abwertende Verwendung von \u203aPopulismus\u2039 steht dem nach wie vor erfolgreich entgegen.<\/p>\n<p>Viel an dieser kritischen Energie entstammt der bekannten alten Kritik an P\u00f6bel, Plebs und Masse sowie der Kritik an Trivial- und Popul\u00e4rkultur. War erstere h\u00e4ufig direkt gegen die egalit\u00e4re Dimension der Demokratie gerichtet, bot letztere die M\u00f6glichkeit, eine Reserve gegen\u00fcber den vulg\u00e4ren Zumutungen der Masse zu signalisieren, ohne die Demokratie anzugreifen. Zwar zielte der Vorwurf der kommerziellen Kulturlosigkeit zwar regelm\u00e4\u00dfig auch auf jene (sozial)demokratischen Verh\u00e4ltnisse, die in den Augen der Skeptiker diese \u203aUnkultur\u2039 hervorbrachte, zunehmend wurde aber seit den 1960er Jahren die Kritik an Kulturindustrie, kommerzialisierter \u00d6ffentlichkeit und spektakul\u00e4rer Popkultur gerade im Namen \u203awahrer\u2039, ausgeweiteter Demokratie vorgetragen (und nicht im Zeichen geistesaristokratischer, reaktion\u00e4rer, konservativer, realsozialistischer Gesellschafts- oder Staatsvorstellungen).<\/p>\n<p>Mit dem Populismus-Begriff wird nun etwas \u00c4hnliches versucht: Eine (offene) Kritik an der Demokratie oder zumindest an den Verh\u00e4ltnissen, die eine liberal-marktwirtschaftliche Ordnung hervorgebracht hat, vermeidet man, indem man \u203apopulistische\u2039 Tendenzen in den Mittelpunkt r\u00fcckt. Vereinfachungen, popul\u00e4re Forderungen, nicht diskursive Elemente, Schwarz-Wei\u00df-Malerei, Personalisierungen etc. sollen den Anschein bekommen, sie geh\u00f6rten nicht recht zur Demokratie, sondern seien mehr oder minder antidemokratisch oder zumindest der Demokratie abtr\u00e4glich, mit einem (ihrem) Wort: populistisch. Dieses Argument verf\u00e4ngt aber \u00fcberhaupt nicht, falls nicht das ganze Spektrum der gr\u00f6\u00dferen Parteien in den europ\u00e4ischen und nordamerikanischen L\u00e4ndern mit einbezogen wird \u2013 denn sie agieren nach Ma\u00dfgabe dieser Bestimmung allesamt populistisch. Will man diesen Schluss vermeiden, bleibt von den genannten Merkmalen wenig \u00fcbrig, sie taugen dann offenbar nicht, um einen Widerspruch von (herrschenden) demokratischen Verh\u00e4ltnissen und populistischer Vorgehensweise zu behaupten.<\/p>\n<p>Zu den genannten Angaben muss darum mindestens ein hinreichendes Merkmal hinzukommen. Der Verweis auf die Sinnlichkeit und Rohheit des Volks, das auf populistische Verf\u00fchrungen leicht anspricht, kann es offenkundig nicht sein, es sei denn, man ist ein libert\u00e4r-anarchistischer, technokratischer, autokratischer oder elit\u00e4rer Gegner der Demokratie schlechthin (nicht nur der liberalen). Die Berufung von Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern auf vermutete oder gemessene empirische Daten macht die Sache nicht besser. Der heutzutage oft zu lesende Hinweis, die Anh\u00e4nger der Populisten rekrutierten sich aus der gestiegenen Zahl an \u203aGlobalisierungsverlierern\u2039, geht aus dreierlei Gr\u00fcnden am Ziel vorbei: Erstens darf zumindest im Rahmen einer Popkultur-Zeitschrift angemerkt werden, dass bei diesem Befund immer unterschlagen wird, dass selbst diese \u203aVerlierer\u2039 oftmals der Globalisierung insofern nicht abgeneigt sind, als sie international vertriebene Popkultur-Produkte konsumieren, selbst wenn ihnen bewusst ist, dass sie mit der \u203aNational\u2039- oder \u203aVolkskultur\u2039 nichts zu tun haben. Zweitens f\u00fchrt die Auffassung, es gebe tats\u00e4chlich eine beachtliche Zunahme an Verlierern, in die Irre. Zwar ist der genaue empirische Nachweis sicher schwer zu erbringen, es gibt aber gerade bei historischer Betrachtung wenig Grund zur Annahme, der meritokratische, liberaldemokratische Kapitalismus w\u00fcrde bei st\u00e4rkerer Abschottung seiner Grenzen und bei einer nationaleren Gesinnung seiner F\u00fchrungsschichten wesentlich mehr \u203aGewinner\u2039 hervorbringen. Drittens suggeriert die These, dass die populistische Anschauung an eine bestimmte Schicht gebunden sei \u2013 und zwar nicht an die der internationalen, liberalen Elite (diese Ansicht wird sowohl von Gegnern wie Anh\u00e4ngern der AfD gerne vorgetragen). Gerade in der deutschen Geschichte war aber solcher \u203aRechtspopulismus\u2039 keineswegs das Privileg von Modernisierungsverlierern oder niederem Volk.<\/p>\n<p>Deshalb \u00fcberzeugt auf den ersten Blick die heutzutage ebenfalls oft zu h\u00f6rende Leitlinie, Populismus daran zu erkennen, dass seine Repr\u00e4sentanten sich auf ein bestimmtes Volk berufen und nicht nur auf die Wahlbev\u00f6lkerung mit ihren jeweiligen Abstimmungsergebnissen. In \u00dcbereinstimmung mit \u00e4lteren Ausf\u00fchrungen zur popul\u00e4ren bzw. zur Volkskultur ist das im Regelfall das \u203aeinfache\u2039, \u203aurspr\u00fcngliche\u2039, mit \u203agesundem Menschenverstand\u2039 ausgestattete, lokal \u203averwurzelte\u2039, einen vorgeblichen Einklang von vorgefundener Natur und ethnischer Kultur bildende Volk.<\/p>\n<p>Auch dieser Ansatz verf\u00fcgt jedoch \u00fcber das Problem, dass die Art, sich wiederholt auf ein ganz bestimmtes Volkssubstrat zu berufen (und nicht ausschlie\u00dflich auf die Gesamtheit der W\u00e4hler), keineswegs exklusiv bei den Str\u00f6mungen anzutreffen ist, die Liberale vorzugsweise als \u203apopulistisch\u2039 einstufen. Neben der offenbar obligatorischen Auszeichnung der Vielfalt, durch die zwar Chauvinismus multikulturell abgewehrt wird, aber dennoch die international wirksame Mode- und Popkulturindustrie zugunsten je regionaler oder eben nationaler Kulturen abgewertet wird, ist ein besonders pr\u00e4gnantes Beispiel hierf\u00fcr das penetrante Insistieren auf der \u203aMitte\u2039 und der \u203ab\u00fcrgerlichen Politik\u2039. \u203aB\u00fcrger\u2039 meint dabei eben nicht Wahlb\u00fcrger, und die \u203aMitte\u2039 bezeichnet nicht blo\u00df eine angeblich moderate Politik, sondern hebt die W\u00e4hler aus der \u203at\u00fcchtigen\u2039, \u203aintegren\u2039 Mittelschicht als besonders demokratietauglich hervor. Auch hier kann es darum blo\u00df um ein Mehr oder Weniger an Populismus gehen, nicht um einen prinzipiellen Unterschied. Die liberalen, christ- und sozialdemokratischen Kritiker des Populismus sollten sich darum bei ihren Bestrebungen, populistische Rhetorik mit Vereinfachungen und mangelnder Differenzierungsbereitschaft zu identifizieren, h\u00e4ufiger an ihre eigenen Ma\u00dfst\u00e4be erinnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Schluss<\/p>\n<p>Die Durchsetzung des Populismus-Begriffs in der politischen und medialen Sph\u00e4re hat sich rasch vollzogen. Die Popularit\u00e4t des Begriffs verdankt sich wie gesehen nicht zuletzt dem Umstand, dass seine negativen Untert\u00f6ne durch Wertungsmuster, die sich innerhalb der Gebrauchsgeschichte von Begriffen wie \u203aMasse\u2039 und \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 gut eingespielt haben, recht zuverl\u00e4ssig garantiert sind. Dadurch erm\u00f6glicht es der Begriff \u203arechtpopulistisch\u2039 (ebenso wie \u203alinkspopulistisch\u2039) gegenw\u00e4rtig, nicht nur eine politische Richtung zu markieren, sondern diese im gleichen Atemzug als fragw\u00fcrdig auszugeben. Die Alternative best\u00fcnde darin, anstatt \u203arechtspopulistisch\u2039 \u203akonservativ\u2039 zu sagen. \u203aKonservativ\u2039 verf\u00fcgt aber noch \u00fcber eine h\u00f6here Dignit\u00e4t, deshalb unterl\u00e4sst man dies, obwohl sehr viele der den \u203aRechtspopulisten\u2039 zugeordneten Einstellungen auf ganz und gar konservativen Positionen beruhen: das Vertrauen auf die \u203aorganisch gewachsene Gemeinschaft\u2039, deren Ordnung vor \u203aFremden\u2039 bewahrt werden m\u00fcsse, die Heteronormativit\u00e4t, die Berufung auf den \u203agesundem Menschenverstand\u2039, die Skepsis gegen\u00fcber sozialreformerischen Intellektuellen wie gegen\u00fcber technokratischen Gro\u00dfprojekten und Steuerungsabsichten, die Abwehr supranationaler Organisationen, die Auszeichnung von Familie, (Kultur-)Volk, Nation als zentrale Einheiten.<\/p>\n<p>Andererseits geh\u00f6rt es zu den Eigent\u00fcmlichkeiten der zeitgen\u00f6ssischen Rede \u00fcber den Rechtspopulismus, unter die derart Bezeichneten neben Konservativen h\u00e4ufig auch jene fallen zu lassen, f\u00fcr die sich ebenfalls traditionellere und gut gebr\u00e4uchliche Begriffe f\u00f6rmlich aufdr\u00e4ngen: \u203arechtsextrem\u2039 und vor allem \u203afaschistisch\u2039. Wieso diese nicht viel \u00f6fter verwendet werden, bleibt unklar, ist eventuell nur Zuf\u00e4llen des Sprachgebrauchs geschuldet oder verdankt sich doch dem planvollen Bem\u00fchen, Stigmatisierungen zu vermeiden, um die \u203aVerf\u00fchrten\u2039 unter den \u203aPopulismus\u2039-Anh\u00e4ngern leichter in die \u203aMitte\u2039 zur\u00fcckholen zu k\u00f6nnen \u2013 zum \u203aVolks\u2039-Konzept im Sinne einer niederen, manipulativ erzeugten Popul\u00e4rkultur geh\u00f6rt es nun einmal, dem Volk bzw. den Popul\u00e4rkultur-Anh\u00e4ngern nicht zuzugestehen, dass sie zu einer selbstbewussten Einstellung gelangt sind.<\/p>\n<p>Bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Taktiken oder Strategien dieser Art sei abschlie\u00dfend die Frage erlaubt, ob es nicht sinnvoller w\u00e4re, eine deutlichere Sprache zu sprechen, die mit den Traditionen der Popul\u00e4rkultur-Abwertung entweder bricht oder sie offensiv betreibt und damit in ihrem undemokratischen oder wenigstens antiplebejischen Grundzug kenntlich macht? Und um mit der Deutlichkeit gleich selbst anzufangen: Gerade eine Kritik, die sich wider Rechte oder Neue Rechte wendet, sollte sich von Volks-Mystifikationen und Popul\u00e4rkultur-Essentialismen abwenden, auch wenn sie es erlauben, auf mehr oder minder elegante, indirekte Weise Abneigungen gegen Konservative und Reaktion\u00e4re zu mobilisieren. Bei solch einer Abkehr w\u00fcrde wahrscheinlich auch leichter sichtbar werden, dass Popul\u00e4rkultur zumindest in Form international wirksamer Popmoden ein Gegenmittel zur populistischen Volkskultur darstellt \u2013 Tokio r\u00fcckt dadurch viel n\u00e4her als M\u00fcnchen oder Chemnitz \u2013 und nicht allein ein Grund zur Sorge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Merkmale und Wertungen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[990,1007,1010,1478,1671,1788,1792,1799,1859,1870,1962,2391,2428],"class_list":["post-9291","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-high-and-low","tag-hochkultur","tag-hohe-kultur","tag-masse","tag-niedere-kultur","tag-plebs","tag-poebel","tag-politik","tag-populare-kultur","tag-populismus","tag-rechtspopulismus","tag-trivialkultur","tag-unkultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9291","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9291"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9291\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9291"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9291"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9291"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}