{"id":9380,"date":"2019-07-24T14:50:51","date_gmt":"2019-07-24T12:50:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9380"},"modified":"2019-07-24T14:50:51","modified_gmt":"2019-07-24T12:50:51","slug":"rezension-zu-gesamtkunstwerk-laibachvon-stefan-simonek-24-7-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/07\/24\/rezension-zu-gesamtkunstwerk-laibachvon-stefan-simonek-24-7-2019\/","title":{"rendered":"Rezension zu \u00bbGesamtkunstwerk Laibach\u00abvon Stefan Simonek 24.7.2019"},"content":{"rendered":"<p>Daniela Kirschstein, Johann Georg Lughofer, Uwe Sch\u00fctte (Hrsg.), Gesamtkunstwerk Lai\u00adbach. Klang, Bild und Politik. Drava: Klagenfurt 2018.<!--more--><\/p>\n<p>Der von Daniela Kirschstein, Johann Georg Lughofer und Uwe Sch\u00fctte 2018 herausgegebene Band \u201eGesamtkunstwerk Lai\u00adbach. Klang, Bild und Politik\u201c gliedert sich in zwei gr\u00f6\u00dfere, mit \u201eAn\u00adn\u00e4herungen\u201c und \u201eFall\u00adstu\u00addien\u201c \u00fcberschriebene Teile, die insgesamt f\u00fcnfzehn Beitr\u00e4ge (f\u00fcnf davon in englischer Sprache) umfassen und durch ein Vorwort respektive einen Epilog flankiert werden. Ber\u00fccksichtigt man die von Laibach kontinuierlich verfolgte Strategie, ideo\u00adlogische Meisternarrative durch einen Mix von \u00dcber\u00adiden\u00adti\u00adfikation und (auf die his\u00adto\u00adri\u00adsche Avantgarde rekurrierender) Konfrontation gezielt zu unterminieren, so ist das multi\u00adpers\u00adpek\u00ad\u00ad\u00adtivische Format des Sammelbandes zwei\u00adfel\u00adlos ein probater Modus der Auseinan\u00adder\u00adset\u00adzung mit der slo\u00adwe\u00adni\u00adschen Gruppe.<\/p>\n<p>Bedauerlicherweise werden die versprochenen \u201eAn\u00adn\u00e4\u00adhe\u00adrun\u00ad\u00adgen\u201c nach dem knap\u00adpen Vorwort, in dem die drei Herausgeber\/innen Evolution und Po\u00adsi\u00adti\u00adon Lai\u00adbachs auch innerhalb des Kollektivs \u201eNeue Slowenische Kunst (NSK)\u201c stimmig um\u00adrei\u00dfen, im ersten Beitrag von Holger Schulze kaum geboten: Schulze referiert in einem as\u00adso\u00adzi\u00ada\u00adtiven und nur schwer zug\u00e4nglichen Sprachgestus zu einigen aus\u00adge\u00adw\u00e4hlten Al\u00adben und Songs der Grup\u00adpe und gleicht sie mit deren ideologischen Po\u00adsi\u00adtio\u00adnen ab. Dabei setzt er frei\u00adlich ein \u00fcberaus hohes Ma\u00df an Vor\u00adwis\u00adsen in Bezug auf Laibach voraus, weshalb der Bei\u00adtrag ausgerechnet am Be\u00adginn des Bandes denkbar ungl\u00fccklich positioniert ist. Man kann auf die\u00adses Spiel f\u00fcr Ein\u00adge\u00adweih\u00adte nun wahlweise einsteigen oder aber Schulzes (Selbst-)Dar\u00adstel\u00adlung ge\u00adtrost ig\u00adno\u00adrieren.<\/p>\n<p>Veronika Darian untersucht danach in konziser, wenn auch stark auf Alexei Monroes Mo\u00adno\u00adgra\u00adphie <i>Interrogation Machine: Laibach and NSK<\/i> bezogener Weise die ver\u00adschie\u00adde\u00adnen Stra\u00adte\u00adgien bei der Selbst\u00adhis\u00adto\u00adrisierung der Gruppe (wobei Monroes Untersuchung freilich den gesamten Band \u00fcber immer wieder zitiert wird). Darian macht diese Strategien in einer von Mystifi\u00adka\u00adti\u00ado\u00adnen und be\u00adwussten Ir\u00adri\u00adtationen gepr\u00e4gten \u00dcberspitzung konventioneller Formen der Selbst\u00adka\u00adno\u00adni\u00adsie\u00adrung, in der durch die Kooperation mit diversen Theoretikern (allen voran Slavoj \u017di\u00ad\u017eek) gene\u00ad\u00adrierten Verschr\u00e4nkung von k\u00fcnstlerischer Praxis und Theorie und nicht zuletzt in ei\u00adner spezifischen Zitierpraxis aus. Diese entschl\u00e4gt sich laut Darian dem Entscheidungszwang zwischen Parteiideologie und oppo\u00adsi\u00adtionel\u00adler Vereinnahmung respektive zwischen avantgardistischen und reaktion\u00e4ren Str\u00f6mun\u00adgen dadurch, dass sie die lediglich relative G\u00fcltigkeit von Dichotomien dieser Art \u00fcber\u00adhaupt erst sichtbar macht.<\/p>\n<p>Alexei Monroe selbst bietet direkt im Anschluss daran unter dem Titel <i>Nostra Culpa \/ Ihre Geschichte<\/i> eine Art Post\u00adskriptum zu seiner Studie aus dem Jahr 2005 und warnt unter R\u00fcckgriff auf die tektonische Metapher der Bruchlinie davor, Lai\u00adbachs k\u00fcnstlerischen Aktivit\u00e4ten wie etwa dem Auftritt in Nord-Korea 2015 stabile Be\u00addeu\u00adtun\u00adgen und eindeutige Inten\u00adtio\u00adnen zuzuweisen, da diese von der Gruppe selbst immer wieder bewusst unterminiert und zum Einsturz gebracht werden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Michael N. Goddard referiert zu den diversen Mechanismen der Irritation und Sub\u00adver\u00adsi\u00adon in den Aktionen der im Titel seines Aufsatzes angef\u00fchrten \u201eLai\u00adbach Kunst War Machine\u201c. Die Metapher der Maschine erm\u00f6glicht es Goddard, stich\u00adwort\u00adar\u00adtig gleich mehrere Facetten in Bezug auf Genealogie und Performanz der Gruppe zu be\u00adleuch\u00adten, n\u00e4mlich ihr bewusst entindividualisiertes und dadurch irritierendes Auftreten (etwa in TV-Interviews, wo sich die Bandmitglieder jeglichem Dialog verweigern), den Konnex zum Industrial und schlie\u00dflich Laibachs Verbindung zur Industriekultur im slowenischen Trbovlje und der spezifischen Symbolik dieser Kultur.<\/p>\n<p>Eva-Maria Hanser wiederum veranschaulicht in ihrem Beitrag <i>Lai\u00adbach als Antwort?<\/i> im R\u00fcckgriff auf Sigmund Freud, Slavoj \u017di\u017eek und Aristoteles\u2019 Begriff der Katharsis ein\u00addr\u00fccklich, wie sich Laibach sowohl in der Inszenierung auf der B\u00fchne als auch in den Ma\u00adni\u00adfesttexten allen Hoffnungen auf eindeutige Zuschreibungen von Re\u00adzipien\u00ad\u00adten\u00adseite her be\u00adwusst versagt und eben keine Antworten gibt, um so die Position des Fragen\u00adden weiterhin offen und da\u00addurch funktional halten zu k\u00f6nnen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u00c4hnlich \u00fcberzeugend (freilich bei etwas st\u00e4rkerer thematischer Fokussierung) gestalten sich die darauffolgenden Beitr\u00e4ge von Tanja Veverka und Simon Bell: Veverka un\u00adter\u00adnimmt den Versuch, Laibachs mannigfach gebrochene, rhi\u00adzo\u00admar\u00adtig ge\u00adstreute Verweise auf di\u00adverse Ar\u00adte\u00adfakte aus Hoch- und Popul\u00e4rkultur, die in ihrer Ge\u00adsamtheit keine eindeutige Be\u00addeu\u00adtung er\u00adge\u00adben, sondern widerspr\u00fcchlich bleiben, mit post\u00adstruk\u00adtu\u00adra\u00adlis\u00adti\u00adschen Theorien von In\u00adter\u00adtex\u00adtu\u00ada\u00adlit\u00e4t abzugleichen. Durch Verfahren wie Remix oder Montage, die gleicher\u00adma\u00ad\u00dfen der his\u00adto\u00adri\u00adschen Avantgarde wie der Postmoderne geschuldet sind, erhalten die von Lai\u00adbach ver\u00adar\u00adbei\u00adte\u00adten Materialien laut der Verfasserin einen neuen Funk\u00adtions\u00adkontext zu\u00adgewiesen. Dieser unterliegt prim\u00e4r den Prinzipien von Wiederholung und Dis\u00adkon\u00adtinuit\u00e4t, oh\u00adne jemals konkret fixierbare Be\u00addeu\u00adtungen hervorzutreiben, und l\u00e4sst sich Veverka zufolge mit Jacques Derridas The\u00adorie der Pfropfung beschreiben. Veverka veranschaulicht dies anhand von Laibachs Version von \u201eOpus\u2019\u201c <i>Live Is Life<\/i> und des dazugeh\u00f6rigen Videos, die auch in mehreren anderen Bei\u00ad\u00adtr\u00e4gen des Ban\u00addes thematisiert werden.<\/p>\n<p>Einer der Konsequenzen, die aus der von Veverka her\u00adaus\u00adge\u00adstell\u00adten Uneindeutigkeit der von Laibach ausgesandten Botschaften resul\u00adtie\u00adren, widmet sich Simon Bell: Er skizziert in pointierter Manier das Auseinanderklaffen zwi\u00adschen der Ein\u00adsch\u00e4tzung der anglophonen Musikkritik, die im Auftreten Laibachs (un\u00adge\u00adwollt) komische Mo\u00ad\u00admente ausmacht, und \u201eLaibachs\u201c bewusster Absage an jegliche Form von Hu\u00admor als Wi\u00adder\u00ad\u00adstand gegen ein kapitalistisches Konsumdenken, das den Humor l\u00e4ngst sei\u00adner Sub\u00adver\u00adsi\u00advi\u00adt\u00e4t beraubt und ihn in die eigene Strategie inkorporiert hat. Laibachs ins\u00adze\u00adnier\u00adte Militanz ver\u00adsagt sich Bell zufolge weiter der Rede von der sozialen Verantwortung der Kunst und dem Zwang zur Empathie.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Am Thema des Bandes vorbeigeschrieben ist leider Darko \u0160trajns Aufsatz <i>Art, Politics and Failed Education<\/i>, der \u00fcber mehrere Seiten hinweg das Kulturleben der Weimarer Republik pr\u00e4sentiert, dabei aber Laibach bisweilen vollst\u00e4ndig aus dem Blickfeld verliert. Als Bin\u00adde\u00adglied f\u00fchrt \u0160trajn u.a. auch Walter Benjamins grundlegenden Aufsatz <i>Das Kuns\u00adt\u00adwerk im Zeit\u00adal\u00adter seiner technischen Repro\u00addu\u00adzier\u00adbarkeit<\/i> an, wobei er sich prim\u00e4r auf Ben\u00adja\u00admins ab\u00adschlie\u00ad\u00ad\u00dfende Gegen\u00fcberstellung von Fa\u00adschis\u00admus und Kommunismus st\u00fctzt. Andere An\u00ads\u00e4tze aus Benjamins Schrift wie etwa die De\u00adfi\u00adnition der Aura oder die Unterscheidung von Kult- und Ausstellungswert des Kunst\u00adwerks, die in Bezug auf Laibach\u201c vielleicht aus\u00adsa\u00adge\u00adkr\u00e4f\u00adtiger ge\u00adwesen w\u00e4ren, bleiben von \u0160trajn dagegen unber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Einen probaten Ab\u00adschluss f\u00fcr den ersten Teil des Bandes bieten dagegen die f\u00fcnf Thesen Johann Georg Lug\u00adho\u00adfers, mit denen g\u00e4ngige Positionen in der Laibach-Forschung und -Rezeption nachjustiert wer\u00ad\u00adden sollen: Ers\u00adtens konstatiert Lughofer die sukzessive Entwicklung der Gruppe hin zu ei\u00adner ,normalen\u2018 kom\u00admerziellen Band ohne deren fr\u00fchere Alleinstellungsmerkmale, zweitens den zuneh\u00admen\u00adden Verlust an Provo\u00adkati\u00adons\u00ad\u00adpo\u00adtential, wenn Laibach inzwischen auf gro\u00dfen B\u00fchnen wie etwa im Cankarjev dom in Ljubljana auftritt. Drittens wendet sich Lughofer mit schl\u00fcssigen Argumenten ge\u00adgen jene Interpretationen der Coverversionen von <i>Live Is Life<\/i> oder <i>One<\/i> <i>Vision<\/i>, die in die\u00adsen scheinbar harmlosen Pop\u00adsongs ein krypto-faschistisches Mo\u00adment sehen wol\u00adlen, das Lai\u00adbach bewusst zu\u00adtage f\u00f6r\u00addert, viertens gegen die Behauptung, Laibach w\u00e4\u00adre Slo\u00adwe\u00adniens mit Abstand er\u00adfolg\u00ad\u00adreichs\u00adter Musikexport, die Slavko Avseniks Original Ober\u00adkrainer und \u2013 so m\u00f6ch\u00adte der Re\u00ad\u00adzensent hinzuf\u00fcgen \u2013 die Band Atomik Har\u00admo\u00adnik au\u00dfer Acht l\u00e4sst; f\u00fcnf\u00ad\u00adtens und letz\u00adtens ver\u00admerkt Lughofer, dass der Laibach-Wein nicht von Fans der Band, sondern von einer Win\u00adze\u00adrin gleichen Namens in S\u00fcdafrika ge\u00adkel\u00adtert wird.<\/p>\n<p>Die sechs (teilweise weit umfangreicheren) \u201eFallstudien\u201c werden von Uwe Sch\u00fcttes in\u00adtensiver Auseinandersetzung mit Laibachs 2006 herausgebrachtem Album <i>Volk<\/i> er\u00f6ffnet. Hier dekonstruiert die Gruppe Nationalhymnen realer und fiktiver Staaten, indem die Hym\u00adnen in musikalisch verfremdeter Weise pr\u00e4sentiert und deren Texte mit weiterem Materi\u00adal an\u00adge\u00adrei\u00adchert (und dadurch in ihrem Anspruch herausgefordert) werden. Sch\u00fctte vermerkt zun\u00e4chst kritisch den Kol\u00adlek\u00adtivit\u00e4t stiftenden Impetus von Nationalhymnen sowie die Martialit\u00e4t und Unantast\u00adbar\u00adkeit vieler Hymnentexte (was beides freilich f\u00fcr slawische Hymnen nur bedingt zutrifft), um in ei\u00adnem zweiten Schritt das Al\u00adbum <i>Volk<\/i> insgesamt in Laibachs k\u00fcnstlerische und musi\u00adka\u00ad\u00adli\u00adsche Strategien ein\u00adzu\u00adordnen und sowohl zu historischen als auch zu religi\u00f6sen Im\u00adpli\u00adka\u00adtio\u00adnen von Hymnen zu referieren. Schlie\u00dflich greift Sch\u00fctte aus dem Album die drei Num\u00admern <i>Anglia<\/i>, <i>Yisr\u0101\u2019el<\/i> und <i>Germania<\/i> sowie die das Album abschlie\u00dfende Hymne des fiktiven NSK-Staa\u00adts he\u00adraus und analysiert sie detailliert in Form einer ,dichten Beschreibung\u2018, die Text, Bild (in Form von Musikvideos) und Ton gleicherma\u00dfen ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich \u00fcberzeugend gehalten ist auch Reinhard Kopanskis Untersuchung zur Funktionalisierung von Richard Wagners Musik in Laibachs Soundtrack zu Timo Vuorensolas Science-Fiction-Kom\u00f6die <i>Iron Sky<\/i> (2012). Kopanski zeichnet zun\u00e4chst den Plot des Films nach (die Nationalsozialisten planen vom Mond aus eine Invasion der Erde) und arbeitet anschlie\u00dfend heraus, in wel\u00adcher Weise das Siegfried-, das Walk\u00fcren- und das Todesmotiv aus Wagners <i>G\u00f6tterd\u00e4m\u00adme\u00adrung<\/i> von Lai\u00adbach an bestimmte Sequenzen und Charaktere des Films gebunden werden. Die daraus resultierenden Kontextverschiebungen deutet Kopanski mit Linda Hutcheon dabei als Akte der Ironie, ehe er sich noch mit Laibachs Performance <i>Volkswagner<\/i> (2009) be\u00adsch\u00e4ftigt, wo die Motive freilich aus Jazz-Bearbeitungen von Wagners Werken stam\u00admen und daher ihrerseits bereits s\u00e4mtlich rekontextualisiert sind.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nicht weiter erw\u00e4hnenswert ist dagegen der darauffolgende Beitrag von Roman Horak \u2013 Ho\u00adrak ist ein weithin an\u00ader\u00adkann\u00adter Kulturwissenschaftler, der hier aber schlicht nicht gewillt ist, sich intensiver auf Lai\u00adbach einzulassen, und stattdessen unter dem etwas beliebigen Ti\u00adtel <i>\u00dcber<\/i> <i>Par\u00adty und Pathos, Kunst und Unterhaltung<\/i> in der Auseinandersetzung mit Lai\u00adbachs Version von <i>Live Is Life<\/i> und dem dazugeh\u00f6rigen Video ebenso beliebig kul\u00adtur\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u00adliche Theoreme zur Rockmusik an\u00adein\u00adanderf\u00fcgt, die eine fehlende genauere Aus\u00adein\u00adan\u00adder\u00adsetzung mit der Gruppe selbst offenbar kom\u00adpen\u00adsieren sol\u00adlen. An die \u00fcber\u00adzeugenden Bei\u00adtr\u00e4\u00adge von Sch\u00fctte und Ko\u00adpanski kn\u00fcpft dagegen Daniela Kirschstein an; sie widmet sich Lai\u00adbachs Kooperation mit Milo Rau, die in der Musik f\u00fcr Raus 2015 uraufgef\u00fchrtes Schau\u00adspiel <i>The Dark Ages<\/i> ihren Ausdruck fand (die Auff\u00fchrung ging damals nahtlos in ein Konzert der Gruppe \u00fcber), und arbeitet einmal die \u00fcber das B\u00fchnengeschehen selbst evozierte Pr\u00e4senz Laibachs heraus \u2013 eine bosnische und eine serbische Protagonistin, die \u00fcber ihre Er\u00adfah\u00adrun\u00adgen mit Krieg und Heimatlosigkeit berichten, erz\u00e4hlen auf der B\u00fchne auch \u00fcber ihre Ein\u00addr\u00fc\u00adcke von Konzerten Laibachs im belagerten Sarajevo bzw. in Belgrad. In einem zweiten Schritt analysiert Kirschstein dann Laibachs Musik f\u00fcr Raus Schauspiel, die auf der Co\u00adverversion eines Songs aus einem Film von Rainer Werner Fassbinder beruht, der sei\u00adner\u00adseits wiederum auf Oscar Wildes <i>Ballad of Reading Gaol<\/i> basiert. Schlie\u00dflich zeichnet Kirsch\u00adstein noch konzise die divergierenden symbolischen Zuschreibungen zwischen dem B\u00fch\u00adnen\u00adge\u00adschehen (das individuelle Lebensl\u00e4ufe pr\u00e4sentiert) und der betont kollektiven Performanz der Grup\u00adpe nach.<\/p>\n<p>Zusammengenommen repr\u00e4sentieren die drei Beitr\u00e4ge von Sch\u00fctte, Kopanski und Kirschstein den Schwerpunkt der \u201eFallstudien\u201c, also von Teil II des hier besprochenen Bandes, w\u00e4hrend die beiden letzten Beitr\u00e4ge von Alexander Nym sowie von Ben und Geoff Waite dem\u00adge\u00adgen\u00ad\u00fcber aus jeweils verschiedenen Gr\u00fcnden etwas abfallen: Nym besch\u00e4ftigt sich mit <i>Spectre<\/i>, Laibachs 2014 ver\u00f6ffentlichtem, dreizehntem Studioalbum und ordnet dieses in das Werk\u00adkor\u00adpus der Gruppe ein. Er konzediert dem Album einen deutlichen Schritt in Rich\u00adtung kom\u00admer\u00adzieller, gef\u00e4lliger Popmusik und beschreibt diese leichtere Zug\u00e4nglichkeit zu\u00adn\u00e4chst an\u00adhand der ersten Nummer des Albums <i>The Wistleblowers<\/i>. Anders als zuvor Uwe Sch\u00fct\u00adte freilich, der das Album <i>Volk<\/i> pars pro toto \u00fcber vier ausgew\u00e4hlte Tracks pr\u00e4sentierte, versucht Nym s\u00e4mtliche Nummern auf <i>Spectre<\/i> mit bisweilen umfangreichen Zitaten der Song\u00ad\u00adtexte zu ber\u00fccksichtigen, was passagenweise naturgem\u00e4\u00df zu Lasten der Genauigkeit in der Analyse geht. Dass ein tie\u00adfer gehender Umgang mit dem Songmaterial prinzipiell m\u00f6glich w\u00e4re, belegt Nym immerhin am Beispiel der Nummer <i>Re\u00adsistance Is Futile<\/i> und seinen daran gekn\u00fcpften Ausf\u00fchrungen zu Laibachs Umgang mit po\u00adpul\u00e4rkulturellen Versatzst\u00fccken der Science-Fiction wie etwa den Borg aus <i>Star Trek: The Next Generation<\/i>.<\/p>\n<p>In das Register einer bewussten Re\u00adduk\u00adtion an Verst\u00e4nd\u00adlich\u00adkeit begeben sich analog zu Holger Schulze im ersten leider auch Ben und Geoff Waite im letzten Bei\u00adtrag des Bandes: Die beiden Autoren bringen es zuwege, Laibachs wich\u00adtige Be\u00adz\u00fc\u00adge zu Friedrich Niet\u00adzsche ausgehend von dem Album <i>Also sprach Za\u00adra\u00ad\u00adthustra<\/i> (2017) in einem Netz he\u00adte\u00adro\u00adge\u00adner und recht wahllos gezogener Querverweise etwa zu Viktor \u0160klov\u00adskij, Erich Auerbach oder Luce Iriga\u00adray eher zu verdunkeln als zu erhel\u00adlen. Die in den Titel des Beitrags gestellte (Leer-)Formel <i>Laibach Is Laibach<\/i> steht von da\u00adher f\u00fcr ei\u00adnen analog zirkul\u00e4ren Modus der Darstellung von Waite\/Waite, der letztlich auf die Le\u00adgi\u00adti\u00adma\u00adtion des Beitrags insgesamt zu\u00adr\u00fcck\u00adschl\u00e4gt. Am Thema des Bandes vorbei geht schlussendlich zu weiten Teilen auch der Epilog von Ralf D\u00f6rper, der ganz \u00fcberwiegend \u00fcber die von ihm mitbegr\u00fcndete deutsche Elektronik-Band Propaganda, aber nur wenig \u00fcber Lai\u00adbach selbst berichtet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ungeachtet des Umstandes, dass nicht alle Beitr\u00e4ge des Bandes restlos zu \u00fcberzeugen ver\u00adm\u00f6\u00adgen, und des Fehlens von Register sowie Kurzinformationen zu den beteiligten Autorinnen und Autoren, liegt mit <i>Gesamtkunstwerk Laibach<\/i> eine insgesamt beachtliche Ver\u00f6ffentlichung vor. Diese zielt vor allem auf die verschiedenen intertextuellen An\u00adkn\u00fcp\u00adfungs\u00adpunkte der Gruppe sowie auf ihre zwischen Avantgarde und Dekonstruktion os\u00adzil\u00ad\u00adlie\u00adren\u00adden k\u00fcnstlerischen Strategien und auf den damit verbundenen konzeptuellen Hinter\u00adgrund ab. In dieser Hinsicht liefert der Sammelband auch essentielle Ergebnisse, wobei sich der von Leslie Fied\u00adler in <i>Cross the Border \u2013 Close the Gap<\/i> dia\u00adgnos\u00adtizierte und von Laibach teil\u00adweise zu\u00adge\u00adsch\u00fcttete Graben zwischen Hoch- und Popul\u00e4r\u00adkul\u00adtur insofern wieder \u00f6ff\u00adnet, als Lai\u00ad\u00adbach ganz vorrangig im Kontext hoch\u00adkul\u00adtureller Implikationen und An\u00adfor\u00adde\u00adrun\u00adgen an das Publikum positioniert wird; Referenz\u00adsig\u00adnale in Richtung der anderen, popu\u00adl\u00e4r\u00adkul\u00adturellen Seite von Fiedlers Graben, wie sie die Grup\u00adpe etwa \u00fcber die Aufforderung <i>Tanz mit Lai\u00adbach<\/i> ebenfalls aussendet, bleiben zugunsten von Fried\u00adrich Nietzsche oder Richard Wagner dem\u00adge\u00adgen\u00ad\u00fcber weitgehend ausgeblendet. Was eben\u00adfalls fehlt, ist eine Dar\u00adstel\u00adlung zu Laibachs spezifischem Um\u00adgang mit zentralen Akteuren der slowenischen his\u00adto\u00adri\u00adschen Avantgarde wie dem Re\u00adgisseur Fer\u00addo De\u00adlak oder dem Lyriker und Herausgeber An\u00adton Pod\u00adbev\u0161ek \u2013 daher ist es wohl kaum als Zu\u00adfall zu bezeichnen, dass mit <i>Krst pod Tri\u00adgla\u00advom<\/i> [Die Taufe unter dem Triglav] genau je\u00ad\u00adnes Al\u00adbum der Gruppe, auf dem diese Aus\u00adein\u00adan\u00adder\u00adset\u00adzung bereits in den Titeln einiger Nummern be\u00adsonders intensiv ge\u00adf\u00fchrt wird, im Band kaum einmal Erw\u00e4hnung findet. F\u00fcr diese noch aus\u00adste\u00adhenden spezifischen Zug\u00e4nge stellt <i>Ge\u00adsamtkunstwerk Laibach<\/i> freilich einen un\u00adver\u00adzicht\u00adbaren Aus\u00adgangs\u00adpunkt dar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniela Kirschstein, Johann Georg Lughofer, Uwe Sch\u00fctte (Hrsg.), Gesamtkunstwerk Lai\u00adbach. Klang, Bild und Politik. Drava: Klagenfurt 2018.<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[498,859,1140,1346,2440],"class_list":["post-9380","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-daniela-kirschstein","tag-gesamtkunstwerk","tag-johann-georg-lughofer","tag-laichbach","tag-uwe-schuette"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9380","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9380"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9380\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9380"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9380"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9380"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}