{"id":9388,"date":"2019-07-31T08:29:49","date_gmt":"2019-07-31T06:29:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9388"},"modified":"2019-07-31T08:29:49","modified_gmt":"2019-07-31T06:29:49","slug":"pop-emphatisch-von-niels-penke31-7-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/07\/31\/pop-emphatisch-von-niels-penke31-7-2019\/","title":{"rendered":"Pop, emphatisch. Rezension zu Jens Balzers \u00bbPop und Populismus\u00abvon Niels Penke31.7.2019"},"content":{"rendered":"<p>Wer oder was ist verantwortlich? Pop?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Niemand kann von Populismus sprechen, ohne nicht auch die Abbreviatur <i>Pop<\/i> mitaufzurufen. Doch was diese beiden, meist eher diffus denn klar definierten Ph\u00e4nomene \u00fcber drei Buchstaben hinaus gemeinsam haben, wirft immer wieder Fragen auf. So auch im Buch \u00fcber <i>Pop und Populismus<\/i>, in dem Jens Balzer das Spannungsverh\u00e4ltnis \u00fcber die <i>Verantwortung in der Musik<\/i> angeht. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In zehn Kapiteln f\u00fchrt Balzer einen bunten Reigen heterogener Ph\u00e4nomene aus der Welt der Pop-Musik vor, die in den letzten Jahren viel diskutiert wurden, weil die \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten ihrer Interpret\u00efnnen weit \u00fcber die Musik hinaus Ansto\u00df erregt haben. Zun\u00e4chst geht es dabei um Sexismus, Homophobie und Antisemitismus, deren Ventilation am Beispiel von Rappern wie Kollegah, Farid Bang und Bushido reflektiert werden. Auch den Einsatz f\u00fcr den Erhalt der Heimat durch Andreas Gabalier und Frei.Wild verortet Balzer in einem breiteren Kulturkampf, in dem sich traditionalistische Streiter gegen die vermeintliche \u201eMeinungsdiktatur\u201c und ihre hyperkulturellen Umerziehungsprogramme befinden. Diesen <i>rechts<\/i>populistisch gelabelten K\u00fcnstlern wird mit Feine Sahne Fischfilet eine Band gegen\u00fcbergestellt, die auch f\u00fcr die Bestandssicherung einer \u2013 allerdings eher offen als exklusiv entworfenen \u2013 \u201aHeimat\u2018 eintritt. Welche \u201aemanzipatorischen\u2018 Potentiale Pop trotz dieses Rollbacks noch zu entfalten in der Lage ist, wird in zwei Kapiteln zur \u201aSelbsterm\u00e4chtigung\u2018 am Beispiel von Planingtorock sowie den Bewegungen <i>#timesup<\/i> und <i>#metoo<\/i> bzw. den daran beteiligten K\u00fcnstler\u00efnnen diskutiert.<\/p>\n<p>Balzer beginnt sein Buch, das zum Teil auf fr\u00fchere Essays zur\u00fcckgeht, mit einem emphatischen Pl\u00e4doyer. Auch wenn er selbst skeptisch ist, ob \u201eVerantwortung \u00fcberhaupt eine Kategorie (ist), die man an Kunst und \u00e4sthetische Ph\u00e4nomene herantragen kann\u201c, gesteht er Pop eine gro\u00dfe, menschen- und dar\u00fcber wirklichkeitsver\u00e4ndernde Kraft zu. Zugleich nimmt er die Pop-Kritik in die Pflicht. Sie m\u00fcsse genauer hinh\u00f6ren, gerade auch bei missliebigen Figuren und ihrer Musik, von denen in <i>Pop und Populismus<\/i> vor allem die Rede ist. Denn genau dort werden Vers\u00e4umnisse und Verantwortungslosigkeit benannt; man habe es sich leicht gemacht und bei politisch problematischen, aber \u00e4sthetisch uninteressanten K\u00fcnstler\u00efnnen zu lange weggesehen oder geschwiegen. Ganz so, als h\u00e4tte die eine kritische Rezension zur rechten Zeit dem Aufstieg Gabaliers oder der Verbreitung antisemitischer Hip-Hop-Videos Einhalt gebieten k\u00f6nnen. Doch dies ist nicht das einzige Moment in Balzers Buch, in dem ein Auseinanderfallen von fundierter Fachkritik in Redaktionsmedien und einer Logik des Popul\u00e4ren, die nach quantitativer Beachtung verf\u00e4hrt, sichtbar wird. Dass einige Dinge nicht nur Ver\u00e4nderungen erfahren haben, sondern massiv ins Rutschen gekommen sind, dr\u00fcckt sich auch insgesamt in Balzers Vorstellungen von Pop und Populismus aus. Dieser Pop sieht sich einer starken Konkurrenz ausgesetzt, die ihm in Gestalt von immer m\u00e4nnlicheren und autorit\u00e4reren Musikern, eben von Populisten, entgegentritt \u2013 allerdings auf dem angestammten Terrain des Pop und, wie es scheint, mit denselben \u00e4sthetischen Mitteln.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst entwickelt Balzer einen Pop-Begriff, der noch fest in der Subversion verwurzelt ist. Der \u201awahre\u2018 Pop stehe \u201eauf der Seite der Aufrechten\u201c, sei tendenziell links und ein \u201eMedium der Schwachen und der Minderheiten, der Emanzipation\u201c, er verspreche \u201edie Utopie einer grenzenlosen Geschwisterlichkeit\u201c im Zeichen von Hybridit\u00e4t, Flexibilit\u00e4t und den \u201eWonnen des unendlichen Werdens\u201c. Planingtorock ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie sich das auch unserer Tage noch \u00e4sthetisch \u00fcberzeugend umsetzen l\u00e4sst. Balzer geht von einem sehr emphatischen Pop-Verst\u00e4ndnis aus, das sich nicht nur \u00fcber endlose Transgression und Emanzipation bestimmt, sondern auch \u00e4sthetisch weit gefasst wird. Doch so weit dieser Pop auch reichen mag, er sieht sich in den letzten Jahren stark durch eine Tendenz zur \u201eVerrohung\u201c herausgefordert, die von einem popmusikalischen Populismus bef\u00f6rdert werde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Populismus definiert Balzer prim\u00e4r \u00fcber den rhetorischen Dreischritt von Grenz\u00fcberschreitung, Relativierung und Selbstviktimisierung. Er betrachtet Bushido und Kollegah dabei als Vorreiter, deren \u00d6ffentlichkeitsverhalten einige Strategien des politischen Populismus vorweggenommen habe. W\u00e4hrend Pop ein weltanschaulicher wie \u00e4sthetischer Fortschritt inh\u00e4rent ist, stellt der Populismus in Balzers Lesart eine gegenl\u00e4ufige Bewegung dar. Dieser Populismus wird entsprechend durch eine Begriffspalette gekennzeichnet, die seit Jahrhunderten zur Stigmatisierung des Popul\u00e4ren herangezogen wird: Er sei stumpf, grob, reaktion\u00e4r und betreibe die bereits genannte umfassende \u201eVerrohung\u201c. Ein sp\u00fcrbarer Effekt dieser Verrohung sei eine Verschiebung des \u201aMainstream\u2018, die sich zum Beispiel in einer zunehmenden Akzeptanz f\u00fcr die \u201aBrutalisierung\u2018 und \u201aMaskulinisierung\u2018 ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Besonders der letzte Punkt wird durch Balzers Material \u00fcberdeutlich. Alle verhandelten Musiker sind \u2013 meist selbsternannte \u2013 Alphatiere mit ironiefreier Boss-Mentalit\u00e4t, deren eklatante Schw\u00e4chen dort offenbar werden, wo nicht mehr einge\u00fcbte Posen, sondern von au\u00dfen kommende Argumente in den Fokus r\u00fccken und die vertretenen Inhalte reflektiert wissen wollen. Auf diese Einw\u00e4nde kennen die Kritisierten aber keine anderen Antworten als die Behauptung des altbew\u00e4hrten \u201aMissverst\u00e4ndnisses\u2018 oder die Einnahme einer Opferrolle, die sich zu Unrecht einer konzertierten Hetz-Kampagne von Medien, Linken oder Feminist\u00efnnen ausgesetzt sieht.<\/p>\n<p>Sind sich alle hier versammelten Rocker, Rapper und Volksmusiker darin \u00e4hnlich, sticht eine nicht unwesentliche Differenz zwischen Kollegah und Andreas Gabalier ins Auge: der allgegenw\u00e4rtige Bezug auf Volk und Heimat, als deren idealer Repr\u00e4sentant <i>Mountain Man<\/i> Gabalier sich fortlaufend inszeniert. Insofern ist Gabalier auch weit enger mit dem parteipolitischen Populismus verwandt. Versteht man den Repr\u00e4sentanzanspruch (etwa mit Jan-Werner M\u00fcller) als ein wesentliches Kennzeichen des Populismus, dann operiert der populistische HipHop ohne eine solche Stellvertreterposition zu behaupten. Wie dann allerdings das Verh\u00e4ltnis zum <i>populus<\/i> bestimmt sein soll, wird nicht thematisiert.<\/p>\n<p>Auch scheint es weniger die Verkehrung von \u00c4sthetik und Politik zu sein, die alle von Balzer unter Populismus-Verdacht diskutierten Musiker eint, sondern dieselbe Strategie einer willk\u00fcrlichen Moralisierung zu Zwecken der Kritikabwehr. Sie bestechen durch eine argumentative Flexibilit\u00e4t von Trickster-Figuren, die mit den, wie auch immer gearteten, argumentativen Grundlagen ihres als liberal-konformistisch Pappkameraden vorgestellten Gegen\u00fcbers spielen k\u00f6nnen. Toleranz, Vorurteilslosigkeit, Gewaltverzicht und dergleichen halten als beliebiger rhetorischer Vorwand her, um den Kritiker\u00efnnen inkonsistente Positionen und unfaire Perspektiven zu unterstellen. M\u00f6glich sind solche Aussagen, weil die tricksterartigen Sprecher nicht an einen gemeinsamen Common Ground glauben. Von diesen Akteuren Verantwortung einzufordern ist daher schwierig, denn die rhetorische Strategie der Entantwortung geh\u00f6rt zu ihrem Basisinventar. Verantwortung k\u00f6nnen nur jene Schaltstellen \u00fcbernehmen, die f\u00fcr die grundlegenden Entscheidungen verantwortlich sind: Plattenfirmen, die \u00d6ffentlichkeit herstellen und Distribution gew\u00e4hrleisten, sowie die Plattformen, \u00fcber die die hohen Beachtungserfolge erzielt werden. Von diesen egalit\u00e4ren Haltungen YouTubes, Spotifys oder Facebooks liest man wenig; gleichwohl sind im Zusammenhang mit dem mittlerweile abgeschafften Echo-Musikpreis Ans\u00e4tze zur Kritik an der selbstgew\u00e4hlten Unm\u00fcndigkeit der Musikindustrie festzuhalten.<\/p>\n<p>Dabei irritiert es auch, wenn Balzer sich erst \u00fcber die \u201eVerrohung\u201c des Pop wundert, die mit Bushido und Kollegah virulent geworden sei. Denn, je nachdem wie weit man Pop dehnen m\u00f6chte \u2013<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>und Balzer hat in fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichungen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> einen \u00e4hnlich weiten musikalischen Pop-Horizont beschrieben wie Diedrich Diederichsen \u2013, dann w\u00e4ren bereits viele fr\u00fchere Bands und Musiker\u00efnnen in Punk, Industrial, Death, Black Metal usw. zu finden, die in \u00e4hnlicher oder noch weit drastischerer Weise ebenfalls misogyne, homophobe, antisemitische oder andere menschenverachtende Positionen in Lyrics, Videos und Coverdesigns kultiviert haben, jedoch insgesamt weniger Aufmerksamkeit erfahren haben.<\/p>\n<p>Wie es mir scheint, liegt darin das eigentliche Problem der hier als problematisch angesprochenen Musiker \u2013 es ist die Beachtung, die sie f\u00fcr ihre Musik und die diskriminierenden Texte erfahren. Die Beachtung durch ein gro\u00dfes Publikum, das sich entweder nicht um die v\u00f6lkischen Untert\u00f6ne Gabaliers und die sexistischen Rollenvorstellungen Kollegahs k\u00fcmmert, oder schlimmer noch, diese sogar teilt und guthei\u00dft. Darum ist es auch ganz egal, ob es einen spezifischen Pop der \u201aNeuen Rechten\u2018 gibt, in dem, wie Balzer schreibt, \u201enichts \u201aEigenes&#8216;, \u201aOrigin\u00e4res\u2018 oder gar \u00e4sthetisches Interessantes heran[w\u00e4chst]\u201c, denn es braucht diesen neurechten \u201ePlunder\u201c gar nicht, \u201eum Parolen darin zu betten\u201c, wenn Versatzst\u00fccke derselben Weltanschauungen um ein Vielfaches resonanzreicher in Gangsta-Rap und \u201aVolksRock\u2019n\u2019Roll&#8216; untergebracht werden k\u00f6nnen. Insofern braucht etwas nicht \u201aneu\u2018 oder gar \u201ainnovativ&#8216; zu sein, wenn es auf eine hinreichend gro\u00dfe Resonanz st\u00f6\u00dft, durch die es legitimiert wird. Gegen diese \u00fcberw\u00e4ltigende Popularit\u00e4t hat die Kritik jedoch argumentativ einen schweren Stand.<\/p>\n<p>Doch um diese Form der Masse durch eine andere zu bezwingen, sie schlichtweg quantitativ zu \u00fcbertreffen, fehlt es an den entsprechenden Gegengewichten. Denn auch der \u201egute\u201c Pop habe, so Balzer, das \u201eDogma der Identit\u00e4t\u201c entdeckt und vertrete zunehmend die Vorstellung eines \u201eunantastbaren Erbes einer mit sich selbst identischen kulturellen Tradition\u201c, worin er eine Konvergenz von emanzipatorischen und reaktion\u00e4ren Bestrebungen erblickt. Wo \u201ePop auf der einen Seite verroht und sich in amoralischer Verantwortungslosigkeit suhlt\u201c, greife unter dem Stichwort der <i>cultural appropriation<\/i> \u201eauf der anderen Seite ein immer strikter werdender moralischer Rigorismus aus\u201c, der die freie k\u00fcnstlerische Entfaltung einschr\u00e4nke. W\u00e4hrend durch die populistischen Musiker eine \u201eVergr\u00f6berung\u201c bef\u00f6rdert werde, die es mit sich bringt, bestimmte Dinge \u201eendlich wieder sagen\u201c zu d\u00fcrfen, gehe die \u201eVerfeinerung\u201c mit einer Vielzahl an restriktiven Sprachregelungen, ja Redeverboten einher.<\/p>\n<p>So schwierig die Argumentation bei einigen der referierten Beispiele sein mag, hat man es doch mit grundverschiedenen Ph\u00e4nomenen auf zwei unterschiedlichen Ebenen zu tun: sind das eine privilegierte Akteure, die als weithin sichtbare Musiker (oder Politiker) von der B\u00fchne herab ihr Publikum monologisch adressieren und es im Zweifelsfall einfach \u201enicht so gemeint\u201c haben wollen, wie es verstanden worden ist, meinen es die Kritiker\u00efnnen der <i>cultural appropriation<\/i> ernst. Dieser Ernst mag nicht mit den spielerisch-libert\u00e4ren Idealvorstellungen von Pop kompatibel sein, wie Balzer sie postuliert. Gerade darin aber zeigen sich die blinden Flecken eines allzu emphatischen Pop-Begriffs, der von der Faktizit\u00e4t seiner emanzipatorischen Potentiale \u00fcberzeugt ist.<\/p>\n<p>Pop tritt in diesem Verst\u00e4ndnis nicht mit dem Ziel einer allvers\u00f6hnenden Universalit\u00e4t an, sondern er hat diese immer schon erreicht \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob sich tats\u00e4chlich alle gleicherma\u00dfen inkludiert und gleichberechtigt sehen. Auch die angestrebte Globalit\u00e4t ist ein Moment des Pop, das als \u2013 westliches und wei\u00dfes \u2013 Form- und Stilprinzip als Teil einer Maschinerie betrachtet werden kann, die sich alles einverleibt, es transformiert und dabei zu allermeist jene profitieren l\u00e4sst, die diese Aneignung vollziehen. Ein Verfahren, dass zumindest strukturell imperialistisch verf\u00e4hrt. Genau diese Logik verbindet die von Balzer behandelten \u201aprotektionistischen\u2018 Haltungen. Doch w\u00e4hrend Gabalier und Frei.Wild Defizienzerfahrungen der Moderne moralisieren, spielen \u00f6konomische Interessen und Verwertungslogiken in ihren lyrischen Gesellschaftsanalysen keine Rolle. Ihre Versuche, \u00fcber die Ablehnung von Hybridit\u00e4t so etwas wie Einfachheit und Verstehbarkeit herzustellen, sind die Vorbehalte aus post-kolonialer Perspektive anders motiviert und verweisen darauf, dass das Ideal der transgressiven Herrschaftsfreiheit von Pop eine Bias besitzt, die nur selten sichtbar und expliziert wird. Diese Positionen haben aber mit den geschilderten populistischen Sprechweisen ansonsten wenig gemeinsam. Au\u00dfer dass sie Fragen stellen und Probleme aufwerfen, wo Pop eine harmonische Welt im ewigen Konsens beschreiben soll. Doch ohne genauer ausgearbeitetes theoretisches Fundament und begriffliche Differenzierungen wird es analytisch in diesen Zusammenh\u00e4ngen bisweilen unscharf.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dies gilt auch f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Populismus. Zweifellos gibt es bei Kollegah, Farid Bang und Bushido \u00e4hnliche rhetorische Tricks der Entantwortung, der Viktimisierung und der T\u00e4ter-Opfer-Umkehr, die mit misogynen, homophoben und antisemitischen \u00c4u\u00dferungen hervortreten, die auch von Politiker\u00efnnen rechtspopulistischer Parteien zu h\u00f6ren sind. Allerdings fehlt bei den Rappern jeder Bezug auf ein national eingehegtes Volk, das von korrupten Eliten get\u00e4uscht werde, f\u00fcr das man, wie alle rechtspopulistischen Bewegungen, als Sprachrohr und einzig legitimer Interessenrepr\u00e4sentant auftritt. Populismus erscheint durch die hier versammelten und ansonsten sehr instruktiv dekonstruierten Musiker als unerw\u00fcnschte Verfallsform von Pop. Als eine Form, die Grenzen einzieht und die es schwachen M\u00e4nnern gestattet, sich \u00fcber die Herabw\u00fcrdigung anderer als gro\u00df und stark geb\u00e4rden zu k\u00f6nnen, und, die das Spiel um Provokation und Tabubruch auf unliebsame Themen verlagern.<\/p>\n<p>Provokation und Tabu \u2013 auch dieses Begriffspaar geistert als wichtige Ingredienz von Pop wiederholt \u00fcber die Seiten. Doch ihre Wandlungen bleiben un(ter)thematisiert. Wie kann Pop denn weiterhin provozieren, wo vieles, was in fr\u00fcheren Jahrzehnten noch Ansto\u00df erregte \u2013 ein H\u00fcftschwung, sexuelle Anspielungen und Drogenbez\u00fcge etwa \u2013 l\u00e4ngst normalisiert ist. Grenz\u00fcberschreitung und Tabubruch jedenfalls richten sich nicht l\u00e4nger gegen den \u201eguten Geschmack\u201c, weil es ohnehin nicht mehr klar ist, worin ein solcher \u201aguter\u2018 Geschmack eigentlich bestehen soll. Auch die gute \u201ealte Spie\u00dfigkeit\u201c mit den Tugendidealen einer patriarchalen B\u00fcrgerlichkeit hat als Feindbild ausgedient.<\/p>\n<p>Alle von Balzer verhandelten Provokationen zielen stets auf Fragen der In- und Exklusion. Wer geh\u00f6rt mit welcher festgelegten Rolle wohin, wer mit welcher Wertigkeit wo dazu, und wer nicht mehr. Oder konkreter: Geh\u00f6ren Frauen ihrer Natur gem\u00e4\u00df zur\u00fcck an den Herd, sind Homosexuelle richtige Menschen, wie stark d\u00fcrfen die Grenzen der Heimat gesichert sein, und muss man Israel noch auf der Landkarte abbilden? Das Spiel mit der Auslotung und \u00dcberschreitung von Grenzen jedenfalls beherrschen alle der von Balzer behandelte Provokateure. Mit dem Unterschied, dass ihre Grenz\u00fcberschreitungen zugleich auch als Grenzziehung funktionieren, die hier ein- und dort ausgrenzen und sich im Widerspruch zu demokratischen Grunds\u00e4tzen bewegen. Auch die Forderung nach Autorit\u00e4t, die zumeist f\u00fcr sich selbst als tonangebendes Alphatier reklamiert wird, das einer willf\u00e4hrigen Masse diktiert, bricht kein Tabu. Sie provoziert jedoch Entr\u00fcstung, und Aufmerksamkeit. Und dadurch, dass genau dies, diese falsche Popularit\u00e4t, nicht sein soll, verfestigt sich der Eindruck, dass in Balzers Buch mit Populismus das unliebsame Popul\u00e4re bezeichnet wird. Als <i>The Pop That Should Not Be<\/i>.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 \u00a0<\/span><\/p>\n<p>Kann der \u201aguter\u2018 Pop daher ein geeignetes Mittel sein, um die Welt zu \u201aretten\u2018?<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Die Erwartungen an das, was Musik vermag, scheinen sehr hoch, wenn wir es mit einer immer st\u00e4rkeren \u201ePolarisierung der Gesellschaft\u201c zu tun haben. Wie faszinierend schlicht nimmt sich dieser sozialen wie medialen Radiation gegen\u00fcber die Hoffnung auf \u201eeine sch\u00f6ne, gute und wahre Popkultur\u201c aus, \u201edie sich mit \u00e4sthetischen Mitteln an der Erschaffung von solidarischen Verh\u00e4ltnissen versucht\u201c, in denen \u201ealle gemeinsam die Freiheit feiern, miteinander verschieden und darin doch einig zu sein: das ist die popkulturelle Utopie der Solidarit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Solche Utopien wurden auch vor und jenseits von Pop formuliert; zumeist hatten sie einen wirklichkeitsver\u00e4ndernden Anspruch und sahen dieses Ziel am ehesten in einer sozialistischen Gesellschaft realisierbar. Was vermag demgegen\u00fcber das Momenthaft-Utopische des Pop, wenn soziale Dauerzust\u00e4nde au\u00dferhalb des Events weiterhin \u00fcber jene Dynamiken und Ungleichheiten bestimmen, die sich als Probleme in vielen Songtexten wiederfinden? Was vermag ein solcher Song, wenn sich, wie Balzer ja schreibt, im Gro\u00dfen eine \u201eDialektik der Entsolidarisierung\u201c vollzieht, und diese sich darin \u00e4u\u00dfert, dass Feindbilder immer offensiver angegangen und alte Solidarit\u00e4ten aufgek\u00fcndigt werden? Balzer jedoch vertritt entgegen dieser Dynamiken die Hoffnung auf ein solidarisches Miteinander, das daf\u00fcr sorge, dass sich im Zeichen von Pop alle als \u201eFreunde und Freundinnen\u201c begegnen k\u00f6nnen. Darin steckt auch die Hoffnung, dass Pop \u201awieder\u2018 so wirken k\u00f6nne, wie er von einigen Aficionados erlebt worden ist.<\/p>\n<p>Hart formuliert k\u00f6nnte man aber auch sagen: die Hoffnung auf die Wiederbelebung der \u00dcberzeugungskraft eines emphatischen Verst\u00e4ndnisses von Pop. Ein Verst\u00e4ndnis freilich, das viele, wie es scheint, nie geteilt haben. Vor dem Hintergrund dieser Begeisterung liest sich <i>Pop und Populismus<\/i> als ein Dokument der Nostalgie, dessen Verfasser kopfsch\u00fcttelnd registriert, dass die alten Gewissheiten verschwunden sind, der aber nicht akzeptieren will, dass Pop vielleicht doch nur ein Arsenal von Stilverfahren ist, dessen sich auch jene aufmerksamkeitstr\u00e4chtig bedienen k\u00f6nnen, die nicht mehr <i>alright<\/i>, sondern <i>alt-right<\/i> sind. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jens Balzer: <a href=\"https:\/\/www.koerber-stiftung.de\/publikationen\/shop-portal\/show\/pop-und-populismus-248\">Pop und Populismus.<\/a> \u00dcber Verantwortung in der Musik. Hamburg, Edition K\u00f6rber 2019, 208 Seiten, 17\u20ac.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Jens Balzer: Pop. Ein Panorama der Gegenwart. Berlin: Rowohlt, 2016. Das Buch spannt den Pop(musikalischen)-Rahmen von \u201eHelene Fischer bis Sunn O)))\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Superformy: Pop Will Save the World (https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UHqOSG9tUMo)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer oder was ist verantwortlich? 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