{"id":9390,"date":"2019-07-29T08:28:23","date_gmt":"2019-07-29T06:28:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9390"},"modified":"2019-07-29T08:28:23","modified_gmt":"2019-07-29T06:28:23","slug":"koerperdesign-und-authentischer-menschvon-daniel-hornuff29-7-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/07\/29\/koerperdesign-und-authentischer-menschvon-daniel-hornuff29-7-2019\/","title":{"rendered":"K\u00f6rperdesign und authentischer Menschvon Daniel Hornuff29.7.2019"},"content":{"rendered":"<p>Wiedervers\u00f6hnung mit dem Innenleben durch\u00a0Botox, Skalpell und Implantat<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2018\/09\/24\/heft-13-pop-kultur-und-kritik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heft 13<\/a>, Herbst 2018, S. 39-45]<\/p>\n<p>Die \u00dcberschrift klingt wie der Warnruf vor einer Suchterkrankung: \u00bbSelfie Surgery \u2013 der gef\u00e4hrliche Sch\u00f6nheits-OP-Trend\u00ab. Im besorgten Tonfall identifiziert ein \u00bbInStyle\u00ab-Artikel im Februar 2017 die Neigung mancher Jugendlicher, sich blo\u00df einer Sch\u00f6nheitsoperation zu unterziehen, um ein \u00bbperfektes Selfie\u00ab zu schie\u00dfen. Die Schuldfrage ist schnell gekl\u00e4rt: \u00bbZu verdanken haben wir das Instagram-Stars wie Bella Hadid und Kylie Jenner.\u00ab Resigniert konstatiert die \u00bbInStyle\u00ab-Autorin: \u00bbBei solchen Vorbildern ist klar, dass immer mehr Jugendliche beim Beauty-Doc landen und sich zum 16. Geburtstag vollere Lippen, eine neue Nase oder gr\u00f6\u00dfere Br\u00fcste w\u00fcnschen.\u00ab<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9392\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-28-um-13.27.56.png\" alt=\"\" width=\"929\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-28-um-13.27.56.png 929w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-28-um-13.27.56-300x142.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-28-um-13.27.56-768x365.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 929px) 100vw, 929px\" \/><\/p>\n<p>Stehen sowohl die K\u00f6rperpraxis der \u00c4sthetisch-Plastischen Chirurgie als auch die Bildpraxis der Selfie-Kultur unter dringendem Verdacht, f\u00fcr eine Pathologie kollektiver Oberfl\u00e4chlichkeit verantwortlich zu sein, so erscheint deren Zusammentreffen erst recht als Ausweis eines kulturanthropologischen Vergehens: Wesensentkernte K\u00f6rper finden in wesensentkernten Bildern ihre mediale Vollendung, angeheizt durch letztlich austauschbare Prototypen, die als idealgeformte und entsprechend erstrebenswerte Superstars durch die Netzwerke geistern. Wer sich allein f\u00fcr das \u00f6ffentliche Bild vom eigenen K\u00f6rper unters Messer lege, beweise eindr\u00fccklich die komplette Umwertung aller Werte. Da helfe es auch nichts, wenn sich manche nur zu kleineren Eingriffen motiviert f\u00fchlten, z.B. die eigene Nase so umbauen lie\u00dfen, dass diese mit g\u00e4ngigen Instagram-Filtern zur gesichts\u00e4sthetisch gesteigerten Harmonie finde. Grunds\u00e4tzlich sei auch darin ein mehr als bedenklicher \u00bbSelfinissmus\u00ab zu diagnostizieren, f\u00fcr den wohl eher \u00bbein Psychologe zust\u00e4ndig\u00ab sei \u2013 und keineswegs ein Chirurg (focus.de, 21.6.2018). <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nun geh\u00f6rt es unter Kulturkritikern schon lange zum guten Ton, sich wechselseitig zu versichern, \u00fcber besonders feine Sensoren f\u00fcr scheinbar fatale Konstellationen zu verf\u00fcgen. Schlie\u00dflich gilt: Wenn das eine zum anderen kommt und der Niedergang durch das Zusammentreffen gleich mehrerer sch\u00e4dlicher Einfl\u00fcsse beschleunigt wird, sp\u00e4testens dann ist es h\u00f6chste Zeit, Alarm zu schlagen und die Erosion des Wesentlichen aufzuhalten. Mag sich darin ein Grundmodus kulturkritischen Denkens realisieren \u2013 indem kulturelle Entwicklungen daraufhin abgetastet werden, inwiefern aus ihrer gegenseitigen Ann\u00e4herung Verh\u00e4ngnisvolles resultieren k\u00f6nnte \u2013, so bieten gerade die Plattformen der Sozialen Medien besonders attraktive Gelegenheiten, derartige \u00dcberschneidungen aufzusp\u00fcren. Unter dem Vorzeichen, die physische wie visuelle Selbstgestaltung als eine im Grunde fremdgesteuerte, weil nacheifernde Designpraxis zu klassifizieren, wird ein Verlust an Authentizit\u00e4t und Identit\u00e4t beklagt. Gesprochen wird von \u00bbirren Trends\u00ab, von einem \u00bbDruck\u00ab, den \u00bbFacebook, Instagram und Co\u00ab aus\u00fcbten, von einem \u00bbunheilvollen Optimierungswahn\u00ab, ja davon, dass Instagram offenkundig \u00bbSchuld\u00ab trage; berichtet wird von \u00bbPatientinnen\u00ab, die l\u00e4ngst \u00bbs\u00fcchtig\u00ab geworden seien und eigentlich nicht mehr anders k\u00f6nnten, als immerzu das Bild vom eigenen K\u00f6rper \u00fcbertreffen zu m\u00fcssen (focus.de).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>So sehr diese Wertungen als voreilig und einseitig erscheinen, so klar machen sie doch auf einen Umstand aufmerksam, der insbesondere die Angebote der \u00c4sthetisch-Plastischen Chirurgie pr\u00e4gt. Denn in deren kommunikativer Bewerbung durch entsprechende Kliniken und Praxen ist \u2013 in Umkehrung der kulturkritischen Lesart \u2013 durchg\u00e4ngig von einem steten Zugewinn an Authentizit\u00e4t, Selbstidentifikation und sogar Nat\u00fcrlichkeit zu erfahren. Diese breit angelegte Geste der Naturalisierung ist insofern erstaunlich, als gar nicht abgestritten wird, dass es sich bei operativen Eingriffen in den K\u00f6rper um bewusst vollzogene Designpraktiken handelt: Die Straffung dient der Ausmerzung unliebsamer Faltenbildungen, dem Entgegenwirken erschlaffter K\u00f6rperpartien und einem insgesamt gegl\u00e4tteten Erscheinungsbild; der Einsatz der Spritze verleiht an gew\u00fcnschter Stelle Volumen, gleicht m\u00f6glicherweise ein bedauerliches Zuwenig aus und tr\u00e4gt auch damit zur erfreulichen Wirkung erh\u00f6hter Gestrafftheit bei; K\u00f6rperfettverlagerungen punkten mit dem doppelten Vorzug des Wegnehmens bei gleichzeitigem Hinzuf\u00fcgen an je erforderlicher Stelle; und schlie\u00dflich bietet der Einsatz k\u00fcnstlicher Transplantate den unschlagbaren Vorteil, ein k\u00f6rpereigenes Defizit durch das Hinzuf\u00fcgen eines vorab in Idealform gebrachten Zusatzteils aufzuwiegen und somit durch eine Art Design-Applikation das erhoffte Ergebnis zu bef\u00f6rdern. Dabei darf freilich nicht vergessen werden, welch bedeutsame Ver\u00e4nderungsma\u00dfnahmen durch vergleichsweise grobschl\u00e4chtige Methoden zu erreichen sind: Das Abfeilen des Nasenh\u00f6ckers, das K\u00fcrzen oder Strecken relevanter Beinknochen, die gezielte Entnahme von Rippen und auch das die behandelnde Person noch immer k\u00f6rperlich fordernde Absaugen wohlstands\u00fcbersch\u00fcssiger Fettreserven sind Umbauma\u00dfnahmen, die den K\u00f6rper mitunter buchst\u00e4blich neu ausrichten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Entscheidend ist nun, dass diese Optionen eine sehr gezielte semantische Einbettung erfahren. Kurz gesagt, sollen sie einem \u00fcbergeordneten Zweck dienen, sollen also nicht um ihrer selbst willen am K\u00f6rper ausgef\u00fchrt werden. Stattdessen werden sie als Ma\u00dfnahmen zur Wiedervers\u00f6hnung mit sich selbst deklariert. Erz\u00e4hlt wird das klassische Muster einer Entfremdungsgeschichte: Durch Alter, Schicksal oder Lebenswandel sei der K\u00f6rper in einen Zustand geraten, in dem er etwas darstelle, das mit seinem inneren Kern \u2013 dem eigentlichen Wesen der Person \u2013 nicht mehr in \u00dcbereinkunft zu bringen sei. Die H\u00fclle, so die Suggestion, habe sich von ihrem inneren Sein entkoppelt und erscheine nun als defizit\u00e4r, als nicht mehr identisch mit ihrer eigenen Bedingung.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Botox, Skalpell und Implantat seien demzufolge Instrumente, mit denen der K\u00f6rper gerade nicht \u203averk\u00fcnstlicht\u2039, sondern im Gegenteil durch k\u00fcnstlichen Eingriff auf seine nat\u00fcrliche Bestimmung zur\u00fcckgef\u00fchrt werde. Er solle, so das Versprechen, wieder nach au\u00dfen tragen und in Sichtbarkeit \u00fcberf\u00fchren, was ihn als inneres Erleben auszeichne. Angelegt wird ein physiognomisches Modell, in dem es darum geht, die \u00e4u\u00dfere Erscheinung als unmittelbaren Ausdruck \u2013 als hermeneutisch erschlie\u00dfbaren Text \u2013 eines innerlich Wirkenden zu bestimmen. \u00bbDamit\u00ab, so die Soziologin Paula-Irene Villa, \u00bbist bereits deutlich ausgesprochen, worum es geht: einerseits um die Koppelung von Selbst und K\u00f6rper, andererseits und daraus folgend, um die Arbeit an diesem K\u00f6rper-Selbst.\u00ab<\/p>\n<p>Entsprechend zielen die operativen Ma\u00dfnahmen darauf ab, ihr eigenes Zustandekommen und letztlich die Ma\u00dfnahme als solche unkenntlich zu machen. Gearbeitet wird an einer \u00c4sthetik der Nat\u00fcrlichkeit mittels eines entwurfs- und gestaltungspraktischen Verfahrens, an dessen Ende der Eindruck eines naturw\u00fcchsig Gewordenen stehen soll, der all das zu kaschieren wei\u00df, was ihm als Verfahren vorausgegangen war. Die Rede vom wiedererlangten \u00bbnat\u00fcrlichen Aussehen\u00ab, von einem insgesamt \u00bbwieder frischen Erscheinungsbild\u00ab, von einem ungleich \u00bbselbstbewussteren Auftreten\u00ab, das geradewegs bekennerhaft anzeigt, \u00bbwof\u00fcr die eigene Person steht\u00ab \u2013 dies alles sind Charakterisierungsversuche, die dazu dienen, die \u00c4sthetisch-Plastische Chirurgie als eine Praxis der Re-Identifikation, der physischen Wiedervers\u00f6hnung mit dem eigenen Selbst in Szene zu setzen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9394\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-28-um-13.22.50.png\" alt=\"\" width=\"931\" height=\"595\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-28-um-13.22.50.png 931w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-28-um-13.22.50-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-28-um-13.22.50-768x491.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 931px) 100vw, 931px\" \/><\/p>\n<p>\u00c4hnlich der kulturkritischen Deutung wird also auch hier ein generell stabiles Inneres vorausgesetzt, von dem sich wiederum \u2013 dies dann im Unterschied zur Kulturkritik \u2013 der K\u00f6rper durch Verfallsentwicklungen abspaltet. Die operative Ma\u00dfnahme erscheint als M\u00f6glichkeit der Restauration, als eine \u00e4sthetisch vorteilhafte Variante der wiederherstellenden Medizin. Dies mag auch erkl\u00e4ren, warum die Kundinnen und Kunden nahezu durchg\u00e4ngig als \u00bbPatientinnen und Patienten\u00ab adressiert werden. Die Pathologisierung und die stets auch angedeutete Hospitalisierung \u2013 klinisch-aseptische Virginit\u00e4t der Einrichtungen, sprachliche wie habituelle Hervorkehrung der \u00e4rztlichen Expertise, Betonung der Bereitschaft zur Ablehnung \u00fcberzogener Forderungen aus medizinethischen Erw\u00e4gungen etc. \u2013 ist kein unliebsames Beiwerk, sondern birgt einen narrativ-strategischen Vorteil: Wo es um Erkrankungen geht, kann mit der Autorit\u00e4t der Medizin eine Linderung des Zustands veranlasst und idealerweise auch erreicht werden. Die Eingliederung der k\u00f6rperdesignenden Operationen in einen therapeutischen Kontext erm\u00f6glicht mit gesteigerter Effektivit\u00e4t, die Ma\u00dfnahmen als ebenso notwendige wie in jeglicher Hinsicht \u00fcberwindende zu bestimmen. Durchlaufen wird ein Prozess der Gesundung, und heraus kommen K\u00f6rper, die als \u203asch\u00f6n\u2039 gelten d\u00fcrfen, weil sie in sichtbarer Deckungsgleichheit mit dem jeweils eigentlichen Wesen \u2013 wie etwa dem gef\u00fchlten Alter \u2013 der Person stehen. K\u00fcrzer gesagt: Entworfen und designt wird der authentische Mensch.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Umso deutlicher wird damit auch, worin sich die verkaufsf\u00f6rdernde Kulturkritik der \u00c4sthetisch-Plastischen Chirurgie von der \u2013 eingangs skizzierten \u2013 intellektuell gestimmten Kulturkritik an der vorgeblichen Auswucherung der Sch\u00f6nheits-OPs unterscheidet: W\u00e4hrend sich beide auf das Moment des Designeingriffs fokussieren, interpretiert ihn erstere als M\u00f6glichkeit zur Entfremdungs\u00fcberwindung, nachdem der k\u00f6rperliche Zerfall als auseinandertretendes Ereignis eingeordnet wurde; letztere hingegen sieht gerade in diesem Eingriff die Entfremdung manifestiert, indem der k\u00f6rperliche Verfall nicht als negativ-sch\u00e4digend, sondern als den Bedingungen eines nat\u00fcrlichen Verlaufs \u2013 wie etwa des Alterns \u2013 unterlegen gedeutet wird. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Doch so semantisch widerspruchsfrei, wie sich die einschl\u00e4gigen chirurgischen Praktiken \u00f6ffentlich ausgeben, sind diese im Kern nicht. Und dies wohlgemerkt nicht, weil sie in ihren praktischen Ausf\u00fchrungen an ihren eigenen konzeptuellen Anspr\u00fcchen scheitern w\u00fcrden. Dass vielen nach dem Eingriff der Eingriff als solcher deutlich anzusehen ist \u2013 und dass mit der steigenden Zahl an Eingriffen diese selbst immer st\u00e4rker in den Vordergrund treten \u2013, wirft ganz andere Probleme \u00e4sthetischer Theorie auf. So etwa die Frage, auf Grundlage welcher Gewohnheiten der k\u00fcnstliche Eingriff \u00fcberhaupt als ein solcher ins Auge sticht; und ob eine solche Wahrnehmung nicht eher etwas \u00fcber bestimmte Muster der Wahrnehmung erz\u00e4hlt als \u00fcber die Motivationen von Menschen, sich einer Sch\u00f6nheitsoperation zu unterziehen. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Widerspr\u00fcche zeigen sich ungleich deutlicher auf der Ebene der kommunikativen Selbstdarstellung. Beispielsweise \u00fcberrascht doch sehr, dass bei allem Authentizit\u00e4tsversprechen ganz bestimmte Eingriffe hartn\u00e4ckig als Ma\u00dfnahmen der \u00bbKorrektur\u00ab klassifiziert werden: \u00bbIn der HNO-Heilkunde k\u00fcmmern wir uns in der Klinik [\u2026] um <a href=\"http:\/\/www.kasg.de\/de\/hno\/nasenkorrektur.html\">Nasenkorrekturen<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.kasg.de\/de\/hno\/ohrkorrektur.html\">Ohrenkorrekturen<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.kasg.de\/de\/hno\/kinnkorrektur.html\">Kinnkorrekturen<\/a> sowie Korrekturen am <a href=\"http:\/\/www.kasg.de\/de\/hno\/profilkorrektur.html\">Gesichtsprofil<\/a>.\u00ab Von einer Wiedervers\u00f6hnung mit dem inneren Erleben, von einem m\u00f6glichst behutsamen Zur\u00fcckf\u00fchren auf das eigene Wesen ist in solchen Passagen nichts mehr zu erfahren. Im Gegenteil: Man gewinnt den Eindruck einer fabrikm\u00e4\u00dfigen Verabreichung festgelegter Produkte, die in ihrer Ausf\u00fchrung als generell passend angesehen werden. So wird der Anspruch auf Individualisierung durch das Mittel der K\u00f6rperangleichung zugunsten einer seriellen Produktionslogik unterlaufen und implizit davon ausgegangen, dass das sch\u00f6ne Aussehen ein in jedem Fall korrigiertes Aussehen sein muss. Und nicht zuletzt: Wo etwas \u00bbkorrigiert\u00ab werden soll, muss es jemanden geben, der entweder im Wissen oder sogar im Besitz des Korrekten ist. Weist man der Chirurgin oder dem Chirurgen diese Funktion zu, stellt sich die Frage, ob Patientinnen und Patienten bei einer solchen Klinik nicht akut Gefahr laufen, in eine kollektiviert-uniformierte Sch\u00f6nheitsnorm hineinoperiert zu werden. Das K\u00f6rperdesign d\u00fcrfte dann nicht mehr aus dem vermeintlich authentischen Personenkern herausentwickelt, sondern \u2013 umgekehrt \u2013 von einer \u00fcbergeordneten, feststehenden Vorstellung des richtigen Aussehens auf den K\u00f6rper herunterprojiziert werden. Die Angleichung erfolgt dann wohl weniger im R\u00fcckbezug auf ein Eigenes denn im Verweis auf ein extern Definiertes.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Doch sollte auch hierbei nicht allzu vorschnell geurteilt werden. Denn die Idee, aus einem normierten Designprinzip heraus den eigenen K\u00f6rper einer \u00e4sthetischen Aufwertung zu unterziehen, erfreut sich durchaus breiter Beliebtheit. \u00bbEuropas gr\u00f6\u00dfte Klinik f\u00fcr Sch\u00f6nheitschirurgie\u00ab, eine in der Tat \u00fcberaus bekannte Klinik am Bodensee, labelt eines ihrer meistverkauften Produkte mit dem Namen ihres Gr\u00fcnders und Chefs: \u00bbDie ber\u00fchmte \u203aMang-Nase\u2039\u00ab, so der Werbetext, \u00bbharmoniert in Form und Gr\u00f6\u00dfe jeweils perfekt mit den Proportionen von Gesicht und K\u00f6rper\u00ab. Dies erstaunt insofern, als es sich bei dieser Nase tats\u00e4chlich um eine \u00e4u\u00dferst klar definierte Form handelt, die unter anderem durch aufwendige Winkelberechnungen und geometrische Modellzeichnungen als zweidimensionaler Entwurf im Internet abgerufen, auf Flyern studiert und schlie\u00dflich als Gesichtsobjekt am eigenen K\u00f6rper realisiert werden kann: \u00bbWir empfinden es beispielsweise als \u00e4sthetisch, wenn der Winkel zwischen Nase und Oberlippe bei Frauen etwa 105 bis 110 Grad betr\u00e4gt, bei M\u00e4nnern ungef\u00e4hr 90 bis 95 Grad\u00ab, so das begleitende \u00c4sthetik-Dogma des Chefs.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Damit wird ersichtlich: Dieses offiziell als \u00bbWunschnase\u00ab bejubelte, scheinbar teilautonome Produkt des K\u00f6rpers kann durchaus in eine vorab festgelegte und entsprechend vielfach angewandte Form gebracht werden: \u00bbDurchgef\u00fchrte Nasenoperationen von Prof. Dr. Mang und seinem Team: \u00fcber 10.000\u00ab.<b> <\/b>Die Pointe liegt darin, dass im Grunde niemand Sorge tragen muss, mit dieser Nase dem eigenen Selbst weniger Geltung verschaffen zu k\u00f6nnen. Im Gegenteil: Die \u00bbMang-Nase\u00ab ist als Markenprodukt offenkundig so stark, dass man sich inzwischen problemlos mit ihr identifiziert \u2013 freilich verbunden mit der nicht ganz unerheblichen Folge, dass sich \u00bbMang-Nasen\u00ab-Tr\u00e4ger und -Tr\u00e4gerinnen wahrscheinlich weniger mit sich selbst, als mit einem jeweils zur Verf\u00fcgung gestellten \u203aDing\u2039 in \u00dcbereinkunft bringen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund l\u00e4sst sich der Bogen schlie\u00dfen. Denn wenn die gestalterische Modellierung des K\u00f6rpers nicht mehr bedeutet, den K\u00f6rper in einen Entfremdungszustand zu zwingen, dann ist auch die Frage obsolet, ob ein solch designter K\u00f6rper in seiner visuellen Repr\u00e4sentation von sich selbst entfremdet wird. Die gegenl\u00e4ufige Argumentation scheint plausibler: So, wie die neuen Elemente des K\u00f6rpers dazu dienen k\u00f6nnen, das eigene Selbst mit ihnen zu identifizieren, so m\u00f6gen auch die (Instagram-)Bilder dieses K\u00f6rpers die Funktion einer neuerlichen Identifikation \u00fcbernehmen. Es geht also nicht um die prek\u00e4r-verlustreiche Ausstellung eines feststehenden Selbst, sondern um die kontingente, situative und anlassbezogene \u00dcbereinkunft mit dem Design und dem Bild des eigenen K\u00f6rpers.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dies wiederum setzt voraus, K\u00f6rper und Geist gerade nicht als unaufl\u00f6sbare und einmal festgezurrte Einheit zu denken. Eher w\u00e4re von einer fragmentarischen, br\u00fcchigen, zeitweise hybriden, in jedem Fall situativ stets neu definierbaren Verfasstheit auszugehen, in der sowohl die physische Gestaltung als auch deren \u00f6ffentliche Sichtbarmachung keine automatischen Pathologieeffekte erzeugen. Dass diese nicht ausgeschlossen sind, liegt in der Natur der Sache und ist insofern kein Spezialfall der \u00c4sthetisch-Plastischen Chirurgie. Ungleich produktiver d\u00fcrfte es ohnehin sein, sich zu \u00fcberlegen, welche Bilder des Menschen, seiner Kultur und Sozialisation aufgerufen werden, wenn die Arbeit am K\u00f6rper unter den Verdacht einer krankhaften Abspaltung vom Eigentlichen gestellt wird. Die gutmeinenden Warnrufe scheinbar kulturwahrender Geister entpuppen sich rasch als versteckte Formen der Abwertung. Als umso wichtiger d\u00fcrfte sich ein souver\u00e4ner, und das hei\u00dft: ein gelassen-reflektierter Umgang mit den Folgen der \u00c4sthetisch-Plastischen Chirurgie und ihren Designl\u00f6sungen erweisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiedervers\u00f6hnung mit dem Innenleben durch\u00a0Botox, Skalpell und Implantat<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[263,309,376,1058,1082,1320,1339,1630,1785,2079,2080,2143],"class_list":["post-9390","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-authentizitat","tag-bella-hadid","tag-botox","tag-implantat","tag-instagram","tag-kulturkritik","tag-kylie-jenner","tag-natuerlichkeit","tag-plastische-chirurgie","tag-schoenheitsideal","tag-schonheitsoperationen","tag-skalpell"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9390","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9390"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9390\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9390"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9390"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9390"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}