{"id":9396,"date":"2019-08-05T08:26:32","date_gmt":"2019-08-05T06:26:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9396"},"modified":"2019-08-05T08:26:32","modified_gmt":"2019-08-05T06:26:32","slug":"publizieren-um-nicht-gelesen-zu-werdenvon-wolfgang-ullrich5-8-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/08\/05\/publizieren-um-nicht-gelesen-zu-werdenvon-wolfgang-ullrich5-8-2019\/","title":{"rendered":"Publizieren, um \u2013 nicht \u2013 gelesen zu werden?von Wolfgang Ullrich5.8.2019"},"content":{"rendered":"<p>Werkstattbericht eines \u201afreien Autors\u2018<!--more--><\/p>\n<p>Wenn ich selbst entscheiden kann, wie ich bei einer Tagung oder in den biografischen Notizen unter einem Text bezeichnet werden will, sage ich \u201eKulturwissenschaftler und freier Autor\u201c. Das hei\u00dft, dass ich mich \u00fcber das Schreiben und Publizieren definiere. Bis <span id=\"more-3040\"><\/span>2015 lautete die entsprechende Angabe noch \u201eProfessor f\u00fcr Kunstwissenschaft und Medientheorie\u201c. Dass ich also noch nicht so lange als freier Autor firmiere und daf\u00fcr auch meinen Beamtenstatus aufgegeben habe, d\u00fcrfte umso mehr nach \u00fcberzeugter Identifikation klingen. Allerdings hat sich f\u00fcr mich durch den Statuswechsel gar nicht so viel ver\u00e4ndert. \u201eForschung und Lehre\u201c hie\u00df f\u00fcr mich ebenfalls bereits, Erkenntnisse und Thesen m\u00f6glichst in schriftliche Form zu bringen und \u00f6ffentlich zu machen. Wissenschaft lebt von Transparenz; nur was publiziert wird, kann auch \u00fcberpr\u00fcft, diskutiert, korrigiert oder erweitert werden. Die Bezeichnung \u201afreier Autor\u2019 sagt im Unterschied dazu erst einmal nur, dass ich meiner forschenden und publizistischen T\u00e4tigkeit au\u00dferhalb einer Institution und jenseits von Antragswissenschaft nachgehe. Aber letztlich sagt die Bezeichnung dann doch viel mehr. Zeugt sie nicht von dem Vertrauen, mit Publikationen den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu k\u00f6nnen? Die titelgebende Frage meines Vortrags k\u00f6nnte also genauso lauten: Publizieren, um \u2013 nicht \u2013 leben zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Woher aber kommt das Vertrauen in die existenzsichernden Kr\u00e4fte des Publizierens? Und wie kann jemand dieses Vertrauen haben, der weder Literatur noch Reportagen oder Drehb\u00fccher schreibt? Tats\u00e4chlich bekomme ich die meisten skeptischen, besorgten, ungl\u00e4ubigen Fragen von Leuten, die in \u00e4hnlichen F\u00e4chern t\u00e4tig, dabei aber fest angestellt sind \u2013 viel seltener von Menschen, die ihr Geld in ganz anderen Bereichen verdienen. Das mag damit zu tun haben, dass Fachfremde zu wenig Ahnung von den Verh\u00e4ltnissen in den Geisteswissenschaften haben, d\u00fcrfte aber mindestens so sehr daran liegen, dass die Vertreter von letzteren generell und habituell besonders zaghaft eingestellt sind, wenn es um die Bewertung der eigenen Chancen und F\u00e4higkeiten geht. Tats\u00e4chlich d\u00fcrfte es in kaum einem anderen Metier so gro\u00dfe Selbstachtungsdefizite und Defensivhaltungen geben wie unter Geisteswissenschaftler*innen. Manchmal bezweifeln sie sogar die eigene Wissenschaftlichkeit, und leider erheben viele von ihnen weder Anspr\u00fcche auf breitere Aufmerksamkeit und Anerkennung f\u00fcr ihre Publikationen, noch darauf, aktuelle Debatten mit ihren Stimmen zu bereichern.<\/p>\n<p>Weitere Gr\u00fcnde kommen hinzu, weshalb viele zu der Grundeinstellung neigen, das, was sie ver\u00f6ffentlichten, werde ohnehin nicht gelesen und sei letztlich nicht so wichtig. So geht gerade in der Kunstgeschichte \u2013 mehr als etwa in der Soziologie oder in der Politologie \u2013 der Verdacht um, die gro\u00dfen Zeiten des Fachs l\u00e4gen in der Vergangenheit; man k\u00f6nne bestenfalls gegen einen weiteren Bedeutungsverlust anschreiben, komme aber letztlich zu sp\u00e4t. Was also ist von dem Selbstbewusstsein geblieben, mit dem ein Wissenschaftler wie Heinrich W\u00f6lfflin nach allgemeing\u00fcltigen Formeln der Stilentwicklung suchte oder das einen Kunstschriftsteller wie Julius Meier-Graefe dazu brachte, Urteile \u00fcber K\u00fcnstler mit der Autorit\u00e4t eines letztinstanzlichen Richters zu f\u00e4llen? Dabei ist andererseits \u00fcberall vom \u201aIconic Turn\u2019 und von der wachsenden Bedeutung von Bildern die Rede. Gerade Kunst- und Bildwissenschaftler*innen k\u00f6nnten und sollten also eigentlich gr\u00f6\u00dferen Stellenwert, mehr \u00f6ffentliche Resonanz haben als fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Doch werden auch aus der Diagnose einer wachsenden Bildermacht lieber gegenteilige Schl\u00fcsse gezogen \u2013 und man mutma\u00dft, dass Texte und Diskurse insgesamt k\u00fcnftig keine so gro\u00dfe Rolle mehr spielen, die Epoche der Schrift also zu Ende geht. Was aber soll Wissenschaft dann \u00fcberhaupt noch sein? Ist ihre Zeit dann nicht auch vorbei? Oder m\u00fcsste sie sich vollst\u00e4ndig reformieren, um zeitgem\u00e4\u00df zu sein, ja um in einer Gesellschaft Geltung haben zu k\u00f6nnen, in der Evidenzen und Emotionen zunehmend eher mit Bildern als mit Worten geschaffen werden?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sprechen die technischen M\u00f6glichkeiten von Jahr zu Jahr mehr daf\u00fcr, zur Vermittlung von Wissen und als Ort f\u00fcr Debatten lieber auf multimediale Formate zu setzen statt weiter logozentrisch zu agieren. Doch auch jenseits von Ver\u00e4nderungen, die sich aus der Digitalisierung ergeben, l\u00e4sst sich schon l\u00e4nger vielfach eine Konjunktur von Spielarten des Demonstrierens und Zeigens \u2013 auf Kosten von Schrift und Sprache \u2013 erkennen. Gerade hinsichtlich des Umgangs mit Kunst ist sicher die Karriere des Mediums \u201aAusstellung\u2019 am eindrucksvollsten. Lange eher als Pranger und Entfremdungsinstrument wahrgenommen, traut man Ausstellungen seit einigen Jahrzehnten nahezu alles zu, ja glaubt offenbar, durch geschickte Auswahl und Anordnung von Exponaten lasse sich beliebig viel Erkenntnis hervorbringen. Entsprechend sind nicht mehr Kunstschriftsteller, Kritiker und Wissenschaftler, also Vertreter schreibender Berufe, sondern Kurator*innen \u2013 Profis des Zeigens \u2013 Leitfiguren des Kunstbetriebs.<\/p>\n<p>Sofern das Wort doch noch eine Rolle spielt, ist es aber \u2013 auch das eine immer manifestere Entwicklung \u2013 zunehmend das gesprochene und nicht das geschriebene Wort. Interviews und Podiumsdiskussionen boomen, und in der digitalen Welt finden Podcasts und YouTube-Channels selbst bei denen viel Resonanz, die bis vor kurzem noch eindeutig \u2013 schriftfixierte \u2013 B\u00fcchermenschen waren. F\u00fcr die j\u00fcngere Generation gilt das umso mehr \u2013 hier ist YouTube eine wichtigere Quelle f\u00fcr Wissen und Orientierung als Wikipedia und im Geist von Schriftlichkeit Geschriebenes weniger Teil des Alltags als eine Gegenwelt.<\/p>\n<p>Wie kann man sich unter solchen Umst\u00e4nden noch als freier Autor begreifen, wie nach wie vor darauf beharren, B\u00fccher zu publizieren \u2013 und wie \u00fcberhaupt schreiben? Wenn man (wie ich) schon ein wenig l\u00e4nger publizistisch t\u00e4tig ist, sind die angesprochenen Ver\u00e4nderungen nat\u00fcrlich auch direkt zu sp\u00fcren. Auflagen von B\u00fcchern werden kleiner, Rezensionen weniger, man wird seltener von Leser*innen kontaktiert. Daf\u00fcr bekommt man Mails von Studierenden, die ein Referat \u00fcber ein Buch halten sollen, es aber nicht lesen wollen, sondern darum bitten, dass der Autor ihnen Fragen dazu beantwortet. F\u00fcr Journalist*innen gilt das noch mehr. Man muss also, je mehr man geschrieben hat, desto \u00f6fter dar\u00fcber reden, hat also gleichsam doppelte Arbeit. Dabei droht das, was man in der schriftlichen Formulierung schon mal auf den Punkt gebracht hatte, in der R\u00fcckverm\u00fcndlichung wieder ungenauer zu werden. Aber es gilt als O-Ton \u2013 und das ist meist wichtiger.<\/p>\n<p>Wird man zu einer Lesung eingeladen, soll man ebenfalls keinesfalls mehr lesen, sondern erz\u00e4hlen oder sich interviewen lassen. Doch wird das Publikum dadurch nicht etwa neugierig auf das Buch, vielmehr haben die meisten, nachdem sie den Autor ja schon \u201alive\u2019 gesehen und geh\u00f6rt haben, das Gef\u00fchl, es gar nicht mehr lesen (und kaufen) zu m\u00fcssen. Das Buch ist also nur Anlass f\u00fcr einen Abend, wie man als Autor auch sonst zu einer Podiumsdiskussion oder zu einem Vortrag zwar eingeladen wird, weil man ein Buch geschrieben hat, dieses jedoch weder von den Veranstaltern davor noch vom Publikum danach gelesen wird. Selbst halbwegs erfolgreiche Autor*innen leben somit kaum \u2013 weniger denn je \u2013 von ihren B\u00fcchern, aber daf\u00fcr von den vielen Events, die mit ihnen bespielt werden.<\/p>\n<p>Das ist keine durchwegs schlechte, auf jeden Fall aber eine paradoxe Situation. Als Autor kann man daher n\u00e4mlich nur \u00fcberleben, wenn man willens und f\u00e4hig ist, auch aufzutreten und gerade nicht das zu tun, was man dem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis zufolge eigentlich tut und am liebsten tun will: schreiben. Entsprechend muss man sich ein wenig sorgen, ob man wohl auch noch eingeladen werden wird, wenn sich erst einmal feste Gr\u00f6\u00dfen in den neuen Formaten etabliert haben, die \u2013 etwa als YouTuber oder Podcaster \u2013 von vornherein ge\u00fcbter und begabter darin sein d\u00fcrften, zu performen, sich in Szene zu setzen und unterhaltsam zu sein. Doch noch ist es nicht so weit. Noch tingelt man als Autor von Pult zu Pult und Podium zu Podium \u2013 und darf sich dabei sogar ein klein wenig wichtig vorkommen.<\/p>\n<p>Ist man zwischendurch wieder zuhause, schreibt man weiter an den Texten, vielleicht sogar am n\u00e4chsten Buch. Doch w\u00e4re man ein nachl\u00e4ssiger und kurzsichtiger Autor, lie\u00dfen einen die Erfahrungen mit so vielen Nicht-Leser*innen und so wenigen Leser*innen unbeeindruckt. Die ber\u00fchmte Sinnfrage k\u00f6nnte sich stellen, aber genauso ist es m\u00f6glich, sich in eine \u201aTrotz alledem\u2019-Haltung zu begeben. Ich selbst mache mir viele Gedanken dar\u00fcber, wie sich B\u00fccher schreiben lie\u00dfen, die entgegen allen gegenl\u00e4ufigen Trends dennoch gelesen werden k\u00f6nnten. Und ich bin auch froh, dass ich mir solche Gedanken machen muss, denn ich bin \u00fcberzeugt davon, dass es einer Sache gut tut, wenn sie nicht selbstverst\u00e4ndlich geschieht, sondern immer wieder neu begr\u00fcndet und neu angepasst werden muss. Die diversen Zweifel, die man als Autor und erst recht als geistes- und kunstwissenschaftlicher Autor heute haben kann, versuche ich also nicht zu verdr\u00e4ngen, sondern mich davon leiten zu lassen und sie als Treibstoff f\u00fcr Reflexion und Ausprobieren zu nutzen.<\/p>\n<p>Von Buch zu Buch brauche ich daher aber auch l\u00e4nger, bis ich eine Form finde, die mich selbst \u00fcberzeugt. Am Anfang steht meist die Vorstellung, eines der beliebten m\u00fcndlichen Formate zu \u00fcbernehmen und den gesamten Text als Interview oder Gespr\u00e4ch abzufassen. W\u00fcrde das nicht leichter und lebendiger zu lesen sein als eine kompakte Abhandlung? Und gibt es daf\u00fcr nicht auch ber\u00fchmte Vorbilder \u2013 zumal aus Zeiten, in denen sich Formfragen ebenfalls schon st\u00e4rker stellten oder in denen Medienumbr\u00fcche stattfanden? War etwas \u00c4hnliches nicht sogar schon Platons Erfolgsrezept? Und ist Platon nicht ohnehin (einmal mehr) moderner denn je, weil er nicht nur Dialoge verfasst hat, sondern auch ein erkl\u00e4rter Kritiker der Schrift war? Er lebte in der gegenl\u00e4ufigen Umbruchszeit zu der, die aktuell begonnen hat, blickte also noch als Fremdling auf das Neuland \u201aSchrift\u2019 und kannte alle Vorbehalte ihr gegen\u00fcber. Das gewichtigste Argument ihr gegen\u00fcber lautete, dass ein geschriebener Text gleichsam tot, nur ein Notbehelf sei, mit dem die Gedanken eines Autors fixiert w\u00fcrden, der aber viel besser, wirkungsvoller, passgenauer agieren k\u00f6nne, wenn er selbst anwesend \u2013 m\u00fcndlich pr\u00e4sent \u2013 sei.<\/p>\n<p>Beim weiteren Konzipieren eines Buchs habe ich mich dann aber bisher doch jedes Mal wieder von der Adaption einer m\u00fcndlichen Form verabschiedet; sie erscheint mir als Fake, ist zwar vielleicht mit weniger H\u00fcrden rezipierbar, entbehrt aber, au\u00dfer sie w\u00fcrde ihrerseits manieriert, der Vorz\u00fcge des Schriftlichen, also etwa einer Verdichtung durch Leitmotive oder einer Systematisierung von Argumenten. Dennoch bleibt die Phase der Formfindung von dem Wunsch gepr\u00e4gt, den sich \u00e4ndernden Anspr\u00fcchen m\u00f6glicher Leser*innen entgegenzukommen. Gef\u00e4lligkeit und Unterhaltsamkeit \u2013 so rede ich mir ein \u2013 sind dabei aber sicher nicht die einzigen Kriterien. Oder kann etwa nicht gerade die Verdichtung dazu f\u00fchren, eine Lekt\u00fcre zwar nicht einfacher, aber daf\u00fcr intensiver zu machen \u2013 und auf diese Weise die Lesezeit \u2013 und letztlich die Lebenszeit \u2013 erf\u00fcllter werden zu lassen? Die Zeit anderer nicht zu verschwenden, scheint mir tats\u00e4chlich einer der w\u00fcnschenswertesten Imperative f\u00fcr Autor*innen zu sein, und zu \u00fcberlegen, wie man Thesen anschaulicher, Argumente pr\u00e4gnanter und Beispiele ohne Geschw\u00e4tzigkeit formulieren kann, kann \u2013 und sollte \u2013 immer wieder Ansporn sein. Das Buch ist dann bestenfalls ein Konzentrat \u2013 und im Extremfall gar nicht darauf angelegt, auf einmal und im Ganzen gelesen zu werden.<\/p>\n<p>Dass nichts selbstverst\u00e4ndlich und zugleich mehr denn je m\u00f6glich ist, bedeutet also eigentlich eine Chance f\u00fcr die Gattung \u201aSachbuch\u2019. Vielleicht k\u00f6nnte man daher sogar eine weitere Paradoxie diagnostizieren: Die wachsende Lese-Krise hat nicht zwangsl\u00e4ufig ein Nachlassen der Qualit\u00e4t zur Folge, vielmehr k\u00f6nnen die Zweifel, Skrupel und \u00dcberlegungen der betroffenen Autor*innen im Gegenteil sogar zu einer Verbesserung der Standards von Lesefreundlichkeit, eventuell aber auch zu innovativen Formen von Stil, Dramaturgie und Darstellung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Um diese Vermutung beweisen (oder auch nur plausibel machen) zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste man jedoch m\u00f6glichst viele heutige und \u2013 im Vergleich dazu \u2013 fr\u00fchere Sachb\u00fccher lesen. Allerdings sind auch Autor*innen mittlerweile h\u00e4ufiger als fr\u00fcher Nicht-Leser*innen als Leser*innen \u2013 dies eine Beobachtung, von der ich mich selbst keinesfalls ausnehmen kann. Zwar wurde sicher zu allen Zeiten Lekt\u00fcre gerne simuliert, weshalb als Gegenmittel sogar die Akademien gegr\u00fcndet wurden, die nicht zuletzt auf der Idee beruhen, ihre Mitglieder zum Studium der Schriften der anderen Mitglieder \u2013 also auf ein Leseethos \u2013 zu verpflichten. Doch heute gibt es dank der vielen Interviews und \u00e4hnlichen Formate simple und gute M\u00f6glichkeiten, Lekt\u00fcre zu substituieren. Und warum sollten Autor*innen davon weniger Gebrauch machen als andere Interessierte? So bleiben viele der mutma\u00dflich guten B\u00fccher auch unter Kolleg*innen weithin ungelesen. Die Autorent\u00e4tigkeit selbst ist damit aber zugleich einsamer als fr\u00fcher, da man weniger in Reaktion auf andere B\u00fccher \u2013 h\u00f6chstens in Reaktion auf andere Positionen \u2013 schreibt. Das wiederum f\u00fchrt dazu, dass es auch weniger Verbundenheit unter Autor*innen gibt \u2013 und entsprechend weniger Standes- und Selbstbewusstsein. Zudem d\u00fcrfte der Qualit\u00e4tsgewinn, der darin liegen kann, dass man als Autor*in heute vermehrt \u00fcber Leser*innen und Vermittlungsfragen nachdenkt, dadurch wieder wettgemacht werden, dass man weniger in der schriftlich-textlichen Auseinandersetzung mit anderen Autor*innen steht als fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Autor*innen mangelt es heutzutage vor allem aber auch deshalb an Selbstbewusstsein, weil mehr Menschen denn je Texte publizieren. Vor allem das Internet macht es m\u00f6glich. Der Krise des Lesens korrespondiert also gewiss keine Krise des Schreibens. Dies ist eine weitere Paradoxie, die sich noch durch die Hypothese steigern l\u00e4sst, dass viele auch deshalb weniger lesen, weil sie daf\u00fcr mehr schreiben, dieselbe Zeit somit lieber f\u00fcr das Produzieren als f\u00fcr das Rezipieren von Texten verwenden. Autor*in zu sein, ist damit nichts Besonderes mehr, die Bezeichnung selbst vermag kaum noch motivierend zu wirken.<\/p>\n<p>Diejenigen, die sich eigentlich mit mehr Berechtigung und \u00dcberzeugung als Autor*innen begreifen k\u00f6nnten, weil sie B\u00fccher und nicht nur kleine Beitr\u00e4ge oder journalistische oder gleichsam m\u00fcndliche Texte schreiben, tun sich mittlerweile sogar umso schwerer, Selbstvertrauen oder gar Stolz aus ihrer T\u00e4tigkeit zu beziehen. Denn ihnen bleibt nicht verborgen, dass selbst mittelm\u00e4\u00dfige Blogs mit hastig geschriebenen Beitr\u00e4gen oft viel mehr gelesen werden als B\u00fccher, in denen Jahren an Arbeit steckt. Online zu publizieren, hei\u00dft, vernetzt zu sein, und jeder Link bietet die Chance, neues und noch mehr Publikum zu bekommen, das zugleich die M\u00f6glichkeit hat, bei Bedarf schnell und unkompliziert zu reagieren \u2013 mit einem Kommentar, einem Tweet oder auch nur einem Like. Diese unmittelbare Kommunikation f\u00f6rdert die Verm\u00fcndlichung des Schreibens, zugleich aber l\u00e4sst es sich als Defizit empfinden, dass bei B\u00fcchern \u2013 und selbst bei E-Books \u2013 Austausch und Vernetzung nicht gleicherma\u00dfen stattfinden. Entsprechend w\u00e4chst bei Autor*innen von B\u00fcchern nach und nach der Eindruck, ihr Geschriebenes habe den Charakter von Grabbeigaben: sei zwar sicher aufgehoben, aber auch f\u00fcr lange Zeit, vielleicht f\u00fcr immer verborgen \u2013 und damit tot. Will man Austausch und Debatte vermeiden, so l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, braucht man nur ein Buch zu schreiben und zugleich auf Interviews oder andere Aussagen dazu zu verzichten. Noch mehr Garantie, folgenlos zu bleiben, gibt es f\u00fcr Texte in gedruckten Sammelb\u00e4nden, mit denen Symposien dokumentiert oder Jubil\u00e4en begangen werden. Ich kann mich nicht erinnern, hier jemals eine Reaktion bekommen zu haben.<\/p>\n<p>Dagegen bin ich immer wieder \u00fcberrascht, wie es sich anf\u00fchlt, wenn ein Text, der zuerst im Print erschienen ist, einige Wochen oder Monate sp\u00e4ter online publiziert wird. Es ist, als w\u00fcrde er an die Kreisl\u00e4ufe der Kommunikation angeschlossen und zum Leben erweckt. Pl\u00f6tzlich gibt es wirklich R\u00fcckmeldungen, manchmal entspinnt sich sogar eine Diskussion, oder man findet sich zitiert. Wer die Idee von Wissenschaft ernst nimmt, m\u00fcsste somit darauf achten, dass m\u00f6glichst viele eigene Texte online zur Verf\u00fcgung stehen, denn so etwas wie eine \u201ascientific community\u2019 kann nur noch im Netz real sein. Nur was online zu finden ist, ist gen\u00fcgend gut verf\u00fcgbar, um auch rezipiert zu werden. Nur was online steht, ist wirklich \u00f6ffentlich \u2013 ist wirklich publiziert.<\/p>\n<p>Das gilt wiederum nur f\u00fcr Texte, die nicht hinter Bezahlschranken liegen, denn auch sie stellen oft \u2013 nicht nur finanziell, sondern ebenso logistisch \u2013 ein so gro\u00dfes Hindernis dar, dass sie den freien Fluss weitgehend zum Stillstand bringen. Dieser Umstand erinnert aber zugleich daran, wie schwer es generell \u2013 nicht nur im Bereich der Wissenschaft \u2013 ist, im Netz mit Texten Geld zu verdienen \u2013 wie schwer es also erst recht ist, als Autor*in von Online-Publikationen leben zu k\u00f6nnen. Doch da es (wie ich ausf\u00fchrte) l\u00e4ngst genauso wenig realistisch ist, mit B\u00fcchern den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern das eher dank der Einladungen einer vielf\u00e4ltigen Eventkultur gelingt, bedeutet es auch nicht unbedingt weitere Einbu\u00dfen, wenn man f\u00fcr wenig bis kein Geld online publiziert. Aktuell h\u00e4lt es sich ungef\u00e4hr die Waage, ob man wegen eines Online-Beitrags, der zu einer Diskussion f\u00fchrte, zu einem Auftritt eingeladen wird, oder ob das geschieht, weil man ein Buch geschrieben und allein damit besonderes Engagement f\u00fcr ein Thema an den Tag gelegt hat. K\u00fcnftig k\u00f6nnten B\u00fccher aber auch in dieser Hinsicht an Bedeutung verlieren, und statt einen renommierten Verlag zu haben, wird es f\u00fcr Autor*innen dann wichtiger sein, online gut vernetzt zu sein.<\/p>\n<p>Eventuell erw\u00e4chst aus der allgemeinen Vernetztheit aber auch ein neues Bed\u00fcrfnis nach Exklusivit\u00e4t, und vorstellbar erscheint mir, dass es k\u00fcnftig einen Markt f\u00fcr Texte gibt, die nur in limitierten Editionen gedruckt werden und allein aufgrund ihrer Knappheit als wertvoll gelten und entsprechend teuer sind. Etwas lesen zu k\u00f6nnen, von dem man wei\u00df, dass andere es nicht lesen k\u00f6nnen, d\u00fcrfte eine Erfahrung sein, die sich mancher einiges kosten lassen wird. Schon jetzt gibt es vermutlich viel mehr Geschriebenes und gerade auch viel mehr Wissenschaft jenseits jeglicher \u00d6ffentlichkeit, als man zuerst vermuten w\u00fcrde. Man denke nur an die zahllosen Studien und Expertisen, die Unternehmen in Auftrag geben und die gar nie gedruckt oder publiziert werden. Es l\u00e4sst sich hier von einer Schattenwissenschaft sprechen, die meist sogar mit Geheimhaltungspflichten einhergeht, da sich die Auftraggeber von der Exklusivit\u00e4t Vorteile gegen\u00fcber der Konkurrenz erhoffen. Eigentlich sollten sie allerdings eher die Sorge haben, dass man ihnen nicht unbedingt das Beste verkauft \u2013 allein weil es hier keinerlei Kontrolle durch andere Wissenschaftler*innen geben kann. Aus der Sicht eines Ideals von Wissenschaft m\u00fcsste man jede derart gezielte Nicht-Publizit\u00e4t sogar als R\u00fcckschritt verurteilen \u2013 als Weg zur\u00fcck in Eigenbr\u00f6telei und Idiosynkrasie. Nicht zuletzt drohen dort Einseitigkeit und sogar Ideologisierung, da die Interessen der Auftraggeber st\u00e4rker sein k\u00f6nnen als der Wunsch nach Sachlichkeit. Andererseits sind Exklusivauftr\u00e4ge gut bezahlt, f\u00fcr Autor*innen, die mit ihrer \u00f6ffentlichen Arbeit nicht gen\u00fcgend verdienen, daher neben den Einladungen zu Vortr\u00e4gen und Events eine willkommene Einnahmequelle.<\/p>\n<p>Heutzutage \u2013 so wie ich \u2013 als freier Autor zu leben, bedeutet also, nie auf einen Nenner bringen zu k\u00f6nnen, was man tut. Manchmal hat man viel \u00d6ffentlichkeit, bekommt aber kein Geld, ein anderes Mal empfindet man eine gute Bezahlung fast schon als Schweige- oder Schmerzensgeld, weil Schreiben dann gerade nicht Publizieren bedeutet, sondern zur Geheimangelegenheit wird. Manchmal hat man als Autor mehr zu reden als zu schreiben, und generell hat man es mit einem Medienwandel zu tun, der sehr vieles, was lange Zeit selbstverst\u00e4ndlich war, infrage stellt \u2013 weit \u00fcber die Rolle von Autor*innen hinaus. Eine Identifikation mit einer festen Idee von \u201afreier Autor\u2019 ist also gar nicht m\u00f6glich. F\u00fcr mich jedoch besteht der Reiz des Autor-Seins gerade darin, ein immer skeptisches, immer leicht gebrochenes Verh\u00e4ltnis dazu zu haben. Vielleicht bin ich sogar nur Autor geworden, weil ich generell ein Problem habe, mich mit etwas zu identifizieren. Vielleicht bin ich es also gerade nicht, weil ich so viel Vertrauen in diese T\u00e4tigkeit und ihre Zukunftstauglichkeit habe, sondern weil ich die Beweglichkeit mag, die aus Unsicherheit resultiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diesen Vortrag hielt Wolfgang Ullrich auf der Tagung \u201eDie Zukunft des kunstwissenschaftlichen Publizierens\u201c, die am 19.\/20. Juli 2019 auf Initiative des \u201eZentralinstituts f\u00fcr Kunstgeschichte\u201c in M\u00fcnchen stattfand. Zuerst publiziert auf der Website des Autors, Ver\u00f6ffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang Ullrich<\/a> ist freier Autor (Leipzig).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werkstattbericht eines \u201afreien Autors\u2018<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[270,321,794,1089,1161,1719,1916,2452,2550],"class_list":["post-9396","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-autor","tag-berufsbilder","tag-freier-autor","tag-internet","tag-journal","tag-online-publikation","tag-publizieren","tag-vernetzung","tag-wissenschaftliches-publizieren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9396","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9396"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9396\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9396"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9396"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9396"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}