{"id":9415,"date":"2019-08-12T08:30:08","date_gmt":"2019-08-12T06:30:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9415"},"modified":"2019-08-12T08:30:08","modified_gmt":"2019-08-12T06:30:08","slug":"mottoshirtsvon-marlen-hobrack12-8-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/08\/12\/mottoshirtsvon-marlen-hobrack12-8-2019\/","title":{"rendered":"Mottoshirtsvon Marlen Hobrack12.8.2019"},"content":{"rendered":"<p>Modebotschaften<!--more--><\/p>\n<p>[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2018\/09\/24\/heft-13-pop-kultur-und-kritik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heft 13<\/a>, Herbst 2018, S. 45-49]<\/p>\n<p>Es hei\u00dft, Mode sei eine M\u00f6glichkeit des Ausdrucks der eigenen Pers\u00f6nlichkeit. Seitenweise widmen sich Modemagazine der Frage, wie die eigene Pers\u00f6nlichkeit durch Kleidung unterstrichen werden kann \u2013 als sei Pers\u00f6nlichkeit ein Text, der zur besseren Lesbarkeit mit reichlich Textmarkereingriffen zur Geltung gebracht werden muss. \u203aExpress yourself!\u2039 ist ihre Maxime, die stets in die Aporie f\u00fchrt, Individualit\u00e4t durch genormte, massenhaft verkaufte Fast Fashion ausdr\u00fccken zu wollen.<\/p>\n<p>Mode fungiert dabei als universales Zeichensystem, basierend auf einem Code, den alle verstehen \u2013 nicht weil er besonders elaboriert ist, sondern weil er gleicherma\u00dfen basal wie banal ist. Er wird umso lesbarer, je deutlicher seine Botschaft in einem bekannten Zeichensystem Ausdruck findet. Genau das erkl\u00e4rt den seit nunmehr zwei Jahren ungebrochenen Hype der Motto-, Logo- und Bandshirts, sowohl auf den High-Fashion-Laufstegen als auch in den Gesch\u00e4ften der Massenmodeketten von H&amp;M bis Zara.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wenn Mode die Pers\u00f6nlichkeit unterstreichen soll, liegt nichts n\u00e4her, als die eigenen Ideale oder W\u00fcnsche auf einem Mottoshirt auszudr\u00fccken oder die Vorliebe f\u00fcr eine Band oder einen Star auf stolzgeschwellter Brust vor sich herzutragen. Nun k\u00f6nnte man wie die Schriftstellerin Fran Lebowitz zynisch fragen: Wenn sich sowieso schon niemand f\u00fcr dich interessiert, warum sollten wir uns f\u00fcr deine T-Shirt-Botschaft interessieren? Ob die Botschaft des Shirts beim potenziellen Empf\u00e4nger ankommt, h\u00e4ngt also ganz wesentlich von dessen Interesse ab. Oder dominiert der Bekenntniswert, wobei die Botschaft ein Bekenntnis vor sich selbst ist und erst als Sekund\u00e4reffekt eine Gemeinschaft mit anderen stiftet?<\/p>\n<p>Im Jahr 2017 kam das am meisten Aufsehen erregende Mottoshirt aus Diors Fr\u00fchjahr\/Sommer-Kollektion; es tr\u00e4gt die Aufschrift \u00bbWe should all be feminists\u00ab. Das bei Feuilletonisten, Instagram-Influencern und Stars gleicherma\u00dfen beliebte baumwollgewordene Bekenntnis zum Feminismus f\u00fchrt das Problem des Sloganshirts deutlich vor Augen: Das Mottoshirt widerlegt die beabsichtigte Botschaft selbst. Im Fall Diors handelt es sich um ein Shirt, das einer emanzipativen Geste das Wort redet, dies aber anordnet und, beinahe \u00fcbergriffig, ein universales \u00bbWir\u00ab behauptet. Auf einer tieferen Ebene wird ein solches Motto geradezu durchgestrichen: Die Herstellungspraktiken der global agierenden Modefirmen, die Shirts in Schwellenl\u00e4ndern von unterbezahlten Frauen herstellen und auf Modenschauen vor allem durch westliche, wei\u00dfe Frauen vorf\u00fchren lassen, stehen im eklatanten Widerspruch zur Forderung nach Gleichheit.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BdP4_wRAJDn\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9416\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-13.57.23-1024x648.png\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"440\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-13.57.23-1024x648.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-13.57.23-300x190.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-13.57.23-768x486.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-13.57.23.png 1072w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mode hat auch fr\u00fcher schon versucht, \u203aFemale Empowerment\u2039 zu symbolisieren \u2013 man denke nur an 80er-Jahre-Silhouetten mit breiten Schulterpolstern. Stets waren solche Trends mehr oder weniger subtil; die Botschaft wurde nicht direkt auf dem Leib ausbuchstabiert; vielmehr wurde die Silhouette re- oder deformiert. Das Sloganshirt stellt die allgemeinste Stufe des Versuchs dar, Kleidung zu codieren \u2013 nicht zuletzt weil dieser Versuch im Medium des Baumwollshirts stattfindet, das geschlechterneutral ausf\u00e4llt und den K\u00f6rper unter der Kleidung eher unsichtbar macht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr\/Sommer 2018 dominieren nicht l\u00e4nger politische Botschaften, die in ihrer Vereinfachung ein gewisses Unbehagen erzeugen, sondern Marken-Shirts, nicht blo\u00df von traditionellen T-Shirt-Firmen wie adidas oder Levi\u02bcs, sondern vor allem von solchen Marken, die einen nostalgischen Erinnerungswert besitzen: 7up, die man schon als Kind geschmacklich nicht vom Brausekonkurrenten Sprite zu unterscheiden vermochte. Oder die v\u00f6llig zurecht stiefm\u00fctterlich behandelte Cherry Coke, die stets an ihre No-Name-Produktimitationen erinnerte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ebenfalls sehr beliebt und in diesem Modejahr omnipr\u00e4sent ist das NASA-T-Shirt. Es gibt von ihm viele Varianten, bisweilen mit simplem NASA-Logo, dann als nostalgische Variante im Used-Look oder als Mottoshirt mit der Aufschrift: \u00bbI need some space\u00ab. Es passt zum ungebrochenen Trend der Idealisierung des Wissenschaftsnerds, wobei inzwischen jeder, der im Chemieunterricht in der Schule leidlichen Erfolg hatte, sich selbst als Nerd anzusehen scheint. Die meisten NASA-Shirttr\u00e4ger sind zu jung, um die ikonischen Raketenstarts der Apolloraketen miterlebt zu haben; allenfalls erinnern sie sich an das tragische Challenger-Ungl\u00fcck. Die NASA-Shirts sind etwas f\u00fcr die, die nicht dabei waren, f\u00fcr die, die zu sp\u00e4t gekommen sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/B06nLGhHzFD\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9417\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.01.14-1024x655.png\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"445\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.01.14-1024x655.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.01.14-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.01.14-768x491.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.01.14.png 1073w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr die gleichfalls allgegenw\u00e4rtigen Shirts mit Musikern und Bands, die einen mehr oder weniger nostalgischen Charakter besitzen: Whitney Houston zu besten MTV-Zeiten mit riesiger Schleife im Haar auf einem 80er-Jahre-Sweatshirt, Misfits-, Metallica- und AC\/DC-Shirts, die von der Teenie- \u00fcber die Erwachsenen- bis zur Babyabteilung bei C&amp;A, Zara und anderswo in jedweder Variante zu haben sind. Auch hier kann es schwerlich um die Markierung des Ich-bin-dabei-gewesen-Seins gehen. Denn das ist ja die \u00fcbliche Konnotation des Bandshirts: dass man es idealerweise auf einer Tour oder einem Festival gekauft und mit Blut, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen im Moshpit oder auf schlammigen Campingpl\u00e4tzen verdient hat. Nichts davon trifft auf die Bandshirts zu, die sich nun in den Kollektionen finden. H&amp;M \u00fcbrigens f\u00fchrte das Spiel mit den Bandshirts in eine neue Dimension: So konnte man in der Herrenabteilung ein Shirt mit dem Machine Head-Albumcover von \u00bbThe Blackening\u00ab kaufen \u2013 allerdings ohne den Bandnamen, daf\u00fcr aber um glitzernde Strasssteinchen erg\u00e4nzt. Thrash Metal wird zu Glam-Rock.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das \u00bbThe Blackening\u00ab-Albumcover enth\u00e4lt eine emblematische Botschaft: Zu sehen ist ein Skelett in k\u00f6niglicher Robe, dessen Fu\u00df auf der Weltkugel ruht; gewisserma\u00dfen also der Tod in der Funktion des ultimativen Verheerers anstelle des Salvator mundi. Der Tod h\u00e4lt dem Betrachter einen Spiegel vor, auf dem in spiegelverkehrter Schrift geschrieben steht: \u00bbThe mirror which flatters not.\u00ab Solch ein Spiegel, der nicht schmeichelt, ist wiederum ein wunderbares Sinnbild f\u00fcr die Beziehung von Mensch und Mode \u2013 und damit sind nicht die schmalen Umkleide-Spiegel samt unangenehmer Beleuchtung gemeint. Gemeint ist das Verh\u00e4ltnis von Sehen- und Gesehen-Werden, das der Kernaspekt der Mode ist und zugleich deren Signalcharakter unterstreicht: Man kleidet sich nicht f\u00fcr sich selbst modisch. Man sendet eine Botschaft, die lautet: Alles ist eitel.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nebenbei f\u00fchrt uns das Emblem zu der tieferen Bedeutungsebene des Motto- und Bandshirts in seiner Doppelfunktion als indexikalisches wie ikonisches Zeichen. Portr\u00e4ts von Whitney Houston oder Kurt Cobain auf Shirts sind fraglos ikonische Zeichen, als Portr\u00e4t mit ihren Referenzobjekten verkn\u00fcpft. Zugleich fungieren sie als Index, der auf die popkulturelle Einbettung der Mode sowie die Rolle der Mode in der Popkultur verweist. Ebenso verh\u00e4lt es sich mit dem Markenshirt, das nicht nur auf die Marke verweist, sondern zudem auf die mit dieser (zumindest imagin\u00e4r) verbundenen Eigenschaften und deren popkulturelle Bedeutung. Dass nun die etwas abwegigen Marken \u2013 wie Cherry Coke oder 7up \u2013 die Shirts dominieren, mag am Hang der Mode zum nostalgischen Revival liegen. Das Markenshirt verdeutlicht in jedem Fall den Warencharakter der Mode (der bisweilen hinter ihrem Fetischcharakter verschwindet). Je trivialer die Marke, desto besser (man denke auch an Andy Warhols Pop-Art-Drucke von Campbell\u2019s Soup Cans), denn so r\u00fcckt nicht die Marke selbst in den Vordergrund, sondern der popkulturelle Hintergrund, der symbolische Referenzrahmen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/B0ehb-vHUjn\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-9418\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.18.02.png\" alt=\"\" width=\"769\" height=\"566\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.18.02.png 933w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.18.02-300x221.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/08\/Bildschirmfoto-2019-08-11-um-14.18.02-768x566.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 769px) 100vw, 769px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In der Marke verschwimmen Ware und Wort, Ding und Zeichen. Das einfache Ding erh\u00e4lt einen symbolischen \u00dcberschuss; die symbolische \u00dcberschussproduktion ist menschliche Kulturleistung par excellence. Mode, die Slogans, Bandlogos und Marken zeigt, kennzeichnet sich selbst als Referenzobjekt und Zeichensystem. Sie tut das nicht auf subtile Art, sondern buchstabiert es aus. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"www.marlen-hobrack.de\">Marlen Hobrack<\/a>\u00a0schreibt als freie Autorin u.a. f\u00fcr den Freitag und Zeit Online.<\/p>\n<div class=\"sfsi_Sicons\">\n<div><\/div>\n<div class=\"sfsi_socialwpr\">\n<div class=\"sf_fb\">\n<div class=\"fb-share-button fb_iframe_widget\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Modebotschaften<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[182,923,1569,1620,2504,2506],"class_list":["post-9415","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-andy-warhol","tag-hm","tag-mottoshirts","tag-nasa-shirt","tag-warhol","tag-we-should-all-be-feminists"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9415","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9415"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9415\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9415"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9415"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9415"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}