{"id":9439,"date":"2019-09-16T08:38:38","date_gmt":"2019-09-16T06:38:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9439"},"modified":"2019-09-16T08:38:38","modified_gmt":"2019-09-16T06:38:38","slug":"pop-oberflaechen-nach-der-postmodernevon-elena-beregow16-9-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/09\/16\/pop-oberflaechen-nach-der-postmodernevon-elena-beregow16-9-2019\/","title":{"rendered":"Pop-Oberfl\u00e4chen nach der Postmodernevon Elena Beregow16.9.2019"},"content":{"rendered":"<p>Nichts dahinter<!--more--><\/p>\n<p>[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2018\/09\/24\/heft-13-pop-kultur-und-kritik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heft 13<\/a>, Herbst 2018, S.154-177]<\/p>\n<p>Wer im Alltag \u203aOberfl\u00e4chlichkeit\u2039 diagnostiziert, spricht in der Regel im Tonfall der Kulturkritik, m\u00f6chte auf Flachheit, Gehalt-, Geist- oder Inhaltslosigkeit hinweisen. Wenn das Prinzip der Oberfl\u00e4che irgendwo Wertsch\u00e4tzung erf\u00e4hrt, dann im Pop \u2013 auf diese Formel k\u00f6nnen sich viele Vertreter*innen aus Poptheorie und -kritik einigen. Ausschlaggebend f\u00fcr diese Intuition ist der Popdiskurs der 1980er Jahre, der im Motiv der Oberfl\u00e4che eine Koalition von Pop und der theorieges\u00e4ttigten Postmoderne-Debatte kn\u00fcpfte.<\/p>\n<p>Was aber geschieht mit dem Prinzip der Oberfl\u00e4che, wenn es von postmodernen Prinzipien entkoppelt wird? F\u00fcr die Gegenwart nach der Postmoderne ist im Pop erstens eine neue Ernsthaftigkeit zu verzeichnen, die sich in einem Unbehagen an Oberfl\u00e4che und Gl\u00e4tte manifestiert; zweitens eine konstante Oberfl\u00e4chenfaszination, die sich anderer Logiken, \u00c4sthetiken und Artikulationsformen bedient als noch in den 1980er Jahren. Statt von einem blo\u00dfen Untergang des postmodernen Oberfl\u00e4chenlobs auszugehen, soll der Blick in diesem Beitrag auf die aktuellen Rekonfigurationen von Pop-Oberfl\u00e4chen gerichtet werden. Denn Pop bleibt Ort der Oberfl\u00e4chenverhandlung und ist daher zum einen geeignet, neuen und alten Diskursen der Oberfl\u00e4chenkritik und -affirmation nachzusp\u00fcren, und zum anderen zu fragen, ob sich hier eine Erneuerung, ja ein \u203aStrukturwandel\u2039 der Oberfl\u00e4che vollzieht.<\/p>\n<p>In der wissenschaftlichen Debatte kommt der Oberfl\u00e4che seit einigen Jahren wieder verst\u00e4rkte Aufmerksamkeit zu. Im Zuge des \u203amaterial turn\u2039 in den Kultur- und Medienwissenschaften beziehen neuere Arbeiten ihre Impulse zunehmend aus den praktischen Gestaltungen von Oberfl\u00e4chen, z.B. in Physik und (digitaler) Medientechnik, in (Mode-)Design und Architektur, aber auch in Geografie und milit\u00e4rischer Forschung (vgl. Lechtermann\/Rieger 2015). Ganz in diesem Sinne widmet sich etwa das Forschungsnetzwerk \u00bbsurface studies\u00ab Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomenen wie der Haut, Bildschirmen, Linien und Landschaften ausgehend von ihren materiellen Herstellungsweisen (surfacestudies.org; vgl. etwa Connor 2004; Ingold 2007; Coleman 2015). F\u00fcr die \u00c4sthetik und Poetik der Oberfl\u00e4che, die sich etwa im Feld der Popliteratur (Grabienski et al. 2011) mit der \u00e4sthetischen Verarbeitung der Oberfl\u00e4che \u2013 und ihrer semantischen Abwertung gegen\u00fcber ihrem Pendant der \u203aTiefe\u2039 \u2013 besch\u00e4ftigt, sind haupts\u00e4chlich die Literaturwissenschaften zust\u00e4ndig.Im Rahmen dieses Beitrags soll eine Perspektive auf Pop-Oberfl\u00e4chen entwickelt werden, die ihre Materialit\u00e4t und \u00c4sthetik zusammendenkt, indem sie das Interesse auf die Metaphorisierungsprozesse lenkt, welche die sinnlich-materiellen Arrangements von Oberfl\u00e4chen modellieren. Ausgehend vom theoretischen Status der Oberfl\u00e4che in der Postmoderne-Debatte und dem Schl\u00fcsselbegriff der Intensit\u00e4t wird gezeigt, wie sich im historischen Oberfl\u00e4chenlob in Popmusik und -kritik der 1980er Jahre unterschiedliche Oberfl\u00e4chentypen herauskristallisieren. In diesem Aufsatz werden drei Typen aus dem Bereich der Popmusik herausgearbeitet: Die \u203aGlam-Oberfl\u00e4che\u2039, die \u203amilit\u00e4rische Oberfl\u00e4che\u2039 und die \u203aZitatoberfl\u00e4che\u2039. Popbands eignen sich als Gegenstand der Untersuchung von Pop-Oberfl\u00e4chen besonders, weil sie mit ihrem Stilverbund aus Musik, Mode, Performance, Video- und Plattencovergestaltung u.v.m. ein ganzes Repertoire heterogener Oberfl\u00e4chen hervorbringen, die in ihrem Zusammenspiel wirksam werden. Was die drei Typen verbindet, ist eine Authentizit\u00e4tskritik, die sich \u00fcber die sinnlichen Qualit\u00e4ten der Oberfl\u00e4chen artikuliert: K\u00e4lte, Gl\u00e4tte, H\u00e4rte. In dieser Weise findet hier eine Aufladung der Oberfl\u00e4che mit taktilen und thermischen Attributen statt, die das Primat des Visuellen in Frage stellt, welches das postmoderne Konzept der Oberfl\u00e4che gepr\u00e4gt hatte.<\/p>\n<p>Bei einem Blick auf Pop-Oberfl\u00e4chen der Gegenwart wird deutlich, dass die Logik der politisch-\u00e4sthetischen Provokationen der 1980er, die auf einem Kult der Distanz aufbauen, nicht mehr greift. Zwar schreiben sich die Pfade einer \u203aGlam-Oberfl\u00e4che\u2039, einer \u203amilit\u00e4rischen Oberfl\u00e4che\u2039 und einer \u203aZitatoberfl\u00e4che\u2039 bis in die Gegenwart fort, aber die enge Artikulation von Oberfl\u00e4chen mit K\u00e4lte und Gl\u00e4tte wird aufgebrochen. Was bedeutet es f\u00fcr aktuelle Pop-Oberfl\u00e4chen, wenn sie jenseits der bew\u00e4hrten Strategien von Coolness und Distanz auskommen?<b> <\/b>Anhand des Intensit\u00e4tsbegriffs wird diskutiert, was aus den postmodernen Oberfl\u00e4chentypen geworden ist \u2013 und inwiefern uns die Oberfl\u00e4chen der Gegenwart anregen k\u00f6nnen, unser theoretisches Vokabular der Oberfl\u00e4che zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Postmoderne Oberfl\u00e4chen zwischen Affirmation und Kritik<\/p>\n<p>In der Frage, was die Postmoderne ausmacht, sind sich kritische und enthusiastische Positionen in einem Punkt einig: Die Postmoderne ist flach. Zu den Klassikern dieser Diagnose geh\u00f6rt der Essay \u00bbPostmodernism, or, The Cultural Logic of Late Capitalism\u00ab (1984) des neomarxistischen Literaturtheoretikers Fredric Jameson, dessen Kernthese lautet, dass Tiefe in der Postmoderne durch die Oberfl\u00e4che bzw. eine Vielzahl von Oberfl\u00e4chen ersetzt wird. An Beispielen aus der Literatur, der bildenden Kunst und der Architektur zeigt Jameson, wie diese neue Oberfl\u00e4chlichkeit sich auch zur formal pr\u00e4gnantesten postmodernen Signatur entwickelt. Dass es sich keineswegs nur um eine Metapher handelt, macht er deutlich, wenn er eine \u00bbnew kind of superficiality in the most literal sense\u00ab konstatiert (Jameson 1984: 9).<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr diese buchst\u00e4bliche Oberfl\u00e4chlichkeit findet Jameson in der Pop-Art Andy Warhols. Mit Coca-Cola-Flaschen, Campbell-Suppendosen<i> <\/i>und Starportr\u00e4ts w\u00e4hlt Warhol nicht nur Motive, die dem Herzen der Warenwelt und der \u00bbglossy\u00ab (ebd.) Werbebilder entlehnt sind; sie steigern in ihrem gleichm\u00e4\u00dfig fl\u00e4chigen Farbauftrag auch die Anmutung zweidimensionaler Tiefenlosigkeit. Am Bild \u00bbDiamond Dust Shoes\u00ab<i> <\/i>zeigt sich die Wirkung der konkreten Oberfl\u00e4chengestaltung besonders eindringlich: \u00bb[&#8230;] the glitter of gold dust, the spangling of guilt sand that seals the surface of the painting and yet continues to glint at us\u00ab (ebd.: 10). W\u00e4hrend die Werke der klassischen Moderne durch ihre Motivwahl, aber auch durch Pinselduktus, durch Farbrisse etc. noch von den Erfahrungen der Angst und Entfremdung k\u00fcndeten, sieht Jameson im dekorativ-frivolen Glitzern der Diamantschuhe nur eine grundlose, ins Schrille gesteigerte Heiterkeit, die auf nichts als sich selbst verweist. Ihres Ausdrucksgehalts beraubt, mutieren diese selbstbez\u00fcglichen Oberfl\u00e4chen zu \u00bbsimulakra\u00ab (ebd.: 25) und lassen den Betrachter in einer eigent\u00fcmlichen Affekt- und Erfahrungslosigkeit zur\u00fcck (ebd.: 10).<\/p>\n<p>Als negatives Gegenst\u00fcck zum Erfahrungsbegriff bringt Jameson mit Bezug auf Jean-Fran\u00e7ois Lyotard den Begriff der \u203aIntensit\u00e4ten\u2039 ins Spiel, deren Grundton in jener erfahrungslosen Euphorie besteht (ebd.: 16). Diese hat den f\u00fcr Jameson fatalen Effekt, dass der historische Bezug einer kollektiven Vergangenheit und die Imagination einer Zukunft fragmentiert und von einer Serie reiner und unverbundener Gegenwarten (ebd.: 27) abgel\u00f6st werden, die in eine Krise der Historizit\u00e4t m\u00fcnden: Geschichte ist angesichts dieser postmodernen Referenzlosigkeit nur noch als Kost\u00fcm verschiedener Versatzst\u00fccke, als Staffage, als Nostalgie denkbar. Im Gebrauch aller Stile scheinen allenfalls noch stereotype Bilder \u00fcber die Vergangenheit auf, die in dieser Weise zur \u00bbpop history\u00ab (ebd.: 25) wird.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke von Jamesons Konzeption liegt darin, die Oberfl\u00e4che gleicherma\u00dfen als Metapher und Materialit\u00e4t zu fassen, wodurch ihm eine pr\u00e4gnante Zeitdiagnose gelingt, die auch die konkreten Beschaffenheiten der Oberfl\u00e4chen in Kunst und Architektur ber\u00fccksichtigt. Gleichwohl erweist sich die importierte Metaphorizit\u00e4t des Oberfl\u00e4chenbegriffs als problematisch, weil Jameson die klassische Oberfl\u00e4chenskepsis mit der ideologiekritischen Anlage seiner Argumentation weiter versch\u00e4rft. Mit seinem Fokus auf den Erfahrungsgehalt von Kunstwerken bleibt er so einem Repr\u00e4sentationsmodell verhaftet, das bei seiner Suche nach dem \u203aDahinter\u2039 letztlich die Materialit\u00e4t der untersuchten Oberfl\u00e4chen nur als sekund\u00e4res Symptom einer verborgenen Tiefenstruktur begreifen kann. Die Annahme einer Affektlosigkeit macht so auch die konkreten Wirkungen unsichtbar, die jenseits der regressiven Kehrseite der Erfahrung \u2013 euphorischer Intensit\u00e4ten \u2013 durch Oberfl\u00e4chen hervorgerufen werden und diese umgekehrt evozieren. Jameson scheint eine affizierende Kraft zu ahnen, wenn er von den Warhol\u02bcschen Diamantschuhen schreibt, dass sie den Betrachter anfunkeln. Dadurch aber, dass er diese Kraft als Mangel, n\u00e4mlich als Symptom eines umfassenden sp\u00e4tkapitalistischen Erfahrungsverlusts interpretiert, muss ihre spezifische Wirkweise r\u00e4tselhaft bleiben. Wie w\u00e4re angesichts eines solchen Affektmangels die ungeheure Popularit\u00e4t von Warhols Kunst \u00fcber die bildende Kunst hinaus, ihre Imitation und Weiterentwicklung zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Jamesons Gegenspieler Lyotard formuliert mit der \u00bbLibidin\u00f6sen \u00d6konomie\u00ab bereits 1974 eine Kritik des psychoanalytischen Tiefenmodells der Repr\u00e4sentation, dem Jameson zehn Jahre sp\u00e4ter mit seinem Postmoderne-Essay verpflichtet bleiben soll. Statt Kunstwerke ausgehend von der Annahme eines \u203aMangels\u2039 auf ihr verborgenes Unbewusstes hin abzusuchen, entwirft Lyotard einen positiven Begriff des Begehrens, der die Kunstproduktion als immanenten Raum der \u00bbArbeit\u00ab von Intensit\u00e4ten und Ereignissen denkt (Lyotard 1989: 160f.). Die fortw\u00e4hrende Transformation libidin\u00f6ser Energien, d.h. die Weise, wie diese blockiert, freigesetzt, ersch\u00f6pft, aufgestaut werden und sich so in extreme Intensit\u00e4ten verwandeln, ist f\u00fcr Lyotard der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis von Kunstwerken und Musik (ebd.). W\u00e4hrend Jameson sein Oberfl\u00e4chenverst\u00e4ndnis am Visuellen entwickelt und die Analysen auf den Sehsinn beschr\u00e4nkt bleiben, wird im Rahmen einer solchen \u00d6konomie der libidin\u00f6sen Oberfl\u00e4che die Produktion von Intensit\u00e4ten und Affekten durch den ganzen Sinnesapparat wichtig. Lyotard erweitert seine Kunstanalysen daher insbesondere um die Dimension des Taktilen \u2013 der Haut \u2013 und des Akustischen, d.h. der Musik und der Sounds (ebd.: 164). Der K\u00f6rper des Kunstwerks verl\u00e4ngert sich in dieser Logik im K\u00f6rper des K\u00fcnstlers; k\u00fcnstlerisch sind nicht Werke, sondern diskontinuierliche Ereignisse und Initiativen (ebd.: 165). Ihr Medium findet die Transmission von Intensit\u00e4ten in einer heterogenen Oberfl\u00e4che ohne W\u00e4nde und Grenzen, die alle Bestandteile des Prozesses \u2013 Farben, Sounds, S\u00e4tze, Haut, Instrumente \u2013 einschlie\u00dft. Mit dem psychoanalytischen Musiktheoretiker Anton Ehrenzweig kommt Lyotard zum Schluss: Alle Kunst ist flach; Kunstgeschichte ist ein historisches Spiel der Oberfl\u00e4chen (ebd.: 167).<\/p>\n<p>Im Rahmen einer \u00c4sthetik der Affirmation vollzieht sich eine Umwertung der Oberfl\u00e4che von einer defizit\u00e4ren hin zu einer f\u00fcr den Theoriekanon hoffnungsvollen Figur, f\u00fcr die neben Lyotards Werk insbesondere auch die Arbeiten Gilles Deleuzes (1993; Deleuze\/Guattari 1997) und Jean Baudrillards (1995) stehen. Weil die Oberfl\u00e4che in dieser theoretischen Linie nichts mehr repr\u00e4sentiert, wird es m\u00f6glich, sie in ihrer eigenen Materialit\u00e4t ernst zu nehmen. Zum einen erlaubt es die immanente Perspektive Lyotards, die affektive Dimension von Pop in ihrer Produktivit\u00e4t zu fassen, zum anderen erweist sich f\u00fcr den Gegenstand von Pop-Oberfl\u00e4chen gerade die sinnestheoretische Erweiterung als analytischer Schl\u00fcssel, um die Herstellung visueller, taktiler und akustischer Oberfl\u00e4chen in ihrem Zusammenspiel denken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der positive, ja euphorische Intensit\u00e4tsbegriff bei Lyotard veranlasst Jameson dazu, ihn auf der gegnerischen Seite seines emphatischen Erfahrungs- und Affektbegriffs zu verorten, mit dem er die Bedingung von Kritik zu retten versucht. Trotz dieser unterschiedlichen normativen Rahmungen gehen Lyotard und Jameson beide von einem exzessiven Intensit\u00e4tsbegriff aus, der auf Affektsteigerung zielt. Dabei verwirft Lyotard die Kategorie der Kritik nicht einfach, sondern erkl\u00e4rt sie umgekehrt zu einer negativen Intensit\u00e4t, die als \u00bbkalte\u00ab Leidenschaft das Resultat der Abk\u00fchlung von Intensit\u00e4ten ist (Lyotard 1993: 15). Da die mit der Kritik verbundene Geste der Distanz und \u00dcberlegenheit aber in den Bereich der Repr\u00e4sentation f\u00fchrt, unterbricht sie den immanenten Fluss libidin\u00f6ser Intensit\u00e4ten, die f\u00fcr Lyotard \u203ahei\u00df\u2039 und \u203amessy\u2039 sind. Daher fordert er unbedingte N\u00e4he: \u00bbbe inside and forget it\u00ab (ebd.: 3). Den \u00bbTerror\u00ab des Wahren kann die Theorie nur durchbrechen, indem sie qua \u00bbApathie\u00ab (1979) und \u00bbLockerungskraft\u00ab ihren Meister-Status gegen\u00fcber anderen Gattungen wie Musik oder Kunst aufgibt, so das Urteil des \u203aMeisters\u2039 postmoderner Theorie. Diese Verabschiedung eines Au\u00dfen, der Tiefe und der kritischen Distanz \u2013 und damit einhergehender Unterscheidungen von Wesen\/Schein, latent\/manifest, authentisch\/unauthentisch \u2013 ist f\u00fcr Jameson nur ein weiteres Symptom einer um sich greifenden postmodernen Kultur der Oberfl\u00e4che, die neben Kunst und Literatur auch die Theorie in Beschlag nimmt (Jameson 1984: 12; vgl. zu einer aktuellen Kritik am \u203aaffirmative turn\u2039 Noys 2017).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auch wenn in methodischer Hinsicht in den nachfolgenden Analysen ein immanentes Oberfl\u00e4chenmodell zugrunde gelegt wird, erledigt sich damit die Frage der Kritik und Distanz keineswegs. Auf der Gegenstandsebene verbinden sich mit dem Motiv der Oberfl\u00e4che im Pop eigenst\u00e4ndige und wirkm\u00e4chtige Kritikformen, die sich zwischen Distanzgesten, Diskursverweigerung und \u00dcberaffirmation bewegen. Wie sich zeigen wird, entfalten die Pop-Oberfl\u00e4chen gerade im Hinblick auf ihre Kritikfiguren eine Metaphorizit\u00e4t, die sich systematisch mit ihrer Materialit\u00e4t verschr\u00e4nkt. In der Ausgestaltung und Performanz der Pop-Oberfl\u00e4chen kommen vielf\u00e4ltige \u00dcbersetzungsprozesse zwischen diesen beiden Dimensionen zum Tragen: So wirken die materiellen Oberfl\u00e4chen selbst metaphorisch, indem sie auf bestimmte Haltungen, Kritiken und Selbstverortungen verweisen; umgekehrt materialisiert sich die mitunter intellektualisierte Feier der Oberfl\u00e4che in bestimmten Materialien, Sounds, Posen. Kritik und Distanz wirken in diesem Arrangement nicht nur als \u203akalte Intensit\u00e4ten\u2039 \u2013 sie ersch\u00f6pfen sich nicht in ihrem Verweischarakter \u2013, sondern setzen eine eigene Faszinations- und Affizierungskraft frei, die sich von klar bestimmbaren \u203ainhaltlichen\u2039 Positionierungen zunehmend verselbstst\u00e4ndigt. Weil der Begriff der \u203aIntensit\u00e4t\u2039 in der Lage ist, diese Konstellationen von Metapher und Materialit\u00e4t in ihren sprachlichen und nichtsprachlichen Modulierungen \u2013 nicht nur der Steigerung, sondern auch der Reduktion \u2013 zu erfassen, wird er die Diskussion anleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Poptheorie als coole Oberfl\u00e4che<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Jamesons Analysen auf die Hochkultur beschr\u00e4nkt bleiben, scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass das Prinzip der Oberfl\u00e4che erst in der Popkultur zu sich selbst kommt. In diesem Urteil sind sich linke und konservative Kulturkritiker einig, deren Geringsch\u00e4tzung der Pop- und Massenkultur sich gerade an deren \u203aOberfl\u00e4chlichkeit\u2039 \u2013 verstanden als Synonym f\u00fcr Standardisierung, Trivialit\u00e4t und schnelle Reize \u2013 festmacht (vgl. Hecken 2010).<\/p>\n<p>Von dieser Negativkonnotation wendet sich Thomas Hecken ab, indem er das Merkmal der Oberfl\u00e4chlichkeit im Rahmen seiner Pop-Definition (neben Funktionalismus, Konsumismus, \u00c4u\u00dferlichkeit etc.) vorwiegend auf nicht metaphorische Weise ansetzt. Oberfl\u00e4chlichkeit meint hier schlicht ein Prinzip, das sich \u2013 etwa in Gestalt dekorativer Verpackungen wie der Schallplattenh\u00fclle \u2013 gegen moderne Funktionalit\u00e4tsanforderungen richtet (Hecken 2013: 8). Mit ihr ist aber auch eine Rezeptionshaltung verkn\u00fcpft: \u00bbAus der k\u00f6rperlichen Tiefe kommt eher wenig, und in die metaphorische Tiefe \u2013 zu den Gr\u00fcnden des Menschlichen, Sozialen oder ihrer Aufl\u00f6sung \u2013 will der Pop-Fan auch kaum\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Auch wenn Hecken die Oberfl\u00e4che so aus der Klammer der Kulturkritik l\u00f6st, schlie\u00dft er sich damit nicht der Politisierung der Oberfl\u00e4che an, die etwa in den semiologischen Lesarten der Cultural Studies leitend wird, wenn Pop-Oberfl\u00e4chen auf ihre potentiell widerst\u00e4ndigen Umcodierungen und Aneignungen hin abgeklopft werden. Die Aneignungsthese macht Hecken allerdings in Bezug auf die Frage der Vergeschlechtlichung von Pop geltend, wenn er zeigt, dass in kulturkritischen Diskursen der Vorwurf der \u203aOberfl\u00e4chlichkeit\u2039 die Popkultur mit dem gleichen Begr\u00fcndungsmuster abwertet wie nicht traditionelle Weiblichkeitsentw\u00fcrfe (vgl. dazu auch Huyssen 1986): \u00bbSobald sie [M\u00e4dchen und junge Frauen, E.B.] nicht mehr auf ihre andere Rolle als gef\u00fchlsinnige, h\u00e4usliche Person und werdende Mutter festgelegt werden, gelten sie gerne als leichtsinnig und am\u00fcsierwillig. Fallen die alten reaktion\u00e4ren Fesseln, stehen M\u00e4dchen unmittelbar als Verk\u00f6rperungen des popul\u00e4ren Prinzips da: Sie werden f\u00fcr verf\u00fchrerisch gehalten, andererseits aber h\u00e4lt man sie auch f\u00fcr leicht verf\u00fchrbar; sie sind eben oberfl\u00e4chlich. Oberfl\u00e4chlich wie die Popkultur selbst!\u00ab (Hecken 2006: 142).<\/p>\n<p>Die Vergeschlechtlichung der Oberfl\u00e4che schwingt auf andere Weise mit, wenn zur Hochzeit der Postmoderne-Debatte in den 1980er Jahren unterschiedliche Subkulturen eine regelrechte Feier der Oberfl\u00e4che betreiben. In Deutschland korrespondiert diese Aufwertung der Oberfl\u00e4che mit einer Verschmelzung von Pop und Theorie im Label \u203aPoptheorie\u2039. In der Hochphase der deutschen Theoriebegeisterung entstehen Zeitschriften wie \u00bbSounds\u00ab und \u00bbSpex\u00ab \u2013 und mit ihnen eine Pop-Linke, die sich in ihrem Zugang zur Popkultur durch poststrukturalistische Theoriefiguren inspirieren l\u00e4sst und gleichzeitig linken Emanzipationshoffnungen der Kritischen Theorie verpflichtet bleibt. Daraus entsteht ein Genre der Popkritik, deren ver\u00e4stelter, eklektischer Gestus einerseits r\u00e4tselhaft, andererseits vorpreschend und vorlaut in seinen starken subjektiven Urteilen ist. Im Modus der \u00dcberaffirmation wird hier eine Pop\u00e4sthetik propagiert, die gezielt auf die \u203areine Oberfl\u00e4che\u2039 setzt und alles Authentische strategisch zur\u00fcckweist. Diese Pop-Haltung schlie\u00dft eine politische Positionierung ein, sie nimmt aber dezidiert Abstand zu jeder \u203afalschen Unmittelbarkeit\u2039 und damit zu den alten Gegenkulturen der linken Boheme.<\/p>\n<p>Ihre Brisanz entfaltete diese Feier der Oberfl\u00e4che durch einen betont coolen Distanzierungsgestus, der den Aufstand gegen Tiefenpathos in Rock-, Alternativ- und Hippiekultur indiziert. Wie Nadja Geer (2012) argumentiert, setzt sich in der \u00e4sthetischen Strategie der \u00bbSophistication\u00ab innerhalb der authentizit\u00e4tskritischen Pop-Linken ein abgekl\u00e4rter, m\u00e4nnlich gepr\u00e4gter Durchblickergestus durch. In Teilen scheint die Rettung der effeminierten Oberfl\u00e4che durch ihre Verm\u00e4nnlichung im Rahmen eines Kults von Coolness und Distanz erkauft zu sein, die nicht nur Popkritik, sondern auch die Popmusik der 1980er Jahre stark pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Im Klima der Authentizit\u00e4tskritik kristallisieren sich hier unterschiedliche Oberfl\u00e4chentypen heraus, von denen drei besonders pr\u00e4gnante Spielarten im Folgenden skizziert werden. Die Auswahl ist weder ersch\u00f6pfend noch sind die Typen trennscharf voneinander abzugrenzen \u2013 vielmehr ergeben sich zahlreiche \u00dcberlappungen, wechselseitige Verweise und Mischformen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Glam-Oberfl\u00e4che<\/p>\n<p>Bands und Musiker wie Roxy Music, David Bowie oder T-Rex verk\u00f6rpern erstens einen Glam-Typus, der sich in seiner Feier der K\u00fcnstlichkeit gegen die Ernsthaftigkeit und das Virtuosit\u00e4tsgebaren der klassischen wie alternativen Rockmusik richtet. In seiner Lust an \u00dcbertreibung, Spektakel und Theatralit\u00e4t kommt es zu einer Oberfl\u00e4cheninszenierung, die dem von Susan Sontag beschriebenen \u00bbCamp\u00ab-Zugang entspricht: \u00bbCamp ist keine nat\u00fcrliche Weise des Erlebens. Zum Wesen des Camp geh\u00f6rt vielmehr die Liebe zum Unnat\u00fcrlichen: zum Trick und zur \u00dcbertreibung. Und Camp ist esoterisch \u2013 eine Art Geheimcode, ein Erkennungszeichen kleiner urbaner Gruppen\u00ab (Sontag 2012: 322).<\/p>\n<p>Trotz dieser Geheimcodestruktur ist f\u00fcr Sontag die \u00bbErlebnisweise des Camp unengagiert, entpolitisiert \u2013 oder zumindest unpolitisch\u00ab (ebd.: 324). Schlie\u00dflich handele es sich bei Camp-Kunst um \u00bbdekorative Kunst, die die Struktur, die von den Sinnen wahrgenommene Oberfl\u00e4che, den Stil auf Kosten des Inhalts betont\u00ab (ebd.: 325). Diese Gleichzeitigkeit von subkultureller Geheimcodestruktur und politisch indifferenter Oberfl\u00e4chenzentrierung charakterisiert auch den Glam-Typus. Seine Protagonisten David Bowie und Marc Bolan grenzen sich nach ihrer fr\u00fchen subkulturellen Sozialisation in der britischen Alternativkultur scharf von der Hippie-Boheme ab, indem sie die \u00fcbliche Kritik an \u203aKommerz\u2039 und \u203aAusverkauf\u2039 auf den Kopf stellen. Der Erfolg in Showbiz, Mainstream und Charts wird vorbehaltlos angestrebt und demonstrativ ausgestellt (vgl. Turner 2013). Dass der massenwirksame Erfolg gelingt, ist aber gerade der Kenntnis und dem raffinierten Einsatz subkultureller Codes aus der queeren Avantgarde- und Theaterszene \u2013 etwa Drag und Make-up \u2013 zu verdanken. Die verf\u00fchrerischen Oberfl\u00e4chen aus synthetischen Materialien, die Per\u00fccken, Plateauschuhe und Outfits aus Schichten von Make-up, Glitzer, Lack und Satin bed\u00fcrfen keines Begr\u00fcndungsaufwands, sondern sprechen f\u00fcr sich (vgl. Thrift 2008). Ihre sinnliche Materialit\u00e4t entfaltet eine Verf\u00fchrungskraft, setzt aber auch symbolische Wirkungen frei: Spiegel und Plastik als anorganische, in der Regel glatte und kalte Materialtypen werden zu Medien der Kultivierung von Artifizialit\u00e4t, wie sich an Roxy Musics Schaufensterpuppe oder Bowies Charakterisierung seiner Musik als \u00bbplastic soul\u00ab<i> <\/i>eindringlich zeigt<i>.<\/i> Bei Roxy Music wie Bowie wird dieses Programm in einen zitatlastigen Retro-Hybrid-Sound mit Rock \u2019n\u2019 Roll- und Free-Jazz-Elementen, exotischen, funkigen und discoiden Rhythmen \u00fcbersetzt, der sich zwischen \u00dcberladenheit und Reduktion bewegt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"David Bowie \u2013 Life On Mars? (Official Video)\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/AZKcl4-tcuo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Wie Judith Peraino (2012) zeigt, treffen sich Andy Warhol und David Bowie in der Herstellung k\u00fchler und glatter Oberfl\u00e4chen, wobei sich Bild- und Soundoberfl\u00e4chen erg\u00e4nzen und verschalten. Die als \u00bbswish\u00ab gefasste \u00bbKunst der Pose\u00ab r\u00fcckt den Glam in die N\u00e4he des Dandys und seines Kults der Distanz und K\u00e4lte, der auch die visuelle und klangliche \u00c4sthetik von Roxy Music pr\u00e4gt. An dieser coolen Oberfl\u00e4che prallen auch Politisierungsversuche ab, die etwa Bowie als Vork\u00e4mpfer der Homosexualit\u00e4t ins Bild setzen: \u00bbI never, ever said the word gay when I first got over here to America. [&#8230;] Nobody understood the European way of dressing and adopting the asexual, androgynous everyman pose\u00ab, l\u00e4sst Bowie verk\u00fcnden (zit. n. Peraino 2012: 167f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die milit\u00e4rische Oberfl\u00e4che<\/p>\n<p>Expliziter als im Glam wird die Gegenpositionierung zur Hippie\u00e4sthetik in einem zweiten Modell: dem milit\u00e4rischen Oberfl\u00e4chentyp. Bands wie DAF oder Kraftwerk teilen mit dem Glam die Vorliebe f\u00fcr k\u00fchle und harte Oberfl\u00e4chen. W\u00e4hrend sie sich im Glam aber<b> <\/b>in ein Arrangement der \u00fcberladenen, bisweilen barocken K\u00fcnstlichkeit<b><i> <\/i><\/b>einf\u00fcgen, sind sie im milit\u00e4rischen Oberfl\u00e4chentypus dem Prinzip der fl\u00e4chigen Reduktion im Rahmen einer \u00c4sthetik der Serialit\u00e4t und der Maschine verpflichtet.<\/p>\n<p>Bei DAF wird der Sound heruntergebrochen auf einen Synthesizer mit einfachster Struktur, begleitet durch ein hyperpr\u00e4zises Schlagzeug und monotonen, bisweilen keuchenden Sprechgesang. Fetisch-Materialien wie Lack und Leder f\u00fchren eine verwirrend neuartige \u00c4sthetik von Schneid und angedeuteter Gewaltbereitschaft in die Punk- und NDW-Landschaft ein, statt Plastik werden Eisen und Beton zu metaphorischen Feldern und bevorzugten \u2013 auch hier wieder glatten und k\u00fchlen \u2013 Materialien. Der Marschappeal der Musik, auch textlich transportiert in \u00bbTanz den Mussolini\u00ab, wird komplettiert durch die Uniform als Signum einer milit\u00e4rischen L\u00e4ssigkeit, die ihrerseits einen \u00e4sthetischen Vorl\u00e4ufer der Coolness darstellt (vgl. dazu Mentges 2000). Schon im Glam wird die Uniform zu einem wiederholt aufgegriffenen Topos, etwa wenn Bryan Ferry im Video zu \u00bbLove Is The Drug\u00ab in Pilotenuniform und mit Augenklappe vor tanzenden Stewardessen auftritt. W\u00e4hrend aber die Uniform Ferry als charismatische Zentralfigur der Band markiert und nur ein Stilelement im eklektischen Gesamtarrangement bildet, l\u00e4sst die Uniform bei Kraftwerk das einzelne Bandmitglied verschwinden.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Roxy Music - Love Is The Drug\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/0n3OepDn5GU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Der Umstand, dass es keine klassische Instrumentenverteilung gibt, inszeniert die Einzelnen als ersetzbare Teile einer Gesamtmaschine, die antiindividuelle Muster und Liniensysteme produziert. In seinem Essay zum \u00bbOrnament der Masse\u00ab (2014) beschreibt Siegfried Kracauer die Choreografien der Tiller Girls als solche, in denen \u00bbkeine einzelnen M\u00e4dchen mehr\u00ab vorkommen, \u00bbsondern unaufl\u00f6sliche M\u00e4dchenkomplexe, deren Bewegungen mathematische Demonstrationen sind\u00ab (Kracauer 2014: 50). Dieses Ausloten von Fl\u00e4chen durch Linien geht in seiner dekorativen Wirkung auf ein Publikum auf und wird so zur \u203areinen Oberfl\u00e4che\u2039 ohne Inhalt (ebd.: 52). Bei Kraftwerk finden wir ebenfalls ein elektronisches Soundornament von Synthesizerspuren, Rhythmen und Beats, deren Geometrie in der uniformierten Performance verdoppelt wird. Statt der verschwitzt-virilen K\u00f6rperlichkeit von DAF wird im Auftritt von Kraftwerk die k\u00fchl-gem\u00e4\u00dfigte Distanz der Maschine zum Prinzip erhoben, die wie bei Bowie einem dandyistischen Modell folgt (vgl. Holert 2005). Gemeinsam ist ihnen die Temperierung der Oberfl\u00e4chen als coole, k\u00fchle, kalte; taktiles \u00c4quivalent ist das Harte, Glatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Zitat-Oberfl\u00e4che<\/p>\n<p>Ein dritter Typus teilt die Liebe zur K\u00fcnstlichkeit mit dem Glam-Entwurf und mit dem milit\u00e4rischen Modell seinen politisch-\u00e4sthetischen Abgrenzungsimpuls gegen die Hippies und Rock- und Avantgarde-Transgression. Er wird verk\u00f6rpert durch die deutsche Band Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.), die im Statement und dem gleichnamigen Song \u00bbJa zur modernen Welt\u00ab die \u00bbdenkbar gr\u00f6\u00dfte M\u00f6glichkeit politischer Dissidenz\u00ab gegen die \u00bbherrschende Innerlichkeit der sozialdemokratisch verdorbenen 70er\u00ab sieht, wie Thomas Meinecke (1998: 9f.), der S\u00e4nger der Band, formuliert. Dem Lob der modernen Welt wird Ausdruck verliehen im Tragen von Uniformen, in der Ablehnung von B\u00e4rten und der unbedingten Vermeidung des Schwitzens, weshalb man anfangs statt eines Schlagzeugers lieber einen Drumcomputer einsetzte. Dass dieses Statement sich dem historisch-politischen Referenzrahmen der 1970er Jahre verdankt und wie kurz die Halbwertszeit des Spiels mit Ironie und Zitat ist, erkennt Meinecke 1986: \u00bbDas intelligente Spiel mit Stilen, welches stets Rechenschaft vor seinem historischen Kontext abzulegen vermochte, war bald zum Volkssport degeneriert, dem der Scharfsinn der urspr\u00fcnglichen Idee naturgem\u00e4\u00df St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck geopfert werden mu\u00dfte. Aus subtilster<b> <\/b>Ironie (heute Patentrezept jedes Kulturidioten) war bald mittels einer aus Frankreich [\u2026] importierten Meta- und Simulationsbegrifflichkeit jenes plumpe Als-Ob-Gebaren geworden, mit dem wir uns bis heute in fast jeder Ausstellung, fast jedem Konzert, fast jeder Lekt\u00fcre herumschlagen m\u00fcssen\u00ab (ebd.: 118).<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Freiwillige Selbstkontrolle - moderne Welt, F.S.K.\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9P8NENQa5wY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Mit dem Argument der historischen Rechenschaft grenzt sich Meinecke von der sog. \u203apostmodernen Beliebigkeit\u2039 auf \u00e4hnliche Weise ab wie Fredric Jameson wenige Jahre zuvor. Der popintellektuelle Diskurs fungiert hier als Korrektiv der Theorie(-rezeption), deren Popularisierung Meinecke hier beanstandet. Mit diesem Avantgarde-Anspruch haben sich auch F.S.K. mit Begeisterung einer \u00bbpop- und sozialgeschichtlich fundierten Grundlagenforschung\u00ab (Schumacher 2007: 238) gewidmet, die sich musikalisch vom anf\u00e4nglichen Art School Post Punk hin zu Techno und House bewegt, sich aber auch auf Rhythm and Blues, Folk und Country Music eingelassen hat. Wie Eckhard Schumacher ausf\u00fchrt, bedeuten \u00bbFlanellhemd, Folklore und Landpartie\u00ab bei F.S.K. aber nicht die R\u00fcckkehr zum Authentischen und Nat\u00fcrlichen, sie bedeuten nicht \u00bbden Abschied von der Kybernetik, sondern deren Fortsetzung mit anderen Mitteln: Verfremdung durch Authentizit\u00e4t\u00ab (ebd.). Pop ist f\u00fcr Meinecke nicht an bestimmte musikalische Stile oder ihre Verbreitung in Massen- und Popul\u00e4rkultur gebunden, sondern \u00bbPop ist eine Betrachtungsweise der Welt, die sich auf die Oberfl\u00e4che einl\u00e4sst\u00ab (Meinecke 2001).<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum milit\u00e4rischen und zum Glamtypus wird beim Zitat-Typus die Oberfl\u00e4che von spezifischen Materialien entkoppelt. Sie wird zur Spielwiese und versammelt postmoderne Prinzipien wie Zitat und Ironie, Collage, Pastiche und Dekontextualisierung bei einer gleichzeitigen Kritik am postmodernen \u203aanything goes\u2039. Gegen\u00fcber dem Prinzip der K\u00fcnstlichkeit im Glam und dem Prinzip der Serialit\u00e4t beim milit\u00e4rischen Typus steht die Zitatoberfl\u00e4che f\u00fcr Referenzlosigkeit. Was die drei Oberfl\u00e4chentypen verbindet, ist eine Authentizit\u00e4ts- und Essenzkritik, die das gleiche Feindbild teilt: die Hippies mit ihren Transgressions- und Innerlichkeitsbestrebungen. Was das effektivste Gegenmittel ist, scheint allen Modellen trotz ihrer stilistischen Unterschiede gleicherma\u00dfen klar vor Augen zu stehen: die Uniform als Signum einer Haltung der coolen Distanz. In dieser Intervention gegen den \u203aweichgesp\u00fclten\u2039 Zeitgeist erscheint die Oberfl\u00e4che als \u00e4sthetische Ressource, die es mithilfe von Souver\u00e4nit\u00e4tsgesten virtuos zu meistern gilt, w\u00e4hrend die Autorschaft \u2013 ganz im Gegensatz zu Lyotards Vision flacher Kunst \u2013 intakt bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Oberfl\u00e4chen nach der Postmoderne<\/p>\n<p>Was hat sich seit der postmodernen Oberfl\u00e4chenapologie der 1980er Jahre ver\u00e4ndert? Viele aktuellere Zeitdiagnosen bringen ihre Intuition, dass die Postmoderne vor\u00fcber ist, mit diversen Attributen des \u203aDanach\u2039 zum Ausdruck. Titel wie \u00bbThe Self after Postmodernity\u00ab (Schrag 1997), \u00bbPhilosophy after Postmodernism\u00ab (Crowther 2003) oder \u00bbReligion after Postmodernism\u00ab (Talor 2008) zeigen ein gesteigertes Wandlungsbewusstsein an, das mitunter in der Gegenwartsdiagnose einer \u00bbMetamoderne\u00ab (van den Akker\/Vermeulen 2015) oder einer \u00bbPost-Postmoderne\u00ab m\u00fcndet. Fast drei\u00dfig Jahre nach Jamesons programmatischem Postmoderne-Essay legt Jeffrey T. Nealon eine zeitdiagnostische Aktualisierung unter dem Titel \u00bbPost-Postmodernism or, The Cultural Logic of Just-in-Time Capitalism\u00ab<i> <\/i>(2012)<i> <\/i>vor. Seine These ist, dass die Fragmentierung, die Jameson als Signum der Postmoderne bestimmt, in der post-postmodernen Gegenwart durch das Prinzip der \u203aIntensivierung\u2039 abgel\u00f6st wird. Eingebettet ist diese Feststellung einer Steigerung von Intensit\u00e4t \u2013 j\u00fcngst auch formuliert bei Garcia (2016) \u2013 in eine wenig \u00fcberraschende \u00d6konomisierungsthese. Demnach durchzieht eine \u00f6konomisch grundierte \u203aSelbstoptimierung\u2039 das Alltagsleben, in der die Intensit\u00e4tssuche sich zwischen hysterischer Verpassensangst \u2013 im Internetvokabular auch \u203afomo\u2039 (\u203afear of missing out\u2039) genannt \u2013 und neuer Innerlichkeit im Rahmen einer Authentizit\u00e4ts-, Selbst- und Sinnsuche bewegt. Vielfach warnen gerade Neoliberalismus-Kritiker wie etwa Byung-Chul Han vor einem neuen, im Zeichen der Selbstoptimierung stehenden Hang zu Gl\u00e4tte und Perfektion. Glatte Haut (Brazilian Waxing), glatte Bildschirme (Smartphones), glatte Kunst (Jeff Koons) entsprechen f\u00fcr sie dem politischen Stil \u203aneoliberaler\u2039 Gleichmacherei, Anpassung und Gef\u00e4lligkeit (vgl. Han 2015).<\/p>\n<p>Zahlreiche Diagnosen der Popkultur f\u00fcgen sich in dieses kulturkritische Klagelied ein. J\u00fcngst hat Georg See\u00dflen in seinem Buch \u00bbIs This The End?\u00ab (2018) das Verschwinden der Utopien im Pop attestiert, der in seiner Vervielfachung Baudrillardscher Simulationen<i> <\/i>keine ver\u00e4ndernde Kraft mehr aufweise. Damit schlie\u00dft See\u00dflen sich der Einsch\u00e4tzung Mark Fishers an, der in seinem Buch \u00bbCapitalist Realism\u00ab (2009) den Retroboom im Pop (vgl. dazu auch Reynolds 2011) als Symptom kapitalistischer Alternativlosigkeit deutet. Fisher und See\u00dflen sehen einen allgemeinen Bedeutungsverlust von Popmusik am Werk, die nicht mehr als kultureller Wandlungsmotor zu fungieren verm\u00f6ge. \u00c4hnlich wie Jamesons Analyse des Sp\u00e4tkapitalismus oder auch die klassische Kulturindustrie-These, l\u00e4sst auch die Neoliberalismuskritik Popoberfl\u00e4chen in ihrem Symptom- und Verweischarakter \u00f6konomisch-politischer Verh\u00e4ltnisse aufgehen. Im Kern wird in den Diagnosen eines politischen Bedeutungsverlusts von Pop ein neues Tiefenideal formuliert, nach dem Pop-Oberfl\u00e4chen nur dann Relevanz besitzen, wenn sie politisch w\u00fcnschenswerte, d.h. \u203awiderst\u00e4ndig\u2039 anmutende Effekte haben.<\/p>\n<p>Bereits seit den 1990er Jahren h\u00e4ufen sich die Hinweise, dass sich eine gewisse Ersch\u00f6pfung postmoderner Prinzipien wie Ironie und Zitat eingestellt hat, die sich zu einer regelrechten Krise der Oberfl\u00e4che verdichtet. So h\u00e4lt der Topos des \u203areal thing\u2039 Einzug ins Vokabular der Jugendsprache: \u203areal\u2039, d.h. \u203anicht fake\u2039 zu sein, wurde zur neuen Auszeichnung in diversen Subkulturen von Punkbands \u00fcber Skater bis hin zu aufstrebenden Regisseuren. Mit der \u203aNew Sincerity\u2039<i> <\/i>formiert sich in den USA gar eine Anti-Oberfl\u00e4chen-Welle, die sich das Ende der Ironie auf die Fahnen schreibt. Der Begriff wurde durch einen Essay des Schriftstellers David Foster Wallace gepr\u00e4gt, in dem er in Reaktion auf die Dominanz einer zynischen und metafiktionalen Erz\u00e4hlweise den Entwurf einer neuen Aufrichtigkeit skizziert, die statt der erm\u00fcdenden Selbstimmunisierung durch Dauerironie das Risiko eingeht, sentimental und weich aufzutreten (Wallace 1993). Der daraus entstehende Entwurf der Post-Ironie beschreibt weniger das blo\u00dfe Verwerfen von Ironie oder die R\u00fcckkehr zur pr\u00e4-ironischen Eindeutigkeit \u2013 anders als in der konservativen Kulturkritik wird die Postmoderne nicht verdammt \u2013, sondern den Versuch, ironische Mittel \u00fcber sich selbst hinauszutreiben, indem sie zu ernsthaften Zwecken gebraucht werden (Konstantinou 2016: 12). Aus den Debatten der Literaturkritik wanderte dieses post-ironische Modell in andere Bereiche wie Musik, Kunst, Film(-kritik) und Philosophie ein.<\/p>\n<p>Aktuelle literarische Vertreter der \u203aNew Sincerity\u2039, etwa Marie Calloway und Tao Lin, k\u00fcnden \u2013 ganz im Widerspruch zu Nealons und Garcias Diagnose \u2013 davon, wie unintensiv die vormaligen Intensit\u00e4tsgaranten Drogen, Sex und Nachtleben sein k\u00f6nnen. In betont n\u00fcchtern-beil\u00e4ufigem Tonfall berichten sie von langweiligen Partys, auf denen man verlegen herumsteht, von \u00f6dem Sex mit dem Tinder-Date und vom stundenlangen Hin- und Herswitchen zwischen den drei gleichen Apps. Ertragen l\u00e4sst sich das alles nur mit Xanax, Adderall und Ritalin, die als Drogen verwendet nicht im Zeichen von Rausch und Ekstase stehen, sondern den Alltag und soziale Interaktionen erst funktionst\u00fcchtig machen sollen. Apathie, Indifferenz und Beil\u00e4ufigkeit verdichten sich zu einer \u00e4sthetischen Strategie der Entintensivierung, die sich mit der schonungslosen Schilderung der eigenen Pathologien bestens vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Mit diesem Entwurf reizarmer Ernsthaftigkeit verschwindet das auf Intensit\u00e4t setzende Transgressionsmodell aber keineswegs. Gerade in der Pop-Musik l\u00e4sst sich seine Kontinuit\u00e4t vielerorts feststellen, etwa wenn die erfolgreiche \u00f6sterreichische Band Wanda fast einhellig daf\u00fcr gefeiert wird, in Zeiten der \u203aSelbstoptimierung\u2039 \u00bbnicht perfekt konstruiert, nicht glattgeb\u00fcgelt\u00ab zu sein, sondern Songs zu spielen, die \u00bbvon Liebe, Entt\u00e4uschung und Rausch erz\u00e4hlen, vom ungesunden, wilden, ehrlichen Leben\u00ab (sz.de, 13.2.2015). Befragt man sie zum Klischeegehalt dieses Konzepts, hei\u00dft es: \u00bbDas ist keine Ironie, da geht es um Leben und Tod\u00ab (zeit.de, 1.10.2015).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nahezu ohne Transgressionsbestrebungen kommt dagegen die neue romantische Innerlichkeit unter den musikalischen Vertretern der \u203aNew Sincerity\u2039 aus, die sich unter den zahlreichen Retro-, Lo-Fi- und DIY-Produktionen, etwa im Singer-Songwriter-Spektrum oder im Folk, formiert. Hier dominiert eine akustische (Sound-)\u00c4sthetik der W\u00e4rme, die wahlweise durch freiwillige Selbstbeschr\u00e4nkung auf altes technisches Equipment und akustische Instrumente hergestellt und durch Mode-Entscheidungen wie B\u00e4rte und Holzf\u00e4llerhemden unterstrichen wird. Wie Frank Apunkt Schneider (2015) zeigt, macht im Deutschpop die Renaissance des Gef\u00fchls vor Indiegr\u00f6\u00dfen wie Tomte und Kettcar nicht Halt; und auch in Teilen der Hamburger Schule ist seit den Nuller Jahren eine \u00e4therisch-romantische Wende zu verzeichnen.<\/p>\n<p>Diese Spielformen der neuen Ernsthaftigkeit als Indizien f\u00fcr den Tod der Ironie, der Postmoderne oder eines \u203aoberfl\u00e4chlichen\u2039 Popkonzepts zu verstehen, w\u00e4re allerdings verk\u00fcrzt. Die \u00e4sthetische Abkehr von der Oberfl\u00e4che ist nicht ungebrochen; auch was im Lo-Fi entsteht, ist nicht ein blo\u00df ungeschliffener Sound, vielmehr entstehen neue Polierungen, neue Oberfl\u00e4chen. Bedeutsamer noch ist, dass es eine konstante Oberfl\u00e4chenfaszination gibt, die keinesfalls der einfache Gegenpol der Neuen Ernsthaftigkeit ist, sondern sie begleitet.<\/p>\n<p>Wodurch unterscheiden sich diese neuen Oberfl\u00e4chen von den \u203aalten\u2039 der Postmoderne? Engberg und Fjellestad (2013: 7f.) skizzieren anhand eines Vergleichs zwischen Madonna und Lady Gaga ein Konzept der Post-Postmoderne, die sie vor allem durch digitale Prinzipien strukturiert sehen. Die geschlossene Form der Moderne und die offene Antiform der Postmoderne werden vom endlos konnektiven Internet abgel\u00f6st; die postmoderne Anarchie weicht dem Netzwerk, das Syntagma der Datenbank, der Mangel macht dem Zugang Platz, der Idiolekt wird zur HTML, die Schizophrenie wahlweise zur Aufmerksamkeitsst\u00f6rung oder zum Autismus. Diese spielerisch-vereinfachende Auflistung ist kaum w\u00f6rtlich zu nehmen, verweist aber auf die Bedeutsamkeit des Digitalen f\u00fcr die aktuelle Reartikulation von Oberfl\u00e4chen. Gegenw\u00e4rtige Pop-Oberfl\u00e4chen sind vielfach Post-Internet-Ph\u00e4nomene, womit nicht eine \u00c4ra nach dem Internet, sondern eine Reflexion auf seine Codes und Algorithmen, auf digitale Screens, Suchmaschinen und Internetph\u00e4nomene wie Selfies, Likes, Gifs und Memes gemeint ist. Nicht zuletzt sind mit dem Label \u203aPost-Internet-Art\u2039 schlicht K\u00fcnstler*innen adressiert, die durch ihre Online-Pr\u00e4senz auf verschiedenen Kan\u00e4len ber\u00fchmt wurden.<\/p>\n<p>Anhand aktueller Pop-Beispiele wird im Folgenden skizziert, wie sich die postmodernen Oberfl\u00e4chentypen und ihre \u00e4sthetischen Prinzipien im Lichte des Digitalen ver\u00e4ndert haben und welche neuen Herstellungs- und Umgangsweisen von und mit Oberfl\u00e4chen damit verbunden sind. F\u00fcr die Auswahl ist dabei nicht das musikalische Genre entscheidend, sondern die Reartikulationen der zentralen Charakteristika der Oberfl\u00e4chentypen: K\u00fcnstlichkeit (Glam), Serialit\u00e4t (Milit\u00e4rische Oberfl\u00e4che) und Referenzlosigkeit (Zitatoberfl\u00e4che).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Lethargischer Glam: Lana Del Rey<\/p>\n<p>Die S\u00e4ngerin Lana Del Rey, die Ende 2011 mit einem selbstgemachten Video auf YouTube schlagartig ber\u00fchmt wurde, ist ein exemplarisches Post-Internet-Produkt. Der Clip ihres Songs \u00bbVideo Games\u00ab ist ein Selfie in Videoform: Selbstgefilmte Nahaufnahmen der S\u00e4ngerin wechseln sich ab mit Schnipseln aus Comics und Filmproduktionen der 1950er und 1960er Jahre. Diese bilden neben White-Trash-, Lolita- und Pin-up-\u00c4sthetik auch entscheidende Musik- und Stylingreferenzen der Songs und Videos. Was Lana Del Rey mit dem Glam-Typ verbindet, ist ihre ostentative K\u00fcnstlichkeit. Dass Haarspraywellen, falsche Wimpern und N\u00e4gel sowie aufgespritzte Lippen doch noch Provokationspotential haben, zeigt der w\u00fctende Vorwurf mangelnder Authentizit\u00e4t, der ihr massenhaft entgegenschl\u00e4gt: Sie sei ein Marketingprodukt, das wohlkalkuliert die Retro-Nische bediene. Gleichzeitig scheint von dieser K\u00fcnstlichkeit ein hohes Faszinationspotential auszugehen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Lana Del Rey - Video Games\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/cE6wxDqdOV0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Aus einer medien\u00e4sthetischen Perspektive zeigt Fetveit (2015) an den Videos Lana Del Reys, wie darin eine prek\u00e4re \u00c4sthetik einer hochgradig ambivalenten Nostalgie zum Ausdruck kommt, die zwischen der Sehnsucht nach der verlorenen Gr\u00f6\u00dfe Amerikas und ihrer ikonoklastischen Zur\u00fcckweisung wechselt. Lana Del Reys Nostalgie ist nicht eine, die nach Urspr\u00fcngen sucht, sondern eine flache, die ganz auf Oberfl\u00e4chen setzt. In einem Interview berichtet sie: \u00bbIch habe altes Filmmaterial benutzt, weil mir gef\u00e4llt, wie es aussieht. Ich mag die Textur und die Farben. Aber die Sehnsucht ist meine, und es ist keine Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit. Es ist nur\u2026 Es ist noch nicht einmal Sehnsucht. Es ist nur, dass ich dar\u00fcber nachdenke, wie die Dinge einmal waren. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich heute ungl\u00fccklich bin.\u00ab (interview.de, 21.7.2017)<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie bei den literarischen Vertretern der \u203aNew Sincerity\u2039 ist hier eine Entintensivierung der Oberfl\u00e4che beschrieben, die sich nicht einmal zu Sehnsucht durchringen kann. Atmosph\u00e4risch wird dieser Zug in der Schwerf\u00e4lligkeit und Langsamkeit der Musik verarbeitet. So macht Liedke (2016) die entr\u00fcckte Langeweile, die melancholische Tr\u00e4g- und Faulheit stark, die in der nostalgisch gebrochenen Sound- und Video\u00e4sthetik Lana Del Reys liegt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dieser Struktur der Verlangsamung entspricht ein intuitiver und vager Zugang zu den eigenen \u00e4sthetischen Entscheidungen. Bemerkenswert am oben zitierten Interview ist, dass Lana Del Rey jede Referenz ins Leere laufen l\u00e4sst. Auf vermeintliche Lynch-Referenzen angesprochen, sagt sie, Twin Peaks nie gesehen zu haben; auf den Grund, weshalb sie sich den Namen \u203aGangsta Nancy Sinatra\u2039 gegeben hat: \u00bbKeine Ahnung. Ich glaube, dass ich \u00fcberhaupt nur zwei Songs von ihr geh\u00f6rt habe. [\u2026] Na ja, es ist so, dass der Begriff von meiner YouTube-Seite stammt. Auf der hab ich in den letzten f\u00fcnf Jahren alles M\u00f6gliche gepostet. Sachen wie \u203aGangsta Nancy Sinatra\u2039, \u203aDope\u2039, \u203aFuck You\u2039, so Quatsch eben\u00ab; mit Deutungen zu Songs und einzelnen Textzeilen konfrontiert: \u00bbWenn ich so dar\u00fcber nachdenke, hat der Text nicht sonderlich viel zu bedeuten. Ich habe einfach zwei Zeilen geschrieben, in denen sich das Wort \u203acameras\u2039 auf das Wort \u203arivieras\u2039 reimt. Mehr nicht. Auweia!\u00ab (interview.de, 21.7.2017)<\/p>\n<p>Dass Lana Del Reys hochartifizielle, bisweilen d\u00fcstere Inszenierung ans Seltsame, Unheimliche grenzt, macht sie zu einem guten Beispiel f\u00fcr die postironische Inszenierung: Ihre Schr\u00e4gheit ist nicht Mittel zur Parodierung und wird darum auch nicht augenzwinkernd neutralisiert, sondern in einem Zustand der Ambiguit\u00e4t gehalten. Im Gegensatz zur bewusst konstruierten D\u00fcsterkeit etwa bei Lynch entstehe \u00bbdas D\u00fcstere\u00ab, so Del Rey, bei ihr \u00bbeher aus der Sache heraus [\u2026]. Es ist organischer\u00ab. Angesichts dieser nat\u00fcrlichen Morbidit\u00e4t, die sich an den allgegenw\u00e4rtigen Topoi gewaltt\u00e4tiger Romanzen, der Todessehnsucht, Lolita-Inszenierung und Selbstzerst\u00f6rung festmacht, kategorisiert Usmar (2014) Lana Del Rey gar als Vertreterin eines Pop Gothic.<\/p>\n<p>So entsteht ein Modell der ernsthaften Flachheit, der authentischen K\u00fcnstlichkeit. Statt eine coole Oberfl\u00e4che herzustellen wie der Glam, singt Lana Del Rey in nahezu jedem Song \u00fcber ihre Verletzlich- und Abh\u00e4ngigkeit. Dass die postmoderne Lesart hier versagt, zeigt die \u00bbSpex\u00ab-Titelstory (Nr. 336) kurz nach Lana Del Reys Durchbruch: Man war begeistert von der Frau, die eine Frau spielt, die so k\u00fcnstlich ist, dass sie als weibliche Dragqueen betrachtet werden m\u00fcsse. In Interviews mit solchen Deutungen konfrontiert, verweist sie nur darauf, dass sie sich statt f\u00fcr Feminismus eher f\u00fcr Kosmologie und intergalaktische M\u00f6glichkeiten interessiere. Auf Tumblr taucht Lana Del Rey neben Lolita- und Sugar-Culture-Posts auf, was Davis (2017) als postfeministische Faszination deutet. W\u00e4hrend es bei den postmodernen Oberfl\u00e4chen noch eine sinnvolle Entsprechung und vielfache Allianzen zwischen Theorie und Pop gab, l\u00e4sst Lana Del Rey ihre theorieinteressierten und an der Postmoderne geschulten Fans ratlos. Denn die Oberfl\u00e4che wird bei Lana Del Rey weder ironisiert noch politisiert oder anderweitig aufgeladen \u2013 sie scheint sich vielmehr zu gen\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Schmutzige Ornamente: Helena Hauff<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rische Oberfl\u00e4che von Kraftwerk und DAF wird seit einigen Jahren verst\u00e4rkt in ihrer Pionier-Rolle f\u00fcr die elektronische Musik und den Techno wiederentdeckt. In neueren Spielarten elektronischer Musik kommt es zu einer Steigerung der Prinzipien von Serialit\u00e4t, Fl\u00e4chigkeit und Ornamentalit\u00e4t, in den vergangenen Jahren aber auch zu einer neuen Analog- und Vinyl-Begeisterung nach der gro\u00dfen Computereuphorie der 1990er Jahre. Ein gutes Beispiel f\u00fcr diese ambivalente Haltung gegen\u00fcber der Maschine ist die Hamburger DJane Helena Hauff.<\/p>\n<p>Einerseits ist die Maschine der Ausgangspunkt ihrer DJ-Sets und eigenen St\u00fccke, wie sich an der Entstehung ihres ersten Albums \u00bbDiscreet Desires\u00ab zeigt: \u00bbIch bin wie ein leeres Blatt Papier. Wenn ich St\u00fccke aufnehme, stelle ich meine Maschinen an und probiere aus. Stundenlang. Wenn ich das Gef\u00fchl habe, die Kl\u00e4nge und Rhythmen k\u00f6nnten zusammenpassen, dr\u00fccke ich Aufnahme\u00ab. Nicht nur der Entstehungsprozess l\u00e4sst sich ganz auf die Maschinenlogik ein; auch die Sound\u00e4sthetik erh\u00e4lt eine maschinelle, industrielle, kalte Grundierung. Diese Liebe zur Maschine wird allerdings von einer starken Abneigung gegen Computer begleitet, weshalb Hauff nur mit Vinyl auflegt und Sounds favorisiert, \u00bbdie nicht zu \u00fcberproduziert sind, die roh klingen und auch Fehler zulassen. Mutationen, das ist etwas Menschliches, eine k\u00fcnstliche Intelligenz, ein Algorithmus w\u00e4re dazu nicht in der Lage.\u00ab Solche Mutationen beruhen auf Zuf\u00e4llen, auf \u00bbunvorhergesehene[n] Kombinationen und Fehlprogrammierungen\u00ab, welche sich, so Hauff, aus der analogen Infrastruktur der Maschinen selbst ergeben (kaput-mag.com, 3.9.2015).<\/p>\n<p>Auch wenn Hauff sich immer wieder von \u00bbhippieeske[n], nat\u00fcrliche[n], warme[n] Sounds\u00ab abgrenzt, macht sie damit die organische Komponente der Maschine stark, die bei ihr nicht im gleichen Ma\u00df kontrolliert und seriell wie bei Kraftwerk klingt, sondern \u00bbrough, schmutzig und ein bisschen kalt\u00ab. F\u00fcr diese Verschaltung von industriellen und organischen Sounds findet sie ein Beispiel, in dem das Aufeinandertreffen von Technik und Natur als Nebenprodukt einen Sound hervorbringt: \u00bbIrgendwann ging ich mal am Hamburger Hafen spazieren und da gab es so ein tolles Ger\u00e4t, welches den Schlamm vom Boden saugte. Dieses Ger\u00e4t erzeugte ein wahnsinnig tolles Ger\u00e4usch: den perfekten Technotrack\u00ab (ebd.). Anders als bei Kraftwerk oder DAF folgen Technost\u00fccke nicht dem klassischen Songformat von Strophe und Refrain, sondern sind fl\u00e4chiger, reduzierter und h\u00e4ufig frei von Gesang. F\u00fcr das Soundornament bedeutet das, dass anstelle eing\u00e4ngiger Melodien, Stimmen und Lyrics die abstrakteren Texturen und Muster der Musik in den Vordergrund treten, die als ornamentale rhythmische Verdichtung ihre Sogwirkung freisetzen, gleichzeitig aber auch von einer temperierten Beil\u00e4ufigkeit gekennzeichnet sind.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zur Entfaltung kommt diese Wirkung erst im Club als dem Auff\u00fchrungsort elektronischer Musik, die nicht nur die n\u00f6tige Lautst\u00e4rke zul\u00e4sst, sondern mit dem tanzenden Publikum auch eine spezifische situative Rahmung erf\u00e4hrt. Im Vergleich zur Konzertsituation wird im Club die Fixierung auf die B\u00fchne der DJane relativiert \u2013 allein dadurch, dass sie nicht in erster Linie eigene St\u00fccke spielt und die Grenzen der Sets im Laufe der Nacht verschwimmen (wenn auch in den letzten Jahren die Tendenz, zum DJing zu tanzen, und ein \u00e4hnlicher Starkult wie bei klassischen Bands dies konterkariert). Das DJ-Set wird so zu nur einem Bestandteil einer \u00bbDramaturgie des Clubs\u00ab, zu deren Beobachterin die DJane umgekehrt wird: \u00bbIch mag die gesamte Dramaturgie, schaue genauso gerne den ersten, die reinkommen, beim Tanzen zu, wie den letzten, die kaum mehr stehen k\u00f6nnen, beim Nicht-mehr-tanzen, beim Fallen\u00ab (ebd.). Diesen Szenen routinierter Abst\u00fcrze geht jede Dramatik ab; sie zieht sich \u00fcber viele Stunden und kann \u2013 dies geschieht immer h\u00e4ufiger \u2013 beliebig auf ganze Tage verl\u00e4ngert werden. Die Fl\u00e4chigkeit der Musik paart sich h\u00e4ufig mit einer ged\u00e4mpften, mitunter fast tr\u00e4gen Grundstimmung, die sich in der Beliebtheit bet\u00e4ubender Partydrogen verl\u00e4ngert, etwa des An\u00e4sthetikums Ketamin. Statt Transgression f\u00f6rdert diese neue Dramaturgie des Clubs allenfalls eine zeitweilige Immersion.<\/p>\n<p>Das sich zum Sound bewegende Publikum erzeugt selbst eigene Rhythmen, die sich mit den Rhythmen des Sounds verbinden. Paul C. Jasen zeigt in seiner Studie \u00bbLow End Theory\u00ab (2016) am Beispiel des Technoclubs auf, wie diese Verschmelzungserfahrung zwischen menschlichen K\u00f6rpern und Soundk\u00f6rper, dem \u00bbSonic Body\u00ab, funktioniert. Er betont hier insbesondere die Rolle von B\u00e4ssen, Frequenzen und Infraschall, die sich im Rahmen eines \u00bbVibratorischen Milieus\u00ab vielfach auf unbewusste Weise mit empfindenden K\u00f6rpern verschalten (ebd.: 22). Die Vibration ist nicht nur ein akustischer Eindruck, sondern durchwandert das gesamte Sensorium. Indem der Bass K\u00f6rper bewegt, bindet er sie zusammen, l\u00e4sst aber zugleich auch den individuellen K\u00f6rper aufspalten, \u00bbspektral\u00ab werden: Er wird zu einer \u00bbskin that thinks and brain(s) that dance(s)\u00ab (ebd.: 30). Hatte das Publikum des Massenornaments bei Kracauer dieses aus der Distanz visuell wahrgenommen, so wird das Publikum im Technoclub selbst zum Bestandteil des Ornaments eines \u00bbSonic Body\u00ab. Jasens Pointe ist, dass diese Prozesse affektiv, d.h. nicht sprachlich oder diskursiv funktionieren, was mit der Abwesenheit von Text im Techno korrespondiert. Mehr noch als die milit\u00e4rische Oberfl\u00e4che der Postmoderne ist der Techno zun\u00e4chst von Inhalten befreit: Die ornamentale Sound-Oberfl\u00e4che verbirgt keine Tiefenstruktur, sondern wird zum Selbstzweck.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Cyborg-Werden, Oberfl\u00e4che-Werden: Grimes<\/p>\n<p>F\u00fcr die Transformation des Zitat-Typs steht die kanadische K\u00fcnstlerin Grimes ein. Im Gegensatz zu Lana Del Reys Nostalgie verfolgt sie einen futuristischen Entwurf. Ambiguit\u00e4t wird beim selbsternannten Cyborg Grimes nicht unterschwellig, sondern exzessiv verhandelt. Ihre musikalischen und performativen Strategien der Verzerrung, Verfremdung und Schrillheit sollen aber nicht in erster Linie irritieren. Danceability und Eing\u00e4ngigkeit sind die h\u00f6chsten Ziele, die Musik soll erkl\u00e4rterweise Vergn\u00fcgen bereiten, zum \u00bbpleasure centre\u00ab vordringen (mcgilltribune.com, 23.9.2014). Dieser Oberfl\u00e4chenansatz wird auch deutlich, wenn Grimes betont, dass am Anfang eines Songs oder Albums stets das Plattencover oder Video stehe und erst dann die Musik komme.<\/p>\n<p>Weil sie viel zitiert, wird sie etwa von spiegel.de (6.11.2015) als postmodern klassifiziert, was auch hier auf Lesbarkeitsprobleme verweist. Denn die postmoderne Referenzlosigkeit scheint bei Grimes dadurch \u00fcberwunden, dass die gew\u00e4hlten Referenzen keine (Neu-)Aneignung vormals anders kodierter Zeichen sind, sondern aus dem Repertoire der Referenzlosigkeit selbst stammen, den 1990er Jahren: Bei japanischen Manga-Figuren, Bubblegumpop, Eurotrash oder Gothic-Elfen er\u00fcbrigt es sich, Anf\u00fchrungszeichen in die Luft zu malen. Der Mut zu Cuteness und Kitsch f\u00fchrt bei Grimes also weder zu einer Ironisierung noch f\u00fcgt er sich in die \u00c4sthetiken der \u203aNew Sincerity\u2039 ein. Es entsteht ein durch und durch synthetischer Sound, der weder k\u00fchl noch glatt ist. Coolness und Distanz weichen lieblich gehauchten Ges\u00e4ngen, nerv\u00f6ser Verspieltheit, autistisch anmutender Sch\u00fcchternheit und einer Zuwendung zur Magie.<\/p>\n<p>Wie Ohlendorf (2016) am Beispiel von Grimes und Childish Gambino zeigt, bedienen sie sich nicht nur der \u00c4sthetik des Internets, sondern strukturieren diese \u00c4sthetik und die Imagination dessen, was das Internet ausmacht, produktiv mit. \u00c4hnlich wie Lana Del Rey wurde Grimes durch das Internet ber\u00fchmt und pr\u00e4gte f\u00fcr ihre eigene Musik das Label \u00bbPost-Internet\u00ab \u2013 nicht nur, um zu zeigen, dass sie, die der DIY-Szene Montreals entstammt, ihre Songs nach wie vor selbst zu Hause am Computer produziert, sondern auch, weil mit dem Internet eine \u00bbneue Spezies\u00ab entstehe. Studiert hat sie Neuroscience und dann Musik, vor allem aus dem Interesse heraus, wie Musik durch Wellen und Schwingungen einen elektrischen Impuls generiert, der dann eine emotionale Reaktion ausl\u00f6st. Unter allen Kunstformen sei Musik die abstrakteste, denn sie sei \u00bbjust in the air\u00ab, wirke aber dennoch unmittelbar k\u00f6rperlich. Der Grund: Musik spiegele basale evolution\u00e4re Faktoren wie den Herzschlag oder den Atem: \u00bbSo you take these things that go back a long way, deep in our evolutionary core, and then turn that into, like, Britney Spears. I find that so fascinating!\u00ab (themusic.com, 12.4.2012)<i><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Grimes - REALiTi\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/N9XKLqGqwLA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Ganz in diesem Sinne werden die Codes und Algorithmen des Digitalen zusammengeschlossen mit dem Potential der Popmusik, K\u00f6rper zu affizieren. Hier f\u00fcgen sich bei Grimes \u00e4therisch-evolution\u00e4re Motive ein \u2013 ihre Songs hei\u00dfen \u00bbGenesis\u00ab, \u00bbFlesh Without Blood\u00ab, \u00bbSkin\u00ab oder \u00bbBe A Body\u00ab, wo sie haucht: \u00bbI close my eyes until I see I don&#8217;t need hands to touch me\u00ab \u2013 \u00bbbe a body\u00ab ist Aufforderung und Programm.<i> <\/i>In diesem K\u00f6rperwerden deutet sich ein Entwurf an, der weder das Digitale noch das Organische priorisiert, sondern beides in seiner Materialit\u00e4t konsequent verschaltet \u2013 Soundoberfl\u00e4che wird zur taktilen Affektoberfl\u00e4che. Als Produktionsmethode des Albums \u00bbVisions\u00ab nannte Grimes entsprechend, es in neun Tagen Isolation ohne Schlaf, Essen und Licht erschaffen zu haben, bis sich die transzendentale Erfahrung einstellte, als Gef\u00e4\u00df Gottes zu operieren. Anders als bei F.S.K. folgt das Zitieren bei Grimes keiner Abgrenzungs-, Verweis- oder Geheimcode-Struktur \u2013 es steht vielmehr immer schon im Zeichen des Affizierens. In diesem magischen und zugleich protokybernetischen Zug ist nicht ein Meistern der Oberfl\u00e4che angelegt, sondern vielmehr ein Zur-Oberfl\u00e4che-Werden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Schluss<\/p>\n<p>Die Affektoberfl\u00e4chen deuten so \u00fcberraschenderweise eine neue Allianz von Pop und Theorie an: Gilles Deleuze, einer der wichtigsten postmodernen Theoretiker, wird heute verst\u00e4rkt neovitalistisch gelesen \u2013 betont werden im Anschluss an Bergson und Spinoza Energien, Intensit\u00e4ten, Flows, Affekte im Sinne des Verm\u00f6gens von K\u00f6rpern, zu affizieren und affiziert zu werden. Statt eines Modus der Kritik er\u00f6ffnet sich hier ein Modus der Affirmation \u2013 ein aktualisiertes \u00bbJa zur modernen Welt\u00ab jenseits kritisch-strategischer \u00dcberaffirmation.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Bei Jameson war Intensit\u00e4t ein negativer, weil \u203aoberfl\u00e4chlicher\u2039 Gegenbegriff zur Erfahrung; bei Lyotard ein positiver Immanenzbegriff der Oberfl\u00e4che. Beide stimmen allerdings in ihrem exzessiven Verst\u00e4ndnis von Intensit\u00e4t \u00fcberein. W\u00e4hrend sich dieser Exzess in den Pop-Oberfl\u00e4chen der Postmoderne noch dokumentierte, zeichnet sich in den gegenw\u00e4rtigen Reartikulationen der Oberfl\u00e4chen ein ver\u00e4ndertes Intensit\u00e4tsmodell ab. Wie bei Lyotard, handelt es sich um ein positives Modell der Intensit\u00e4t, aber sein enthusiastischer, exzessiver Charakter ist in den Hintergrund getreten. Stattdessen verbindet sich Intensivierung auf eigent\u00fcmliche Weise mit Apathie und bringt einen beil\u00e4ufigen, temperierten Intensit\u00e4tsmodus hervor, der in der apathischen Langsamkeit Lana Del Reys oder der tr\u00e4gen Ornamentalit\u00e4t des Techno als Entintensivierung auf den Plan tritt; bei Grimes wird das Exzessive zwar fortgef\u00fchrt, zugleich aber in eine Welt des \u00c4therischen \u00fcberf\u00fchrt. Wichtiger noch: Das alte Souver\u00e4nit\u00e4tsmotiv, das auf Coolness- und Distanzgesten setzte, wird in allen diskutierten Beispielen eingeebnet. Es geht nicht mehr um ein Meistern der Oberfl\u00e4che, sondern darum, selbst zu einem Teil der Oberfl\u00e4che zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Baudrillard, Jean (1995): America, M\u00fcnchen [1986].<\/p>\n<p>Coleman, Rebecca (2015): Transforming Images. 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(Hg.): Staccato \u2013 Musik und Leben, Heidelberg.<\/p>\n<p>Deleuze, Gilles (1993): Logik des Sinns, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Deleuze, Gilles\/Guattari, F\u00e9lix (1997): Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie [Mille Plateaux (1980)], Berlin.<\/p>\n<p>Engberg, Maria\/Fjellestad, Danuta (2013): Toward a Concept of Post-Postmodernism or Lady Gaga\u2019s Reconfigurations of Madonna, in: Reconstruction 12\/4.<\/p>\n<p>Fetveit, Astrid (2015): Death, beauty, and iconoclastic nostalgia: Precarious aesthetics and Lana Del Rey, in: Necsus 4\/2, S. 187-207.<\/p>\n<p>Fisher, Mark (2009): Capitalist Realism: Is there no Alternative? Winchester.<\/p>\n<p>Garcia, Tristan (2016): Das intensive Leben. Eine moderne Obsession, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Geer, Nadja (2012): Sophistication: Zwischen Denkstil und Pose, G\u00f6ttingen.<\/p>\n<p>Grabienski, Olaf et al. (2011): Poetik der Oberfl\u00e4che: Die deutschsprachige Popliteratur der 1990er Jahre, Berlin und Boston.<\/p>\n<p>Han, Byung-Chul (2015): Die Errettung des Sch\u00f6nen, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Hecken, Thomas (2006): Popul\u00e4re Kultur. Mit einem Anhang \u203aGirl und Popkultur\u2039, Berlin.<\/p>\n<p>Hecken, Thomas (2010): Das Versagen der Intellektuellen. Eine Verteidigung des Konsums gegen seine deutschen Ver\u00e4chter, Bielefeld.<\/p>\n<p>Hecken, Thomas (2012): Pop-Konzepte der Gegenwart, in: Pop. Kultur und Kritik, Heft 1, S. 88-107.<\/p>\n<p>Hecken, Thomas (2013): Pop-\u00c4sthetik, auf: http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2013\/11\/24\/pop-asthetikvon-thomas-hecken24-11-2013-2\/ [8.4.2018].<\/p>\n<p>Holert, Tom (2005): Star-Schnittstelle. Glamour und elektronische Popkultur, in: club transmediale\/Meike Hansen (Hg.): Gendertronics. Der K\u00f6rper in der elektronischen Musik, Frankfurt am Main, S. 20-44.<\/p>\n<p>Huyssen, Andreas (1986): After the Great Divide: Modernism, Mass Culture, Postmodernism, Bloomington.<\/p>\n<p>Ingold, Tim (2007): Lines: A Brief History, London.<\/p>\n<p>Jameson, Fredric (1991): Postmodernism, or, The Cultural Logic of Late Capitalism [1984], Durham.<\/p>\n<p>Jasen, Paul (2016): Low End Theory. Bass, Bodies and the Materiality of Sonic Experience, New York.<\/p>\n<p>Konstantinou, Lee (2016): Cool Characters. Irony and American Fiction, Cambridge.<\/p>\n<p>Kracauer, Siegfried (2014): Das Ornament der Masse, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Lechtermann, Christina\/Rieger, Stefan (Hg.) (2015): Das Wissen der Oberfl\u00e4che. Epistemologie des Horizontalen und Strategien der Benachbarung, Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Liedke, Heidi (2016): Lana del Rey. Der fahrige Narco Swing einer faulen Frau, in: Mu\u00dfe. 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Pop zwischen Befreiung und Unterdr\u00fcckung, Berlin.<\/p>\n<p>Sontag, Susan (2012): Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen [Against Interpretation (1966)], Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Schneider, Frank Apunkt (2015): Deutschpop halt\u02bcs Maul! F\u00fcr eine \u00c4sthetik der Verkrampfung, Mainz.<\/p>\n<p>Schrag, Calvin O. (1997): The Self after Postmodernity, Durham.<\/p>\n<p>Schumacher, Eckhard (2007): Deutsch als Fremdsprache, in: Thomas Meinecke (Hg.): Lob der Kybernetik. Songtexte 1980-2007, Frankfurt am Main, S. 231-242.<\/p>\n<p>Talor, Victor E. (2008): Religion After Postmodernism: Retheorizing Myth and Literature, Charlottesville.<\/p>\n<p>Thrift, Nigel (2008): The Material Practices of Glamour, in: Journal of Cultural Economy 1\/1, S. 9-23.<\/p>\n<p>Turner, Alwyn W. 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Auf: http:\/\/journal.media-culture.org.au\/index.php\/mcjournal\/article\/view\/856 [8.4.2018].<\/p>\n<p>Van den Akker, Robin\/Vermeulen, Timotheus (2015): Anmerkungen zur Metamoderne, Hamburg.<\/p>\n<p>Wallace, David Foster (1993): E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction, in: Review of Contemporary Fiction 13\/2, S. 151-194.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website beregow\" href=\"http:\/\/www.wiso.uni-hamburg.de\/professuren\/allgemeine-soziologie\/team\/elena-beregow\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Elena Beregow<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur f\u00fcr Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie, Universit\u00e4t Hamburg.<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts dahinter<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[98238,884,911,973,1309,1348,1695,1832,1846,1857,1877,2596],"class_list":["post-9439","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-affirmation","tag-glam","tag-grimes","tag-helena-hauff","tag-kritik","tag-lana-del-rey","tag-oberflaeche","tag-pop-oberflaechen","tag-popliteratur","tag-poptheorie","tag-postmoderne","tag-zitat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9439"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9439\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}