{"id":9440,"date":"2019-09-09T08:38:40","date_gmt":"2019-09-09T06:38:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9440"},"modified":"2019-09-09T08:38:40","modified_gmt":"2019-09-09T06:38:40","slug":"familien-inszenierungen-in-serievon-maren-lickhardt9-9-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/09\/09\/familien-inszenierungen-in-serievon-maren-lickhardt9-9-2019\/","title":{"rendered":"Familien-Inszenierungen in Serievon Maren Lickhardt9.9.2019"},"content":{"rendered":"<p>Die\u00a0kleinste Einheit einer Gesellschaft<!--more--><\/p>\n<p>[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2018\/09\/24\/heft-13-pop-kultur-und-kritik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heft 13<\/a>, Herbst 2018, S.98-109]<\/p>\n<p>Ohne je in den USA gewesen zu sein, habe ich wie vermutlich die meisten das Gef\u00fchl, eine Expertin f\u00fcr den amerikanischen Alltag zu sein, weil ich Tag f\u00fcr Tag amerikanische Serien schaue \u2013 solange ich zur\u00fcckdenken kann. Dabei handelt es sich zu einem gro\u00dfen Teil um Familienserien. Man kommt gar nicht drum herum. Von der Soap \u00fcber die Sitcom bis zur sog.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Qualit\u00e4tsserie ranken sich amerikanische Serien strukturell und thematisch vorwiegend um die Kleinfamilie.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zu Beginn des Fernsehens in den 1950er und fr\u00fchen 1960er Jahren bedurfte es aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden eines Identifikationsangebots f\u00fcr die Hausfrau. Noch bevor die fl\u00e4chendeckende Quotenmessung und Marktforschung einsetzte, nahm man von ihr an, dass sie sich dort befindet, wo auch der Fernseher steht, n\u00e4mlich in ihrem Heim. Weil die Hausfrau auch die Kaufentscheidung f\u00fcr Haushaltsprodukte f\u00e4llte und damit ganze Wirtschaftszweige beeinflusste, wurde auch sie nun wichtig und interessant genug, um ihrerseits beeinflusst zu werden: Die Werbestrategien gr\u00fcndeten auf der Annahme, dass die Hausfrau wie bei der bereits etablierten Nutzung des Radios eine passive Rezeption zwischen Waschen und B\u00fcgeln vollziehe.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Um sie bei der Stange zu halten, sowohl beim Waschen und B\u00fcgeln als auch beim Fernsehen und Kaufen, damit sie sich letztlich f\u00fcr das richtige Waschmittel entscheidet, musste ihr etwas geboten werden, das sie einerseits fesselte, aber andererseits leicht zug\u00e4nglich war. In dieser Gemengelage auf die Kleinfamilie zu kommen, ist nicht sehr fernliegend. \u00dcber die Fernsehnutzung der Hausfrau sind Kommerz und Familie verzahnt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Familien weisen allerdings ohnehin Homologien mit dem Seriellen auf. Sie entwickeln sich, bleiben sich dabei gleich und reproduzieren sich. Will man eine Serie progressiv \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum erz\u00e4hlen, braucht man Stoff. An eine Familie k\u00f6nnen verschiedene Handlungsstr\u00e4nge gekn\u00fcpft werden, die sich sowohl unabh\u00e4ngig als auch in Wechselwirkung entfalten. Will man episodisch \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum erz\u00e4hlen, braucht man wiederkehrende Elemente. Eine Familie bietet feste Rollen und somit das Potential f\u00fcr wiedererkennbare Handlungsmuster. Entwicklung ebenso wie Wiederholung garantieren aus je unterschiedlichen Gr\u00fcnden die Zuschauerinnenbindung.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich k\u00f6nnen alle m\u00f6glichen Themen von der Haustierversorgung bis zur Weltpolitik an die Familie gekn\u00fcpft und g\u00fcnstig als Streitereien am Familientisch produziert werden. Andere Settings aus unserer t\u00e4glichen Lebenswelt k\u00f6nnen hinzukommen, n\u00e4mlich Kindergarten, Schule, Arbeit, Stadtrat. Die wohlbekannten Halloween- und Weihnachtsfolgen strukturieren das Jahr, und will man einmal Abwechslung, f\u00e4hrt die Familie eben in Urlaub. F\u00fcr besonders g\u00fcnstige Episoden ist die Familie ebenfalls ideal, weil man sich in ihrem Rahmen doch so gerne an die gemeinsame Vergangenheit erinnert, die f\u00fcr diese Folgen zusammengeschnitten werden kann. Die Familie stiftet mindestens f\u00fcr den Zuschauer erz\u00e4hlerischen Zusammenhang.<\/p>\n<p>Wo es keine gesellschaftliche Solidarit\u00e4t gibt, muss auf biologistische Modelle des Zusammenhalts zur\u00fcckgegriffen werden. Wo es keine staatlich geregelte bzw. sichere und ausreichende Kranken- und Altersvorsorge gibt, muss auf famili\u00e4re Versorgung gesetzt werden. Das massenmediale Beschw\u00f6ren der Familie passt zu den \u00f6konomischen und politischen Strukturen und Erfordernissen \u2013 nicht nur \u2013 in den USA. Die Kleinfamilie ist Gegenstand liberaler und nat\u00fcrlich auch patriotischer Rhetoriken: \u203asummum bonum\u2039 aller Bestrebungen. Gleichzeitig l\u00e4sst sie sich wunderbar f\u00fcr eine Volkswirtschaft und Staatsmacht instrumentalisieren, es werden also Mittel und Zweck \u2013 von vielen Akteur*innen unbemerkt \u2013 umgekehrt.<\/p>\n<p>Dass die Kleinfamilie vielleicht nicht die zwingende und nat\u00fcrliche kleinste Einheit einer Gesellschaft bildet, kann als Gedanke aufkommen, wenn man ihre Beschw\u00f6rung in der Popul\u00e4rkultur verfolgt. Ihre Penetranz mag suspekt werden. Vielleicht hat es weniger mit Hausfrauen oder Struktur\u00e4hnlichkeiten zu tun, sondern auch mit volkswirtschaftlichen Zw\u00e4ngen, dass die Kleinfamilie so fest in der Popul\u00e4rkultur etabliert ist. Aus dem kapitalistischen Zwang wird dort oft allt\u00e4gliche M\u00fche. Dass sich die Familie sowohl hinsichtlich der k\u00fcnstlerischen Konzeption als auch in der Realit\u00e4t sowie irgendwie totlaufen kann \u2013 nat\u00fcrlich nicht muss \u2013, sieht man neuerdings an Serien wie \u00bbBreaking Bad\u00ab, \u00bbWeeds\u00ab, \u00bbSanta Clarita Diet\u00ab und \u00bbModern Family\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbBreaking Bad\u00ab zeigt ein gleichf\u00f6rmiges, leeres, allenfalls anstrengendes Familien-Szenario. Walter Whites \u2013 auch sexuelle \u2013 Revitalisierung gelingt nur durch die Produktion von Crystal Meth in einem Leben in Gefahr im Umfeld organisierter Drogen-Kriminalit\u00e4t, nachdem seine Familie das Leben aus ihm ausgesaugt hatte, u.a. deshalb, weil ein Versorgungssystem jenseits der Familie nicht gedacht werden kann. Selbst der DEA-Agent Hank Schrader h\u00e4tte es nach einem Attentat nie wieder aus dem Rollstuhl geschafft, w\u00e4re die Familie nicht f\u00fcr die Rehabilitationskosten eingesprungen. Walters leitendes Motiv nach seiner Lungenkrebsdiagnose ist zun\u00e4chst weniger die M\u00f6glichkeit, die \u00fcberteuren Behandlungskosten f\u00fcr sich selbst zu zahlen, sondern der Wille, seine Familie \u00fcber seinen Tod hinaus finanziell abzusichern. Erst am Ende gesteht er, er habe alles nur f\u00fcr sich selbst getan \u2013 f\u00fcr den Kick, und die Produzenten g\u00f6nnen es ihm, dass er alleine in seinem Labor sterben darf. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Breaking Bad Trailer (First Season)\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/HhesaQXLuRY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>\u00bbWeeds\u00ab nimmt seinen Ausgangspunkt ebenfalls in einer prek\u00e4ren Situation. In dieser Serie ist es die Hausfrau Nancy Botwin, die f\u00fcr den Lebensunterhalt der Familie sorgen muss, nachdem ihr Mann \u00fcberraschend verstorben ist. Als h\u00e4tte man nicht mal daran denken k\u00f6nnen, dass die Absicherung durch den Ehemann im Rahmen der Kleinfamilie nicht in allen F\u00e4llen ewig w\u00e4hrt, steht sie zum Auftakt der Serie bl\u00f6d da und beschlie\u00dft, Marihuana zu verkaufen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4w_A9MM9NV0\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4w_A9MM9NV0<\/a><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens als sie sich im Familienauto eher aus Versehen an ihrem ersten Drive-by-Shooting beteiligt und sich daraufhin symbolisch den Namen des Dealers auf den Hintern t\u00e4towieren l\u00e4sst, der ihr diese und einige andere au\u00dfergew\u00f6hnliche Erfahrungen beschert hat, n\u00e4mlich U-Turn, wird deutlich, dass sie in ihrem Leben zuvor niemals etwas erlebt hatte. Ein U-Turn in die Illegalit\u00e4t war f\u00fcr die \u2013 wie bei Walter sexualisierte \u2013 Vitalisierung der Figur ebenso n\u00f6tig, wie die Familienserie als solche einer derartigen strukturellen und thematischen Erneuerung bedurfte. Denn genau genommen wird deutlich, dass diese Serie nichts zu erz\u00e4hlen, schlicht keinen Gegenstand h\u00e4tte, w\u00fcrde die Protagonistin nicht Gras verkaufen. Die Hintergrundkulisse der Kleinfamilie ist l\u00e4ngst ostentativ implodiert. Dass an den schulischen Automaten zuckerhaltige Getr\u00e4nke verkauft werden, z\u00e4hlt zum Aufregendsten, was in diesem Szenario passieren kann.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nun bed\u00fcrfte es ja nicht dieser Kulisse, um spannende Gangster-Geschichten zu erz\u00e4hlen. Sie wird zudem nur selten ausgelastet, um komische Effekte durch den Kontrast zu erzielen. Diese Erwartung wird zu Beginn der Serie leicht best\u00e4tigt, dann flaut die Komik aber recht schnell ab. Nein, vielmehr ist die Kleinfamilie um ihrer selbst willen da, und zwar schlicht um zu zeigen, wie nichtssagend, wie nicht erz\u00e4hlw\u00fcrdig sie ist. Der Titelsong \u00bbLittle Boxes\u00ab, ein Lied von Malvina Reynolds aus dem Jahr 1962, weist mit leiernder Stimme \u00fcberdeutlich darauf hin: \u00bbLittle boxes on the hillside, little boxes made of ticky tacky, little boxes on the hillside, little boxes all the same. There\u02bcs a green one and a pink one and a blue one and a yellow one, and they\u02bcre all made out of ticky tacky and they all look just the same. And the people in the houses all went to the university, where they were put in boxes and they came out all the same.\u00ab<\/p>\n<p>Nicht nur die Art des Gesangs, die gleichen, nur farblich variierten H\u00e4user \u2013 immerhin \u2013 und der explizite Hinweis auf die Gleichf\u00f6rmigkeit, sondern auch die Wiederholung der Parataxe \u203aand\u2039, die alles gleich-g\u00fcltig macht, suggerieren eine nicht enden wollende Wiederholungsschleife, aus der man nur ausbrechen kann, wenn man alle legalen Gesellschaftsstrukturen hinter sich l\u00e4sst. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man es auch mal mit einem roten Haus versuchen, aber die Serie bietet eigentlich wenig Hoffnung darauf, dass unterhalb einer Schie\u00dferei irgendetwas imstande w\u00e4re, Figuren im Familienalltag Leben einzuhauchen. Und nat\u00fcrlich bewegen sich diese \u00dcberlegungen auf der Ebene der reflexiv-intertextuellen Serien-Inszenierung.<\/p>\n<p>Wenn man keine Drogendealerin wird, muss man sich wenigstens \u00fcber Nacht in eine Art Zombie verwandeln, um die Monotonie der Kleinfamilie zu durchbrechen. So geschehen mit Sheila Hammond in \u00bbSanta Clarita Diet\u00ab. Man kann sich lange fragen, was an dieser Serie gut, interessant oder witzig sein sollte \u2013 au\u00dfer dem Einsatz von wundersch\u00f6nem Kunstblut, das auch wirklich k\u00fcnstlich aussieht, also so pink-rot, wie Blut eigentlich gar nicht ist. Die Antwort ist auch nach intensivem Nachdenken: nichts.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Stellt man heraus, dass aus diesem Blut zusammen mit K\u00f6rperteilen von Menschen ein Smoothie f\u00fcr die Frau gemixt wird, weil diese nach ihrer Verwandlung nichts anderes mehr vertragen kann, muss man noch die Handlungssequenzen hinzunehmen, in denen die Familie nun Jagd auf Menschen macht, um Nahrung f\u00fcr die Mutter zu beschaffen, au\u00dferdem die Sequenzen, in denen die Familie versucht, dies vor ihren Nachbarn zu vertuschen. Beides f\u00fchrt zu stereotypen slapstickartigen und grotesken Situationen, aber eigentlich zu nichts au\u00dfer Langeweile. Und ebenso langweilig, weil allzu klar, ist auch: Man k\u00f6nnte das allegorisch so lesen, dass jeder seine sprichw\u00f6rtliche Leiche im Keller hat \u2026<\/p>\n<p>Langeweile ist dann aber schlie\u00dflich der Clou der \u00bbSanta Clarita Diet\u00ab. Nun lese ich die Serie sicher gegen den Strich, aber ich unterstelle jetzt einfach mal wohlwollend so viel Intelligenz und Raffinesse, dass es sich um taktische Langeweile handelt, wenn in \u00fcberdrehten und hysterischen, schlecht gespielten \u2013 ja, auch von Drew Barrymore \u2013 Szenen irgendein Unsinn um einen wiederum missgl\u00fcckten Mordversuch getrieben wird. Man soll das sicher so empfinden, um seine Aufmerksamkeit verzweifelt auf das Hintergrundszenario zu richten, n\u00e4mlich darauf, was w\u00e4re, wenn es diesen Zombie-St\u00f6rfall nicht g\u00e4be, also auf den normalen Familien- und Nachbarschaftsalltag, in der Hoffnung, dass dort irgendetwas Relevantes passiert, um dann wiederum festzustellen, dass man nichts dergleichen vorfindet, rein gar nichts au\u00dfer einer Nichtigkeit, die sich jeder Darstellbar- und Erz\u00e4hlbarkeit entzieht. Und das ist ja immerhin etwas.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"SANTA CLARITA DIET Trailer (2017)\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/bkWx5bv_EGw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Sheila f\u00fchlt sich als Zombie explizit lebendiger als zuvor. Sie hat tats\u00e4chlich sogar unter der Woche ungeplanten Geschlechtsverkehr mit ihrem Ehemann! Die Serie will zwar von Zombie-M\u00fcttern erz\u00e4hlen, aber eigentlich erz\u00e4hlt sie \u2013 hin und wieder sogar bewusst \u2013, dass Mutterfiguren eigentlich schon immer Zombies waren, dass es nichts zu erz\u00e4hlen gibt, wenn man eine Kleinfamilie in den Mittelpunkt stellt, dass es nichts zu erz\u00e4hlen g\u00e4be, wenn man nicht eine unwahrscheinliche Zombie-Geschichte einf\u00fchren w\u00fcrde. Das muss sich gar nicht auf die reale Familie beziehen, sondern auf die Geschichte von deren Inszenierung im Fernsehen. Aber so oder so: Die Moral von der Geschichte ist, dass man niemals einen Immobilien-Makler heiraten sollte, denn im wirklichen Leben wird man nicht von der gl\u00fccklichen F\u00fcgung erl\u00f6st, dass man eines morgens als Zombie aufwacht und \u00fcber Nacht ganz von allein alles anders geworden ist. Da muss man sich dann erst m\u00fchsam aus der Wirtschaftsgemeinschaft scheiden lassen, und schon w\u00e4ren wir wieder bei den Finanzen. Es ist kein Zufall, dass es sich bei den Hammonds um Makler handelt, werden mit H\u00e4usern doch Kleinfamilientr\u00e4ume verkauft, die \u2013 nicht nur \u2013 in den USA sp\u00e4testens 2008 platzen.<\/p>\n<p>Immobilien-Makler ist auch Phil Dunphy, die Vaterfigur des herk\u00f6mmlichen Teils der Familie Pritchett, angef\u00fchrt von Familienoberhaupt Jay Pritchett in der Mockumentary-Comedy \u00bbModern Family\u00ab. Diese Serie hat sich insofern programmatisch dem Adjektiv \u203amodern\u2039 verschrieben, als die traditionelle Kleinfamilie mit leiblichem Vater, Mutter und Kindern nur eine Repr\u00e4sentationsform der Familie neben alternativen Entw\u00fcrfen bildet. Vater und Gro\u00dfvater Jay befindet sich in zweiter Ehe mit einer Kolumbianerin, die so jung ist wie seine Tochter Claire. So \u203amodern\u2039 ist das gar nicht. \u203aModern\u2039 soll dann wohl auch die Tatsache sein, dass sein Sohn Mitch mit einem Mann liiert ist, mit dem er ein vietnamesisches M\u00e4dchen adoptiert hat. Netter Versuch.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nOVOVohZtTo\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nOVOVohZtTo<\/a><\/p>\n<p>Ed O\u2019Neill verk\u00f6rpert in dieser Serie einen recht ausgewogenen Charakter, nachdem er als Al Bundy mit einer schrecklich netten Familie, also in der Serie \u00bbMarried \u2026 with children\u00ab bekannt wurde. W\u00e4hrend die Familienidylle dort in jeder nur erdenklichen Hinsicht demontiert wird, setzt \u00bbModern Family\u00ab auf liebevollen, durchaus funktionierenden, \u2013 nicht immer, aber oft \u2013 okayen Kitsch und Witz (ich betrachte Ekkehard Kn\u00f6rers adjektivische Verwendung von \u203aokay\u2039 in \u00bbBattlestar Galactica\u00ab, Berlin und Z\u00fcrich 2013, als erfreuliche Legitimation f\u00fcr diesen Gebrauch).<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist zun\u00e4chst einmal der traditionelle Teil der Familie, also die Kleinfamilie Dunphy mit einem Vater und einer Mutter, die mit ihren zwei T\u00f6chtern und einem Sohn alles durchmachen, was Familien so durchmachen, also Elementary School, High School, College. Am Valentinstag brechen die beiden regelm\u00e4\u00dfig aus dem Ehealltag aus, um sich in den Rollen Juliana und Clive in einer Hotelbar zu treffen. Sie gehen aber auch in ihren wirklichen Rollen auf, und f\u00fcr den deutschen Kontext scheint insofern alles auf eine unspektakul\u00e4re Weise \u203anormal\u2039 zu sein, als sich niemand dar\u00fcber aufregt, dass die Tochter im Teenageralter mit ihrem ersten Freund Sex hat und zu seltenen Anl\u00e4ssen Alkohol trinkt. F\u00fcr Amerikaner wiederum mag das \u203amodern\u2039 sein. Zumindest aus deutscher Perspektive verbindet man mit amerikanischen V\u00e4tern in solchen Situationen, wenn sie auch nur im Entferntesten anklingen, doch eher einen mehr als besorgten und entt\u00e4uschten Cliff Huxtable oder schlimmer noch Reverend Eric Camden, die dann immer ihr Vertrauen verloren haben wollen und mindestens mit Liebesentzug reagieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nebenbei, ich schw\u00f6re: Als ich eines Tages ca. im Jahr 2002 VOX angeschaltet habe und damit, ohne es zu wissen, die Serie \u00bbEine himmlische Familie\u00ab, war ich v\u00f6llig verbl\u00fcfft dar\u00fcber, dass wunderbare Effekte es schafften, \u00bbDie Waltons\u00ab aussehen zu lassen, als seien sie frisch gedreht. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich Fernsehen ja wie die gute alte Hausfrau eher nebenbei schaue. Heute h\u00e4tte ich des R\u00e4tsels L\u00f6sung auch schnell gegoogelt, aber meine damalige Internetverbindung machte es erst nach fast einer ganzen Folge m\u00f6glich zu erfahren, dass es sich nicht um eine nachbearbeitete Version der \u00bbWaltons\u00ab handelt und diese Serie wirklich Ende der 90er und Anfang der 00er Jahre produziert wurde. Das kann man einfach auch gar nicht fassen, wenn man es nicht wei\u00df.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu \u00bbModern Family\u00ab: Es geht nie zu idyllisch zu und jede\/r hat so seine Macken und Kanten, aber am Ende steht immer die Botschaft, dass die Familie sich liebt, sich best\u00e4rkt, sich best\u00e4tigt, sich sorgt, sich k\u00fcmmert, sich Halt gibt. Dass Familienoberhaupt Jay hin und wieder anmerkt, er sei Vietnam-Veteran und habe f\u00fcr die amerikanische Freiheit gek\u00e4mpft, gibt der Sache einen unangenehmen Beigeschmack. Familie und Vaterland, nur Gott bleibt hier au\u00dfen vor. Eben \u203amodern\u2039.<\/p>\n<p>Was die Serie aber besonders deutlich transportiert, ist der Inszenierungscharakter von Familie. Diese wird in Para- und Epitexten oftmals einheitlich wei\u00df gekleidet auf einem Foto gezeigt. Steht dies f\u00fcr Zusammengeh\u00f6rigkeit? Oder daf\u00fcr, dass die Figuren jeweils Projektionsfl\u00e4chen f\u00fcr jeden Typus bilden? Oder dient dies der Idealisierung? Das Bild erweist sich schon in einer fr\u00fchen Folge, in der dessen Zustandekommen thematisiert wird, als nicht metafiktiv, also als fiktiv, also als real im Rahmen der fiktiven Welt: Claire hat mal wieder ein Familienereignis perfekt geplant und alle angewiesen, wei\u00df gekleidet zu einem gemeinsamen Fototermin zu erscheinen. Indem die bl\u00fctenwei\u00dfe Inszenierung durch diese Folge der fiktiven Welt zugeschrieben wird, inszeniert die Serie die Familie nicht nur, sondern sie thematisiert eine Familie, die sich als solche selbst inszeniert. Wenn das mal nicht eine gewisse Br\u00fcchigkeit birgt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Erstaunlich oft geht es in der Serie um Bilder, und sei es, dass die \u00e4ltere Schwester ein peinliches Bild der j\u00fcngeren postet oder die kolumbianische Mutter ihren verkaterten Sohn in einer peinlichen Situation fotografiert und damit droht, das Bild zu ver\u00f6ffentlichen, sollte er sich noch einmal betrinken. Alles in allem kommt innerhalb der Serie ein erstaunliches Repertoire an Bildern zusammen, das die Familie nutzt, um sich zu repr\u00e4sentieren und einen Ged\u00e4chtnisraum zu schaffen. Vor allem Abbildungen des Vaters Phil als Makler sind h\u00e4ufig pr\u00e4sent und zeigen des Versorgers berufliches Engagement durch werbende Selbstinszenierung. Bereits der Vorspann besteht daraus, dass eine Szene mit einem Familienmitglied einfriert, die Kamera wegzoomt, das Ganze als Bild mit Rahmen sichtbar wird, das von einem anderen Familienmitglied gehalten wird, was dann wiederum zu einem Bild gefriert usw. usf. Die Familie besteht aus Bildern in Bildern, die sich gegenseitig hochhalten und zeigen.<\/p>\n<p>Auch Unwahrheiten geh\u00f6ren zur Inszenierung dazu. Man sollte die Dialoge in \u00bbModern Family\u00ab einmal z\u00e4hlen, in denen sich die Familienmitglieder gegenseitig bewusst in einem Irrglauben lassen, ein Missverst\u00e4ndnis oder eine Fehlwahrnehmung nicht korrigieren, weil der andere mit einer ganz kleinen L\u00fcge gl\u00fccklicher leben kann. Dadurch dass die Mockumentary-Serie eine Dokumentation bzw. Reality TV simuliert und die Figuren in Metalepsen in die Kamera sprechen, wir Zuschauer also reflexiv in die Rolle der Beobachtenden versetzt werden, wird uns die Wahrheit allerdings erz\u00e4hlt und damit auch ganz klar verdeutlicht, dass sich die Figuren ihrer Schwindeleien bewusst sind und welche Strategie damit verfolgt wird. T\u00e4uschungen sind offenbar n\u00f6tig, wenn es um die Familie geht.<\/p>\n<p>Besonderen Schein erzeugen Familien an Feiertagen. Jedes Jahr gibt es in \u00bbModern Family\u00ab Halloween und Weihnachten, au\u00dferdem die Geburtstage der Familienmitglieder sowie diverse Einschulungen, Abschlussb\u00e4lle und Hochzeiten. Immer wieder geht es um die Planung und das Zelebrieren dieser Feierlichkeiten. Immer wieder wird dabei explizit von den Figuren thematisiert, dass sich jemand wichtig, geliebt, gesch\u00e4tzt und ernstgenommen f\u00fchlen soll, indem das perfekte Geschenk \u00fcberreicht, das Lieblingsessen gekocht, ein fast geheimer Wunsch erf\u00fcllt wird. Nicht selten kommt es dabei zu einem Wettstreit der Figuren, wer f\u00fcr das jeweils zu feiernde Familienmitglied die perfekteste Inszenierung planen kann. Wiederum wird die Familie dargestellt, wie sie sich als Familie selbst darstellt und jedem einen Platz im Leben zuspricht, indem sie in symbolischen und bildlich fixierten Ritualen dessen Platz in der Familie zelebriert.<\/p>\n<p>Dass es um Inszenierungen geht, wird ohnehin durch die Anlage der Serie als Mockumentary deutlich, die auf der metafiktionalen Ebene andeutet, dass der Schein als Kleber substantiell zum Aufrechterhalten einer funktionalen Familie dazu geh\u00f6rt, dass die Familie es offenbar verlangt, dass man sie immer wieder reflexiv-performativ herstellt, erneuert und am Leben erh\u00e4lt, dass sie die Begr\u00fcndung ihres Seins daraus bezieht, dass sie einen Schein produziert. S\u00e4mtliche Inszenierungen der Familie werden als solche offenbar, werden ostentativ gebrochen, weil die massenmediale bildliche Inszenierung selbst den Gegenstand der Serie bildet und nicht die Familie selbst. Als Kommentar auf Familiendokumentationen verweist die Serie auf vorhandene Tendenzen, das Private und damit auch eine ganze Reihe Banalit\u00e4ten in \u00f6ffentlichen Bildern zu inszenieren, und dazu geh\u00f6rt ebenfalls, dass die Familie zur Schau gestellt wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Eine verkappte Familienserie ist auch \u00bbHow I Met Your Mother\u00ab. Die Familie wird retrospektiv narrativ inszeniert, indem Ted Mosby 2030 seinen beiden Kindern die lange, m\u00e4andrierende Geschichte erz\u00e4hlt, wie er deren Mutter kennengelernt hat. Das Ganze f\u00fchrt in das New York der Nuller Jahre, wo f\u00fcnf Freunde alles erleben, was man in seinen Zwanzigern in einer Gro\u00dfstadt so erlebt. Aber alles \u2013 Sex, Freundschaften, Partys, Karrieretr\u00e4ume, Stadterfahrungen \u2013 wird von dem 27j\u00e4hrigen (!) nur als Station auf der Suche nach der richtigen Frau zum Heiraten wahrgenommen. Erz\u00e4hllogisch betrachtet ist klar, dass seine M\u00f6glichkeiten bzw. Unm\u00f6glichkeiten, irgendeine Frau vor der Mutter an sich zu binden, als Notwendigkeiten erscheinen, wenn sie Wirklichkeit geworden sind. Aber dass die Perspektive des verheirateten Familienvaters als Ideal gew\u00e4hlt wird, um das Szenario zu deuten, ist Ausdruck der typischen Familienideologie vieler amerikanischer Serien. Damit wird den Stationen der Eigenwert abgesprochen, und damit handelt die Serie nicht von \u00bbSex and the City\u00ab und von \u00bbFriends\u00ab, sondern sie zeigt die oftmals als traumatisch dargestellte, dankenswerterweise \u00fcberwundene Vorgeschichte von \u00bbModern Family\u00ab etc.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nun spreche ich ja nicht \u00fcber reale Familien, sondern einen kleinen Aspekt der Fernsehgeschichte der Familien, aber eins ist doch auff\u00e4llig: Anf\u00e4nglich ist die reale Familie stark mit dem kommerziellen Aspekt des Fernsehens verbunden; aktuell wird die fiktive Familie zwar nach wie vor hochgehalten, l\u00f6st sich aber vor den Augen der Zusehenden entweder in Nichts auf oder wird so \u00fcberexplizit und reflexiv inszeniert, dass der Verdacht aufkommen kann, sie sei auf die Inszenierung angewiesen. Ist die reale Familie am Ende auch von der permanenten Repr\u00e4sentation im Fernsehen abh\u00e4ngig? Soll am Ende im Fernsehen f\u00fcr die Familie geworben werden und nicht vor der Familie f\u00fcr ein Produkt? Immerhin erzeugt \u00bbModern Family\u00ab die Illusion eines realen Substrats, das durchaus als Familie funktioniert. Die Serie kann als Spiegelung der Werbung f\u00fcr die Familie gesehen werden, ebenso wie sie selbst schlicht Werbung f\u00fcr die Familie ist. Dass der Meta-Inszenierungscharakter Br\u00fcche einbringt, mag durchaus nicht intendiert sein.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Serie will offenkundig die Fernsehfamilie erneuern und Modernit\u00e4t mit ein bisschen Kitsch und Witz erz\u00e4hlen, indem sie verschiedene Konzepte von Familie ostentativ nebeneinanderstellt. M\u00e4nnliche Homosexualit\u00e4t etwa wird sehr klischeehaft dargestellt, aber die Klischees werden auch als solche vorgef\u00fchrt. W\u00e4hrend nun traditionellere Fernsehfamilien mit heterosexuellen Eltern und leiblichen Kindern irgendwie aufgepeppt werden m\u00fcssen, also Drogen und Untote brauchen und damit sehr deutlich auf die Langweiligkeit der Kleinfamilie verweisen, wird in \u00bbModern Family\u00ab alles, was au\u00dfergew\u00f6hnlich sein k\u00f6nnte, m\u00fchsam normalisiert. In dem Wort \u203amodern\u2039 steckt, dass ein paar statistische \u203aWenigerwahrscheinlichkeiten\u2039 nun ganz einfach zur durchschnittlichen Familie dazugeh\u00f6ren, die zuvor in Familienserien ausgeblendet worden waren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Normalisierung funktioniert in \u00bbModern Family\u00ab dar\u00fcber, dass Jay zwar \u00fcberdurchschnittlich wohlhabend ist, aber einen bodenst\u00e4ndigen Beruf hat. Die hei\u00dfe Kolumbianerin war eine alleinerziehende Mutter, die man einfach mal in einem Bistro kennengelernt hat, der schwule Schwiegersohn stammt von einer Farm in Missouri. Damit dient die Serie als Meta-Kommentar zu traditionellen Familienserien und einem konservativen amerikanischen Verst\u00e4ndnis von Familie und will sagen: Uns k\u00f6nnte es wirklich geben. Wir sind ganz normal. Und wir sind auch darstellungsw\u00fcrdig.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die gesellschaftspolitische Botschaft lautet: Auch Vietnam-Veteranen k\u00f6nnen schwule S\u00f6hne haben. Da Konstellationen gezeigt werden, die gerne mal als \u203adeviant\u2039 bezeichnet worden w\u00e4ren, besitzt die Serie vordergr\u00fcndig einen progressiven Zug. Aber letztlich lebt die Serie davon, dass wir die Devianzen als solche wahrnehmen, die ja doch sehr stark markiert sind. Werden diese ernsthaft normalisiert \u2013 wenn man Homosexualit\u00e4t wirklich nicht weiter bemerkenswert findet \u2013, ist das Szenario jedoch ebenso banal und gleichf\u00f6rmig wie das jeder anderen Familienserie. Dann kippt die Anlage wieder, und man merkt: Die Serie lebt von der Devianz und deren Inszenierung, nicht vom \u203anormalen\u2039 Familienalltag. Fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Als normal f\u00fcr Familien gilt vor allem die Reproduktion. So existentiell und aufregend dies f\u00fcr Eltern auch sein mag, so gleichf\u00f6rmig sind doch die Erz\u00e4hlungen, die sich um Neugeborene ranken. Wendet man die Frage der Darstellungsw\u00fcrdigkeit von einer politischen in eine dramaturgische, muss einmal mehr auffallen, dass das schwule Paar ein M\u00e4dchen aus Vietnam mitbringt, und dann m\u00fcssen auch die strukturellen \u00c4hnlichkeiten mit Drogengesch\u00e4ften und Untotenverwandlungen gesehen werden. Erneut sind Inszenierungen des Besonderen und Au\u00dfergew\u00f6hnlichen am Werk: Homosexualit\u00e4t wird zu einem Mittel degradiert, um die Familie \u2013 fiktional wie vielleicht auch real \u2013 m\u00fchsam am Leben zu erhalten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Reality Shows bilden keine Ausnahme von der Regel, die Familie durch Extraordin\u00e4res zu konservieren. Ozzy Osbourne war bereits ein Weltstar, bevor wir auch seine Frau Sharon in \u00bbThe Osbournes\u00ab ganz intim, also nat\u00fcrlich vermeintlich intim, aber doch wenigstens mit einer echten Krebserkrankung kennenlernen durften. Hulk Hogan stand Ozzy Osbourne an Bekanntheit nur wenig nach, als wir in \u00bbHogan Knows Best\u00ab insbesondere auf Tochter Brookes mehr oder weniger ausgepr\u00e4gte Gesangstalente verwiesen wurden. Kim Kardashian hatte immerhin bereits einen Skandal um ein Sextape mit dem Rapper Ray J aufzuweisen, bevor sie und ihre Familie mit \u00bbKeeping up with the Kardashians\u00ab ins Rampenlicht traten, und dann hat auch noch Kanye West in die Familie eingeheiratet. Es geht hier nicht um die Inszenierung von Familien als solchen. In den ersten beiden F\u00e4llen schon gar nicht, aber auch in letzterem dient die Familie als Vehikel, um einen Celebrity-Status gleichzeitig und wechselseitig zu inszenieren und zu erhalten. Man bezeichnet die Akteur*innen dann als C-Promis, und das ist im Kontext von Familien-Inszenierungen eigentlich nicht so interessant.<\/p>\n<p>Wenn eine Familie nicht bereits prominent ist, ben\u00f6tigt sie mindestens zw\u00f6lf Kinder, zwei F\u00e4lle von Teenagerschwangerschaft, eine Geschlechtsumwandlung oder vierundzwanzig Katzen, oder sie muss auf Weltreise gehen, ein Familienunternehmen gr\u00fcnden, im Lotto gewonnen oder ihr Haus bei einem Hurricane verloren haben. Ansonsten muss man eben theatralisch bei den Einzelgespr\u00e4chen vor einer Kamera Banalit\u00e4ten beschw\u00f6ren, und dort, wo die \u00bbModern Family\u00ab \u203anormal\u2039 ist, geschieht ja genau das. Dann wird ausgehandelt, wie man den Freund der Tochter findet, mit dem die n\u00e4chste Generation in Serie gehen k\u00f6nnte, welche die gleichen Fragen dann ja wieder aushandeln kann.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dynastisch funktionieren vor allem die eingangs erw\u00e4hnten Seifenopern. \u00bbThe Guiding Light\u00ab hat es vom Radio ins Fernsehen geschafft und lief \u2013 in beiden Formaten zusammen \u2013 in den USA von 1937 bis 2009.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Damit gilt sie als langlebigste Soap der Rundfunkgeschichte. U.a. der moralisch in jeder erdenklichen Hinsicht fragw\u00fcrdige Konzern Procter &amp; Gamble war Namensgeber f\u00fcr das Genre Soap Opera \u2013 zugestanden: das war eine echte Kulturleistung \u2013, weil er die Radiosendung \u00bbMa Perkins\u00ab ab 1933 gesponsert und Radio wie Fernsehen danach systematisch zu Marketingzwecken genutzt hat; auch bei \u00bbGuiding Light\u00ab handelt es sich um eine P&amp;G-Produktion. Nat\u00fcrlich fungierten Soaps und so auch \u00bbGuiding Light\u00ab als wegweisendes Licht durch den Dschungel von Konsum-Produkten, die sich beim besten Willen nicht substantiell voneinander unterscheiden lassen. Da der Spa\u00df der Distinktion qua Produkt eigentlich nicht bei Waschmitteln einsetzt, sondern erst bei einer Birkin Bag \u2013 und da eigentlich auch nicht per se \u2013, m\u00fcssen jene besonders intensiv beworben werden, und dazu bedarf es eines passenden Unterhaltungsprogramms.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In den 1980er und 1990er Jahren war die Serie unter dem Titel \u00bbSpringfield Story\u00ab auch in Deutschland zu sehen. In dieser Zeit dominierten auf der Seite der Superreichen die Familien Spaulding, Lewis und Chamberlain das Geschehen. Ich muss zugeben, dass ich mich nicht plastisch an den sicher sehr spezifischen und ganz einzigartigen Plot erinnere, aber besagte Familien waren im Wesentlichen um ihren Besitzstand besorgt. Nat\u00fcrlich gab es auch andere Familien und andere Gr\u00fcnde f\u00fcr Liebe, Intrigen und Hass, aber die innerfamili\u00e4ren Konflikte und die interfamili\u00e4re Konkurrenz waren immer dynastisch motiviert, galt es doch zumeist Wohlstand, Namen und, wenn alles glatt l\u00e4uft, auch Gene in Kombination zu erhalten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Springfield Story   Wie alles begann, Staffel 1 The Guiding Light Trailer\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Vy6IBM845mM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Selten nur sind in einem liberalistischen Szenario andere Formen der Vergesellschaftung denkbar als die Familie, um die sich dann die \u00fcbelsten Machenschaften ranken. Die amerikanischen Soaps, die ich kenne, weisen besonders deutlich diese Struktur auf: Verschiedene Clans und \u00f6konomische Interessen stehen im Mittelpunkt, Familien fungieren als Wirtschaftseinheiten. Nun sind die Spauldings zwar weit vom Alltag entfernt, aber immerhin h\u00e4lt die Hausfrau die Familie ja auch \u00fcber eine sinnvolle Verwendung des Geldes ihres Mannes zusammen. Aber was sage ich da? Diese Hausfrau gibt es ja gar nicht mehr \u2026<\/p>\n<p>Nicht nur den Hintergrund, sondern die tragende Struktur des kriminellen Geschehens bildet die Gro\u00dffamilie in der Mafia-Serie \u00bbThe Sopranos\u00ab. Und am Ende der Serie \u00bbLilyhammer\u00ab prostet der Protagonist Frank Tagliano alias Giovanni Johnny Henriksen den italienischen M\u00fcttern und Gro\u00dfm\u00fcttern zu, die er als wahre Helden bezeichnet, ohne die die Mafia-Br\u00fcder nicht w\u00e4ren, was sie sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u9qpFgAa52U\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u9qpFgAa52U<\/a><\/p>\n<p>Zum Nexus von Familie und bestimmten gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Strukturen k\u00f6nnte man noch lange weiter schreiben, zuletzt auch \u00fcber \u00bbShameless\u00ab mit der Darstellung einer White-Trash-Familie, die sich kaum normalisieren l\u00e4sst. Hier muss keine unerh\u00f6rte Begebenheit einbrechen. Das Chaos entsteht schon aus dem normalen Familienalltag heraus. Auch wenn fast alle Figuren \u2013 selbst Mickey Milkovich \u2013 auf ihre Weise mehr oder weniger liebensw\u00fcrdig sind, rankt sich doch alles um Verhaltensweisen, die seitens b\u00fcrgerlicher Rezipient*innen kaum als vern\u00fcnftig oder auch nur ann\u00e4hernd zurechnungsf\u00e4hig bewertet werden k\u00f6nnen. Jede Entscheidung eine Katastrophe \u2013 vor allem deshalb, weil alle Familienmitglieder in erster und letzter Linie ganz b\u00fcrgerlich an einem Konzept von Familie als Wirtschaftseinheit festhalten und nat\u00fcrlich auch festhalten m\u00fcssen. Da kaum auf staatliche Unterst\u00fctzung gesetzt werden kann und jegliche gesellschaftliche Solidarit\u00e4t fehlt, verstricken sich die Figuren immer wieder in Eigenverantwortlichkeiten f\u00fcr die Familie, denen sie nicht gewachsen sind. Im Gegensatz zu den meisten Figuren aus anderen Familienserien haben die Gallaghers aber immerhin Sex.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die\u00a0kleinste Einheit einer Gesellschaft<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[382,1545,2060,2123,2211,2323,2512],"class_list":["post-9440","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-breaking-bad","tag-modern-family","tag-santa-clarita-diet","tag-shameless","tag-springfield-story","tag-the-sopranos","tag-weeds"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9440"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9440\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}