{"id":9443,"date":"2019-09-08T08:38:44","date_gmt":"2019-09-08T06:38:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9443"},"modified":"2019-09-08T08:38:44","modified_gmt":"2019-09-08T06:38:44","slug":"der-videobeweis-im-fussballvon-nicolas-pethes8-9-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/09\/08\/der-videobeweis-im-fussballvon-nicolas-pethes8-9-2019\/","title":{"rendered":"Der Videobeweis im Fu\u00dfballvon Nicolas Pethes8.9.2019"},"content":{"rendered":"<p>WM 2018 in Russland<!--more--><\/p>\n<p>[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2018\/09\/24\/heft-13-pop-kultur-und-kritik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heft 13<\/a>, Herbst 2018, S.10-17]<\/p>\n<p>Vom 14. Juni bis 15. Juli 2018 fand in Russland die 21. Fu\u00dfballweltmeisterschaft statt. Es gab 64 Spiele mit 169 Toren, eine ganze Reihe davon spektakul\u00e4r sch\u00f6n, nur einmal trennten sich die Teams 0:0, grobe Fouls und rote Karten blieben die Ausnahmen, in den Stadien wurden mehr als drei Millionen Zuschauer gez\u00e4hlt, und am Ende siegte mit Frankreich diejenige Mannschaft, die Spielkontrolle und Angriffswucht am besten zu verbinden verstand, w\u00e4hrend im \u203akleinen Finale\u2039 Belgien den verdienten Lohn f\u00fcr den ansehnlichsten Offensivfu\u00dfball einfuhr.<\/p>\n<p>Noch vor dem Endspiel hatte FIFA-Pr\u00e4sident Gianni Infantino den World Cup 2018 in kaum verhohlener Eigenwerbung zum besten aller Zeiten erkl\u00e4rt. In den Sport- und Feuilletonredaktionen gr\u00fcbelt man wom\u00f6glich seither trotz der sp\u00f6ttischen Zur\u00fcckweisung dieses Anspruchs, wie es passieren konnte, dass jener Ballbesitzfu\u00dfball der spanischen und deutschen Nationalmannschaften, der das zur\u00fcckliegende Jahrzehnt bis zum \u00dcberdruss dominiert hatte, auf einmal von kreativ angreifenden und dynamisch konternden Teams in die Schranken verwiesen sowie in Vladimir Putins Polizeistaat ein offensichtlich weitgehend ungest\u00f6rtes Fanfestival gefeiert wurde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Behauptung vom besten Turnier leicht zu durchschauen, und das nicht nur, weil zumindest die Turniere von 1970 und 1998 als Konkurrenten zu nennen w\u00e4ren. Diese Behauptung geht auf den Showbusiness-typischen Appell zur\u00fcck, sich am Dargebotenen<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>erfreuen zu sollen, ohne den kommerziellen, politischen oder medialen Hintergrund in den Blick zu nehmen. Ihm steht seitens des kritischen Publikums der Verdacht entgegen, die von einem Event gezeigten Bilder verstellten durch ihre glatt polierten Oberfl\u00e4chen die eigentliche Wahrheit \u2013 im Fall der WM in Russland also die gesellschaftlichen Missst\u00e4nde eines autokratisch regierten Staats, der Regimekritiker aufgrund von \u203alikes\u2039 auf unliebsamen Webseiten einsperrt und Fu\u00dfballfans nach deren erkennungsdienstlicher Registrierung in eigens markierten Jubelzonen kaserniert.<\/p>\n<p>Das Fernsehen begegnet diesem Verdacht wiederum, indem es sich bem\u00fcht, beides zu verbinden: Die \u00dcbertragung eines Spiels wird begleitet von Hintergrundberichten nicht nur zu Taktik und Personen, sondern auch zu Land und Leuten. Aber diese Hintergrundberichte bestehen ihrerseits nur aus Bildern, deren Wahrheitswert und Belegkraft keineswegs ausgemacht ist. So wurden aus Russland keinerlei Belege f\u00fcr staatliche Repressionen gesendet, sondern Eindr\u00fccke von den gemeinsamen Feiern russischer und ausl\u00e4ndischer Fans, inklusive zarter Ans\u00e4tze zu einer Liberalisierung des Umgangs der Polizei mit ihnen. Von den im Vorfeld gef\u00fcrchteten Hooligans keine Spur \u2013 aber hei\u00dft das, dass das Turnier tats\u00e4chlich das v\u00f6lkerverbindende Paradies auf Putins Erde gewesen ist, oder bedeutet es lediglich, dass man als Fernsehzuschauer keine Informationen \u00fcber die Repressalien gegen\u00fcber potentiellen Gef\u00e4hrdern erh\u00e4lt? In jedem Fall wird man dem Gesehenen mit Skepsis begegnen \u2013 denn die sch\u00f6nen Bildoberfl\u00e4chen von tollen Toren und friedlichen Fans \u00e4ndern nicht nur nichts an den politischen Verh\u00e4ltnissen und rechtsstaatlichen Problemen in Russland, sondern werden von offizieller Stelle unmittelbar zu deren Relativierung genutzt.<\/p>\n<p>Das alles ist nicht neu. Fu\u00dfballweltmeisterschaften haben immer wieder in bedenklichen politischen und moralischen Gemengelagen stattgefunden \u2013 selbst die Vergabe des Turniers nach Deutschland 2006 ist ja inzwischen als Akt der Korruption an h\u00f6chster Stelle entlarvt. Und auch vor vier Jahren wurden die Proteste gegen die WM in Brasilien im Fernsehen nicht gezeigt, um den Oberfl\u00e4cheneindruck einer genuin brasilianischen Begeisterung f\u00fcr das Turnier nicht zu irritieren. Unr\u00fchmliche H\u00f6hepunkte dieser Verstrickung von Fu\u00dfball und Politik, die beide Seiten so beharrlich leugnen, sind die Endrunden im faschistischen Italien 1934 und w\u00e4hrend der argentinischen Milit\u00e4rdiktatur 1978, von der der damalige deutsche Mannschaftskapit\u00e4n Berti Vogts zu berichten wusste, er habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen, w\u00e4hrend C\u00e9sar Luis Menottis langhaarige Argentinier vor den Augen von Juntachef Videla mit einem programmatisch \u203alinken\u2039 Fu\u00dfball den Titel holten \u2013 die vermutlich gr\u00f6\u00dfte Diskrepanz zwischen Bildoberfl\u00e4che und politischem Hintergrund in der Geschichte der Weltmeisterschaften. Die Entscheidung, den FIFA World Cup 2018 nach Russland und 2022 nach Qatar zu vergeben (wo Franz Beckenbauer, in direktem Anschluss an Vogts\u2019 argentinischen Blindflug, seinerseits keine Sklavenarbeiter ausmachen konnte), ist angesichts dieser Diskrepanz nicht weniger als folgerichtig. Oder anders formuliert: Wer das Spiel mag und auf h\u00f6chstem sportlichen Niveau verfolgen m\u00f6chte, der sollte keinen Graswurzelfantasien vom reinen Sport nachh\u00e4ngen, sondern anerkennen, dass die Bilder athletischer Perfektion, die man am Bildschirm konsumiert und genie\u00dft, mit Verstrickungen von Politik, Wirtschaft und Medizin einhergehen, die man im Fernsehen zwar nicht sieht, die aber dasjenige, was man sieht, erm\u00f6glichen und strukturieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Trotz dieser grunds\u00e4tzlichen Einsicht wird das Turnier in Russland von vielen als S\u00fcndenfall der FIFA auf dem Weg zum vollst\u00e4ndigen Ausverkauf in Gestalt des Weihnachtsturniers in Qatar angesehen. Die moralische Anschlussfrage zu dieser Ansicht lautet, ob es \u00fcberhaupt vertretbar sei, die Spiele eines derart diskreditierten Wettbewerbs im Fernsehen zu verfolgen und auf diese Weise das Gebaren von Putin und Infantino als Konsument passiv zu legitimieren. Denn dass die zur\u00fcckliegende WM auf organisatorisch \u00fcberraschend reibungslose und sportlich unerwartet ansehnliche Weise \u2013 sowie ohne einen staatlich verordneten Sieg des Gastgebers \u2013 \u00fcber die B\u00fchne ging, ist gerade keine Widerlegung, sondern vielmehr umso st\u00e4rkerer Anhaltspunkt f\u00fcr das Misstrauen gegen\u00fcber den gezeigten Bildern \u2013 mit Ausnahme derjenigen, die die unselige Allianz aus Sportfunktion\u00e4ren, wirtschaftlichen Verstrickungen und autokratischer Politik gewisserma\u00dfen in schamloser Direktheit zu sehen gaben, so etwa w\u00e4hrend des Er\u00f6ffnungsspiels zwischen Russland und Saudi-Arabien durch wiederholte Schwenks auf die Ehrentrib\u00fcne, auf der der FIFA-Pr\u00e4sident die Respektsbekundungen der Staatschefs beider Kontrahenten koordinierte.<\/p>\n<p>Nicht minder eindeutig war die Einstellung, die den argentinischen Trainer Jorge Sampaoli in der Schlussphase der krachenden Vorrundenniederlage seines Teams gegen den sp\u00e4teren Finalisten Kroatien beim Ablegen seines eleganten Sakkos zeigte, das bislang seine komplett t\u00e4towierten Oberarme verborgen hatte. Sie lieferte dem skeptischen Konsumenten der WM-Berichterstattung die Lekt\u00fcreanweisung f\u00fcr deren kritische Evaluation: Trau keiner Oberfl\u00e4che. Mit dieser Haltung geht aber ein nicht unerheblicher Wandel des Status derjenigen Bilder einher, die einem Sportereignis von der Dimension einer Weltmeisterschaft \u00fcberhaupt erst seinen Ort im kollektiven Ged\u00e4chtnis verleihen und die Narrative \u00fcber Turnierverlauf und Gastgeberland pr\u00e4gen \u2013 das deutsche Nachkriegswunder im Berner Nachmittagsregen, Pel\u00e9s Jubelsprung nach seinem dritten Titel in Mexiko, Maradonas Hand und Fu\u00df im Viertelfinale am selben Ort sechzehn Jahre darauf, der englische Elfmeterfluch von 1990 bis 2018, S\u00f6nke Wortmanns Sommerm\u00e4rchen 2006, Schweinsteigers Cuts im Finale von Rio usw. Auch die Weltmeisterschaft in Russland hat Bilder hervorgebracht, die zu einer solchen Ikonisierung taugen k\u00f6nnten. Dazu geh\u00f6rt etwa die Szene aus dem zweiten Achtelfinale, in der Portugals Kapit\u00e4n Ronaldo den zweifachen uruguayischen Torsch\u00fctzen Cavani nach dessen Verletzung vom Feld begleitete. Eine sportliche Geste, der aber in Internetforen sogleich unterstellt wurde, der ehrgeizige CR7 habe damit nur einem m\u00f6glichen Zeitschinden vorbeugen wollen und nicht so altruistisch gehandelt, wie es das Bild der beiden m\u00fcden M\u00e4nner in den ungleichen Trikots zu suggerieren schien.<\/p>\n<p>Mit dieser Geste der Entlarvung ist ein zweites Verfahren benannt, das die letzte Weltmeisterschaft in einem weit gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df als bisher gepr\u00e4gt hat: Die Bilder, die das Turnier produzierte, wurden nicht als Dokumentation der dem Augenblick verhafteten Ereignisse auf dem Rasen und den R\u00e4ngen behandelt und auch nicht als Sinnbilder f\u00fcr die sportlichen wie kulturellen Tendenzen, die das Turnier offenlegte. Stattdessen wurden Taktiken, Torsch\u00fcsse und Jubelgesten in den Modus eines zweiten Verdachts ger\u00fcckt: War das lauffreudige russische Team gedopt? Hingen die Fehlp\u00e4sse im mexikanischen Mittelfeld mit der Einladung von \u203aEscort-Girls\u2039 zur Geburtstagsparty von St\u00fcrmer Chicharito zusammen? Und war die Leistung der deutschen Mannschaft nicht auf eine unzul\u00e4ngliche Vorbereitung zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern auf das Posieren der Auswahlspieler \u00d6zil und G\u00fcndogan mit dem t\u00fcrkischen Staatspr\u00e4sidenten Erdogan kurz vor der Endrunde \u2013 nebst anschlie\u00dfendem PR-Desaster, in dessen Verlauf Manager Oliver Bierhoff zun\u00e4chst vor dem Turnier das Ende der (noch gar nicht gef\u00fchrten) Debatte um das pr\u00e4sidiale Fotoshooting forderte, um nach dem Ausscheiden doch \u00d6zil als denjenigen S\u00fcndenbock zu identifizieren, den man vorab h\u00e4tte aussortieren sollen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Solche Lesarten des Verdachts unterscheiden sich von der Kritik, die Bilder der WM seien oberfl\u00e4chliche Vertuschungen der Missst\u00e4nde in Russland und bei der FIFA. Denn nun sind die Fernsehbilder ja gerade der Schl\u00fcssel zu einer hinter ihnen liegenden Wahrheit. Bildkritik schl\u00e4gt hier in Bildvertrauen um, dem die Aufnahmen vom gr\u00fcnen Rasen zwar immer noch als blo\u00dfe Oberfl\u00e4chen gelten, nun aber als Oberfl\u00e4chen, die selbst auf die dahinterliegende Wahrheit verweisen, wenn man sie nur genau genug liest: Hat Cristiano Ronaldo, als er sich nach seinem dritten Tor im Auftaktspiel gegen Spanien an einem imagin\u00e4ren Ziegenb\u00e4rtchen kratzte, den Anspruch seines ewigen Weltfu\u00dfballerkonkurrenten Lionel Messi veralbert, der \u00bbGreatest Of All Time\u00ab (GOAT) zu sein? Oder ist Messis m\u00fcder Turnierauftritt darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass er sich nie vom Schatten und Anspruch seines unsterblichen Vorg\u00e4ngers mit der R\u00fcckennummer 10 hat l\u00f6sen k\u00f6nnen, der in Russland auf der Trib\u00fcne Nachmittagsschlaf hielt? Lie\u00dfen sich aus Neymars Weinkr\u00e4mpfen und Bodenrollen Diagnosen zur psychischen Labilit\u00e4t des brasilianischen Wunderst\u00fcrmers ableiten? Und sind die aus dem Kosovo stammenden Schweizer Spieler Xhaka und Shaqiri als Sch\u00fctzen zweier Traumtore gegen Serbien zu feiern oder wegen ihrer anschlie\u00dfenden Jubelgesten als nationalistische Provokateure zu \u00fcberf\u00fchren?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Aufmerksamkeit f\u00fcr die tiefere Botschaft der Bildoberfl\u00e4chen kann auch zu unfreiwilligen Entlarvungen f\u00fchren, bei denen sich das Geschehen auf dem Rasen selbst als diejenige Wahrheit offenbart, die von anderen Bildern verstellt und verborgen werden soll \u2013 so zum Beispiel im Fall der Imagekampagne des Deutschen Fu\u00dfball-Bundes f\u00fcr sein nicht mehr ganz im Saft stehendes Titelverteidigerteam. Der Turnierslogan \u00bbBest Never Rest\u00ab, der offensichtlich einen spezifisch deutschen Anspruch vermitteln sollte, den Erfolg auf dem Rasen aus einer durchg\u00e4ngigen Leistungsbereitschaft auch jenseits der Spiele abzuleiten, war nicht nur grammatikalisch bedenklich. Er st\u00fctzte sich selbst auf die Wahrnehmungsumstellung von der Oberfl\u00e4che der Spiele auf eine Tiefenstruktur, weil als sportlich Beste diejenigen gelten sollten, die auch au\u00dferhalb des Wettkampfes rastlos blieben. Dass es am Ende just die deutsche Mannschaft gewesen ist, die in ihren drei WM-Spielen diejenige Ruhephase einlegte, die sie sich gem\u00e4\u00df ihres Slogans selbst jenseits des Rasens verboten hatte, geh\u00f6rt zur besonderen Ironie des Versuchs, die Bildbotschaften des Fu\u00dfballs zu steuern und zu kontrollieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Vor allem aber schl\u00e4gt die Kritik an den vom Fu\u00dfball produzierten Bildern an dieser Stelle um in die Wahrnehmung, diese Bilder enthielten selbst die Wahrheit. Die Validit\u00e4t des Oberfl\u00e4cheneindrucks wird dabei weiter in Frage gestellt, seine Entlarvung aber durch ein umso pr\u00e4ziseres Studium der Bilder betrieben, das deren \u00bbPunktum\u00ab (im Sinne Roland Barthes\u2019) mitunter im Wortsinne offenlegt: Als der russische St\u00fcrmer Artjom Dsjuba eines seiner Tore mit nach oben gedrehtem Unterarm feierte und Fotoanalysten weltweit einen verr\u00e4terischen Einstich an einer Vene identifizierten, musste dieser sogleich als Beleg f\u00fcr fl\u00e4chendeckendes Staatsdoping im russischen Team herhalten. Diese dritte Spielart der Bildkritik steht aber auch im Zusammenhang mit einer technischen Entwicklung, die der ZDF-Experte Oliver Kahn unmittelbar nach dem Finale angesichts angeblich mangelnder Neuerungen und Ideen auf taktischem Gebiet bezeichnenderweise als einzige wirkliche Innovation des Turniers benannt hat: der Einf\u00fchrung des Video-Beweises. Nach einer reichlich chaotischen Erprobungsphase in der zur\u00fcckliegenden Bundesliga-Saison erhielt die nachtr\u00e4gliche Bewertung strittiger Szenen und die mit ihr einhergehende M\u00f6glichkeit einer Revision von Schiedsrichterentscheidungen in Russland fast durchweg gute Noten \u2013 auch wenn sich nicht nur Kroaten fragen m\u00f6gen, warum im Finale Antoine Griezmanns kleiner Schwalbenflug vor dem Freisto\u00df zum 1:0 nicht, Ivan Perisic\u2019 kaum absichtliches Handspiel im Strafraum wenig sp\u00e4ter aber durchaus \u00fcberpr\u00fcft und geahndet wurde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es geht aber nicht um die Frage, ob der Videobeweis der Gerechtigkeit im Fu\u00dfball dient oder \u2013 wie \u00bbFAZ\u00ab-Herausgeber J\u00fcrgen Kaube seit Monaten das \u203aceterum censeo\u2039<i> <\/i>zu seiner Wiederabschaffung begr\u00fcndet \u2013 die dem Sport inh\u00e4rente Irrtumsanf\u00e4lligkeit von Urteilen nur auf die n\u00e4chsth\u00f6here Ebene verschiebt. Bezeichnend ist, dass durch den Videobeweis derjenige Wahrnehmungswandel regel- wie medientechnisch implementiert wurde, der zur Abwertung des prim\u00e4ren Eindrucks und zum Sch\u00fcren des Verdachts f\u00fchrt, hinter ihm liege die eigentliche Wahrheit verborgen. Der Einsatz des Videobeweises teilt Spielern, Schiedsrichtern und Zuschauern mit, dass ihre urspr\u00fcngliche Wahrnehmung und Einsch\u00e4tzung des Geschehens zur\u00fcckzutreten habe hinter das Ergebnis der Analyse von Bildaufzeichnungen dieses Geschehens. Damit wird eine der Eigenheiten von Sport \u2013 seine \u00bb\u00c4sthetik der Pr\u00e4senz\u00ab, um mit Hans Ulrich Gumbrecht zu sprechen \u2013 in zeitlicher und medialer Hinsicht verschoben und aufgehoben. Der Videobeweis verlagert die Wahrheit des Sports in sein \u00bboptisch Unbewu\u00dftes\u00ab, wie Walter Benjamin dies mit Blick auf die Kameraeffekte des fr\u00fchen Films genannt hat, und macht den Zuschauer zum Zeugen eines Experiments auf die Zuverl\u00e4ssigkeit des urspr\u00fcnglich Gesehenen.<\/p>\n<p>Die WM in Russland l\u00e4sst also drei Bezugsfelder der Umstellung von der Oberfl\u00e4che der Aktionen auf dem Rasen auf die ihnen zugrundeliegende Tiefenstruktur erkennen: eine \u00f6konomisch-politische Matrix, die vom Geschehen auf dem Rasen \u00fcberlagert wird; Ursachen f\u00fcr dieses Spielgeschehen, die au\u00dferhalb des Platzes identifiziert werden; und Abl\u00e4ufe der physischen Realit\u00e4t, die sich dem blo\u00dfen Auge in Echtzeit nicht offenbaren. Wom\u00f6glich haben diese Darstellungs-, Deutungs- und Wahrnehmungsmuster des Turniers auch R\u00fcckwirkungen auf die Spiele selbst. So k\u00f6nnte man z.B. fragen, ob die auff\u00e4llige Zunahme von Toren nach Standardsituationen bei der zur\u00fcckliegenden WM damit zusammenh\u00e4ngt, dass der Fu\u00dfball in Zeiten des Videobeweises viel st\u00e4rker als zuvor mit der Unterbrechung des Spielflusses zu kalkulieren und also von Toren aus diesem Spielfluss heraus auf segmentierte Aktionen umgestellt hat. Der hohe Anteil von Elfmetertoren der erfolgreichsten WM-Torsch\u00fctzen Harry Kane und Antoine Griezmann legt das ebenso nahe wie die Tatsache, dass Frankreich das Turnier mit einem Mittelst\u00fcrmer gewinnen konnte, der ohne jeden Torerfolg geblieben ist.<\/p>\n<p>Aber auch hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Matrix lassen sich R\u00fcckkopplungseffekte beobachten, und einer davon h\u00e4tte neben dem ikonischen Abgang von Ronaldo und Cavani durchaus das Zeug dazu gehabt, doch noch zu \u203adem\u2039 Bild der Weltmeisterschaft in Russland zu werden \u2013 wenn nicht just dieses Bild von der offiziellen Bildregie ausgeblendet worden w\u00e4re: In der 52. Minute des WM-Finales st\u00fcrzten vier Aktivist*innen des regimekritischen Punk-Projekts Pussy Riot, verkleidet als \u203agute Polizisten\u2039, auf den Rasen, um auf einen Forderungskatalog an die russische Regierung zur Beendigung politischer Repressionen, Verfolgungen und Inhaftierungen aufmerksam zu machen. Diese \u203aFlitzer\u2039-Aktion unterbrach einen aussichtsreichen kroatischen Konter beim Stand von 1:2 und kann daher unter Umst\u00e4nden durchaus als Bestandteil der sportlichen Entscheidung des Finales zugunsten von Frankreich betrachtet werden. Vor allem aber gelang es einer der Aktivist*innen, an der Mittellinie den franz\u00f6sischen Starst\u00fcrmer Kylian Mbapp\u00e9 abzuklatschen, sodass f\u00fcr den Augenblick der Ber\u00fchrung dieser vier H\u00e4nde Fu\u00dfball und Politik tats\u00e4chlich auf einer Ebene zusammentrafen und nicht die eine m\u00fchsam aus der anderen abgeleitet bzw. der Zusammenhang zwischen ihnen krampfhaft geleugnet werden musste.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die FIFA, in ihrer ostentativen Forderung, den Sport von der Politik freizuhalten, die ihre faktische Verstrickung mit politischen Abgr\u00fcnden allererst erm\u00f6glicht, weist ihre Kameraleute bei solchen Vorf\u00e4llen an, St\u00f6renfrieden keine massenmediale B\u00fchne zu bieten. Und auch viele Print- und Textmedien hielten sich in ihrer Finalberichterstattung erstaunlicherweise zun\u00e4chst an dieses Bilderverbot \u2013 vielleicht weil das \u203aHigh Ten\u2039 zwischen Mbapp\u00e9 und Pussy Riot dasjenige Narrativ irritiert h\u00e4tte, auf das sich die FIFA mit ihren Kritikern unfreiwillig und aus unterschiedlicher Motivation stillschweigend geeinigt hat: Jegliche Verbindung von Sport und Politik sei von \u00dcbel. Dass es aber die Fu\u00dfballspiele selber sind, die ihre Verstrickung oder Unabh\u00e4ngigkeit auf dem Rasen ausagieren; dass man sie daher ansehen muss, um sich ein Urteil \u00fcber diese Zusammenh\u00e4nge bilden zu k\u00f6nnen; und dass die Verbindung zwischen Sport und Politik auf dem Platz mitunter f\u00fcr einen Augenblick sogar als Utopie aufzublitzen vermag \u2013 auch davon k\u00f6nnte die Weltmeisterschaft 2018 in Russland erz\u00e4hlen, wenn man zumindest einigen der Bilder, die sie hervorgebracht hat, zu trauen bereit w\u00e4re.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WM 2018 in Russland<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[740,749,808,854,872,1400,2459,2556],"class_list":["post-9443","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-fernsehen","tag-fifa","tag-fusball","tag-gerechtigkeit","tag-gianni-infantino","tag-live-uebertragung","tag-videobeweis","tag-wm"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9443"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9443\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}