{"id":9527,"date":"2019-09-30T08:43:46","date_gmt":"2019-09-30T06:43:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9527"},"modified":"2019-09-30T08:43:46","modified_gmt":"2019-09-30T06:43:46","slug":"das-missverstaendnis-des-spiegelnicht-nur-zum-faelschungsskandalvon-thomas-hecken30-9-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/09\/30\/das-missverstaendnis-des-spiegelnicht-nur-zum-faelschungsskandalvon-thomas-hecken30-9-2019\/","title":{"rendered":"Das Missverst\u00e4ndnis des \u00bbSpiegel\u00abNicht nur zum \u203aF\u00e4lschungsskandal\u2039von Thomas Hecken30.9.2019"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberlegungen nach Relotius<!--more --><\/p>\n<p>[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4457-9\/pop\/?c=312000158\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heft 15<\/a>, Herbst 2019, S. 103-109]<\/p>\n<p>Dies ist eine \u203aGeschichte\u2039 von L\u00fcge, Missverst\u00e4ndnis und allzu gutem Verst\u00e4ndnis. Die wichtigeren Punkte betreffen die \u00bbSpiegel\u00ab-Redaktion und andere Journalisten, Verleger, Preisverleiher, Ausbilder aus dem Bereich der sog. Qualit\u00e4tspresse, nicht den \u203aF\u00e4lscher\u2039 Claas Relotius. Dem \u00bbSpiegel\u00ab-Journalisten Relotius kommt das Verdienst zu, f\u00fcr eine Selbstreflexion dieser Sorte \u203aQualit\u00e4tsjournalismus\u2039 gesorgt zu haben, die bemerkenswert und aufschlussreich ist. Nat\u00fcrlich war das nicht seine Absicht, er wollte lediglich hinschreiben, was von ihm erwartet wurde. Offenbar wusste er genau, was zu tun ist, zum Dank bekam er nicht nur gro\u00dfes Lob von seinen Vorgesetzten, sondern eine enorme Menge an Preisen \u2013 Preise, die oftmals Juroren von \u00bbZeit\u00ab, \u00bbSZ\u00ab, \u00bbSpiegel\u00ab etc. an ihre eigenen Kollegen verleihen und dadurch ein weiteres Mal dokumentieren, welche Art Journalismus sie gut finden: liberale Ansichten, menschelnd verpackt, leicht lesbar, in Langform.<\/p>\n<p>Vielleicht wegen der K\u00fcrze der Auftragszeit, vielleicht weil er auf andere Weise \u00fcberfordert oder zu menschenscheu, perfektionistisch oder tagtr\u00e4umerisch veranlagt war, sparte es sich Relotius h\u00e4ufig, zu den ausdr\u00fccklich gew\u00fcnschten oder als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzten Meinungen und Konstellationen wirkliche Meinungstr\u00e4ger und reale Auseinandersetzungen aufzusp\u00fcren. Nat\u00fcrlich w\u00e4re das oft nicht unm\u00f6glich gewesen; einige White-Trash-W\u00e4hler Trumps in Fergus Falls (Minnesota) oder gewaltbereite, selbsternannte Grenzsch\u00fctzer, die lateinamerikanischen Fl\u00fcchtlingen an der Grenze zu den USA das Leben schwer machen wollen, h\u00e4tten sich schon auftreiben lassen. Die Welt ist bekanntlich sehr vielgestaltig, Leute zu allem M\u00f6glichen bereit; die einzelne Handlung, der konkrete Mensch beweist darum erst einmal nichts \u00fcber die jeweilige Besonderheit hinaus, kann allerdings dem schlichten Gem\u00fct schlagend als unmittelbar \u00fcberzeugendes Symbol oder suggestiver Beleg dienen. Relotius dachte sich solche Details und Individuen gerne aus, oder er entnahm Personen und Handlungen bereits erschienenen Zeitungsartikeln, ohne dies kenntlich zu machen. In beiden F\u00e4llen hat er also selber nichts gesehen oder geh\u00f6rt, au\u00dfer in seiner ganz auf das Wirklichkeitsverst\u00e4ndnis von konkreten Kollegen und vermuteten Lesern ausgerichteten Fantasie und Lekt\u00fcrepraxis.<\/p>\n<p>Eine vom \u00bbSpiegel\u00ab beauftragte Kommission \u2013 irritierenderweise aus dem engsten Kreis des \u203aQualit\u00e4tsjournalismus\u2039: eine fr\u00fchere Chefredakteurin der \u00bbBerliner Zeitung\u00ab und zwei hochrangige \u00bbSpiegel\u00ab-Leute \u2013 kam daraufhin zu dem Schluss, die Anforderungen an die \u00dcberpr\u00fcfung von Texten zu erh\u00f6hen, etwa durch gr\u00f6\u00dfere Dokumentationspflichten der Journalisten und durch Angabe zweier unabh\u00e4ngiger Quellen (\u00bbSpiegel\u00ab, Heft 22, 25.5.2019). Diese Regeln sollten allgemein gelten, insbesondere aber f\u00fcr Reportagen, weil sie in speziellem Ma\u00dfe anf\u00e4llig f\u00fcr Wirklichkeitsvort\u00e4uschungen seien.<\/p>\n<p>Das leuchtet insofern ein, als es dem Reporter genregem\u00e4\u00df aufgegeben ist, nicht Agenturberichte oder Pressemitteilungen zusammenzufassen oder auf andere Art zu bearbeiten, sondern seine eigenen Beobachtungen zu (nicht unbedingt tagesaktuellen) Ereignissen oder auch von Alltagshandlungen und (mitunter nicht prominenten) Menschen auf eine Weise zu formulieren, die von den Konventionen der Meldung und des Berichts abweicht. Zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob allt\u00e4gliche, kleine Begebenheiten und \u00c4u\u00dferungen unbekannter Personen im Angesicht des Reporters tats\u00e4chlich stattgefunden haben, f\u00e4llt fraglos schwer. Plausibel erscheint auch die Warnung vor der Methode, sich in die Gedanken eines Protagonisten in einer konkreten Situation \u203ahineinzuversetzen\u2039, anstatt lediglich zu notieren, was dieser in einem sp\u00e4teren Moment \u00fcber seine (angeblichen) damaligen Ideen und Gef\u00fchle aussagte. Ebenfalls sinnvoll klingt die Forderung, \u00bbst\u00f6rende Fakten\u00ab, \u00bbWiderspr\u00fcchliches und Sperriges\u00ab innerhalb der Reportage nicht wegzulassen, \u00bbGeschichten\u00ab also nicht \u00bbrund zu machen\u00ab, die \u00bbWirklichkeit\u00ab nicht einer (evtl. vorgefassten) Tendenz und \u00bbDramaturgie unterzuordnen\u00ab.<\/p>\n<p>Manch andere Begr\u00fcndung der Kommission kann hingegen kaum \u00fcberzeugen. Teilweise fallen die Einsch\u00e4tzungen und Pointierungen un\u00fcberlegt oder eigenartig aus, teilweise ist der Bericht von gravierenden Missverst\u00e4ndnissen und Vers\u00e4umnissen gepr\u00e4gt. Die Aussagen der \u00bbSpiegel\u00ab-Kommission geraten deshalb (wenn man es wenig wohlwollend ausdr\u00fccken m\u00f6chte) mitunter in die N\u00e4he des Selbstbetrugs \u2013 und daran tr\u00e4gt Relotius keine Schuld, um das gleich vorwegzunehmen. Zuerst zu den Eigent\u00fcmlichkeiten: Die Kommission spricht vom \u00bbGenre\u00ab, der \u00bbGattung\u00ab der Reportage, bestimmt die Reportage aber auf eine Weise, die deutlich von Missverst\u00e4ndnissen und fragw\u00fcrdigen Einsch\u00e4tzungen gepr\u00e4gt ist, nicht von einer lexikalischen Definition oder einem wissenschaftlichen Ansatz. So hei\u00dft es etwa: \u00bbSprachliche Ausschm\u00fcckung von Szenen oder die Illumination von Orten, Verh\u00e4ltnissen, Gedanken und Beziehungen verwischen die Grenze zur Literatur. Die Reportage ist dort das richtige Genre, wo es f\u00fcr den Betrachter viel zu sehen und zu erkunden gibt, wo er teilhaben kann an Ereignissen und Gespr\u00e4chen. Jedes Adjektiv birgt die Gefahr einer subjektiven Interpretation und \u00f6ffnet die T\u00fcr zur Erfindung.\u00ab Hier ist nun so ziemlich alles falsch: Wenn \u00bbes viel zu sehen und zu erkunden gibt\u00ab, kann das genauso gut Gegenstand eines (Hintergrund-)Berichts sein; wieso die Reportage umgekehrt bei einem kleinen Alltagsausschnitt ohne sofort ins Auge springenden Detailreichtum unangemessen sein soll, bleibt gattungsgem\u00e4\u00df unerfindlich. Die sprachliche \u00bbAusschm\u00fcckung\u00ab muss auch den Realit\u00e4tsgehalt nicht mindern, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun; eine Metapher, eine Alliteration, ein Chiasmus verringern keineswegs kategorisch den Wahrheitsgehalt, ebenso wenig ein Adjektiv. Hingegen ist eine Interpretation von einer \u00bbErfindung\u00ab (im Sinne der nicht gekennzeichneten Aufstellung fiktionaler, im journalistischen Rahmen demnach falscher, zumindest irref\u00fchrender Aussagen) kategorial getrennt. Nebenbei gesagt: Die Interpretation k\u00f6nnte gerade in einer Reportage, die deutlich macht, dass sie nicht nur auf die Wahrnehmungen einer (reportierenden) Person zur\u00fcckgeht, sondern an einem bestimmten Punkt auch auf deren \u00fcber das Sichtbare hinausgehende Sinnstiftung, erlaubt sein; schlie\u00dflich ist sie ja direkt und manchmal exklusiv an die Person des Reporters gebunden, an seine Beobachtungen und damit verbundenen Auffassungen.<\/p>\n<p>Es gibt ein recht einfaches Mittel, diesen Status dem Leser zu verdeutlichen: \u00dcber dem Artikel m\u00fcsste eine Angabe jener Textsorte stehen, um die es sich der Auffassung der Redaktion nach bei dem jeweiligen Beitrag handelt: Nachricht, Glosse, Kommentar, Rezension, Interview, Essay, Feuilleton, Witz, Hintergrundbericht etc. Im \u00bbSpiegel\u00ab fehlt das zumeist. Wiederholt als Textsorte gekennzeichnet ist im Jahrgang 2019 nur der \u00bbLeitartikel\u00ab, die \u00bbMeinung\u00ab, das \u00bbGespr\u00e4ch\u00ab, die \u00bbAnalyse\u00ab, die (ironisch bzw. kreativ so rubrizierte) \u00bbHomestory\u00ab, der \u00bbKommentar\u00ab, die \u00bbLiteratur\u00ab-, \u00bbFilm\u00ab- oder \u00bbPopkritik\u00ab, der \u00bbNachruf\u00ab. Wie schon bei den einschl\u00e4gigen Texten Relotius\u02bc gibt es auch nach dem Bericht der Kommission in den Heften weiterhin keinen redaktionellen Hinweis auf die \u203aReportage\u2039.<\/p>\n<p>Umso interessanter ist es daher, aus dem Kommissionsbericht etwas \u00fcber das Reportage-Verst\u00e4ndnis der \u203aQualit\u00e4tsjournalisten\u2039 zu erfahren. Die Kommission h\u00e4lt ihren Kollegen ironisch oder direkt kritisch vor, sie h\u00e4tten bei der Gattung Reportage regelm\u00e4\u00dfig den \u00bbsch\u00f6n geschriebenen Text\u00ab, die \u00bbau\u00dfergew\u00f6hnliche Story\u00ab, den Modus, \u00bbschwarz-wei\u00df zu erz\u00e4hlen\u00ab, verlangt und pr\u00e4miert. Merkw\u00fcrdigerweise setzt die Kommission diese \u00bbtoll komponierte\u00ab Geschichte, die \u00fcber eine \u00bbstringente\u00ab \u00bbDramaturgie\u00ab verf\u00fcgt, mit \u00bbLiteratur\u00ab gleich, als habe es \u00fcber 200 Jahre moderner Literatur, die sich seit der Fr\u00fchromantik genau gegen diese geschlossene Form und gegen eine klassizistische Vorstellung des \u203aSch\u00f6nen\u2039 wendet, nie gegeben.<\/p>\n<p>Die Kommission verlangt von der Reportage nun \u00bbFakten\u00ab, \u00bbTatsachen\u00ab, \u00bbAuthentizit\u00e4t\u00ab, Festhalten des \u00bbWesentlichen\u00ab; auch \u00bbin Dramaturgie und Ablauf\u00ab m\u00fcsse die \u00bbWirklichkeit wiedergegeben\u00ab werden. Zur Verdeutlichung soll u.a. eine Abgrenzung zur \u00bbLiteratur, also der Fiktion\u00ab, dienen. Auch hier zeigt sich wieder ein eingeschr\u00e4nktes Verst\u00e4ndnis von \u203aLiteratur\u2039; \u203aDokumentarliteratur\u2039 z.B. m\u00fcsste nach Ansicht der Kommission ein Widerspruch in sich sein. Aber gut, solch eine enge Definition von \u203aLiteratur\u2039 soll hier nicht weiter st\u00f6ren, wichtiger ist die direkt anschlie\u00dfende Erl\u00e4uterung, welche \u00bbErz\u00e4hlweise\u00ab Journalisten dem \u00bbWerkzeugkasten\u00ab der \u00bbLiteratur, also der Fiktion\u00ab, mitunter entn\u00e4hmen: Sie folgten bereits seit ihrer Ausbildung an Journalistenschulen manchmal den vielzitierten Merks\u00e4tzen E.M. Forsters. Bei \u00bbThe king died, and then the queen died\u00ab handle es sich um eine \u00bbStory\u00ab, ein \u00bbPlot\u00ab hingegen sei erst mit einer Verkn\u00fcpfung gegeben, die eine zeitliche Abfolge \u00fcbersteigt: \u00bbThe king died, and then the queen died of grief.\u00ab Solch einen \u00bbPlot\u00ab d\u00fcrften Journalisten aber im Gegensatz zu ihrer oft \u00fcblichen Praxis nur einer Reportage zugrunde legen, falls es hinreichende Anhaltspunkte und Beweise g\u00e4be. Wenn es f\u00fcr Journalisten nicht m\u00f6glich sei, \u00fcber die Koinzidenz hinaus eine kausale Korrelation sicher festzustellen, m\u00fcssten sie in der Reportage in entschiedener Abwandlung Forsters schreiben: \u00bbThe king died, and then the queen died, and we don\u02bct know why.\u00ab<\/p>\n<p>Am Rande sei vermerkt, dass ihr eigener \u00bbLiteratur\u00ab-Begriff (in seiner Gleichsetzung mit \u00bbFiktion\u00ab) von der Kommission hier falsch eingesetzt wird. Egal ob Story oder Plot, in fiktionaler Literatur bleibt beides Fiktion. In der Reportage hingegen gibt es keine Fiktion (ausgenommen, jemand k\u00fcndigte innerhalb der Reportage an, f\u00fcr ein oder mehrere Abs\u00e4tze ein M\u00e4rchen, eine erfundene Anekdote, eine Sage etc. zu erz\u00e4hlen), sondern eine mehr oder minder unbegr\u00fcndete Spekulation, eine daraus entstandene unwahre Aussage oder schlicht eine L\u00fcge des Reporters. Unabh\u00e4ngig davon erkennt man aber zweifelsfrei das Anliegen der Kommission, in der Reportage blo\u00dfe Mutma\u00dfungen \u00fcber Zusammenh\u00e4nge aller Art zu unterbinden.<\/p>\n<p>Hier k\u00f6nnte die Debatte darum ihren Abschluss finden, man m\u00fcsste \u203anur\u2039 noch genauer \u00fcberlegen oder festlegen, wie in der Reportage (im Unterschied zur Nachricht, zum Bericht, zum wissenschaftlichen Aufsatz etc.) die angemessene \u203aWirklichkeitswiedergabe\u2039 durch W\u00f6rter erfolgen soll. So weit zu sehen, gelangte die Debatte in den \u203aQualit\u00e4tsmedien\u2039 mit der Ver\u00f6ffentlichung des Kommissionsberichts aber sogar ohne solche \u00dcberlegungen rasch an ein Ende. Inhaltlich wurde der Bericht kaum diskutiert oder kritisiert (etwa sz.de v. 25.5.2019; faz.de v. 25.5.2019). \u00dcber den Tenor des Kommissionsberichts hinaus ergingen auf welt.de (24.5.2019) und \u00fcbermedien.de (24.5.2019) lediglich Forderungen nach Entlassungen oder Degradierungen der f\u00fcr Relotius\u02bc Ver\u00f6ffentlichungen unmittelbar Verantwortlichen und nach noch gr\u00f6\u00dferen \u00dcberpr\u00fcfungsanstrengungen.<\/p>\n<p>Deshalb darf man wohl sagen, dass die Kommission im Sinne des \u00bbSpiegel\u00ab sehr gute Arbeit geleistet hat; mit ihrem Bericht war die Sache \u2013 der \u00bbF\u00e4lschungsskandal\u00ab, wie es in der medialen \u00d6ffentlichkeit meist hie\u00df \u2013 zumindest innerhalb des \u203aQualit\u00e4tsjournalismus\u2039 keine weiteren Artikel mehr wert. Auch die Auflage ist seitdem nicht \u00fcberdurchschnittlich gesunken, der \u00bbSpiegel\u00ab bleibt \u2013 zumal unter F\u00fchrungskr\u00e4ften, wie in der LAE-Statistik (\u00bbLeseranalyse Entscheidungstr\u00e4ger in Wirtschaft und Verwaltung\u00ab) belegt \u2013 eine sehr popul\u00e4re Zeitschrift (etwa Heft 24\/2019 mit einer verkauften Auflage von 714.010 Exemplaren, darunter 99.399 ePaper bzw. \u00bbSpiegel-Plus\u00ab-Kunden; Reichweite unter den 2,9 Millionen \u00bbEntscheidungstr\u00e4gern\u00ab 2019 bisher 29,2%).<\/p>\n<p>Die relativ stabilen Zahlen \u2013 spiegel.de zudem mit \u00fcber 266 Millionen Visits im Mai 2019 hinter bild.de auf Platz 2 in den IVW-Charts (\u00bbInformationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbetr\u00e4gern\u00ab) \u2013 m\u00fcssen nat\u00fcrlich nicht unbedingt etwas mit dem Kommissionsbericht und den Reaktionen auf ihn zu tun haben. Deutlich hervorzuheben bleibt jedoch, dass Abschlussbericht wie Rezeption die kritischen Reflexionen vorschnell eingestellt bzw. zu ihrer Weiterf\u00fchrung wenig bis gar nichts beigetragen haben. Zwar ist anzuerkennen, dass die Kommission keineswegs nur Relotius als Urheber des Problems identifiziert, sondern eine Reihe struktureller und organisatorischer Gr\u00fcnde f\u00fcr die unrichtigen Passagen und Artikel benennt, dennoch verhindert sie mit ihrer Konzentration auf das Genre der Reportage eine angemessene Einsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr dieses Defizit liegt weniger in der bereits aufgezeigten Halbbildung der Kommission, was \u203aLiteratur\u2039 und \u203aReportage\u2039 anbelangt, sondern in st\u00e4rkerem Ma\u00dfe in dem Umstand, dass die Textsorte \u203aReportage\u2039 innerhalb der \u00bbSpiegel\u00ab-Ausgaben keine wichtige Stellung besitzt. Zwar hat die Chefredaktion innerhalb der letzten Jahre die Zahl der Reportagen (ebenso wie die der Glossen, Kolumnen, Kommentare, Leitartikel, kurzen Berichte) weiter erh\u00f6ht, sie verbleiben jedoch immer noch alle auf einem relativ niedrigen quantitativen Niveau. Beim Bl\u00e4ttern durch die aktuellen Ausgaben sieht man rasch: Es dominiert ein anderer Artikeltyp, in Ermangelung eines gut eingef\u00fchrten und einigerma\u00dfen pr\u00e4zisen Begriffs (manchmal liest man von \u00bbNachrichtenmagazingeschichte\u00ab oder \u00bbMagazingeschichte\u00ab) sei er vorl\u00e4ufig \u203aMagazin-Mischform\u2039 genannt; die \u00bbSpiegel\u00ab-Redaktion selbst markiert solche Artikel nie mit einer Textsortenangabe.<\/p>\n<p>Diese Magazin-Mischform steht wie etwa das Feuilleton, die Glosse, die Rezension, die Kolumne und die Reportage (sp\u00e4testens in der Manier des New Journalism) f\u00fcr das Anliegen, dem Dualismus von Meldung\/Bericht und Kommentar zu entkommen. Gerade wie man ihn im \u00bbSpiegel\u00ab antrifft, z\u00e4hlt dieser Artikeltyp, der dort mindestens den Umfang einer Seite aufweist, zu den journalistischen Textsorten mit dem gr\u00f6\u00dften Potenzial an Genremischungen. Elemente und Partien des Berichts, Kommentars, der Glosse, der Rezension, der Reportage u.a. mehr k\u00f6nnen in ihn eingehen.<\/p>\n<p>Das gerne angef\u00fchrte \u00bbSpiegel\u00ab-Statut aus dem Jahr 1949 hilft bei der Analyse dieser Mischform nicht mehr weiter, weil es sehr stark jene \u00bbStory\u00ab betont, die durch die beschriebene Handlung einer Person mitsamt Ursachen und Auswirkungen zustande kommt (in Forsters Terminologie also: den \u00bbPlot\u00ab). Solch eine \u203aGeschichte\u2039 ist heutzutage nicht mehr h\u00e4ufig anzutreffen (wenn sie es je war). Die wiederholte Kritik an Machart und Komposition der \u00bbSpiegel\u00ab-Artikel, die sich gegen eine abgeschlossene, \u00bbgedichtete\u00ab Geschichte mit (aristotelischem) Anfang, Mitte, Ende, Held und durchgehender Handlung richtet (im Anschluss an den Kommissionsbericht j\u00fcngst sz.de v. 29.5.2019), geht demnach oftmals fehl und trifft wiederum zumeist blo\u00df die Reportage.<\/p>\n<p>Es gibt zwar handelnde Personen in vielen \u00bbSpiegel\u00ab-Artikeln (in jedem Heft auch mindestens ein Portr\u00e4t und ein Gespr\u00e4ch mit einer F\u00fchrungskraft), oftmals dienen die konkreten Angaben zu ihnen (ihrem Aussehen, ihrem Alter, ihren Bewegungen, einzelnen Aktionen usf.) aber \u00fcberwiegend dazu, entweder den Text aufzulockern oder den Einzelbeleg f\u00fcr eine abstrakte These oder mehr oder minder repr\u00e4sentative Zahl zu liefern. Fallen diese Angaben ausf\u00fchrlicher aus \u2013 und k\u00f6nnten so Teil einer Reportage sein \u2013, dienen sie zudem dem Nachweis oder der Suggestion, sich nah an den Ph\u00e4nomenen zu befinden oder (im Falle von Prominenten) intimen Zugang zu ihnen zu bekommen, also \u00fcber besondere Kenntnisse und Macht zu verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Solche Passagen stehen oft auch am Anfang des Artikels, sie bilden jedoch nicht den Auftakt zu einer Reportage, sondern wechseln sich ab mit teilweise mindestens ebenso ausf\u00fchrlichen Partien, die wegen ihrer H\u00e4ufigkeit und L\u00e4nge den Eindruck, man l\u00e4se eine Reportage, schnell zerstreuen. In ihnen werden regelm\u00e4\u00dfig (wenn auch nicht in jedem Artikel gleicherma\u00dfen und in \u00e4hnlicher Frequenz) Experten zitiert, historische Informationen geliefert, Statistiken ausgewertet, Hintergr\u00fcnde geschildert, eigene Meinungen ge\u00e4u\u00dfert, Entdeckungen sowie Ger\u00fcchte, Mutma\u00dfungen und nicht offiziell Berichtetes von genannten oder anonymisierten Insidern weitergegeben, allgemeinere Reflexionen angestellt, Prognosen formuliert und Ratschl\u00e4ge gegeben.<\/p>\n<p>Fast jeder Artikel dieser Mischform liefert durch quantitative Gewichtung der Aussagen, stark konnotierte W\u00f6rter und oft auch durch direkte Bewertungen der Journalisten deutliche Hinweise oder ausdr\u00fcckliche Maximen, was gut ist und was schlecht, was nicht mehr geschehen sollte, aber in Zukunft geschehen m\u00fcsste, und was gesch\u00e4he, falls das Richtige nicht getan w\u00fcrde. Diese Einsch\u00e4tzungen beruhen auch auf den gemachten Beobachtungen und den recherchierten Einzelangaben \u2013 jedenfalls signalisiert kein Artikel, dass man an einer bestimmten Stelle von der Sammlung erst einmal beliebiger Eindr\u00fccke zur mehr oder minder gesetzm\u00e4\u00dfigen oder empirisch \u00fcberpr\u00fcften Angabe z.B. bestimmter kausaler Verbindungen \u00fcbergehe. Darum verhalten sich alle Anekdoten, sinnliche Einzelheiten, Zahlenangaben, Wiedergaben der Gedanken anderer, Handlungsbeschreibungen, Charakterdarstellungen, Dialogpassagen etc. funktional zum Ganzen \u2013 zur Tendenz des Artikels \u2013 und verlieren dar\u00fcber ihren Status als besonderes, kontingentes, blo\u00df unterhaltendes, bedeutungsloses oder in seiner Bedeutung noch unerkanntes Material.<\/p>\n<p>Von einer Zur\u00fcckhaltung, Zusammenh\u00e4nge von Ursache und Wirkung, Besonderem und Allgemeinem, Individuum und Typus, Motiv und Tat, Charakter und \u00c4u\u00dferung zu behaupten, kann demnach beim Gro\u00dfteil der l\u00e4ngeren \u00bbSpiegel\u00ab-Artikel keine Rede sein. Der Hinweis der Relotius-Kommission, die Reportage sei in der praktizierten \u203aliterarischen\u2039 Form besonders anf\u00e4llig f\u00fcr fingierte Plots, stellt darum ein Missverst\u00e4ndnis oder eine Art des Selbstbetrugs dar, weil er das unverf\u00e4lschte Konstruktionsprinzip der meisten anderen Beitr\u00e4ge gar nicht in den Blick bekommt. Wenn die Forderung der Kommission, solche Zusammenhangsstiftungen weitgehend zu vermeiden, nicht nur die Reportage betr\u00e4fe, k\u00e4me dies dem Ende des \u00bbSpiegel\u00ab gleich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Pop-15-cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-9524\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Pop-15-cover-208x300.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Pop-15-cover-208x300.jpg 208w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Pop-15-cover-768x1107.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Pop-15-cover-711x1024.jpg 711w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Pop-15-cover.jpg 2008w\" sizes=\"auto, (max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlichung mit freundlicher Genehmigung des transcript Verlags. N\u00e4here Hinweise zum Heft <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4457-9\/pop\/?c=312000158\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberlegungen nach Relotius<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[524,707,708,1610,1611,1976,1979,2243],"class_list":["post-9527","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-der-spiegel","tag-faelschung","tag-faelschungsskandal","tag-nachrichtenmagazin","tag-nachrichtenmagazingeschichte","tag-relotius","tag-reportage","tag-story"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9527"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9527\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}