{"id":9530,"date":"2019-09-25T08:00:48","date_gmt":"2019-09-25T06:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9530"},"modified":"2019-09-25T08:00:48","modified_gmt":"2019-09-25T06:00:48","slug":"ueberraschungspakete-bestellen-im-selbstversuchvon-maren-lickhardt25-9-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/09\/25\/ueberraschungspakete-bestellen-im-selbstversuchvon-maren-lickhardt25-9-2019\/","title":{"rendered":"\u00dcberraschungspakete bestellen im Selbstversuchvon Maren Lickhardt25.9.2019"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberlegungen zu Konsum, Unterhaltung und Nachhaltigkeit<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Kofferversteigerung<\/p>\n<p>Die Teilnahme an einer Kofferversteigerung l\u00e4uft vermutlich darauf hinaus, in fremder, sicherlich getragener und wahrscheinlich ungewaschener W\u00e4sche zu w\u00fchlen. Die Vorstellung, mit Kneifzange, Latexhandschuhen und Mundschutz anr\u00fccken zu m\u00fcssen, um das Ersteigerte in Augenschein nehmen zu k\u00f6nnen, nimmt der Angelegenheit sicherlich f\u00fcr nicht wenige ihren Reiz. Dennoch: Es gibt diese Praktik. An Flugh\u00e4fen liegengebliebene Koffer werden, wenn die Besitzer*innen nicht ermittelt werden konnten, nach drei Monaten entweder \u00fcber private Auktionsh\u00e4user oder direkt von den Flugh\u00e4fen verschlossen versteigert. Man sieht zwar Marke, Gr\u00f6\u00dfe, Gestaltung und Zustand des Koffers, aber der Rest bleibt \u00dcberraschung.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"\u00dcberraschungseier XXL - Kofferversteigerung am Airport\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/pl0nJX3ZqcU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Dass hierbei Jemandes Intimbereich durchforstet wird, muss diese*n Jemand im Grunde nicht st\u00f6ren, denn w\u00e4re man als Vorbesitzer*in ermittelbar, bef\u00e4nde sich der Koffer ja nicht in der Auktion. Theoretisch. Schon unter den ersten Erfahrungsberichten war zu lesen, wie sich ein Journalist im Selbstversuch erst peinlich ber\u00fchrt durch die getragene Unterw\u00e4sche einer Frau arbeitet, um dann auf personenbezogene Daten zu sto\u00dfen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Da h\u00e4tte man doch besser mal am Flughafen genauer geguckt \u2013 und kaum komme ich auf Dysfunktionalit\u00e4t zu sprechen, f\u00e4llt mir ein, dass die Deutsche Bahn ebenfalls Versteigerungen von Fundsachen durchf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Verderbliche Waren, lebende Insassen, Drogen, Medikamente, Waffen und Artikel, die gegen das Artenschutzabkommen versto\u00dfen, usw. usf. werden vor der Versteigerung aus dem Verkehr gezogen. Das grenzt die M\u00f6glichkeiten auf gesunde und legale Erwerbungen ein. Dennoch hat sich angeblich schon so mancher auf diesen Auktionen nach \u00d6ffnen des Koffers gefreut. Mal abgesehen davon, dass es m\u00f6glicherweise gar nicht so gesund ist, beherzt in fremde Unterw\u00e4sche zu greifen, weil sich an dem Punkt ein zweites Roulette-Spiel einstellt \u2013 um SARS, A\/H1N1, H1N2, H5N1, HSV2, HPV, aber ist ja nicht alles gleich durch Kofferdurchw\u00fchlen \u00fcbertragbar.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es zeigt sich in obigem Video, dass nicht alle den Reiz der \u00dcberraschung suchen oder eventuell den pers\u00f6nlichen Besitzstand aufstocken m\u00f6chten, sondern dass insbesondere Elektrogegenst\u00e4nde gerne auf Gebrauchtwarenb\u00f6rsen weiterverkauft werden. Es treffen sich ein gewisses Ma\u00df an Unterhaltungswert und ein gewisses Ma\u00df an Nachhaltigkeit, zumal die Flugh\u00e4fen selbst die Erl\u00f6se oftmals spenden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Gegenst\u00e4nde werden in dem Sinne weiterverwertet, dass sie den Bieter*innen Spannung und den Verk\u00e4ufer*innen Geld bringen und sie zumindest f\u00fcr einen \u2013 mehr oder weniger langen \u2013 Zyklus noch nicht zu dem wert- und funktionslosen M\u00fcll werden, der sie eigentlich drei Monate nach Auffinden sind und der in irgendeiner Form entsorgt werden muss. Nat\u00fcrlich muss sich irgendwo auf der Welt jemand eine neue Garderobe kaufen, werden also neue Waren produziert und Geld ausgegeben. Aber kann ja mal passieren, dass ein Koffer abhandenkommt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re es sinnvoller, sich T\u00f6pfchen und Deckelchen in offenen Verkaufsverfahren direkt finden zu lassen. Aber da fehlte die \u00dcberraschung, die sich vermutlich nicht lediglich auf die Gegenst\u00e4nde im Einzelnen bezieht, sondern auf die Zusammenstellung der Sachen, die ein anderer Mensch vielleicht am anderen Ende der Welt vielleicht f\u00fcr eine Gesch\u00e4ftsreise, vielleicht f\u00fcr einen Urlaub gepackt hat. W\u00fcrde ich einen verwaisten Koffer ersteigern, best\u00fcnde jedenfalls f\u00fcr mich das gr\u00f6\u00dfte Vergn\u00fcgen in der (Re-)Konstruktion einer Person und einer Geschichte oder aber der Konstruktion einer Fiktion.<\/p>\n<p>Wolfgang Ullrich f\u00fchrt in seiner Publikation <i>Habenwollen<\/i> u.a. aus, dass und wie Konsumg\u00fcter den eigenen M\u00f6glichkeitssinn wecken, wie sich eine \u00dcberh\u00f6hung des eigenen Lebens im Modus der Fiktion vollzieht<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> und wie sich Konsumw\u00fcnsche und Selbstfiktionalisierung in Wechselwirkung immer wieder aufschieben, per se nicht entt\u00e4uscht, aber auch nicht endg\u00fcltig eingel\u00f6st werden k\u00f6nnen: \u201eDie Welt der Fiktionalit\u00e4t ist n\u00e4mlich unbegrenzt und wird von einem markanten Image, einem ungew\u00f6hnlichen Design oder einer flotten Werbekampagne belebt.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Es geht aber nicht nur um das Besitzen. Vor dem Erwerben werden durch die reine M\u00f6glichkeit des Kaufens Fantasien rund um die Potenziale des Gegenstandes und seiner Anwendung geweckt. Nach dem Erwerben werden Partygespr\u00e4che dar\u00fcber gef\u00fchrt und Geschichten erz\u00e4hlt, wie und wo man auf das letztlich Gekaufte gesto\u00dfen ist.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Das Kofferersteigern kann insgesamt kaum mit den Konsumvarianten verglichen werden, die Ullrich behandelt, insbesondere weil die Fantasie dem Unbekannten gilt und sich die Fiktionalisierung auf den*die fremde*n Vorbesitzer*in bezieht. Auf einer Party gl\u00e4nzen kann man vielleicht mit dem Erwerbserlebnis, aber das YouTube-Video zeigt, dass das weniger hergibt, als man vielleicht erwarten k\u00f6nnte. Welche Funktionen hat also eine Konsumvariante, die nur wenig der Konstruktion seiner selbst dient \u2013 also abgesehen davon, dass es notwendigen Konsum gibt, \u00fcber den ich hier gar nicht spreche?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Man kann \u2013 es mag die eine oder den anderen erstaunen \u2013 im Internet Pakete bestellen, deren Inhalt man nicht kennt. Dies stellt insofern etwas Anderes als eine netzkulturbasierte Variante des Kofferersteigerns dar, als je nach Angebotstyp wohl eher Warenproduktion und Konsumbegehrlichkeiten anheizt werden, als dass Gebrauchtes der Weiterverwendung zugef\u00fchrt w\u00fcrde. Nun habe ich per se nichts gegen Warenproduktion und Konsumbegehren, aber die Frage stellt sich, warum man blind kauft oder kaufen m\u00f6chte. Klar. Es ist interessant, irgendetwas etwas zu bekommen und sich dazu verhalten zu <i>m\u00fcssen<\/i>, nicht zu selektieren, sich der Kontingenz anheim zu geben. Und das ist etwas anderes, als zu Geburtstag etwas von Freund*innen geschenkt zu bekommen, die einen kennen und ihrerseits versucht haben, passend auszuw\u00e4hlen. Zumeist \u2013 nicht bei der \u00d6ko-Trendbox \u2013 geht es bei den \u00dcberraschungspakten um das Spiel, aber ist es ein harmloses Spiel, ein dekadentes, ein sch\u00e4dliches, ein dummes, ein witziges, ein \u00e4sthetisches, ein lustvolles\u2026?<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Restposten-\u00dcberraschungspaket<\/p>\n<p>Vor dem Kauf eines <i>MIK Funshopping \u00dcberraschungspakets Restposten (30 Artikel)<\/i> f\u00fcr 16 Euro via Amazon bleibt lediglich die Lekt\u00fcre der Rezensionen, um einzuschr\u00e4nken, was von diesen Paketen in etwa zu erwarten ist. Theoretisch. Denn eigentlich grenzen die Rezensionen die M\u00f6glichkeiten nur dahingehend ein, dass sehr wahrscheinlich viel Ramsch dabei sein wird.<\/p>\n<p>Die Rezensionen enth\u00fcllen aber auch, mit welcher Erwartungshaltung die Pakete gekauft wurden. Angesichts entt\u00e4uschter Reaktionen zeigt sich, dass Leute durchaus angenommen hatten, die erworbenen Gegenst\u00e4nde verwenden zu k\u00f6nnen, am Ende gar ein Schn\u00e4ppchen gemacht zu haben: \u201eDas Paket war nach zwei tagen bei mir, aber soviel altes zeug was da drinnen war ne. Viele M\u00fctzen und socken und Schl\u00fcsselanh\u00e4nger mit einem Joint drauf ne danke!!\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Zumeist geht es aber nicht wirklich um den Gebrauchswert des Erworbenen. Vielmehr machen \u00dcberraschungseffekt und Auspackspa\u00df die Attraktivit\u00e4t der Pakete aus, wobei Abwechslung ein wichtiges Kriterium ist, wenn man mit 30 Artikeln rechnet: \u201eHabe das Paket mit 30 Artikeln gekauft. Von den 30 Artikeln waren 26 Handyh\u00fcllen. Das entspricht der Produktbeschreibung \u201anichts doppelt pro Set\u2018 \u00fcberhaupt nicht.\u201c: \u201eBei dieser Bestellung kommt es auf Gl\u00fcck an. Es k\u00f6nnen sch\u00f6ne, brauchbare Dinge dabei sein, jedoch kann man auch total daneben greifen. In meinem Paket waren 5 etwas brauchbarere Produkte, der Rest war v\u00f6lliger M\u00fcll. Allerdings war es lustig, etwas zu bestellen wo man nicht wei\u00df was kommt und es kostet ja auch nicht die Welt.\u201c \u201eIch hatte 2-3 brauchbare Sachen dabei, der Rest h\u00e4tte teilweise ausm M\u00fcll sein k\u00f6nnen. [\u2026] War teilweise witzig was da alles im Paket war. Nur bedingt weiter zu empfehlen wenn man mal geld f\u00fcrn bisschen spa\u00df raushauen will.\u201c \u201eDer gro\u00dfteil was da drinnen war ist eigentlich m\u00fcll. War aber auch zu erwarten. Es hat uns trdm spa\u00df gemacht den bl\u00f6dsinn der drinnen war auszupacken. Es war u.a. ein f\u00e4cher, 2 versch. salz\/pfefferstreuer, fidget spinner, ein ball der leuchtet wenn man ihn wirft usw drinnen.\u201c<\/p>\n<p>Der Begriff M\u00fcll f\u00e4llt in den Rezensionen nicht selten, sodass von dem Paket kaum zu erwarten ist, dass man nun aus Restposten einen Vorrat an Klebestreifen f\u00fcr die n\u00e4chsten 20 Jahre erhalten wird. Vielmehr muss man davon ausgehen, sinnlosen Kram vorzufinden, der ohnehin schon f\u00fcr bl\u00f6dsinnigen Konsum produziert wurde, es aber noch nicht einmal zur Vollendung dieser Bestimmung geschafft hat, und der nun, statt direkt verschrottet zu werden, auf dem Weg einer Postsendung bei der*dem \u00dcberraschungspaketk\u00e4ufer*in im M\u00fcll landet.<\/p>\n<p>Das kann man als \u00f6kologisches Problem bezeichnen. Es werden ja nicht nur bei der Produktion Ressourcen verschwendet, sondern die Produkte scheinen auch noch mehrmals durch die Welt transportiert zu werden. Immerhin werden durch die \u00dcberraschungsaktionen vorhandene Gegenst\u00e4nde verwertet und keine neuen f\u00fcr sie angefertigt, und durch den ziellosen Einsatz werden eher keine neuen Konsumbed\u00fcrfnisse geweckt. Man wird wohl kaum Schl\u00fcsselanh\u00e4nger mit verschiedenen Aufdrucken haben wollen, hat man den einen mit einem Joint-Aufdruck in seinem Paket entdeckt, falls man den nicht ohnehin schon, wie obige*r Rezensent*in, scheu\u00dflich gefunden hat.<\/p>\n<p>Personen vom Typus Sammler*in haben zwar gro\u00dfe Fantasie, wenn es darum geht, was man alles sammeln kann, aber gebunden an den Weg der \u00dcberraschungspakete sehe ich kein Suchtpotenzial, weil die Angelegenheit einfach zu kontingent ist. Es sei denn, man empfindet das Spiel um die \u00dcberraschung als derart interessant, dass man sich diese Pakete regelm\u00e4\u00dfig zukommen lassen m\u00f6chte. Kann ich mir kaum vorstellen, denn dabei lernt man: Manchmal ist M\u00fcll wirklich M\u00fcll und kein Trash.<\/p>\n<p>Insgesamt scheint das Problem sinnloser Waren doch eher darin zu liegen, dass es diese Waren \u00fcberhaupt gibt, und nicht darin, dass f\u00fcr sie ein letztes Mittel gefunden wurde, sie doch noch an den Mann oder die Frau zu bringen. Denn der Drang, auf konventionellem Weg Ramsch zu kaufen und zu verschenken, weil er f\u00fcr eine Sekunde attraktiv wirkt oder so billig ist, dass der Kauf unter keinen Umst\u00e4nden, selbst beim nichtigsten Gegenstand als Verlust empfunden werden kann, ist kaum auszumerzen, auch wenn klar ist, dass das Gekaufte nach einem Jahr in einer Schublade in einem M\u00fclleimer landen wird. Ich frage mich, ob es diese Konsumpraktik g\u00e4be, wenn es kein Kleingeld g\u00e4be bzw. wenn es kein Bargeld g\u00e4be, wenn man nicht Blech gegen Blech tauschen k\u00f6nnte, ob man eine Transaktion via Kreditkarte nicht als ernsthafteren Akt empf\u00e4nde, den man f\u00fcr einen Joint-Schl\u00fcsselanh\u00e4nger nicht vollz\u00f6ge.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber: Objekte anzusehen, sich Gebrauchsszenarien vorzustellen, eine Auswahl zu treffen, sich beim Kaufakt sozial zu koppeln, ein Objekt in die Tasche zu stecken\u2026 All das bildet f\u00fcr viele Anreiz genug, selbst apriori als solchen bestimmten zuk\u00fcnftigen M\u00fcll zu erwerben. Ullrich beschreibt in seinem Buch \u2013 neben historischen Hintergr\u00fcnden und diversen Marketingkonzepten \u2013 Moventia, Praktiken und Folgen des Habenwollens in vielerlei und auch in den obigen Hinsichten, jedoch beziehen sich seine \u00dcberlegungen nicht auf Quatsch-K\u00e4ufe und Krimskrams-Objekte. Wie w\u00fcrde er seine \u00dcberlegungen auf diese beziehen?<\/p>\n<p>Selbstversuch: Als Wohnpuristin hat mich der Gedanke, dass ich im Begriff bin, eine Menge Gegenst\u00e4nde von fragw\u00fcrdigem \u00e4sthetischen oder praktischen Wert in meine Wohnung zu lassen, vor dem Eintreffen des Paketes nicht erfreut. Aber als Gegenteil einer Messie konnte ich der Angelegenheit letztlich doch vers\u00f6hnt entgegen sehen, denn es war von vorne herein klar, dass nicht viel von dem Paket in meiner Wohnung verbleiben w\u00fcrde. Des Paketes ansichtig hatte ich dann doch diesen Moment der Spannung, den ich nicht nur, weil ich ich bin, nicht erwartet hatte, sondern auch deshalb, weil es ja um einen Selbstversuch f\u00fcr die Pop-Zeitschrift geht. Andererseits handelt es sich den Amazon-Rezensionen zufolge zumeist um Selbstversuche, um Reaktionstestungen angesichts \u00fcberraschender Reize, wenn Leute dieses Paket bestellen.<\/p>\n<p>Der erste Anblick beim \u00d6ffnen des Paketes erzeugte Verbl\u00fcffung: ein qualitativ unwertiger Strickponcho in knalligen Farben. Die Farben brechen den Eindruck ein wenig, aber insgesamt passt der Poncho zu einer Reihe von Ethnokitsch-Produkten, die ich zusammen mit einigen Bekleidungstextilien sofort im M\u00fcll entsorgt habe. Aber da ich nicht erwartet hatte, einen g\u00e4nzlich untragbaren schwarz-gelb-neongelb-pink-blau-fliederfarben gestreiften Poncho zu erhalten, also das Sinnloseste, was man sich so in etwa vorstellen kann, das aber doch wenigstens einen gewissen visuellen Eindruck macht, war ich dann doch sehr neugierig auf den Rest.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9548\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Textilien-928x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Textilien-928x1024.jpg 928w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Textilien-272x300.jpg 272w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Textilien-768x847.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/p>\n<p>Wirklich \u00fcberrascht war ich \u00fcber die zweite Schicht unter dem Poncho. Ausgerechnet ich, die ich mich mit pop-kulturellen Ph\u00e4nomenen besch\u00e4ftige, unter die nat\u00fcrlich auch die landl\u00e4ufig so bezeichneten subkulturellen Ph\u00e4nomene fallen, und die ich auch gerne spezifische Pop-Musik h\u00f6re, habe eine Menge Restposten aus einem Rockabilly-Laden erhalten. Das passt zwar nicht v\u00f6llig, aber ein bisschen. Warum also nicht die \u2013 nat\u00fcrlich minderwertige \u2013 Tasche als Schminktasche f\u00fcrs Reisegep\u00e4ck benutzen und das Ska-Shirt als Casual Wear f\u00fcr Zuhause? Denn noch verbl\u00fcffender ist: Es ist ja nicht nur so, dass es gar nicht so viele Menschen gibt, die wenigsten ein bisschen was mit Rockabilly und Ska-Punk anfangen k\u00f6nnen, sondern ich habe auch keine g\u00e4ngige Konfektionsgr\u00f6\u00dfe \u2026 und die Klamotten passen mir. Nat\u00fcrlich habe ich ein bisschen Angst vorm Tragen, weil sie nach schlimmen Chemikalien riechen, aber nicht nur beim Kofferersteigern, sondern auch beim Erwerb eines Neuwaren-\u00dcberraschungspaketes ist eben ein wenig Mut gefragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9546\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rockabilly-Artikel-771x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"505\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rockabilly-Artikel-771x1024.jpg 771w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rockabilly-Artikel-226x300.jpg 226w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rockabilly-Artikel-768x1021.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/p>\n<p>Mit dabei war auch eine <i>Wonder Woman<\/i>-Tasse, die ich mir zwar nie im Leben gekauft oder gew\u00fcnscht h\u00e4tte, die ich aber behalten und benutzen werde. Tats\u00e4chlich gibt es zu der Tasse insofern einen \u2013 winzigen \u2013 Bezug, der \u00fcber den Gebrauchswert hinaus geht, als demn\u00e4chst ein Aufsatz von mir zu <i>Jessica Jones<\/i> erscheinen wird, in dem ich ganz am Rande auch auf <i>Wonder Woman<\/i> eingehe.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Allerlei Kram, den ich nun nicht im Einzelnen aufz\u00e4hle, habe ich sofort weggeworfen. W\u00e4hrend so eine <i>Wonder Woman<\/i>-Tasse neben dem Selbst-Benutzen zum \u2013 je nach Gruppenzusammensetzung \u2013 Wichteln oder Schrottwichteln taugt, wei\u00df ich beim besten Willen nicht, welche Existenzberechtigung z.B. die Kette aus pink-lilafarbenen Plastikperlen auf dieser Welt haben sollte. Selbst als Weihnachtsbaumdekoration w\u00e4re sie eine Zumutung, und an Weihnachten sinken die \u00e4sthetischen Ma\u00dfst\u00e4be bekanntlich immer drastisch.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9536\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Eonder-Woman-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"285\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Eonder-Woman-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Eonder-Woman-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Eonder-Woman-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9539\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Kette-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"285\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Kette-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Kette-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Kette-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/p>\n<p>Insgesamt ist das \u00dcberraschungspaketprinzip ein \u00dcberfluss-Ph\u00e4nomen,<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> das an Dekadenz kaum zu \u00fcberbieten ist. Auch wenn wir hier letztlich im Einzelfall \u00fcber wenig Geld und wenige Waren sprechen, so muss doch beides deutlich \u00fcber das N\u00f6tige hinaus vorhanden sein, damit dieses Konsumprinzip angeboten und angenommen werden kann. Au\u00dferdem m\u00fcssen Konsument*innen an einer gewissen Langeweile, also zu viel Zeit, leiden, wenn sie sie tats\u00e4chlich damit f\u00fcllen m\u00f6chten, minderwertige Ware aus Plastikverpackungen zu wickeln und Kartons zu zerkleinern, also auf vielerlei Weise M\u00fcll anzuh\u00e4ufen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ohne das Vorhaben, diesen Artikel zu schreiben, m\u00fcsste ich \u2013 als Konsumhedonistin \u2013 nicht lange \u00fcberlegen, um sehr viele Besch\u00e4ftigungen zu finden, die spa\u00dfiger, n\u00f6tiger oder sinnvoller sind als \u00dcberraschungspakete zu bestellen, auch wenn das \u00d6ffnen des Paktes ja nicht g\u00e4nzlich ununterhaltsam war. Letztlich bleibt aber ein schaler Beigeschmack, tut sich trotz der \u00dcberf\u00fclle an Geld, Waren und Zeit in dem Kontext eine riesige Leere auf, ein Mangel an Umweltbewusstsein, Aufgaben, \u00e4sthetischem Empfinden und Genuss usw. usf.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das folgende Rockabilly-Sortiment m\u00f6chte ich nicht behalten, habe es aber nicht weggeworfen. Auch wenn dadurch ein weiterer Postweg n\u00f6tig sein wird, w\u00fcrde ich es Interessierten zusenden. Aber Vorsicht: Nun ist der \u00dcberraschungsfaktor ja weg, und die Qualit\u00e4t der Waren ist nicht direkt \u00fcberzeugend. Dennoch: Wer dieses Geschenk von mir erhalten m\u00f6chte, melde sich per Mail oder Twitter-Nachricht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9545\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rockabilly-Artikel-zu-vergeben-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rockabilly-Artikel-zu-vergeben-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rockabilly-Artikel-zu-vergeben-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rockabilly-Artikel-zu-vergeben-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Funko Mystery Box<\/p>\n<p>Die <i>Funko Mystery Box<\/i> f\u00fcr 49, 95 Euro bestellbar bei Amazon, stellt einen Sonderfall der \u00dcberraschungspakete dar. Man wei\u00df von vornherein, dass man eine Pop-Figur aus Vinyl aus dem Funko-Sortiment erhalten wird. Mir waren diese Figuren bis vor Kurzem unbekannt. Ich bin erstmals \u00fcber einen dieser Wasserk\u00f6pfe gestolpert, als ich f\u00fcr besagten Aufsatz \u201aJessica Jones\u2018 als Bildersuche gegoogelt habe.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass <i>Star Trek<\/i>-Figuren nicht nur ganz gro\u00dfartig sind, sondern unter Umst\u00e4nden auch wertvoll sein k\u00f6nnen, habe ich nat\u00fcrlich schon immer gewusst. So viel Nerd bin ich, dass ich trotz wohnlichem Purismus gerne eine Data-, Quark- oder Holo-Doc-Figur mein Eigen nennen w\u00fcrde. Ob die Funko-Figuren im <i>Star Trek<\/i>-Sinne kultig sind, kann ich nicht beurteilen. Ich zweifle ein bisschen daran, weil sie mir so intentional f\u00fcr diesen Kult gemacht zu sein scheinen, ohne eine exklusive Anbindung an ein spezifisches pop-kulturelles Artefakt aufzuweisen, und weil sie Poppiges und Popul\u00e4res aller Art ganz wahllos nebeneinander stellen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nun will ich aber erstens keine Authentizit\u00e4t oder Substantialit\u00e4t beschw\u00f6ren, wo letztlich keine ist, und zweitens kann ein Kult gerade von einer Marke kommerziell angeregt werden, und wenn es klappt, klappt es, wenn sich konsumistisch ein Kult eingestellt hat, ist es ein Kult. Dar\u00fcber, ob das Funko-Sammelangebot in diesem Sinne wirklich angenommen wurde und wird, habe ich aber schlicht keinen \u00dcberblick.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die \u00dcberraschungsbox ist auf jeden Fall preisg\u00fcnstiger als der Erwerb von sechs einzelnen neuen Funko-Figuren, wobei das nicht der Punkt sein kann, falls man darauf spekuliert, Figuren f\u00fcr die eigene Sammlung zu finden, weil es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass die passenden dabei sind. Die finanziellen \u00dcberlegungen sind aber mit Blick auf den Wiederverkaufswert interessant, denn die Box k\u00f6nnte ja vielleicht eine Figur erhalten, die mittlerweile im Wert gestiegen ist. Man findet im Netz schnell Plattformen f\u00fcr diese Figuren, auf der einige durchaus teuer gehandelt werden. Nun bleibt fraglich, wie kalkuliert die Boxen gepackt werden, ob es tats\u00e4chlich m\u00f6glich ist, dass sich darin begehrte Rarit\u00e4ten befinden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das Bestellen der Box ist m\u00f6glicherweise ein interessantes Spiel f\u00fcr Sammler, ein riskantes Spiel f\u00fcr Wiederverk\u00e4ufer und f\u00fcr Leute mit allgemeiner Affinit\u00e4t zu Pop- und Popul\u00e4r-Kitsch ein Spiel, bei dem man kaum verlieren kann, aber f\u00fcr die auch keine spezifische Motivation vorliegt, ausgerechnet die <i>Mystery Box<\/i> zu bestellen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Selbstversuch: Nat\u00fcrlich habe ich mich bei obigen M\u00f6glichkeiten erst einmal nirgends verortet. Ich sammle nicht, m\u00f6chte die Figuren nicht weiterverkaufen und stehe eher auf digitale als auf materiale Pop-Kulturg\u00fcter. Ich bin nicht die richtige Konsumentin f\u00fcr diese Variante von \u00dcberraschungspaketen, aber im Gegensatz zur Restpostenlieferung k\u00f6nnte es sein, dass es f\u00fcr dieses Paket den*die passenden Konsument*innen gibt. Man k\u00f6nnte die Box z.B. gemeinsam auf einer WG-Party \u00f6ffnen, die von Leonard Hofstadter ausgerichtet wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Vor dem \u00d6ffnen der Box habe ich mich gefragt, ob ich die Figuren erkennen w\u00fcrde, ob mir die Filme, Serien etc., auf die sie sich beziehen, bekannt sind, und ob ich am Ende eine Figur behalten m\u00f6chte. Nach dem \u00d6ffnen der Box habe ich den Wiederverkaufswert ermittelt. Bei meinem Los stellt sich ein leichter Verlust ein, zumal man beim Wiederverkauf Porto und Verpackung einrechnen muss. Aber da ich sie ja nicht zum Weiterverkaufen erworben habe, z\u00e4hlen andere Faktoren bei diesem letztlich an Erlebnishaftigkeit doch eher armen Konsumerlebnis.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal war ich auch bei der <i>Mystery Box<\/i> insofern positiv \u00fcberrascht, als sie sich wieder als halber Treffer erwiesen hat. Zwar bin ich eindeutig Trekki und kein besonderer <i>Star Wars<\/i>-Fan, aber ich kann etwas mit <i>Star Wars<\/i> anfangen, und mit dem First Order Flametrooper, C2-B5, Baze Malbus und Jyn Erso hatte ich vier <i>Stars Wars<\/i>-Figuren aus sechs. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man hier \u00fcber mangelnde Abwechslung meckern, aber die vier <i>Star Wars<\/i>-Figuren sagen mir etwas, wohingegen ich mit dem Two-Face Impopster wenig und mit Disney\u2019s <i>Wrinkle in the Time<\/i> Mrs. Who \u00fcberhaupt nichts verbinde. Gut, dass es derer nicht vier gab.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Den Flametrooper, Baze Malbus und Jyn Erso habe ich Andreas Rauscher \u2013 zus\u00e4tzlich zu einem richtigen Pr\u00e4sent \u2013 zum Geburtstag geschenkt, und das hat auf jeden Fall mehr Spa\u00df gemacht, als das Paket allein zu \u00f6ffnen. Zwar wollte ich Andreas Rauscher nicht \u201azum\u00fcllen\u2018, aber ich dachte, er hat vielleicht Verwendung f\u00fcr die Figuren angesichts des Erscheinens seines Reclam-Bandes <i>Star Wars. 100 Seiten<\/i> im September 2019, auf den ich schon gespannt warte. Ich schw\u00f6re, dass ich diesen Part nicht aus Werbegr\u00fcnden in den Text einbaue, sondern um zu zeigen, wie stimmig sich die Dinge rund um den Blindkauf einer <i>Mystery Box<\/i> manchmal f\u00fcgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9534\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/C2-B5-Flametrooper-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/C2-B5-Flametrooper-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/C2-B5-Flametrooper-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/C2-B5-Flametrooper-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/p>\n<p>Auch wenn ich es eines Tages bereuen k\u00f6nnte, weil die Figuren im Wert gestiegen sein k\u00f6nnen, werde ich den Two-Face Impopster und Disney\u2019s Mrs. Who gerne an interessierte Leser*innen weitergeben, so sie mir eine Mail oder Twitter-Nachricht schreiben, zumal ich von der Wertsteigerung kaum erfahren kann, weil ich die Angelegenheit sicher nicht weiter verfolgen werde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9541\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Mrs-Who-e1569307917879-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"507\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Mrs-Who-e1569307917879-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Mrs-Who-e1569307917879-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Kosmetik-\u00dcberraschungsbox<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Bestellt man die <i>25x bunt gemischte Markenkosmetik \u00dcberraschungskosmetikbox von Manhattan, Catrice, Essence, Astor<\/i> etc. f\u00fcr 13,15 Euro auf Amazon, ist das Erwartungsspektrum einerseits auf Kosmetikprodukte eingegrenzt. Andererseits gibt es derer ja eine breite Palette, und im Gegensatz zu anderen \u00dcberraschungsboxen, die spezifische Marken anbieten, ist diese Box auch in der Hinsicht gemischt. Aber tats\u00e4chlich handelt es sich bei Manhattan, Catrice, Essence, Astor etc. um Marken. Geht man davon aus, in \u201eMarken verdichten sich die Qualit\u00e4ten, die von Dingen allgemein erhofft werden\u201c,<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> bedeutet dies, dass man durchaus gewisse Beschaffenheiten erwarten kann, was nicht bedeutet, dass man von der Qualit\u00e4t der Marken \u00fcberzeugt sein muss.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Kundenrezensionen zur \u00dcberraschungsbox fallen eher positiv aus. Es wird einzig bem\u00e4ngelt, dass die vielen Glitzerprodukte nicht alltagstauglich seien.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Wenn man in seinem Leben schon mal durch einen Drogeriemarkt f\u00fcr g\u00fcnstigere Kosmetikprodukte spaziert ist, k\u00f6nnte man eigentlich wissen, dass gerade Kosmetikartikel in diesem Segment ziemlich viel Glitzer aufweisen, weil sie offensichtlich f\u00fcr sehr junge Menschen entwickelt werden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird in den Rezensionen gelegentlich am Rande moniert, dass nicht jedes Produkt dem eigenen Farbspektrum entspricht. Dass die Entt\u00e4uschung leicht ist und selten vorkommt, ist verwunderlich, denn angesichts nicht enden k\u00f6nnender Nuancen und Variationen von Farben ist es wohl kaum wahrscheinlich, dass die passenden in einem \u00dcberraschungspaket dabei sind. Entweder sind die Rezensent*innen sehr tolerant oder sie haben gro\u00dfes Gl\u00fcck gehabt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es bedarf eines Exkurses: Ein Gang durch eine Drogerie, die andere als die besagten Marken verkauft, ist immer wieder aufs Neue ein sinnliches Vergn\u00fcgen. Die vielen sch\u00f6nen Formen beinhalten gut sichtbar nicht nur eine, sondern immer weitere Farbpaletten: unendliche Rott\u00f6ne der Lippenstifte; Lidschatten und Nagellacke in allen erdenklichen Farben\u2026 Nach jedem Meter beginnt eine neue Marke das Farbenspiel in einer anderen Form.<\/p>\n<p>Obwohl ich weit von k\u00fcnstlerischen Ambitionen entfernt bin, stelle ich mir bei jedem dieser G\u00e4nge vor, dass man ein ganzes Museum damit bef\u00fcllen k\u00f6nnte, um leicht vergr\u00f6\u00dferte Varianten dieser Beh\u00e4lter mit all ihren Farben zu zeigen. Aber ob vergr\u00f6\u00dfert oder nicht, ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, das Kosmetiksortiment einer Drogerie in der Frankfurter Schirn zu sehen, weil ich dort verweilen k\u00f6nnte und nicht st\u00e4ndig von Verk\u00e4ufer*innen angesprochen werden w\u00fcrde, da rein visueller Konsum in einer Drogerie nicht vorgesehen ist, weil er dort nichts kostet.<\/p>\n<p>Dass die Auswahl geradezu unbegrenzt erscheint, ist so anziehend, weil sich dadurch eine schier unendliche Verf\u00fcgbarkeit der Welt einstellt. Eigentlich will man doch alles haben und nicht wirklich ausw\u00e4hlen, wenn man durch die raffiniert abgestuften Rott\u00f6ne schreitet. Aber nicht nur finanzielle Begrenzungen, sondern auch der Gedanke an Nachhaltigkeit sowie die schlichte praktische Tatsache, dass es lange dauert, bis man einen dieser Gegenst\u00e4nde aufgebraucht hat, f\u00fchren dazu, dass man sich entscheiden muss unter Abw\u00e4gung zahlreicher Parameter, z.B. \u00e4sthetischer \u2013 mit Blick auf das eigene Selbst in der Anwendung \u2013, qualitativer \u2013 hinsichtlich der Beschaffenheit des Produktes \u2013, praktischer \u2013 beispielsweise in Bezug auf die Gr\u00f6\u00dfe der Verpackung \u2013 und finanzieller \u2013 was den Preis betrifft.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9535\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Drogerie-aa-1024x767.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Drogerie-aa-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Drogerie-aa-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Drogerie-aa-768x575.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/p>\n<p>Das f\u00fchrt dazu, dass man die Drogerie mit vielleicht nur einem Gegenstand verl\u00e4sst, der als einzelner nie die Sch\u00f6nheit und den Reiz der Vielen haben kann. Sch\u00f6n ist dann aber noch die glatte Oberfl\u00e4che des Lippenstiftes oder die leicht gepresste oder bewusst gemusterte Oberfl\u00e4che von Rouge und Lidschatten. Dazu sei erneut Ullrich zitiert: \u201eViele Effekte in Waren\u00e4sthetik und Werbung strahlen nicht nur Perfektion und Makellosigkeit aus, sondern verleihen den heutigen Dingen geradezu Virginit\u00e4t, eine jungfr\u00e4uliche Erscheinung.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df Ullrich verhei\u00dfen diese glatten Produkte Unschuld, Anf\u00e4nglichkeit und Zukunftspotenzial.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Zun\u00e4chst einmal \u00fcbertr\u00fcgen sich die Attribute der Produkte durch deren Anwendung auf den eigenen K\u00f6rper. Aber letztlich k\u00f6nnen in dem Kontext auch Kindheit und Kapitalismus \u00fcberblendet werden, da Potenzial und Wachstum ersterer inh\u00e4rent sind und von letzterem gebraucht, postuliert und ewig verfolgt werden. \u201eDer vom Kapitalismus forcierte Wunsch, die M\u00f6glichkeiten zu vermehren, f\u00fchrt also zur Weigerung, erwachsen zu werden.\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> \u201eSofern [der Konsum] mit dem Kapitalismus verschwistert ist, geh\u00f6rt er immerhin zu einer Mentalit\u00e4t, die ihrerseits kindisch ist: Die Sehnsucht des optionss\u00fcchtigen Kapitalisten, am Anfang zu stehen, um noch m\u00f6glichst viel vor sich zu haben, k\u00f6nnte es verhindern, da\u00df der Fiktionswert der Produkte jemals erheblich an Qualit\u00e4t gewinnt.\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> All das \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9538\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/glatt-2-890x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"381\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/glatt-2-890x1024.jpg 890w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/glatt-2-261x300.jpg 261w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/glatt-2-768x883.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 381px) 100vw, 381px\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9537\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/glatt-1-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"292\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/glatt-1-683x1024.jpg 683w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/glatt-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/glatt-1-768x1151.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 292px) 100vw, 292px\" \/><\/p>\n<p>Fragt man aber nicht, was passiert, wenn man den Gegenstand an sich anwendet, um dessen Eigenschaften auf sich zu \u00fcbertragen, oder unter welchen kulturellen Bedingungen dies funktioniert, sondern bleibt man bei der Faszination am \u00e4sthetischen Objekt, muss man an den Moment erinnern, in dem man das Produkt anbricht, an die Freude, die es bereitet, den Gegenstand zum ersten Mal zu benutzen. Kosmetik \u00e4hnelt in der Hinsicht eher Nahrungsmitteln als beispielsweise Mode, weil der erste Gebrauch Spuren hinterl\u00e4sst. Die glatte Oberfl\u00e4che des Lippenstiftes wird aufgeraut, das Muster der Pressung von Puder verwischt. Schon nach der ersten Verwendung sind Lippenstift und Puder nie wieder dieselben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9533\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/benutzter-Lippenstift-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/benutzter-Lippenstift-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/benutzter-Lippenstift-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/benutzter-Lippenstift-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/p>\n<p>Ich frage mich \u2013 und Herrn Ullrich \u2013, ob man Jean-Paul Sartres \u00dcberlegungen zu einer ph\u00e4nomenologischen Ontologie in <i>Das Sein und das Nichts<\/i> hier als Deutungsmuster anlegen k\u00f6nnte. Sartre w\u00e4hlt als Beispiele Zigaretten rauchen und Ski fahren, die er in einem ganz existentiellen Sinn als Modi der Aneignung von Welt und der Konstitution von Selbst beschreibt. Damit bezieht er sich, ohne dies zu reflektieren, auf Konsumpraktiken. Er beschreibt aber auch das befriedigende Gef\u00fchl, beim Einatmen reiner Luft, um verunreinigte auszuhauchen, oder beim Einschneiden der Skier in Neuschnee, um Spuren zu hinterlassen. Ein fast gewaltsames Einschreiben in die Welt \u2013 die Welt der Natur \u2013 wird hier beschworen, das ich als Markierung des eigenen Daseins und als Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die Umwelt deuten w\u00fcrde. Dies w\u00e4re vielleicht mehr als Selbststilisierung und Selbstfiktionalisierung als Individuum; es w\u00e4re Selbsterm\u00e4chtigung? Oder ist das das Gleiche?<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich nicht \u00e4ndern, dass Kosmetik in der Benutzung ihren Reiz verliert, aber angesichts sehr g\u00fcnstiger Produkte w\u00e4re es theoretisch m\u00f6glich, immerhin dem Wunsch nach den <i>vielen<\/i> Formen und Farben und den <i>vielen<\/i> ersten Malen nachzukommen: Abgesehen davon, dass es nicht pragmatisch oder \u00f6kologisch korrekt w\u00e4re, kommt man aber \u00fcblicherweise nicht auf die Idee, sich einfach mal so zum Vergn\u00fcgen am Kaufen f\u00fcr einen bestimmten Betrag einen ganzen Korb von Formen und Farben zusammenzustellen in dem Sinne: Alles meins. Und: Alles darf ich anbrechen \u2013 und vielleicht nur einmal benutzen. Die \u00dcberraschungsbox verspricht dieses Erlebnis. Man gibt f\u00fcr diese u.U. weniger Geld aus als die Summe des Warenwertes der einzelnen Produkte, daf\u00fcr f\u00fcgt man dem Kreislauf aber einen Transport und eine Menge Verpackungen hinzu; abgesehen davon, dass man nicht wei\u00df, ob man die Produkte auch wirklich alle sch\u00f6n findet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Selbstversuch: Ich gebe zu, dass ich ein bisschen aufgeregt war, als das kleine Paket bei mir ankam, das nach dem \u00d6ffnen zun\u00e4chst einmal wirklich nur Verpackungsm\u00fcll erkennen lie\u00df. Aber dann verh\u00e4lt es sich schon so: Diese vielen Farben und Formen auf einem Haufen bereiten Freude, und zwar vor allem bevor man sie sich im Einzelnen ansieht und ihren Gebrauchswert begutachtet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9540\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Kosmetik-Artikel-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"479\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Kosmetik-Artikel-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Kosmetik-Artikel-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Kosmetik-Artikel-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 479px) 100vw, 479px\" \/><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte beim Anblick des Haufens kurz auf die Idee kommen, die genannten Firmen nutzten das Konzept der \u00dcberraschungsboxen, um Artikel zu promoten. Es w\u00e4re denkbar, eine Ansammlung von \u2013 vielleicht etwas gr\u00f6\u00dferen \u2013 Proben zu sehen, die man eben nun als \u00dcberraschungspaket gekauft hat, statt sie in der Drogerie nach dem Kauf zugesteckt bekommen zu haben. In dem Fall zielten die \u00dcberraschungsboxen darauf, neue Konsumbed\u00fcrfnisse zu wecken.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nach dem \u00d6ffnen ist klar: Es handelt sich vermutlich um Restposten und Ausschussware. An dem roten Nagellack ist erkennbar, dass er schon einmal in einem Gesch\u00e4ft gestanden hat und dort bereits reduziert wurde. Der graue Nagellack kostet einzeln fast so viel wie die Box, was sich aber dadurch erkl\u00e4rt, dass der Pinsel besch\u00e4digt ist, und Lackieren ohne Pinsel geht nun einmal nicht oder schwer. Nun ist dieser Artikel derjenige auserw\u00e4hlte, den ich nicht nur verwenden werde, sondern den ich vielleicht auch aktiv bewusst zur Verwendung gekauft h\u00e4tte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9542\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Nagellacke-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Nagellacke-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Nagellacke-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Nagellacke-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/p>\n<p>Auf den zweiten Blick er\u00f6ffnet mir die Box ungeahnte M\u00f6glichkeiten, d.h. hier stellt sich schon eine Werbung f\u00fcr Produkte ein, die man andernfalls nicht beachtet h\u00e4tte oder von deren Existenz man nicht wusste. Da man den ganzen Kram ja nun einmal gekauft hat, darf man wild anbrechen, benutzen und probieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Und da zeigt sich: Goldgl\u00e4nzender Lidschatten ist eigentlich ganz schick und gar nicht mal so stillos, wird aber trotzdem nicht in meine Schminkroutine aufgenommen werden. Und wer h\u00e4tte gedacht: Ein Lip Gloss, der besonders glossy, also eigentlich nichts als glossy ist, eignet sich gut zum Zweckentfremden. Asiatische Schminkstile zeichnen sich aktuell oft dadurch aus, dass der Kajal- durch einen hellen Glitzerstrich unter dem Auge ersetzt wird. Niemals h\u00e4tte ich mir einen silberglossigen Lip Gloss gekauft und niemals h\u00e4tte ich diese Schminktechnik ausprobiert, aber nun wei\u00df ich: das sieht erquickt und jung und gar nicht mal so billig aus. Nun habe ich diese Box ja schon gute zwei Wochen und habe den Glitzerunterstrich in mein normales Makeup integriert. Ich habe Komplimente erhalten, die zu dem Strich passen, ohne dass es den Gegen\u00fcbern bewusst gewesen sein d\u00fcrfte, an was sie ihre Beobachtung festmachen: frisch, strahlend, entspannt, fr\u00f6hlich. Auf Dauer wird die Unterstrichprozedur aber wieder eingestellt werden. Die Leute m\u00fcssen ja sehen k\u00f6nnen, mit wem sie es wirklich zu tun haben.<\/p>\n<p>Die meisten der Produkte sind f\u00fcr mich unbrauchbar, aber auch wenn sie nicht allerbester Qualit\u00e4t sind, sind sie doch nicht unn\u00fctz und je nach Geschmack und Typ nicht schlecht. Was ich nicht verwenden werde \u2013 und auch nicht angebrochen oder probiert habe \u2013, w\u00fcrde ich interessierten Leser*innen zusenden. Eine kleine Auswahl dessen findet sich auf folgenden Foto \u2013 vor allem Erd- oder Herbstt\u00f6ne. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9544\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rest-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rest-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rest-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Rest-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Trendboxen<\/p>\n<p>TrendRaider hat es sich \u201ezur Aufgabe gemacht, f\u00fcr mehr Bauchkribbeln im Leben zu sorgen. Jeden Monat aufs Neue \u00fcberraschen wir dich mit den sch\u00f6nsten nachhaltigen Produkten in deiner TrendBox. Dabei m\u00f6chten wir dich zu einem nachhaltigen und trendbewussten Lebensstil inspirieren. Der Inhalt unserer Lifestyle-Boxen bleibt bis zum letzten Moment ein Geheimnis \u2013 denn nur durch \u00dcberraschung steigt die Vorfreude!\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Das h\u00f6rt sich nach einem Schlachtfest f\u00fcr meine ironische Ader an.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber erwachsen und n\u00fcchtern betrachtet, ist anzuerkennen und hochzuwerten, dass die zu erwartenden Produkte m\u00f6glichst \u00f6kologisch produziert und abbaubar etc. sind; man kann i.e.S. auch eine vegane Box bestellen, was ich f\u00fcr den Selbstversuch getan habe. Da ich ja ernsthaft f\u00fcr Tierschutz viel \u00fcbrig habe und auch dezidierte Nicht-Hippies im Jahr 2019 nicht umhinkommen, Umweltschutz als sinnvoll oder vielmehr n\u00f6tig zu erachten, habe ich mir fest vorgenommen, mit diesen Boxen Milde walten zu lassen. Schlie\u00dflich geht es \u2013 und ich kann nun nicht vermeiden, dass es ironisch, weil \u00fcbertrieben klingt, aber es ist nicht ironisch gemeint \u2013 um korrekte Produkte und Produkterziehung im Dienste der Weltverbesserung.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Andererseits ist das so eine Sache mit dem Mildesein. Wie kann man das sein, wenn die Latte sehr hoch h\u00e4ngt, wenn auf der Homepage alle Beteiligten darauf eingeschworen sind, einen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten, sowie bauchkribbelnde Freude und Aufregung beim Entdecken der als qualitativ hochwertigen angepriesenen Produkte zu empfinden? Um eins vorweg zu nehmen: Die Qualit\u00e4t der Produkte ist durchaus gut. Und: Es handelt sich um eine fiese und unlogische Rhetorik, Menschen oder Institutionen, die sich f\u00fcr Umweltschutz einsetzen, daf\u00fcr zu kritisieren, dass sie auch mal eine S\u00fcnde begangen oder eine Sache nicht zu Ende gedacht haben, um Argumente und prinzipielle Ziele zu diskreditieren. Bei der Rettung der Welt will ich also nur ein klein wenig nachhaken, aber nat\u00fcrlich nicht einschreiten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber was bei den einen Bauchkribbeln vor dem \u00d6ffnen verursacht, f\u00fchrt bei mir zu Fingerjucken vor dem Schreiben, weil Habitus und \u00c4sthetik der Weltrettung doch stark verbesserungsbed\u00fcrftig sind, weil ja auch Menschen, die keine R\u00e4ucherst\u00e4bchen abfackeln, gerne noch in vierzig Jahren gut auf dieser Welt leben m\u00f6chten. Man hat seitens der Versender*innen der Trendbox \u2013 vielleicht nicht zu Unrecht \u2013 eine stereotype Vorstellung dar\u00fcber, wer sich an dem Projekt beteiligen m\u00f6chte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auf der Homepage sind auch Feedbacks zu lesen, u.a. folgendes: \u201eIch liebe die Vielfalt der Produkte. Food, Wellness, Fashion, Design \u2026 und und und! Macht weiter so!\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Es besteht offenbar Lust an der Vielfalt, und das \u201eund und und\u201c kann als \u201amehr, mehr, mehr\u2018 gelesen werden, als Lust an der Unendlichkeit der Vielfalt, am ewig erscheinenden Entdeckenk\u00f6nnen. Angesichts des Konzepts ist es durchaus m\u00f6glich, dass dies im Dienste der Nachhaltigkeit geschieht, dass also von den Besteller*innen in Zukunft die zuvor ohnehin konsumierten nicht-nachhaltigen Produkte durch nachhaltige ersetzen werden, aber dazu muss man sich die Waren im Einzelnen anschauen.<\/p>\n<p>Krass finde ich allerdings von vornherein, dass man die Boxen als Jahresabonnement bestellen und jeden Monat eine Box erhalten, das \u00dcberraschungsboxen\u00f6ffnen also als festes Ritual in sein Leben integrieren kann. Der einzige Grund, der mir dieses Prinzip ertr\u00e4glich erscheinen lassen k\u00f6nnte, ist die ziemlich sichere Tatsache, dass man jeden Monat jemanden kennt, der Geburtstag hat und dem*der man das weiterverschenken k\u00f6nnte. W\u00fcrde <i>ich<\/i> zwar nie tun, weil Geschenke ja auch zu den Schenkenden passen m\u00fcssen, aber so erkl\u00e4ren sich vielleicht die Geschenke der einzigen Hippie, die ich kenne \u2013 und sehr mag \u2013, an mich?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen mit ernsthafter Besch\u00e4ftigung muss es au\u00dferhalb der Vorstellungskraft liegen, freiwillig einmal im Monat mit \u201eBauchkribbeln\u201c auf die Boxen zu warten, also zu Hause anwesend zu sein, wenn sie geliefert werden, oder sie extra bei der Post abzuholen, wenn man nicht zu Hause war. Letzteres war bei mir der Fall, was mich insofern genervt hat, als die Box nicht ganz leicht war.<\/p>\n<p>Selbstversuch: Zun\u00e4chst war eine ausgewogene Reaktion noch m\u00f6glich, denn das erste Produkt, das ich gesehen habe, war eine \u00d6ko-Zahnpasta in einem Glasbeh\u00e4lter. Warum nicht? Immerhin braucht man Zahnpasta immer, und sie riecht und schmeckt angenehm. Ich habe also den Erwerb der n\u00e4chsten Tube Zahnpasta gespart. Allerdings frage ich mich, ob es nicht unhygienisch ist, diesen Holzspatel einen gewissen Zeitraum zu verwenden, um die Paste herauszunehmen. Nun wei\u00df ich andererseits, dass das intuitive Hygieneempfinden manchmal nicht mit den Tatsachen \u00fcbereinstimmt \u2013 angeblich sind Holzbretter in der K\u00fcche ja auch hygienischer als Plastikbretter \u2013 und habe diese Zahnpasta daher schon verwendet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich werde sie aber nie wieder kaufen, weil ich zum einen \u00fcberhaupt keinen Nerv habe, um den Kauf einer Zahnpasta Aufhebens zu machen, also in ein \u00d6ko-Gesch\u00e4ft zu gehen oder sie Online zu bestellen, und ich zum anderen keine Lust habe, auf meinen Reisen einen Glasbeh\u00e4lter und einen Spatel mit mir rumzuschleppen. Wenn man viel reist, packt man schlie\u00dflich, wie f\u00fcr einen Segelt\u00f6rn, f\u00fcr den sogar die Zahnb\u00fcrste abges\u00e4gt wird, um durchs Weglassen des f\u00fcrs Z\u00e4hneputzen nicht essentiellen Stils 0,5 Gramm zu sparen. Man berichtete mir das jedenfalls mal \u00fcber das Sportsegeln. Da auch der Transport des Spatels in der Kosmetiktasche Fragen aufwirft, empfiehlt sich ein Extra-Reiseset f\u00fcr die Zahnpflege, wenn man die gelieferte Paste verwendet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9549\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Zahnpasta-e1569308187366-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"369\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Zahnpasta-e1569308187366-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Zahnpasta-e1569308187366-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 369px) 100vw, 369px\" \/><\/p>\n<p>Verwenden werde ich eine Nachtcreme, eine Tomatensuppe, einen Beutel Salz, ein Glas Kokosfett und die Ohrst\u00e4bchen aus Bambus. Letztere aber nur, weil ich ja jetzt so viele neue Kosmetikprodukte mit Glitzer habe, die man damit auftragen kann, denn sonst wei\u00df man schlie\u00dflich, dass Ohrst\u00e4bchen der Ohrgesundheit nicht immer zutr\u00e4glich sind, sondern dass man Ohren auch freundlicher putzen kann. Keine Ohrst\u00e4bchen w\u00e4ren also \u00f6kologisch korrekter als Ohrst\u00e4bchen aus Bambus.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Was das Kokosfett betrifft, so habe ich Freunde gefragt, ob der Geschmack beim Erhitzen verschwindet und man damit auch ein Tiroler Gr\u00f6schtl zubereiten kann, oder ob es nur f\u00fcr ein asiatisches Fischgericht taugt, das Kokosgeschmack vertr\u00e4gt. Gefragt habe ich deshalb, weil ich sowieso beides nicht zubereiten kann und im Begriff war, das Kokosfett an selbige Freunde zu verschenken. Ich wurde dann aber unterrichtet, dass es sich bei meinem Kokosfett um eine Body Lotion handelt, und bin hinsichtlich dieser Anwendung frenetisch begeistert von dem Produkt. Ich werde in Zukunft Kokosfett verwenden. Aber die Wahrheit ist \u2013 es ist wirklich wahr und nicht eingebaut, um eine m\u00f6gliche Ironie des Nachhaltigkeitsprojektes herauszustellen \u2013, dass ich zuvor \u00fcberhaupt keine Body Lotion verwendet habe. Meine \u00d6kobilanz wird sich also in Zukunft verschlechtern. In wenigen Tagen findet auf der Trendbox-Homepage ein Unboxing der August-Box statt. Dann stellt sich vielleicht heraus, dass es doch Bratfett war.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Den wiederverwendbaren Becher f\u00fcr Kaffee halte ich im Sinne der \u00d6ko-Erziehung nicht f\u00fcr intelligent ausgew\u00e4hlt \u2013 abgesehen von der Tatsache, dass er in letzter Zeit zu Recht oder zu Unrecht (?) ein bisschen in Verruf geraten ist \u2013, denn der geh\u00f6rt zu den ersten Produkten, die man ohnehin schon besitzt, wenn man nur eine Sekunde \u00fcber Umweltfragen nachgedacht hat und gerne im Gehen Kaffee trinkt. Also einfacher gesagt: Den habe ja sogar <i>ich<\/i> bereits. Die Farbmischung aus Altpapierton und knalligem T\u00fcrkis halte ich auch nicht f\u00fcr gelungen. Ich meine: Zu welcher Kleidung soll das passen? Denken Trendboxen-Abonnent*innen nicht \u00fcber ihr Aussehen nach? Ist es nicht beleidigend, den Nutzer*innen so offensichtlich zu unterstellen, sie h\u00e4tten kein Stilempfinden? Ist das nun f\u00fcr \u00d6ko-Hippies oder f\u00fcr 80er Jahre-Popper gemacht? Und: Kann man beides in \u00e4sthetischer Hinsicht gleichzeitig sein? Was aber wirklich nicht zu Ende gedacht ist, ist die Tatsache, dass die Mund\u00f6ffnung keinen Verschluss hat. Aus Erfahrung wei\u00df ich, dass das nicht lange gut geht und neue Kleidung oder einen Gang in die Reinigung erfordert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9532\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Becher-e1569308232181-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"507\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Becher-e1569308232181-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Becher-e1569308232181-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/p>\n<p>Der Karton, der eigentlich b\u00f6ser Verpackungsm\u00fcll ist, soll ja auch nachhaltig sein, also auch noch f\u00fcr was gut sein, also wiederverwertet werden. Meine erste Idee w\u00e4re ja, ihn aufzubewahren und gegebenenfalls weiter zu verschicken. Aber meine Fantasie ist offensichtlich viel zu begrenzt. Dem Karton ist n\u00e4mlich eine Anleitung beigegeben, wie man ihn in einen Blumentopf verwandeln kann. Was soll ich dazu sagen? Die Vorstellung, Zeit f\u00fcrs Basteln zu investieren, extra Blumen zu kaufen \u2013 ist das \u00f6kologisch? \u2013, um den Karton zweckzuentfremden und erst nach ein paar Monaten wegzuwerfen, wenn er vermutlich durchgeweicht ist, um aber bis dahin Topfpflanzen in einem Pappkarton in der Wohnung stehen zu haben, raubt mir den Atem \u2013 \u2013 \u2013 vor Begeisterung nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Ich habe mir aus Stilgr\u00fcnden vorgenommen, nicht ironisch oder malizi\u00f6s zu sein, und es ist mir fast gelungen. So soll es weitergehen, auch wenn es zunehmend schwerf\u00e4llt: Es finden sich im Paket \u2013 neben hier Unerw\u00e4hntem \u2013 auch noch zwei Bambussch\u00fcsseln und ein Holzkettchen. Das Holzkettchen passt zu Menschen, die sich Pappkartonblumenbeh\u00e4lter basteln. Und ich kann beim besten Willen nicht behaupten, dass man auf beides verzichten sollte, wenn man wirklich \u00f6kologisch leben will, denn der Drang zu und das Recht auf \u00fcberfl\u00fcssige \u00c4sthetisierung besteht auch bei <i>dieser<\/i> \u00c4sthetik. Wenn <i>ich<\/i> eine Kette tragen <i>m\u00fcsste<\/i>, w\u00fcrde ich mich allerdings dann doch f\u00fcr die pink-lilafarbene Plastikkette aus dem Restpostenpaket entscheiden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Was die Bambussch\u00fcsseln betrifft, so wei\u00df ich ganz ehrlich nicht, wof\u00fcr man sie verwenden soll. Zum Haaref\u00e4rben eignen sie sich sicherlich nicht. Das Wasserstoffperoxid frisst sich da bestimmt durch, oder der Geruch sickert in die rauen Fasern ein und h\u00e4ngt wochenlang im Bad. Ist das Geschirr? Und wenn Geschirr, ist es haltbar? Sp\u00fclmaschinenfest? Und wenn nicht haltbar, ist es \u00f6kologisch? Und wenn nicht sp\u00fclmaschinenfest, ist es n\u00fctzlich? Vom Nutzwert abgesehen: Ich m\u00f6chte eine Wohnung nicht mal als Besucherin betreten, zu deren Einrichtung diese Schalen \u00e4sthetisch passen. [Das Folgende wurde aus Gr\u00fcnden der Selbstzensur gel\u00f6scht.]<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9547\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Sch\u00fcsseln-und-Holzperlen-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Sch\u00fcsseln-und-Holzperlen-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Sch\u00fcsseln-und-Holzperlen-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2019\/09\/Sch\u00fcsseln-und-Holzperlen-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/p>\n<p>Abzugeben w\u00e4ren folgende Produkte. Ich w\u00fcrde mich sehr freuen, von potenziellen Abnehmer*innen ein Bild vom Verwendungszusammenhang der Sch\u00fcsseln zu erhalten. Man kann damit bestimmt lustige Sachen anstellen, die mir ob der Reiz\u00fcberflutung durch die vielen Pakete nicht eingefallen sind.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9543\" src=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/\u00d6ko-Rest-1022x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"479\" height=\"480\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Schluss<\/p>\n<p>Insgesamt kann man im Sinne Ullrichs davon ausgehen, dass sp\u00e4testens in der Pop-Moderne die Konsumwelt \u201ezu einer gro\u00dfen F\u00fcrsorgema\u00dfnahme f\u00fcr das Individuum geworden\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> ist, das sich aus seinen Konsumpraktiken und seiner Konsumbiographie konstituiert. Die \u00dcberraschungsboxen funktionieren anders. In dieser Konsumnische w\u00e4hlt der*die Konsument*in ja nicht, sondern gibt sich der Kontingenz hin. Da man nach Erhalt der Boxen geradezu gezwungen ist, eine Verbindung zwischen dem Gelieferten und sich selbst zu suchen und herzustellen, handelt es sich um einen gegenwartsbezogenen Identit\u00e4tscheck. Dagegen generiert man durch das bewusste W\u00e4hlen und Kaufen von Produkten eine Selbst-Fiktion, die in die Zukunft reicht \u2013 oder in den Konjunktiv.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Der Prozess des Bestellens und \u00d6ffnens von \u00dcberraschungspaketen stellt eine inszenierte, kalkulierte \u00dcberraschung dar, und zwar vor allem eine \u00dcberraschung \u00fcber die eigenen Reaktionen, die reflexiv erlebt werden. \u00dcberraschungspakete erlebt man im Modus der Selbstbeobachtung. Wird man n\u00e4mlich wirklich \u00fcberrascht, \u00fcberwiegt in den meisten F\u00e4llen wohl eher der Eindruck des Objektes und der des Fremdbeobachtetwerdens.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die \u00dcberraschungslieferungen stehen f\u00fcr Konsum um des Konsums willen, f\u00fcr das Bestellen um des Bestellens willen, Auspacken um des Auspackens willen. Dabei inszenieren wir zun\u00e4chst einmal das Prinzip des Geschenks f\u00fcr uns selbst, also wir inszenieren f\u00fcr uns selbst und das Geschenk ist f\u00fcr uns selbst. Dass wir bezahlt haben, ist l\u00e4ngst vergessen, und dann k\u00f6nnen wir wie an Weihnachten oder zum Geburtstag ein P\u00e4ckchen auspacken \u2013 mit dem oben genannten Unterschied. So viel zur freundlichen Deutung dieser Praktik.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die \u00dcberraschungslieferungen stehen f\u00fcr Konsum um des Konsums willen, f\u00fcr das Bestellen um des Bestellens willen, Auspacken um des Auspackens willen. Dabei halten wir Konsumrituale am Laufen, die wir allzu gut kennen und gewohnt sind, f\u00fcr sie wir damit eine sinnlose Erweiterungsform gefunden haben; wir halten sie also am Leerlaufen. Diese Pakete sind nicht nur Ausdruck daf\u00fcr, dass man nichts mehr braucht, sondern daf\u00fcr dass nun wirklich alles willkommen ist, solange es kommt. So viel zur unfreundlichen Deutung dieser Praktik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/www.giessener-allgemeine.de\/giessen\/kofferversteigerung-selbstversuch-unser-autor-jagd-nach-koffer-gold-11964498.html<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Wolfgang Ullrich: Habenwollen. Wie funktioniert Konsumkultur? Frankfurt 2014, S. 45-46.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ullrich 2014, S. 47.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ullrich 2014, S. 48-58.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> https:\/\/www.amazon.de\/MIK-funshopping-\u00dcberraschungspaket-RESTPOSTEN-Artikel\/dp\/B071X9146M\/ref=cm_cr_arp_d_bdcrb_top?ie=UTF8<br \/>\n<a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ullrich konstatiert dies prinzipiell f\u00fcr das Habenwollen, das dann in einer Kultur hinzukommen kann, wenn das Habenm\u00fcssen, die Befriedigung notwendiger Bed\u00fcrfnisse gesichert ist (Ulrich 2014, S. 13).<br \/>\n<a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ullrich 2014, S. 35.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B07RSWWHZ5\/ref=ppx_yo_dt_b_asin_title_o00_s00?ie=UTF8&amp;psc=1<br \/>\n<a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Ullrich 2014, S. 65.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Ullrich 2014, S. 89.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ullrich 2014, S. 102.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Ullrich 2014, S. 205.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> https:\/\/trendraider.de\/ueber-uns\/<br \/>\n<a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> https:\/\/trendraider.de\/trendbox\/<br \/>\n<a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ullrich 2014, S. 28.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> S. Ullrich oben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website lickhardt\" href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/germanistik\/mitarbeiter\/lickhardt_maren\/publikationen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Assistenzprofessorin am Institut f\u00fcr Germanistik der Leopold-Franzens-Universit\u00e4t Innsbruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberlegungen zu Konsum, Unterhaltung und Nachhaltigkeit<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1246,1270,1291,1602,1607,1984,2104,2385,2409,2430],"class_list":["post-9530","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-kofferversteigerung","tag-konsum","tag-kosmetik","tag-mystery-box","tag-nachhaltigkeit","tag-restposten","tag-selbstversuch","tag-trendboxen","tag-ueberraschungspakete","tag-unterhaltung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9530","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9530"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9530\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9530"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9530"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9530"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}