{"id":9606,"date":"2019-10-28T09:57:13","date_gmt":"2019-10-28T07:57:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9583"},"modified":"2019-10-28T09:57:13","modified_gmt":"2019-10-28T07:57:13","slug":"das-feuilleton-von-faz-sueddeutsche-zeitung-und-zeit-aesthetische-moralische-und-politische-werturteilevon-thomas-hecken28-10-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/10\/28\/das-feuilleton-von-faz-sueddeutsche-zeitung-und-zeit-aesthetische-moralische-und-politische-werturteilevon-thomas-hecken28-10-2019\/","title":{"rendered":"Das Feuilleton von \u00bbFAZ\u00ab, \u00bbS\u00fcddeutsche Zeitung\u00ab und \u00bbZeit\u00ab \u2013 \u00e4sthetische, moralische und politische Werturteile<br><small><i>von Thomas Hecken<\/i><\/small><br><small>28.10.2019<\/small><\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Ausgaben der Gegenwart<!--more --><\/p>\n<p>Der Kommentar \u00bbbewertet aktuelle Ereignisse\u00ab<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, er f\u00fcgt einer \u00bbneutralen Berichterstattung ein wertendes Urteil hinzu\u00ab,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> so lauten die noch aus der Schule vertrauten Hinweise weiterhin in heutigen journalistischen Ratgebern und Handb\u00fcchern.<\/p>\n<p>Blickt man nun in gedruckte Zeitungen, mag man \u00fcberrascht sein: Viele Zeitungen weisen Textsorten gar nicht aus. Falls ihre Redaktionen Journalisten beauftragen sollten, einen Kommentar oder Bericht zu schreiben, machen sie dies jedenfalls dem Leser gegen\u00fcber nicht deutlich.<\/p>\n<p>Langj\u00e4hrige Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) z.B. m\u00f6gen wissen (oder meinen zu wissen), dass auf der Titelseite die beiden von ihnen aus gesehen rechten Spalten die Kommentarspalten sind, \u00fcber den jeweiligen Artikeln steht aber keine entsprechende Angabe. Durch das Layout wird zwar ein Unterschied zu anderen Artikeln hergestellt, es gibt aber in der Zeitung selbst keine Erl\u00e4uterung, dass z.B. ein bestimmter Strich einen \u203aKommentar\u2039 anzeigt.<\/p>\n<p>Anders sieht es am oberen Rand der Zeitungsseiten aus. Hier stehen durchgehend W\u00f6rter, mit denen die Redaktion Angaben zu Besonderheiten der Artikel macht, die unter diesen W\u00f6rtern stehen. Meist traditionell gefasst (\u00bbPolitik\u00ab, \u00bbWirtschaft\u00ab, \u00bbFinanzen\u00ab, \u00bbLeserbriefe\u00ab, \u00bbReisen\u00ab etc.), in seltenen F\u00e4llen mit vage-euphemistischen (\u00bbChancen\u00ab) und irref\u00fchrenden (\u00bbDossier\u00ab) neueren Titeln. Mit ihnen werden \u2013 mit der Ausnahme der \u00bbLeserbriefe\u00ab und des \u00bbDossier[s]\u00ab \u2013 immer Themenbereiche angezeigt, nicht Textsorten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Feuilleton als Textsorte<\/p>\n<p>Einigerma\u00dfen r\u00e4tselhaft unter den Angaben bleibt allein das \u00bbFeuilleton\u00ab. Einige deutsche Tageszeitungen (etwa die WAZ) haben einen \u00bbKultur\u00ab-Teil, kein \u203aFeuilleton\u2039 \u2013 ist \u203aFeuilleton\u2039 also ein altmodischer Ausdruck f\u00fcr \u203aKultur-Berichte\u2039? Wenn man sich die bekanntesten deutschen Feuilletonseiten \u2013 \u00fcber denen \u00bbFeuilleton\u00ab steht \u2013 ansieht, die von FAZ, SZ und ZEIT, kann man in Zweifel geraten, weil dort manchmal auch Artikel abgedruckt sind, die politische Themen behandeln.<\/p>\n<p>Oder ist \u00bbFeuilleton\u00ab doch eine Angabe zur\u00a0 Textsorte? F\u00fcr die Textsorten-Hypothese spricht zun\u00e4chst einmal, dass der Begriff \u203aFeuilleton\u2039 tats\u00e4chlich wiederholte Male zur Bezeichnung einer besonderen Textsorte gebraucht worden ist, der \u00bbkleinen Prosaform \u203aFeuilleton\u2039\u00ab.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Zur \u00dcberpr\u00fcfung solcher und anderer Hypothesen sollen drei Ausgaben von FAZ, DIE ZEIT und S\u00fcddeutscher Zeitung (SZ) untersucht werden. Exemplare der drei Zeitungen wurden per Zufallsauswahl herausgegriffen, damit die Auswahl nicht von vorab gefassten Anschauungen bzw. Ergebniserwartungen beeinflusst werden konnte; es handelt sich um folgende Ausgaben: FAZ vom 22.04.2015; SZ vom 20.07.2016; DIE ZEIT vom 21.07.2016; Seitenangaben im Flie\u00dftext beziehen sich im Folgenden immer auf diese Ausgaben.<\/p>\n<p>Wenn mit der \u00bbkleinen Prosaform \u203aFeuilleton\u2039\u00ab nun Textsorten wie Anekdote, Humoreske, Sentenz, Aphorismus, R\u00e4tsel, Erz\u00e4hlung angesprochen werden,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> dann muss man konstatieren, dass es im heutigen \u00bbFeuilleton\u00ab der FAZ, ZEIT, SZ \u2013 und nur um die von ihren Redaktionen so bezeichneten Seiten soll es hier ja gehen \u2013, diese Textsorte Feuilleton nicht (mehr) gibt (auf solche Feuilletons st\u00f6\u00dft man zum Teil noch in den Beilagen dieser Zeitungen, in der ZEIT auch im Buch \u00bbZ\u00ab [\u00bbZeit zum Entdecken\u00ab]).<\/p>\n<p>Zur \u203akleinen Prosaform\u2039 gerechnete Genres wie Stra\u00dfenbild, Stadtbild, Denkbild, Glosse, Reisebeschreibung<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> hingegen findet man ab und zu noch im \u00bbFeuilleton\u00ab besagter Bl\u00e4tter. In den Stichproben, die wie gesagt das Material der folgenden detaillierten Analysen bilden, waren sie allerdings \u2013 mit Ausnahme einer Schrumpfform des Reiseberichts bzw. des Stadtbilds (ZEIT, S. 45) sowie eines Denkbilds (ZEIT, S. 46) \u2013 nicht vorhanden, allgegenw\u00e4rtig sind sie also keineswegs.<\/p>\n<p>Die zweite g\u00e4ngige Weise, die kleine Prosaform Feuilleton zu bestimmen, besteht in der Angabe von Stileigenschaften. Positiv gewendet: \u00bbLeichtigkeit, elegante Beil\u00e4ufigkeit, Impressionismus und Sprachraffinement\u00ab,<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> abwertend als \u203aFeuilletonismus\u2039 verbucht. Folgte man diesem Ansatz,<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> m\u00fcsste man die Variablen (\u00bbLeichtigkeit\u00ab usf.) freilich genauer definieren, um zu nachvollziehbaren Ergebnissen zu gelangen, ob (und wenn ja, in welchem Ma\u00dfe) sich Feuilletons und\/oder Artikel, die im \u00bbFeuilleton\u00ab erschienen sind, von anderen Artikeln unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbFeuilleton\u00ab und Bericht<\/p>\n<p>Dem soll hier aber nicht nachgegangen werden, der Akzent liegt vielmehr auf der Wertungsfrage: Gibt es Besonderheiten im \u00bbFeuilleton\u00ab<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> der ZEIT, SZ und FAZ bei der Art und Weise, Bewertungen vorzunehmen?<\/p>\n<p>Unmittelbar plausibel klingt die Hypothese, dass eine Besonderheit gegen\u00fcber den anderen Zeitungsseiten in der Vielzahl an Wertungen besteht, schlie\u00dflich machen Rezensionen einen betr\u00e4chtlichen Teil dieser \u00bbFeuilletons\u00ab aus \u2013 Kritiken, die, wie der Name schon sagt, nicht nur Beschreibungen, sondern auch bewertende Einsch\u00e4tzungen der vorgestellten Filme, Opern etc. bieten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es schwer, Meldungen und Berichte\u00a0\u2013 die nach g\u00e4ngiger Auffassung ja keine Wertungen von journalistischer Seite enthalten sollen\u00a0\u2013 in den zur genaueren Untersuchung ausgew\u00e4hlten Zeitungsausgaben zu finden. In der ZEIT gibt es im \u00bbFeuilleton\u00ab gar keine Meldungen oder Berichte, in der SZ einen einzigen Bericht.<\/p>\n<p>Nur in einem Fall \u00fcbernahm die \u00bbFeuilleton\u00ab-Redaktion der FAZ eine dpa-Meldung, die sich, wie bei Presseagenturen \u00fcblich, streng an die Konventionen der Textsorte Meldung\/Bericht h\u00e4lt: Angaben von Ereignissen und Daten werden zumeist unter Angabe einer Quelle referiert; Bewertungen erfolgen nicht vom Journalisten der Deutschen Presseagentur, sondern von den Personen, \u00fcber die berichtet wird: \u00bbLatchinian bezeichnet die Entwicklung von Einnahmen und Besuchern als positiv.\u00ab (FAZ, S. 12)<\/p>\n<p>Zwei weitere dpa-Artikel stehen im \u00bbFeuilleton\u00ab-Buch der FAZ auf der \u00bbMedien\u00ab-Seite Diese beiden dpa-Artikel sind allerdings von der Redaktion bearbeitet worden, als Urheberangabe steht unter den Artikeln \u00bbdpa\/F.A.Z.\u00ab (S. 13). Die Bearbeitung ersch\u00f6pft sich nicht nur in K\u00fcrzungen (sonst st\u00fcnde dort wohl nur \u203adpa\u2039), sondern in anderen Umformulierungen bzw. Zus\u00e4tzen. Eine Bearbeitung zeichnet sich zudem durch Bewertungsankl\u00e4nge aus.<\/p>\n<p>Klammert man den Abdruck der Rundfunkprogramme aus, gibt es demnach im \u00bbFeuilleton\u00ab der FAZ zwei kurze, in der SZ einen sehr kurzen und in der ZEIT keinen Beitrag, der die g\u00e4ngigen Anforderungen an Meldung und Bericht erf\u00fcllt. \u203aG\u00e4ngig\u2039 soll hier immer hei\u00dfen: gem\u00e4\u00df der Bestimmungen der weitaus meisten Redaktionsstatuten und Journalismus-Ratgeber.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Tatsachen- und Wertfragen<\/p>\n<p>Nicht g\u00e4ngig sind die Anschauungen, zwischen Beschreibungen und Bewertungen nicht nur trennen zu k\u00f6nnen, sondern in bestimmten Textsorten auch zu m\u00fcssen, hingegen in vielen philosophischen und kulturwissenschaftlichen Ausf\u00fchrungen (von Vertretern des Idealismus, des Konstruktivismus, des Poststrukturalismus etc.).<\/p>\n<p>Halt gewinnt diese Trennung v.a. noch innerhalb des logischen Positivismus. Alfred J. Ayer etwa separierte in der Nachfolge Rudolf Carnaps<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> strikt \u00bbTatsachenfragen\u00ab von \u00bbWertfragen\u00ab. Aussagen \u00fcber Tatsachen k\u00f6nne man durch empirische Beobachtungen verifizieren oder falsifizieren, Aussagen \u00fcber ethische oder \u00e4sthetische Werte nicht. Letztere g\u00e4ben lediglich Aufschluss \u00fcber die \u00bbk\u00f6rperliche und geistige Verfassung\u00ab des Aussagenden; es sei darum nicht m\u00f6glich, \u00e4sthetischen oder ethischen Urteilen \u00bbobjektive G\u00fcltigkeit beizumessen\u00ab.<\/p>\n<p>Wahr oder falsch kann nach Ayers Vorgabe z.B. nur die Aussage sein, ein bestimmtes Gedicht sei ein Sonett oder weise Paarreime auf, nicht aber die Aussage, es handle sich um ein gro\u00dfartiges oder scheu\u00dfliches Gedicht: \u00bbSolche \u00e4sthetische W\u00f6rter wie \u203asch\u00f6n\u2039 und \u203ah\u00e4\u00dflich\u2039 werden \u2013 wie ethische W\u00f6rter \u2013 nicht zur Aussage von Tatsachen verwendet, sondern nur, um gewisse Empfindungen auszudr\u00fccken und ein gewisses Verst\u00e4ndnis hervorzurufen.\u00ab<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Selbst innerhalb der analytischen Philosophie ist diese strenge Trennung aber umstritten. Ein pragmatistischer Ansatz wie der Hilary Putnams sieht vielmehr ein \u00bbentanglement of facts and values\u00ab gegeben. Putnam stellt zwar fest, es sei ein \u00bbperfectly obvious fact that language can represent something that is itself outside of language\u00ab,<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> f\u00fcr ihn folgt daraus aber nicht, dass Werturteile nur den Zustand der Urteilenden repr\u00e4sentierten und ihnen dar\u00fcber hinaus nicht \u203aRichtigkeit\u2039 zukommen k\u00f6nnte.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Auch k\u00f6nne man beim Gebrauch von Worten nicht immer zwischen ihrem Einsatz f\u00fcr einen \u00bbnormative purpose\u00ab und als \u00bbdescriptive term\u00ab unterscheiden. Putnam stellt folgenden Gebrauch des Wortes \u00bbcruel\u00ab als Beispiel f\u00fcr diese \u201aVerstrickung\u2018 von Beschreibung und Bewertung heraus: \u00bbIf one asks me what sort of person my child\u2019s teacher is, and I say, \u203aHe is very cruel,\u2039 I have both criticized him as a teacher and criticized him as a man. I do not have to add, \u203aHe is not a good teacher,\u2039 or, \u203aHe is not a good man.\u2039 [\u2026] I cannot simply say, \u203aHe is a very cruel person and a good man,\u2039 and be understood.\u00ab<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wertungen im \u00bbFeuilleton\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Zwecke brauchen wir die Grundsatzfrage nach der vollkommenen oder nicht vollkommenen Trennung von \u00bbfact\/value\u00ab nicht beantworten, f\u00fcr unsere Analyse reicht die Feststellung Putnams, dass es ungeachtet der prinzipiell nicht ausgeschlossenen \u00bbentanglement of facts and values\u00ab oft m\u00f6glich ist, den Unterschied zu machen, hinreichend aus. Auch die Frage nach der m\u00f6glichen \u203aRichtigkeit\u2039 der Werturteile kann ausgespart bleiben. Egal, wer nun Recht hat \u2013 Putnam oder Ayer \u2013, die Analyse der \u00bbFeuilleton[s]\u00ab kann sich der Frage widmen, welche Werturteile dort zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p>Hier f\u00e4llt die Antwort leicht: Es sind nicht nur \u00e4sthetische Urteile, sondern auch (angesichts politischer wie pers\u00f6nlicher F\u00e4lle) moralische. Man wei\u00df nicht immer zu sagen, was davon zutrifft. Etwa die Klage \u00fcber den \u00bbfanatischen Willen der Bauherren zum radikal modernen Museum des Betonbrutalismus\u00ab (FAZ, S. 9) \u2013 bringt sie ein \u00e4sthetisches Urteil zum Ausdruck oder (auch) ein moralisches (gerichtet gegen einzelne Personen oder ein politisches System)? Die Texte sagen es einem oftmals nicht genau.<\/p>\n<p>Offen bleibt zumeist auch, ob W\u00f6rter nur deskriptiv oder auch wertend gebraucht werden. Putnams Hinweis, dass \u00bbcruel teacher\u00ab keineswegs nur beschreibend, sondern ebenfalls verurteilend gemeint sei, bringt einen hier nicht weiter. Ist \u203afanatisch\u2039 und \u203aradikal modern\u2039 tats\u00e4chlich zwingend Teil einer Klage oder Verurteilung? Futuristen und Brutalisten in der Architektur sehen das bekannterma\u00dfen anders. Im speziellen Fall hilft dann der Blick \u00fcber den Satz hinaus: Mit der Tradition sei \u00bbSchindluder\u00ab getrieben worden (ebd.), hei\u00dft es kurz darauf, also ist dieser \u203aFanatismus der Moderne\u2039 f\u00fcr den Autor tats\u00e4chlich ein negatives Moment.<\/p>\n<p>Wie an diesem Beispiel eindr\u00fccklich zu sehen, ist es auch und gerade bei Aussagen, die Kunstwerke betreffen, heutzutage \u2013 in Zeiten der Moderne und Postmoderne \u2013 nicht immer einfach, a) zu erkennen, ob es sich um deskriptive oder bewertende Aussagen handelt, und b) im Falle einer bewertenden Aussage zu erkennen, ob es sich um eine positive oder negative Einsch\u00e4tzung handelt.<\/p>\n<p>Dies gilt besonders f\u00fcr Leser, die wissen, dass es nicht nur Anh\u00e4nger des Expressionismus, sondern auch des Realismus gibt, nicht nur Freunde der Erbauung, sondern auch des \u00c4sthetizismus, nicht nur Liebhaber der Einf\u00fchlung, sondern auch des Verfremdungseffekts, usf.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Wenn W\u00f6rter wie \u203agro\u00df\u2039, \u203aQualit\u00e4t\u2039, \u203aKlassiker\u2039 fehlen \u2013 und tats\u00e4chlich stehen sie l\u00e4ngst nicht in jedem \u00bbFeuilleton\u00ab-Artikel (und erst recht nicht in jeder Passage) kl\u00e4rend parat \u2013, bleibt f\u00fcr sie immer mindestens ein Rest an Unsicherheit.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel daf\u00fcr aus einer Buchrezension: \u00bbDabei sind diese kleinen Geschichten [\u2026] keineswegs auf surrealistische Kombination von Beliebigem aus, sondern pr\u00e4zise komponiert und h\u00e4ufig pointiert im Sinne moderner morality tales \u2013 die Moral von Reisenden besteht ja in einer klugen Vermittlung von Prinzipien mit Umst\u00e4nden.\u00ab (FAZ, S. 10) \u00bbKleine Geschichten\u00ab, \u00bbpr\u00e4zise komponiert\u00ab, \u00bbsurrealistische Kombination von Beliebigem\u00ab \u2013 sind das nun lediglich Beschreibungen oder auch Bewertungen?<\/p>\n<p>Und wenn es auch Bewertungen w\u00e4ren: Sind das \u203aKleine\u2039, die \u203aPr\u00e4zision\u2039 und die \u00bbsurrealistische Kombination von Beliebigem\u00ab hier Ausdruck von Lob oder Tadel, von Begeisterung oder Langweile? Ist die \u203aKlugheit der Reisenden\u2039 auch eine gute Devise f\u00fcr eine Geschichte? Grunds\u00e4tzlich kann man es nicht mehr wissen, wenn man wei\u00df, dass es in der Geschichte der Kunsturteile sowohl Anh\u00e4nger des Kleinen wie des Gro\u00dfen, des Pr\u00e4zisen wie des Vagen, der surrealistischen Zufallskombination wie der bewussten Verbindung, der \u203aklugen Vermittlung\u2039 wie der anarchischen Aufl\u00f6sung gegeben hat.<\/p>\n<p>Man behilft sich also mit einigerma\u00dfen begr\u00fcndeten Vermutungen: Man ruft sich die g\u00e4ngige Konnotation von Begriffen vor Augen (in der Hoffnung, dass der Autor dem G\u00e4ngigen folgt), stellt die \u00fcbliche Position der Zeitung oder des Rezensenten in Rechnung (wenn man sie denn kennt und mit Konformismus oder behaupteter Identit\u00e4t rechnet). man schlie\u00dft aus eindeutig positiven oder negativen Wendungen, die vorher oder nachher in dem Artikel stehen, auf den Gehalt der einzelnen Stelle (baut demnach auf Konstanz).<\/p>\n<p>In gewisser Hinsicht k\u00f6nnen einem aber selbst die eindeutigen Wertungen (im zuletzt angef\u00fchrten Artikel etwa \u00bbgro\u00dfer Erz\u00e4hler\u00ab) Schwierigkeiten bereiten: Nachdem man auf solche klaren Urteile gesto\u00dfen ist, erwartet man vielleicht st\u00e4ndig Wertungen und klopft jedes Attribut auf seine Konnotationen ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr den routinierten Teilnehmer an der literarischen Welt ist das nat\u00fcrlich kein Problem, der Vorgang l\u00e4uft \u203aautomatisch\u2039 ab; in einem kleinen Experiment, das ich mit Germanistikstudenten durchgef\u00fchrt habe, also zumindest nicht v\u00f6llig kenntnislosen Probanden, zeigte sich aber rasch, dass bei ihnen keinerlei Sicherheit in der Aufschl\u00fcsselung von einzelnen Wendungen und Angaben mit Blick auf die Rezensentenmeinung bestand (dass \u203aKomplexit\u00e4t\u2039 in fast allen heutigen Rezensionen sehr positiv und \u203aBeliebigkeit\u2039 h\u00f6chst negativ konnotiert ist, stand ihnen als Vorwissen z.B. nicht zur Verf\u00fcgung).<\/p>\n<p>Zu dieser Unsicherheit tragen zwei weitere wichtige Punkte bei: Zum einen kommen die Rezensionen ohne Angaben zu pers\u00f6nlichen Gem\u00fctszust\u00e4nden und k\u00f6rperlichen Reaktionen aus. Zum anderen verzichten sie zumeist auf Angaben eines Ma\u00dfstabs oder einer Regel f\u00fcr die Einzelfallbeurteilungen.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Als wollten sie Ayers Feststellung, \u00e4sthetische Urteile seien Empfindungs\u00e4u\u00dferungen, zumindest auf jener Ebene, die offen zutage liegt, umgehen, vermeiden sie Aussagen der Form \u203aWerk x hat mich an Stelle y gelangweilt, erregt, zum Lachen gebracht, ge\u00e4ngstigt, von Ereignis z abgelenkt\u2039.<\/p>\n<p>Dies w\u00fcrde Ayer zwar nicht davon abbringen, die h\u00e4ufig anzutreffenden Aussagen der Form \u203aWerk x ist interessant, \u00f6de, brillant, gro\u00dfartig, mittelm\u00e4\u00dfig, eine gelungene Kom\u00f6die, ein faszinierender Thriller\u2039 als \u00e4sthetische Urteile und damit als Angaben der Empfindungen und Gem\u00fctszust\u00e4nde der Rezensenten angesichts bestimmter Werke einzustufen, die Reserve der Rezensenten symbolisiert aber wenigstens (bzw. versucht den Eindruck zu erwecken), dass sie mehr als ihren pers\u00f6nlichen Eindruck vermitteln wollen.<\/p>\n<p>Andererseits geht dieser bei den Urteilsformulierungen anzutreffende Drang nach Objektivierung \u2013 dem Werk als ihm innewohnende Eigenschaft zuzuschreiben, was als Empfindung des Betrachtenden angegeben werden k\u00f6nnte (oder nach Auffassung Ayers m\u00fcsste) \u2013 nicht so weit, dass f\u00fcr das Urteil \u00fcber das einzelne Werk auch eine feste Beurteilungsgr\u00f6\u00dfe angegeben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es gibt in den untersuchten \u00bbFeuilleton[s]\u00ab nur eine Ausnahme davon; in einer Rezension zu einer Tanzauff\u00fchrung hei\u00dft es kategorisch: \u00bbAber das politische Engagement kommt der Qualit\u00e4t in die Quere: Wie immer, wenn Kunst eine Botschaft transportieren soll, geht sie unter der Last in die Knie.\u00ab (FAZ, S. 12). Damit ist klar: Nicht nur diese spezielle Auff\u00fchrung, sondern jedes politisiert-didaktische Kunstwerk ist ein schlechtes Kunstwerk \u2013 gem\u00e4\u00df der (nach Auffassung des Artikels) geltenden Regel f\u00fcr \u00e4sthetische Werthaltigkeit, dass politische Botschaften die Qualit\u00e4t der Kunst betr\u00e4chtlich schm\u00e4lern.<\/p>\n<p>Die anderen Rezensionen gehen diesen Schritt nicht. Bei vielen von ihnen k\u00f6nnte man zwar wegen der Vehemenz und Sicherheit der vorgetragenen Einsch\u00e4tzungen den Eindruck gewinnen, die von den Urteilen ableitbaren Ma\u00dfst\u00e4be gelungener Kunst g\u00e4lten immer; die Rezensionen selbst bleiben aber auf das individuelle, konkrete Werk bezogen, deshalb gelten die Einsch\u00e4tzungen aus Sicht der Rezensenten nur mit Blick auf dieses Werk.<\/p>\n<p>Sicher, man k\u00f6nnte als Betrachter jederzeit ableiten, dass ein Rezensent, der z.B. die realistische Genauigkeit eines bestimmten Werks lobt, grunds\u00e4tzlich realistische Genauigkeit als unverzichtbare Eigenschaft gro\u00dfer Kunst postuliert. Dies w\u00e4re aber eine blo\u00dfe Spekulation, die nicht einmal dann Beweiskraft bes\u00e4\u00dfe, wenn in allen Kritiken eines Autors bei je besonderen Werken das Vorkommen realistischer Genauigkeit gelobt und ihr Fehlen getadelt w\u00fcrde. In den Rezensionen selber wird n\u00e4mlich wie gesagt keine Regel des Sch\u00f6nen oder gelungener Kunst aufgestellt.<\/p>\n<p>Dem Eindruck, \u00fcber eine Poetik und mit ihr verbundene strikte Regeln zur Bewertung von Kunstwerken zu verf\u00fcgen, zerstreut das \u00bbFeuilleton\u00ab insgesamt dadurch, dass bei der Kritik von Kunstwerken offenkundig nicht ein Ma\u00dfstab angelegt wird, vor dem sich konsequent jeder Roman, jeder Film, jede Auff\u00fchrung bew\u00e4hren muss.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig wird immerhin betont, dass die Betrachtung und Bewertung der \u00bbForm\u00ab wichtig sei (\u203aForm\u2039 fungiert dabei zumeist als eine Metapher f\u00fcr \u203agute Schreibweise\u2039, \u203agute Malweise\u2039, \u203agute Kompositionsweise\u2039 etc). Dies ist freilich blo\u00df eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, denn wenn nur Themen und Motive Gegenstand des Kunst-Urteils w\u00e4ren, w\u00e4re es gleichg\u00fcltig, ob man Gegenst\u00e4nde der Kunst oder Nicht-Kunst bewertete. Sinn gew\u00f6nne der Hinweis auf die Bedeutung der Form lediglich, wenn man betonte, dass f\u00fcr das Urteil \u00fcber ein Kunstwerk nur die Form, nicht der Inhalt ber\u00fccksichtigt worden sei (und als Regel gefasst: werden d\u00fcrfte).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbFeuilleton\u00ab und Politik<\/p>\n<p>Wie bereits angedeutet, st\u00f6\u00dft man im \u00bbFeuilleton\u00ab keineswegs nur auf Kunstkritiken. Zwar kann man dort keine Gedichte, Witze, R\u00e4tsel, Feuilletonromane, Kurzgeschichten, Aphorismen lesen, wohl aber Beitr\u00e4ge zu politischen Themen.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Diese Beitr\u00e4ge unterscheiden sich nicht von denen des \u00bbPolitik\u00ab-Teils, etwa weil sie inaktuell oder zumindest weniger aktuell w\u00e4ren<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>. In vielen F\u00e4llen unterscheiden sie sich nicht einmal hinsichtlich der Facetten eines Themas. Manchmal gibt es nicht einmal bei der Textsorte einen Unterschied, denn k\u00fcrzere und mittellange Kommentare gibt es auch im \u00bbPolitik\u00ab-Teil, auch Essays (oder wie immer man l\u00e4ngere Kommentare nennen m\u00f6chte).<\/p>\n<p>Bei der ZEIT f\u00e4llt der Unterschied bei der Behandlung derselben Themen am geringsten aus. Die ZEIT nutzt ihre relative Distanz zur hochaktuellen Berichterstattung der Tageszeitungen weniger dazu, bei politischen Themen der vorangegangenen Woche eine umfassende Hintergrundberichterstattung anzubieten, sondern versieht in erster Linie die bekannten Meldungen mit Einsch\u00e4tzungen der Journalisten, ihrer Interviewpartner oder von Gastautoren.<\/p>\n<p>\u00dcberwiegend sind es sogar die Journalisten selbst, die Ereignisse bewerten, \u00fcber Motive spekulieren und \u00fcber tiefliegende Gr\u00fcnde philosophieren, Meinungen abw\u00e4gen, Akteure gewichten, Prognosen anstellen und Forderungen formulieren. Dies geschieht in unterschiedlichem Ma\u00dfe \u2013 ausgerechnet in Artikeln, die sich der Reportageform ann\u00e4hern, wird von den dem Genre gemeinhin zugestandenen M\u00f6glichkeiten, die Reporter-\u203aSubjektivit\u00e4t\u2018 ins Spiel zu bringen, wenig Gebrauch gemacht \u2013, mindestens eine der genannten Kommentarhandlungen wird jedoch in allen Artikeln vollzogen. In der ZEIT kann es also \u00fcberhaupt nicht auffallen, dass im \u00bbFeuilleton\u00ab keine Berichte stehen, weil es im ersten Buch gar keine und in der kompletten Ausgabe fast keine gibt.<\/p>\n<p>Folgerichtig ist es teilweise wohl eher dem Zufall geschuldet, in welchem Teil der ZEIT die Artikel erscheinen, wenigstens ist das in der hier analysierten Ausgabe vom 21. Juli 2016 so. Nicht im \u00bbFeuilleton\u00ab, sondern im \u00bbPolitik\u00ab-Teil f\u00fchrt jemand aus, dass die \u00bbLiteratur\u00ab (Musil, Zweig, Mann, Gracq) \u00bbuns viel \u00fcber die heutige \u00dcbergangsperiode lehren\u00ab k\u00f6nne (S. 3); ein Beitrag eines \u00bbFeuilleton\u00ab-Redakteurs zum Zustand der Demokratie in der T\u00fcrkei (S. 44) h\u00e4tte genauso wie ein Artikel \u00fcber einen t\u00fcrkischen Journalisten (S. 54) im \u00bbPolitik\u00ab-Teil erscheinen k\u00f6nnen, umgekehrt die Reflexionen eines Politikwissenschaftlers \u00fcber den heutigen Terrorismus aus dem \u00bbPolitik\u00ab-Teil (S. 8) im \u00bbFeuilleton\u00ab.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich in einer Ausgabe der SZ aus derselben Woche (20. Juli). In ihr findet man zwar (anders als in der ZEIT) im ersten Buch viele Berichte und Hintergrundberichte, die \u00bbFeuilleton\u00ab-Artikel zu politischen Themen (Lage in der T\u00fcrkei nach dem Putsch; Stimmungslage in Frankreich) h\u00e4tten aber gleichfalls im vorderen Teil der Zeitung abgedruckt werden k\u00f6nnen, weder gibt es einen kulturpolitischen oder philosophisch-theoretischen Schwerpunkt noch kann von einem besonderen \u203aFeuilletonismus\u2039-Ton oder -Duktus die Rede sein. Auch weichen die dort vertretenen Meinungen von denen der Politik-Redakteure nicht ab.<\/p>\n<p>Die FAZ weist im untersuchten \u00bbFeuilleton\u00ab (Ausgabe vom 22. April 2015) ebenfalls einen Beitrag aus, der sich \u2013 ebenso wie einige Beitr\u00e4ge des ersten Buchs \u2013 einem aktuellen Ereignis widmet, den Versuchen von Fl\u00fcchtlingen, das Mittelmeer von Nordafrika aus zu \u00fcberqueren. Da es hier bei den themengleichen Artikeln zu etwas gr\u00f6\u00dferen Unterschieden kommt, sollen sie im Folgenden genauer untersucht werden.<\/p>\n<p>Auf der Titelseite der FAZ geht es in einem Bericht um eine \u00bbFl\u00fcchtlingskatastrophe im Mittelmeer\u00ab (\u00bbvermutlich mehr als 800 Tote[]\u00ab nach Kentern eines \u00bbFl\u00fcchtlingsboot[s]\u00ab; FAZ, S. 1). Man erkennt an solchen Berichten rasch, dass die gel\u00e4ufige Auskunft (oder Hoffnung), diese Textsorte zeichne sich durch die kommentarlose Wiedergabe von Tatsachen aus, um den Satz erg\u00e4nzt werden sollte, diese Tatsachenwiedergabe betreffe h\u00e4ufig Aussagen Dritter: Berichtet wird hier lediglich, was Beh\u00f6rden, Politiker, Zeugen gesagt haben. Die journalistische Aufgabe besteht hier nur in der Zusammenfassung und Auswahl anderer Texte oder m\u00fcndlicher Aussagen; um (richtige oder falsche) Angaben, bei einem Ereignis (das keine Pressekonferenz war) dieses oder jenes gesehen und geh\u00f6rt zu haben, geht es in diesem Fall gar nicht.<\/p>\n<p>Da man mit Worten sehr gut Worte wiedergeben kann (im Falle des Zitats bekannterma\u00dfen sogar auf perfekte Art und Weise, wenn die S\u00e4tze durch Pressestellen der Gerichte, Exekutivorgane, Unternehmen schriftlich fixiert wurden), k\u00f6nnen alle Anspr\u00fcche auf Wahrheit und Objektivit\u00e4t (wenn auch nicht auf Ausgewogenheit) leicht erf\u00fcllt werden. Es bleibt dann nat\u00fcrlich noch die Frage, ob die wiedergegebenen Aussagen der Pressesprecher etc. wahr sind.<\/p>\n<p>Die Hintergrundberichte der FAZ zu diesem Schiffsungl\u00fcck k\u00f6nnen diese Frage auch nicht beantworten. Sie liefern stattdessen viele weitere Informationen, bei denen deutlich gemacht wird, dass sie mindestens teilweise auf eigene Zeugenschaft und eigene Recherche der Journalisten zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Dieser erh\u00f6hte Grad der Eigenst\u00e4ndigkeit zeigt sich auch an der (freilich sehr seltenen) Verwendung stark konnotierter Ausdr\u00fccke (\u00bbprahlt\u00ab, \u00bbeingebleut\u00ab, \u00bbHardliner\u00ab; FAZ, S. 5), an Einsch\u00e4tzungen mit h\u00f6herem Abstraktionsgrad, die nicht auf den Wahrnehmungen der Sinnesorgane beruhen (\u00bbErfolgsaussichten [\u2026] sind [\u2026] unklar\u00ab; FAZ, S. 5), sowie an gelegentlichen Spekulation, die vonseiten der Journalisten selbst kommen (\u00bbweil der Fl\u00fcchtlingsstrom mit dem besseren Wetter erst so richtig loszugehen scheint\u00ab; FAZ, S. 4). Auf Bewertungen wird in all diesen Hintergrundberichten verzichtet, die Journalisten vermerken nicht, etwas sei gut, schlecht, w\u00fcnschenswert oder bedrohlich.<\/p>\n<p>Dies bleibt einem Kommentar auf der Titelseite vorbehalten. Er vertritt (scheinbar resignierend) einen Ansatz, von dem er schreibt, dass er vom \u00bbSturm der Entr\u00fcstung\u00ab derjenigen \u00bbzerzaust\u00ab werde, die von einer \u00bbFestung Europa\u00ab redeten. Gegen die heutige \u00bbTornado-Politik\u00ab (angesichts der Tatsache, dass der Kommentar ein Schiffsungl\u00fcck zum Anlass hat, bemerkenswert unsensible Metaphern) kurzfristiger, von \u00bbMoralpredigten\u00ab ausgel\u00f6ster Ma\u00dfnahmen gerichtet, schl\u00e4gt er dennoch vor, die seiner Ansicht nach wahren Ursachen der Katastrophe anzugehen. \u00bbVerursacher dieses Elends\u00ab seien \u00bbunf\u00e4hige Regierungen, korrupte Staatenlenker, kriegsl\u00fcsterne Eliten und skrupellose Gesch\u00e4ftemacher Afrikas und des Nahen Ostens, nicht Europas.\u00ab Dies m\u00fcsse sich \u00e4ndern (wie das geschehen soll, bleibt uner\u00f6rtert), damit \u00bbMigranten und Fl\u00fcchtlinge\u00ab nicht \u00bbillegal nach Europa kommen wollen\u00ab und so \u00bbmit ihrem Leben spielen\u00ab (FAZ, S. 1)<\/p>\n<p>Auf der ersten Seite des Feuilletons derselben Ausgabe hei\u00dft es hingegen: \u00bbDie Hauptursache f\u00fcr den aktuellen Anstieg der Fl\u00fcchtlingszahlen ist der Zerfall der staatlichen Ordnung in L\u00e4ndern Nordafrikas und des Nahen Ostens. Europa hat diesen Zerfall nicht etwa aufgehalten, sondern selbst bef\u00f6rdert, indem es \u00fcber Jahrzehnte und noch inmitten der arabischen Aufst\u00e4nde skrupellose Tyrannen massiv unterst\u00fctzte.\u00ab Es gebe folglich eine \u00bbdeutsche und europ\u00e4ische Mitverantwortung\u00ab f\u00fcr das \u00bbMassensterben im Mittelmeer\u00ab (FAZ, S. 9).<\/p>\n<p>Wenn sie auch im Punkte der \u203aMitverursachung\u2039 nicht zu demselben Ergebnis kommen, gehen beide Artikel trotz der unterschiedlichen Publikationsressorts also auf dieselbe Weise vor: Sie stellen nicht unmittelbar wirksame Gr\u00fcnde f\u00fcr konkrete Geschehnisse fest.<\/p>\n<p>Wer hat nun Recht? Wegen der weiten Spanne zwischen behaupteter Ursache und beschriebener Wirkung ist das nicht mit Sicherheit zu sagen. Berichte vermeiden darum \u00fcblicherweise solche Angaben, sie halten sich an leichter \u00fcberpr\u00fcfbare Ursache-Wirkung-Verkettungen (\u203aFischkutter rammt Frachter und kentert deshalb, darum ertrinken rund 800 Fl\u00fcchtlinge\u2039). Kommentare benutzen sie hingegen, um eine Wertung zu verdeutlichen oder zu umgehen: Beide Texte verzichten auf die Aussage, dass es gut und geboten sei, Diktatoren zu st\u00fcrzen, angesichts der angef\u00fchrten Wirkung solcher Diktaturen (Fl\u00fcchtlingstote im Mittelmeer) versteht sich das f\u00fcr sie offenkundig von selbst und er\u00fcbrigt eine explizit formulierte Wertung.<\/p>\n<p>Unterschiede zwischen beiden Texten gibt es gleichwohl. Beim \u00bbFeuilleton\u00ab-Beitrag handelt es sich nicht um einen Text eines Journalisten; unter dem Beitrag ist vermerkt: \u00bbDer Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani lebt in K\u00f6ln. Zuletzt erschien von ihm \u203aZwischen Koran und Kafka \u2013 West\u00f6stliche Erkundungen\u2039.\u00ab (FAZ, S. 9)<\/p>\n<p>Der Beitrag eines Laien steht nat\u00fcrlich in der Tradition intellektueller Zeitungsartikel. Getragen vom Renommee als Literat oder Wissenschaftler, nimmt der Intellektuelle seine \u00f6ffentliche Rolle u.a. dadurch wahr, dass er sich zu politischen Fragen \u00e4u\u00dfert. Darin unterscheidet er sich nicht von allen anderen B\u00fcrgern auch, im Unterschied zu diesen finden Intellektuelle jedoch leichter Zugang zu bestimmten Massenmedien.<\/p>\n<p>Eine Tendenz der letzten Jahre ist, dass diejenigen Intellektuellen, die besonders h\u00e4ufig in Tages- und Wochenzeitungen ihre politischen Ansichten und Ratschl\u00e4ge verk\u00fcnden d\u00fcrfen, keine ausgewiesenen Experten au\u00dferhalb dieser publizistischen T\u00e4tigkeit sind. Ob Sloterdijk, Precht oder eben Kermani, literarische Werke oder wissenschaftliche Fachpublikationen, die unter ihresgleichen einen hohen Rang bes\u00e4\u00dfen, haben sie nicht verfasst, stattdessen gr\u00fcndet sich ihre Bekanntheit auf ihren essayistischen Betrachtungen zu \u203aGott und der Welt\u2039 (bzw. zu \u203awest\u00f6stlichen\u2039 Themen oder \u00bbKoran und Kafka\u00ab). Ihr Vorrecht, zumindest ihr Sonderstatus innerhalb der Zeitung zeigt sich am Artikel Kermanis vor allem daran, dass er als einziger Autor aus allen untersuchten Ausgaben (abgesehen von Leserbriefschreibern und Interviewpartnern) \u00bbich\u00ab sagen darf.<\/p>\n<p>Dadurch wird nicht nur deutlich gemacht, dass es eine konkrete Person ist, die Werturteile formuliert, sondern indirekt auch, dass viele Fakten, \u00fcber die in man in Zeitungen informiert wird, nicht auf maschinellen Messverfahren beruhen, sondern auf den Wahrnehmungen von Menschen.<\/p>\n<p>In den Redaktionen der Tageszeitungen mag man das als Banalit\u00e4t betrachten, weshalb man auf den Gebrauch des Personalpronomens der Ersten Person Singular strikt verzichtet, unter der Hand entsteht so zwangsl\u00e4ufig aber teilweise der Eindruck des Ungreifbaren und Indiskutablen: Beobachtungen haben kein Subjekt, Werturteile ergehen ohne Angabe von Bed\u00fcrfnissen und Stimmungen, die der Gebrauch eines \u203aich\u2039 zumindest nahelegen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Im \u00bbFeuilleton\u00ab tritt immerhin als Mittlerfigur mitunter \u203ader Leser\u2039 (SZ, S. 14; ZEIT, S. 48), \u203ader Betrachter\u2039 (FAZ, S. 10) oder ein \u00bbman\u00ab (SZ. S. 13) mit seinen Bed\u00fcrfnissen, Einsch\u00e4tzungen und Rezeptionsweisen auf; da diese Angaben aber selten auf empirische Erhebungen zur\u00fcckgehen (eine Ausnahme: SZ, S. 14), handelt es sich de facto blo\u00df um den Versuch, Spekulationen (im seltenen Fall auch markiert: \u00bbvermutlich werden sich viele Besucher der Ausstellung wundern\u00ab; ZEIT, S. 49) und Projektionen des jeweiligen Autors eine g\u00fcltigen Anstrich oder gar anthropologische Dimension (\u00bbuns menschlichen Betrachtern\u00ab; ZEIT, S. 51) zu geben. Wiederum verschwindet das \u203aich\u2039 \u2013 statt \u00fcber die Wirkungen des Artefakts auf sich selbst zu berichten, zieht der jeweilige Autor diese ins Fantastisch-Allgemeine.<\/p>\n<p>Bei Kermani nun bekommen die Einsch\u00e4tzungen und ihre Gr\u00fcnde eine grammatisch unmissverst\u00e4ndlich pers\u00f6nliche Note (\u00bbinzwischen glaube ich, dass die Politiker nicht mehr recht haben und eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung durchaus bereit w\u00e4re, auf etwas Wohlstand zu verzichten\u00ab; FAZ, S. 9).<\/p>\n<p>Auch beruft er sich nicht nur auf Wissen aus Zeitungsberichten, gleich zu Beginn legt er Wert auf die Feststellung, Dinge selbst gesehen zu haben. Das mache einen gro\u00dfen Unterschied aus, denn Angaben zu Totenzahlen blieben abstrakt, hoch einpr\u00e4gsam aber sei die eigene Anschauung des Grauens: \u00bb[J]etzt sah ich das Blut an den Grenzen Europas, das bis heute immer weiter tropfende Blut.\u00ab<\/p>\n<p>Die eigene Wahrnehmung tritt somit aber gleich wieder zur\u00fcck, denn das Blut \u00bbbis heute\u00ab tropft, sieht er ja nicht mehr selbst, sein Aufenthalt in der spanischen Enklave Ceuta mit ihrem gef\u00e4hrlichen Grenzzaun datiert auf den Herbst 2005, wie Kermani zu Beginn des Artikels angibt.<\/p>\n<p>Darum \u00fcberrascht es auch nicht, dass Kermani es keineswegs bei einer impressionistischen Anekdote bel\u00e4sst (im Sinne des \u203aAnfeaturens\u2039), sondern die Augenzeugenschaft gebraucht, um darauf sein eigenes Werturteil zu gr\u00fcnden: Es sei richtig, die Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen, handele es sich bei den Fl\u00fcchtlingssperren doch um \u00bbeines der gro\u00dfen Verbrechen unserer Zeit\u00ab. Dies gilt nicht nur f\u00fcr die \u00bbToten im Mittelmeer\u00ab, mit denen er an dieser Stelle die Schuld der EU belegen m\u00f6chte, sondern auch f\u00fcr Grenzeinrichtungen wie die Z\u00e4une Ceutas, wie aus einem anderen Passus im mittleren Teil des Artikels hervorgeht: \u00bbSolange die Tore Europas nicht wenigstens f\u00fcr Verfolge offenstehen [\u2026], wird das Blut weiter tropfen.\u00ab (Ebd.)<\/p>\n<p>Der sinnliche Eindruck wird benutzt, um den eigenen Werturteilen Gewicht und zwingenden Charakter zu verleihen: Blut und Tod belegen f\u00fcr Kermani das \u00bbVerbrechen\u00ab (im nicht juristischen Sinne?), aus dem Faktum des blutigen, t\u00f6dlichen \u00bbVerbrechen[s]\u00ab folgt unabweislich, wie gut es w\u00e4re, Fl\u00fcchtlingen zu erm\u00f6glichen, die Grenzen lebend zu passieren; geboten ist demnach die Aufhebung der Grenzbefestigungen.<\/p>\n<p>Paradox mutet das an, weil diese unabweisliche Folgerichtigkeit offenkundig nicht besteht \u2013 man sieht es bereits in derselben Ausgabe am Kommentar auf Seite 1, der zu einer anderen Bewertung kommt, obwohl dem Journalisten die Lage nicht schlechter bekannt ist als Kermani, schlie\u00dflich gibt es nicht nur auf der Titelseite in einem Bericht ein weiteres Beispiel f\u00fcr die t\u00f6dlichen Konsequenzen der nicht legalen Einreiseversuche (eine \u00bbFl\u00fcchtlingskatatrophe im Mittelmeer mit vermutlich mehr als 800 Toten\u00ab), sondern dient der Kommentar genau dazu, dieses Geschehen einzuordnen und als Ausgangspunkt f\u00fcr politisch-moralische Werturteile zu nutzen.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen dem Kommentar auf Seite 1 und dem Beitrag im \u00bbFeuilleton\u00ab besteht also nur darin, dass sie zu unterschiedlichen Angaben von Ursachen und zu unterschiedlichen Urteilen \u00fcber die aus ihrer Sicht gebotenen politisch-moralischen Handlungen gelangen \u2013 und darin, dass der \u00bbFeuilleton\u00ab-Autor nicht nur \u00bbich\u00ab sagen darf, sondern sich auch auf die eigene sinnliche Wahrnehmung eines mit dem Thema verbundenen Ereignisses beruft.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Schluss<\/p>\n<p>In der Philosophie und in Grundlagenreflexionen der Geistes- und Kulturwissenschaften z\u00e4hlt es zu den h\u00e4ufig unternommenen Versuchen, den Status von \u203aWirklichkeitserkenntnis\u2039 und \u203awahren Aussagen\u2039 herauszufordern. Dies geschieht nicht nur, um eine Methode zu etablieren, mit der solche Erkenntnisse und Aussagen zuverl\u00e4ssig hervorgebracht werden k\u00f6nnen, sondern oftmals auch, um zu verneinen, dass dies gelingen k\u00f6nne. Zahlreiche Str\u00f6mungen \u2013 Idealismus, Pragmatismus, Systemtheorie, Konstruktivismus, Poststrukturalismus etc. \u2013 stehen f\u00fcr diesen Zweifel und sogar oft f\u00fcr eine Verabschiedung der M\u00f6glichkeit ein, zur richtigen Erkenntnis der Wirklichkeit, zu wahren Aussagen \u00fcber die Welt und zu richtigen Tatsachenfeststellungen zu gelangen.<\/p>\n<p>Auch die wissenschaftliche Untersuchung des Journalismus ist davon nicht ausgenommen. In einem Sammelband mit \u00bbGrundlagentexte[n] zur Journalistik\u00ab hei\u00dft es entschieden: \u00bbUnter dem Einfluss des (radikalen) Konstruktivismus hat sich die Journalismusforschung von dem Gedanken verabschiedet, Journalismus bilde Realit\u00e4t ab, spiegele die Welt, so wie sie ist, wieder\u00ab. Was bleibt dann? Nach Auffassung der Autorinnen sehr viel: \u00bbJournalismus bietet vielmehr Interpretationen des gesellschaftlichen Geschehens.\u00ab<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>Dies steht in starkem Kontrast zu den \u00fcblichen Ratgebern f\u00fcr Journalisten (die zum Teil auch in Wissenschaftsverlagen erscheinen), in denen dem Journalisten aufgegeben wird, mit Meldung (bzw. Nachricht) und Bericht eine unterschiedliche Anzahl an \u203aW-Fragen\u2039 zu beantworten.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>Fragen nach dem \u203aWas\u2039, \u203aWie\u2039 und \u203aWarum\u2039 lassen sich offenkundig ohne Kenntnis des Sachverhalts und seiner Bedingungen nicht beantworten. Wird verneint, dass es etwas anderes als \u00bbInterpretationen\u00ab geben k\u00f6nne, verlieren die Fragen zwar nicht v\u00f6llig an Bedeutung, ihre Beantwortung gewinnt aber einen vollkommen anderen Status: Wenn es nur \u00bbInterpretationen\u00ab gibt, dann wird niemand mehr f\u00fcr seine Antwort in Anspruch nehmen k\u00f6nnen, nur sie gebe das Ereignis richtig wieder, allein sie sei wahr.<\/p>\n<p>Zudem f\u00e4llt mit den \u00bbInterpretationen\u00ab auch die M\u00f6glichkeit der Unterscheidung von Bericht und Kommentar. In dem \u00bbGrundlagentext\u00ab ist merkw\u00fcrdigerweise dann doch von \u00bbFakten\u00ab die Rede, es hei\u00dft aber sofort weiter: \u00bbFakten sind immer kontextuell eingebunden, als singul\u00e4re Informationen sind sie sinnlos. Sie sind Teil bestimmter Diskurse, kultureller Erkl\u00e4rungsmuster oder gesellschaftlicher Debatten\u00ab.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Debatten sind nach traditioneller und weiterhin g\u00e4ngiger redaktioneller Lesart jedoch die Kommentarspalten zust\u00e4ndig. In Berichten kann nach dieser Auffassung zwar \u00fcber Debatten informiert werden, in ihnen ist aber kein Platz f\u00fcr eine eigenst\u00e4ndige Position zu diesen Debatten, das bleibt dem Kommentar und Leitartikel vorbehalten.<\/p>\n<p>Wie immer man nun zur Frage steht, ob Aussagen (wenn sie wahr sind) die Wirklichkeit erfassen oder ob es sich stets um \u00bbInterpretationen\u00ab handelt, die an die Wirklichkeit au\u00dferhalb menschlicher Sprachkonventionen und \u00bbDiskurse\u00ab nicht herankommen, lassen sich die konstruktivistischen Positionen zumindest f\u00fcr die Analyse der Feuilletons nutzen: Im \u00bbFeuilleton\u00ab (wenigstens in den drei Ausgaben, die in diesem Aufsatz untersucht wurden) gilt die konstruktivistische Grundannahme insofern, als in all seinen Artikeln (zwei kurze Berichte ausgenommen) \u00bbDebatten\u00ab gef\u00fchrt werden oder versucht wird, sie zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Dies geschieht u.a. durch die Aufstellung von Werturteilen. Damit ist zwar nicht notwendigerweise gesagt, dass die Autoren meinen, ihre \u00fcbrigen Aussagen (zum Inhalt eines Romans, zur politischen Lage in der T\u00fcrkei, zum Frankfurter Dom-R\u00f6mer-Quartier usf.) reichten \u2013 wie alle anderen auch \u2013 nicht an die Wirklichkeit heran. Deutlich gemacht wird so aber, dass es f\u00fcr die \u00bbFeuilleton\u00ab-Autoren und -Redaktionen nicht entscheidend ist, nur \u00bbFakten\u00ab zu benennen, sondern dass es f\u00fcr sie darauf ankommt, diese als Teil von \u00bbDebatten\u00ab zu betrachten.<\/p>\n<p>Wie stark diese Auffassung ist, sieht man daran, dass im \u00bbFeuilleton\u00ab f\u00fcr Werturteile keine speziellen Artikel reserviert sind, um durch diese Trennung zu symbolisieren, dass in den anderen Bereichen strenge Faktizit\u00e4t und Wirklichkeitswiedergabe walte. Wie gesehen, ist die Aufhebung der (wenigstens angestrebten teilweisen) Trennung von deskriptiven und pr\u00e4skriptiven Aussagen jedoch kein Privileg des \u00bbFeuilleton[s]\u00ab. In der Wochenzeitung DIE ZEIT beherrscht diese Vorgehensweise alle Teile des Blattes, es gibt an keiner Stelle ein Gebot f\u00fcr die Journalisten, Werturteile allein in den Textsorten Kommentar, Glosse, Rezension und Reportage anzubringen.<\/p>\n<p>Wenn es wie in dieser Ausgabe der ZEIT nicht einmal ableitbare Ausschlussprinzipien bei Grammatik, Stil und Rhetorik gibt (wie es der Fall w\u00e4re, wenn nur im Feuilleton Journalisten \u203aich\u2039 sagten, wenn nur im Feuilleton Metaphern zum Einsatz k\u00e4men, usf.) und im \u00bbFeuilleton\u00ab \u00fcber viele verschiedene Themen, nicht nur solche der Kunst, geschrieben wird, m\u00fcssen sich Angaben zu Unterschieden zwischen den unterschiedlich benannten Teilen der Zeitung auf graduelle Differenzen beschr\u00e4nken. Sollte sich diese Richtlinie auch bei Tageszeitungen durchsetzen, w\u00e4ren alle Zeitungen von der ersten bis zur letzten Seite \u203amehr oder minder\u2039 ein Feuilleton.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wolff, Volker: ABC des Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus, Konstanz: UVK 2006, S. 126<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> H\u00e4usermann, J\u00fcrg: Journalistisches Texten, 3., \u00fcberarbeitete Auflage, Konstanz: UVK 2011, S. 219<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Todorow, Almut: Das Feuilleton der \u00bbFrankfurter Zeitung\u00ab in der Weimarer Republik. Zur Grundlegung einer rhetorischen Medienforschung, T\u00fcbingen: Max Niemeyer 1996, S. 12.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd., S. 10-13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ebd., S. 12f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ebd., S. 12.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Zuletzt Kernmayer, Hildegard: \u00bbSprachspiel nach besonderen Regeln. Zur Gattungspoetik des Feuilletons\u00ab, in: Zeitschrift f\u00fcr Germanistik 3 (2012), S. 509-523, hier S. 512.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Wenn \u203aFeuilleton\u2039 mit doppelten Anf\u00fchrungsstrichen geschrieben wird, sind in diesem Artikel hier immer die jeweiligen Seiten der drei Bl\u00e4tter (SZ, Zeit, FAZ) gemeint, \u00fcber denen ebendieses Wort steht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Carnap, Rudolf: \u00bbAbraham Kaplan on Value Judgements\u00ab, in: ders., The Philosophy of Rudolf Carnap, hg. v. Paul Arthur Schilpp, La Salle und Chicago: Open Court 1963, S. 999-1013, hier S. 999.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Ayer, Alfred J.: Sprache, Wahrheit und Logik [Language, Truth and Logic, 1936], Stuttgart: Reclam 1970, S. 150f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Putnam, Hilary: The Collapse of the Fact\/Value Dichotomy and other Essays, Cambridge (Mass.) und London: Harvard University Press 2002, S. 101.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Ebd., S. 137.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ebd., S. 34f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Dazu Najder, Zdzislaw: Values and Evaluations, Oxford: Clarendon Press 1975, S. 150f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Grunds\u00e4tzlich dazu Heydebrand, Renate von\/Winko, Simone: Einf\u00fchrung in die Wertung von Literatur. Systematik \u2013 Geschichte \u2013 Legitimation, Paderborn u.a.: UTB 1996, S. 43.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Zur Zunahme der Artikel zu politischen Themen seit den 1960er Jahren vgl. Steinfeld, Thomas (Hg.): Was vom Tage bleibt. Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen \u00d6ffentlichkeit in Deutschland, Frankfurt am Main: Fischer 2004; Reus, Gunter\/Harden, Lars: Politische \u00bbKultur\u00ab. Eine L\u00e4ngsschnittanalyse des Zeitungsfeuilletons von 1983 bis 2003, in: Publizistik 50\/2 (2005), S. 153-172, hier S. 162. Geht man blo\u00df von unseren drei Ausgaben aus, scheint eine \u00c4nderung seit 2003 nicht eingetreten zu sein. Das m\u00fcsste aber nat\u00fcrlich auf gr\u00f6\u00dferer Materialbasis untersucht werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Selbst die einzige Ausnahme von dieser Regel, Durs Gr\u00fcnbein pers\u00f6nliche Erinnerungen an eine Briefmarke mit dem Portr\u00e4t Hitlers (Zeit, S. 46), wird zumindest am Ende kurz von \u00dcberlegungen zu heutigen Hitler-Darstellungen motiviert; offenbar reichte das der Redaktion aber noch nicht, sie schrieb unter die \u00dcberschrift: \u00bbWas sich aus der bunten NS-Briefmarkensammlung eines zuk\u00fcnftigen Schriftstellers lernen l\u00e4sst\u00ab.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Klaus, Elisabeth\/L\u00fcnenburg, Margret: \u00bbJournalismus: Fakten, die unterhalten \u2013 Fiktionen, die Wirklichkeiten schaffen. Anforderungen an eine Journalistik, die dem Wandel des Journalismus Rechnung tr\u00e4gt\u00ab, in: Irene Neverla\/Elke Grittmann\/Monika Peter (Hg.), Grundlagentexte zur Journalistik, Konstanz: UVK 2002, S. 100-113, hier S. 104.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> V. Wolff: ABC des Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus, S. 75.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> E. Klaus\/M. L\u00fcnenburg: \u00bbJournalismus: Fakten, die unterhalten \u2013 Fiktionen, die Wirklichkeiten schaffen\u00ab, S. 102. Dieses Postulat von Klaus\/L\u00fcnenburg ist bereits publizistische Wirklichkeit (gewesen), folgt man der Angabe von Almut Todorow aus dem Jahr 2000: \u00bbIn der heutigen Zeitung\u00ab sehe man, \u00bbda\u00df die Trennung von Nachricht und Feuilleton an vielen Stellen nicht mehr die alte Arbeitsteilung vollzieht [\u2026]. Diskursorientierte an Stelle herk\u00f6mmlich ereignisbezogener Texteinheiten [\u2026] breiten sich \u00fcber die verschiedenen Ressorts hinweg aus. [\u2026] Die additive Reihung ausgekargter Nachrichten, die noch um die Jahrhundertwende [1900] das Bild der Zeitung bestimmte, ist heute fast ganz verschwunden.\u00ab Todorow, Almut: \u00bbDas Feuilleton im medialen Wandel der Tageszeitung im 20. Jahrhundert. Konzeptionelle und methodische \u00dcberlegungen zu einer kulturwissenschaftlichen Feuilletonforschung\u00ab, in: Kai Kauffmann\/Erhard Sch\u00fctz (Hg.): Die lange Geschichte der Kleinen Form. Beitr\u00e4ge zur Feuilletonforschung, Berlin: Weidler 2000, S. 25-39, hier S. 30.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, sei hinzugef\u00fcgt, dass diese Feststellung nicht auf die Diagnose und Wertung hinauslaufen muss, der \u00bbSieg des Feuilletons in allen Sparten\u00ab sei gleichbedeutend mit einer \u00bbVeroberfl\u00e4chlichung\u00ab und \u00bbAufl\u00f6sung von Gr\u00fcndlichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit\u00ab. Meunier, Ernst\/Jessen, Hans: Das deutsche Feuilleton. Ein Beitrag zur Zeitungskunde, Berlin: Carl Duncker 1931, S. 133 u. 130.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Gek\u00fcrzte Version des Aufsatzes\u00a0\u00bbWerturteile im heutigen Feuilleton der \u203aS\u00fcddeutschen Zeitung\u00ab, der \u203aFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u2039 und der \u203aZeit\u2039\u00ab aus: Hildegard Kernmayer\/Simone Jung (Hg.): <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3722-9\/feuilleton\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur<\/a>, Bielefeld 2018, Transcript Verlag, S. 287-305. Ver\u00f6ffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgaben der Gegenwart<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[242,112353,555,723,746,866,112354,1253,112355,1993,2275,112356,2527,112357],"class_list":["post-9606","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-asthetik","tag-bericht","tag-die-zeit","tag-faz","tag-feuilleton","tag-geschmacksuteil","tag-kleine-form","tag-kommentar","tag-navid-kermani","tag-rezension","tag-sz","tag-textsorten","tag-wertungen","tag-zeitungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9606"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9606\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}