{"id":9624,"date":"2019-11-11T10:05:13","date_gmt":"2019-11-11T08:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9624"},"modified":"2019-11-11T10:05:13","modified_gmt":"2019-11-11T08:05:13","slug":"will-nur-nach-hause-gehenzur-wiederkehr-der-brd-im-zeitgenoessischen-pop-und-anderswovon-philipp-theisohn11-11-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/11\/11\/will-nur-nach-hause-gehenzur-wiederkehr-der-brd-im-zeitgenoessischen-pop-und-anderswovon-philipp-theisohn11-11-2019\/","title":{"rendered":"Will nur nach Hause gehenZur Wiederkehr der BRD im zeitgen\u00f6ssischen Pop und anderswo<br><small><i>von Philipp Theisohn<\/i><\/small><br><small>11.11.2019<\/small><\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Krise des Ged\u00e4chtnisses<!--more --><\/p>\n<p>Der drastische Wandel, den die mentale Repr\u00e4sentation der Bonner Republik augenblicklich erf\u00e4hrt, hat zweifelsfrei mit einer perspektivischen Verschiebung zu tun. Noch 2016 erkundeten Philipp Felsch und Frank Witzel in ihrem Gespr\u00e4chsbuch <em>BRD Noir<\/em> den westdeutschen Staat als einen postfaschistischen Dauerzustand, also als die vom Faschismus selbst noch designte Nachgeschichte des Dritten Reiches<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>; im gleichen Jahr lieferten Markus Krajewskis <em>Bauformen des Gewissens<\/em><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> den architektonischen Nachweis der von Felsch und Witzel formulierten Thesen. Der Blick auf das kulturelle Fundament der Bundesrepublik immunisierte diese Reflexionen gegen\u00fcber jedwedem Anflug von Sentimentalit\u00e4t. Zudem bestimmte der konsequente Bruch mit dem von Ilies 2000 ausgerollten Narrativ der sogenannten \u201eGeneration Golf\u201c, das letztendlich \u2013 als das \u201eletzte Verm\u00e4chtnis der alten Bundesrepublik\u201c \u2013 das Narrativ einer entpolitisierten Generation war<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, die Tonlage und die Gedankenf\u00fchrung deutlich.<\/p>\n<p>Wenn drei Jahre sp\u00e4ter die BRD nun wieder und in ver\u00e4nderter Form an die Oberfl\u00e4che des popkulturellen Diskurses dr\u00e4ngt, so lie\u00dfe sich hierf\u00fcr zun\u00e4chst eine recht simple alltagspolitische Erkl\u00e4rung bem\u00fchen, f\u00fcr welche der schale Begriff der \u201eWestalgie\u201c herhalten muss.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Westalgie, das meint den Gegenreflex zur ostdeutschen Rede vom \u201averlorenen Land\u2018, basierend auf der Diagnose, dass Deutschland mit der Wiedervereinigung zu einer \u201eostdeutschen Republik\u201c geworden sei.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Der \u201eWestalgiker\u201c, als welcher sich etwa Markus Werner in einem Beitrag f\u00fcr die <em>Zeit<\/em> im M\u00e4rz 2018 begreift, gew\u00e4rtigt, dass die Wiedervereinigung zwar in administrativer und wirtschaftlicher Hinsicht als ein Annexionsvorgang von West nach Ost verlief, dass auf einer kulturellen Ebene ihm dabei gleichwohl seine Identit\u00e4t genommen wurde, die als eine f\u00f6derale resp. antizentralistische, in der Regel provinzielle Identit\u00e4t erinnert wird. Der popkulturelle BRD-Diskurs der Gegenwart schlie\u00dft durchaus an diese Erinnerungsszene an. Er sucht in ihr gleichwohl weder ein verlorenes Gl\u00fcck noch die Entzauberung einer nostalgisch stilisierten Westlichkeit. Vielmehr analysieren die j\u00fcngsten Auseinandersetzungen mit dem Topos BRD den Erinnerungsvorgang, dem sich die Bilder dieses versunkenen und doch nie untergegangenen Landes verdanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der kindliche Kanzler<\/p>\n<p>Die provinzielle Einhegung der BRD, die weit \u00fcber die kleinst\u00e4dtische Abenteuerlandschaft von Rocko Schamonis <em>Dorfpunks<\/em> (2004) hinausreicht und sich tats\u00e4chlich auch auf St\u00e4dte wie Frankfurt, K\u00f6ln, Essen, Bielefeld oder Kassel bezieht, ja: ohnehin keinen infrastrukturellen, sondern vielmehr einen mentalen Zustand beschreibt, wird 2019 aufgenommen durch Joachim Bessings Essay <em>Bonn. Atlantis der BRD<\/em>. Bereits auf der ersten Seite f\u00fchrt Bessing die Ernst J\u00fcngers <em>Marmorklippen<\/em> wortw\u00f6rtlich entliehene \u201ewilde Schwermut, die einen ergreift, wenn man sich an Zeiten des Gl\u00fccks erinnert\u201c mit einer Erz\u00e4hlung eng, die mit der Provinzialisierung der Nation anhebt: \u201eAls Deutschland noch viel kleiner war\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Die Einschrumpfung Deutschlands bedingt zugleich ein Wachsen der Entfernung zu dem, was man \u201aGeschichte\u2018 nennt, die Verwandlung der Republik in eine Fernsehwelt, der man bereits n\u00e4her zu kommen glaubt, wenn man sie in Farbe sehen kann. Eine Kinderwelt, bev\u00f6lkert \u201evon sagenhaften Gestalten wie dem Minister Wischnewski, der sich Ben Wisch nennen durfte, und sich damit in meinen Kosmos integrieren lie\u00df aus Stradivari und Blauer Mauritius, Klondike und dem Tal der Schl\u00fcmpfe, die in Pilzen wohnten.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Alles in diesem Land ist zur Kindlichkeit verdammt, von den RAF-Fahndungsplakaten \u00fcber die von Wallraff und Kristiane Allert-Wybranietz bev\u00f6lkerten Spiegel-Bestsellerlisten, vom Hifi-Wahn<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> \u00fcber die <em>Blechtrommel<\/em> bis zu Amerikanismus und Anti-Amerikanismus. Es verwundert ganz und gar nicht, dass Bessings Erz\u00e4hler sich vom Rektor seiner Grundschule nicht zur Lekt\u00fcre Peter H\u00e4rtlings oder Karl Mays \u00fcberreden l\u00e4sst und Endes <em>Unendliche Geschichte<\/em> nur zum Vorwand aus der Bibliothek ausleiht, denn seine Wirklichkeit ist bereits von kindlichen Kaiserinnen und Kaisern durchzogen. Dem letzten Repr\u00e4sentanten dieser Dynastie begegnet man gegen Ende des Essays in seiner nieders\u00e4chsischen Residenz mitsamt seiner Familie an einem Eisstand, an dem er zum h\u00f6chsten Grad bundesrepublikanischer Dezision vordringt: \u201eDa lie\u00df er seine mir aus der Tagesschau vertraute Stimme ert\u00f6nen. Der amtierende Bundeskanzler der Berliner Republik sagte: \u201aFlutschfinger\u2018.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Gerhard Schr\u00f6der, der letzte Kanzler, der seine politische Sozialisierung Westdeutschland zu verdanken hat, erscheint bei Bessing als der Gefangene einer Langnese-Welt, nicht un\u00e4hnlich dem Gr\u00fcnofant essenden Ich aus Christian Krachts <em>Faserland<\/em>. Zugleich verk\u00f6rpert Schr\u00f6der als Infant gerade hierin par excellence die Erz\u00e4hl- und Erinnerungsbedingungen der BRD, wie sie sich \u2013 in jeweils unterschiedlicher Form \u2013 etwa auch in Georg Kleins <em>Roman unserer Kindheit<\/em>, Frank Witzels <em>Erfindung der Roten Armee Fraktion<\/em> und Alexa Hennig von Langes <em>Kampfsternen<\/em> materialisieren. Die Geschichte der BRD ist eine Geschichte der Halbw\u00fcchsigen, die 1989 in eine Welt entlassen werden, f\u00fcr die sie eigentlich weder Empfindung noch Begriffe besitzen. Bessings Bonn-Text archiviert dieses Unverst\u00e4ndnis: Den ostdeutschen Jungfaschismus, der sich Anfang der 90er in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda Bahn bricht, vermag der westdeutsche Jugendliche \u2013 in Person von Diedrich Diederichsen in der <em>Spex<\/em> \u2013 nur in seinen Kategorien zu deuten und mit der Diagnose \u201eThe kids are not alright\u201c zu versehen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Und wenn Bessings Erz\u00e4hler die Stimme von Schr\u00f6ders baldiger Nachfolgerin vernimmt, die seinen Au\u00dfenminister Fischer zum Bekenntnis n\u00f6tigen will, er habe \u201ein der damaligen Zeit eine total verquere Sicht von der Bundesrepublik Deutschland gehabt\u201c und er \u201ehabe deshalb Bu\u00dfe zu tun und das anzuerkennen\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, dann hat sich die deutsche Einheit endg\u00fcltig in eine Okkupation des westdeutschen Teenagerzimmers durch eine m\u00fctterliche Ordnungs- und Erziehungsinstanz aus Mecklenburg verwandelt.<\/p>\n<p>Von Bedeutung ist all dies freilich nur, insofern die Verschmelzung der BRD mit der Perspektive Heranwachsender dazu f\u00fchrt, dass die Geschichte dieses Landes eigentlich gar nicht ad\u00e4quat erz\u00e4hlt werden kann. Es handelt sich eben nicht um \u201eJugenderinnerungen\u201c, sondern um einen jugendlichen Erz\u00e4hlraum, der sich nicht mit den Anforderungen einer linearen und chronologischen Entwicklung von Charakteren, Systemen und Kultur, geschweige denn mit dem Gedanken der Nation vereinbaren l\u00e4sst. So, wie das Signet \u201aBRD\u2018 in der Ausschreibung \u201eBundesrepublik Deutschland\u201c scheinbar schadlos den Zusammenschluss der deutschen Staaten \u00fcberstand, als Abk\u00fcrzung aber nur als (der Staatsdoktrin selbst unerw\u00fcnschtes, der Staatskritik daher umso willkommeneres) Komplement zur DDR gedacht werden konnte, so bleibt Westdeutschland auch als erz\u00e4hlter Staat immer zugleich existent wie absent, Realit\u00e4t und Phantasmagorie, undistanzierbar wie unverf\u00fcgbar: ein Provisorium, das nie enden kann, mit einer offiziellen, vermeintlichen und einer versunkenen, eigentlichen Hauptstadt, zu der Bessing gemeinsam mit dem Fotografen Christian Werner hinabtaucht. Eine analytisch hinreichende Ausdrucksform findet diese Gleichzeitigkeit des ungleichzeitigen Landes BRD aber erwartungsgem\u00e4\u00df dort, wo man das Arkane immer schon im Sichtbaren platzieren konnte: im Pop. Und so f\u00fchren die obigen Beobachtungen unweigerlich zu zwei Songs aus den Jahren 2018 und 2019, die jener Kehre von der wohlfeilen Westalgie zur heterochronen Krise des BRD-Ged\u00e4chtnisses zum Ausdruck verhelfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Das Danach als Davor als Danach<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst f\u00e4llt der Blick dabei auf den Song \u201eSozialisiert in der BRD\u201c der Formation <em>Botschaft<\/em>, zun\u00e4chst 2018 als Single, in einer leicht abweichenden Version dann auf dem Deb\u00fctalbum \u201eMusik ver\u00e4ndert nichts\u201c ver\u00f6ffentlicht. Das auf YouTube abrufbare Video bebildert die Erstfassung.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Botschaft - Sozialisiert in der BRD\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/XgWpVdawhqU?start=2&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Der Titel des Songs zitiert offenkundig Springsteens \u201eBorn in the U.S.A.\u201c und nicht von ungef\u00e4hr taucht Springsteen bei 0:21 kurz im Video auf. Die gezeigte Sequenz ist freilich bereits sprechend: Es handelt sich um einen Ausschnitt aus einem Livevideo zu Springsteens \u201eDancing in the dark\u201c aus dem Jahre 1988. Das rechts oben eingeblendete Senderlogo des Mitteldeutschen Rundfunks verr\u00e4t allerdings, dass diese Erinnerung aus der Vorwendezeit bereits durch einen Sender mediatisiert wurde, der nicht nur erst 1992 entstanden ist (das erw\u00e4hnte Senderlogo war zwischen 2004 und 2016 in Gebrauch), sondern auch jenes Gebiet repr\u00e4sentiert, das aus jener Sozialisierung, von der der Songtitel k\u00fcndet, ausgeschlossen war.<\/p>\n<p>Bevor man die visuelle Umsetzung miteinbezieht, sollte man zun\u00e4chst jedoch die textliche Grundlage kl\u00e4ren. Diese lautet wie folgt:<\/p>\n<p>Diesen Gebrauch des Verstandes vergisst Du nie<br \/>\n\u201eStreng Dich an und bleib nicht stehen!\u201c<br \/>\nMit Deiner Leistung sortieren sie Dich in die Hierarchie<br \/>\nUnd daraus formst Du ganz vers\u00f6hnlich Identit\u00e4t<\/p>\n<p>Kann die Logik nicht verstehen<br \/>\nWill nur nach Hause gehen<br \/>\nIm Zwang die Chance sehen<br \/>\nSozialisiert in der BRD<\/p>\n<p>Sozialisiert in der BRD<\/p>\n<p>Warum sind die gro\u00dfen Kinder so borniert?<br \/>\nSie sagen mir: \u201eSei vern\u00fcnftig und halt es aus!\u201c<br \/>\nSo wie ich wurden sie in die Karrieren sortiert<br \/>\nUnd ich frag\u2019 mich: Wer wird kommen, wer holt mich hier raus?<\/p>\n<p>Kann die Logik nicht verstehen<br \/>\nWill nur nach Hause gehen<br \/>\nIm Elend den Freiraum sehen<br \/>\nSozialisiert in der BRD<\/p>\n<p>Sozialisiert in der BRD<\/p>\n<p>Das Interessante an diesem Text ist die Sprechposition des Ichs. Diese scheint seltsam verschoben. Einerseits reproduziert die Stimme Phrasen der klassischen BRD-Kritik, sie l\u00e4sst die Reproduktion sogar noch innerhalb des Textes sichtbar werden. So nimmt die sichtlich unelegante Doppelnutzung des Verbs \u201esortieren\u201c in beiden Strophen, verbunden mit den Lemmata \u201eHierarchie\u201c und \u201eKarriere\u201c, im Grunde die verbale Brechstangenattit\u00fcde des Deutschpunks auf. Auf den ersten Blick bietet der Song durchaus Anreize, in ihm vorrangig eine subversive Affirmation des westdeutschen Wirtschaftsliberalismus zu sehen: die Ausstellung einer im falschen Leben gesuchten wie gefundenen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Andererseits irritiert im Jahr 2018 nun doch das K\u00fcrzel \u201eBRD\u201c, das mit ebenjenem Zynismus gegen\u00fcber der Karrieremaschinerie und der Entfremdung des Ichs in der Arbeitswelt durchaus verwachsen war (exemplarisch etwa in \u201eBRD &amp; Co. KG\u201c von <em>Razzia<\/em><a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>), das aber im Gegenwartskontext keine Angriffsfl\u00e4che mehr bieten kann. Der bekannte und selbstverst\u00e4ndlich bildlos bleibende Ohnmachtsgestus gegen\u00fcber der Biographieverwertung des Kapitalismus wird bei <em>Botschaft<\/em> gleichzeitig sentimentalisch aufgeladen, so dass sich nicht mehr entscheiden l\u00e4sst, ob es sich dabei um eine erinnernde oder eine erinnerte Rede handelt. Beschreibt der Text Werte und Methoden einer BRD-Sozialisierung \u2013 oder setzt er diese voraus und verhandelt deren Folgen?<\/p>\n<p>Die Ambivalenz durchzieht das Lied von Anfang bis Schluss und l\u00e4sst insbesondere das zeitliche Verh\u00e4ltnis von Strophe und Refrain im Unklaren. Welche \u201eLogik\u201c kann das Ich nicht verstehen? Die, in der es \u201esozialisiert\u201c wurde \u2013 oder die, die es nun vorfindet? Die erste Option w\u00fcrde sich zu einer routinierten \u201aBirth School Work Death\u2018-Attit\u00fcde f\u00fcgen, zugleich aber die Frage aufwerfen, wo und was denn dieses \u201aZuhause\u2018 sein soll, zu welchem man im Angesicht dieser Logik fliehen k\u00f6nnte. \u201eWill nur nach Hause gehen\u201c \u2013 das spricht dann eben doch eher daf\u00fcr, dass hier in der BRD als Ort der Sozialisierung ein Schutzraum gesucht wird. Dieser erscheint im Text freilich nicht als <em>locus amoenus<\/em>, ja, im Grunde \u00fcberhaupt nicht als ein Ort, sondern als eine Ansammlung von Verblendungsverfahren, die in der Gegenwart des S\u00e4ngers anscheinend ihre Wirkung eingeb\u00fc\u00dft haben: \u201eim Zwang die Chance sehen\u201c, \u201eim Elend den Freiraum sehen\u201c \u2013 das sind Praktiken einer verloren gegangenen Mentalit\u00e4t, die sich nicht wieder restituieren l\u00e4sst, auch wenn das Gesellschaftsmodell, das sie erschaffen hatte, fortexistiert. Als \u201eBundesrepublik Deutschland\u201c ist die BRD immer noch da, als ein spezifisches Verfahren der Sozialisation, eine Bewusstseinskultur kann sie nur noch sentimentalisch wieder in den Diskurs geholt werden. Die Lebenskunst besteht dann darin, sich an den \u201egro\u00dfen Kindern\u201c zu orientieren und diese Diskrepanz \u201eauszuhalten\u201c. Die Logik, die es zu verstehen g\u00e4lte, bleibt dabei folgende: Wenn man in seinem Zuhause wohnen geblieben ist und zugleich immer \u201enur nach Hause gehen\u201c will \u2013 dann hat es vermutlich auch nie ein Zuhause gegeben. Besser war es fr\u00fcher nur, weil man es nicht wusste. Und im BRD-eigenen \u201eGebrauch des Verstandes\u201c (eines der seltenen Locke-Zitate im deutschen Pop) aus seiner Obdachlosigkeit \u201eganz vers\u00f6hnlich Identit\u00e4t\u201c formen konnte.<\/p>\n<p>Das aus Kurzsequenzen von YouTube-Dokumentationen sowie Amateuraufnahmen aus der Jugend von <em>Botschaft<\/em>-Frontmann Malte Thran zusammengeschnittene Video zum Song st\u00fctzt die paradoxale Logik des Textes. Zu sehen sind in eindeutig \u00fcberwiegender Zahl Dokumente der 1990er Jahre, in denen die Rede von der \u201eBRD\u201c bereits funktionslos geworden war. Programmatisch beginnt das Video mit einem Flick aus dem von Bernd Eichinger produzierten und just 1990 erschienenen Film <em>Werner \u2013 Beinhart<\/em>, gefolgt von Aufnahmen vom ersten Castor-Transport im Wendland 1995 und von vor einer Konzertlocation wartenden Metallern. (Letztere kann nicht vor 1994 entstanden sein.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>) Zu sehen sind die beiden Ostdeutschen Jan Ullrich (vermutlich auf dem Weg zum Gewinn der Tour de France 1997) und Henry Maske, die AOL-Werbung von Boris Becker (1999), <em>Die Sterne<\/em> zu Gast in Stefan Raabs <em>Vivasion<\/em> (1996), Lilo Wanders in <em>Wahre Liebe<\/em> (1994), Nina Hagen in der <em>NDR<\/em> <em>Sp\u00e4tshow<\/em> (1994), Christoph Schlingensiefs <em>Talk 2000<\/em>, die Chaostage in Hannover 1995, Charlotte Roche bei Viva (2001), der Robert Smith imitierende Alexander Tsitsigias in Marijke Amados <em>Miniplaybackshow<\/em> (vermutlich um 1998). Die Zeit diesseits der Wiedervereinigung repr\u00e4sentieren hingegen allein vier Sequenzen: ein Kurzausschnitt aus <em>Piratensender Powerplay<\/em> mit Thomas Gottschalk und Mike Kr\u00fcger (1981), ein Tor von Rudi V\u00f6ller beim 6:0 von Werder Bremen gegen Borussia Dortmund (7.12.1984, Hattrick V\u00f6ller), eine resolute alte Dame im Gespr\u00e4ch mit einem Polizisten in der Hafenstra\u00dfe (1986 oder 1987) und Honeckers Besuch bei Kohl (1987).<\/p>\n<p>Die eingeschnittenen Privatvideos \u2013 nicht linear geordnet und nur zum Teil datiert \u2013 zeigen wiederum die Entwicklung eines in Rodewald im Landkreis Nienburg (Niedersachsen) aufwachsenden Jungen, sch\u00e4tzungsweise Jahrgang 1980. Wenige Kinderaufnahmen, 1992 noch zwei Kinder im Wohnzimmersessel, auf den Fernseher deutend (was im Nachhinein nat\u00fcrlich die television\u00e4re Verfertigung dieser Jugendbiographie erkl\u00e4rt). Dann der gleiche Junge vor einem Commodore Amiga, 1993 vermutlich am Konfirmationstag, 1996 als Teenager beim \u00f6rtlichen Musikverein, die Violine wird dann irgendwann gegen eine E-Gitarre getauscht. Der Clip amalgamiert somit das Leben mit und auf dem Bildschirm, er \u00fcberantwortet das Identifikationsangebot der Identit\u00e4t \u201eBRD\u201c einem virtuellen Raum, pr\u00e4ziser: einem Raum, dessen Virtualit\u00e4t nicht zuletzt darin sichtbar wird, dass er v\u00f6llig zeitentkoppelt ist. Im Strom der Erinnerungsbilder verschwimmt die Chronologie, erscheint uns alles wie ein Pastiche aus einem Land der Jugend, das zwar wie die 80er klingt<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>, dessen Kulissenelemente aber zum weitaus gr\u00f6\u00dften Teil jenseits der besungenen Sozialisationsgrenze aufgetrieben werden mussten. So verhandelt \u201eSozialisiert in der BRD\u201c bei Licht besehen das permanente Verschwimmen von Vergangenheit und Gegenwart im westdeutschen Bewusstsein, wenn man so will: Die R\u00fcckkehr einer quasi-mythischen Identit\u00e4t, der es nicht gegeben ist, zwischen dem Damals und dem Heute zu unterscheiden, die nicht die Vergangenheit, sondern vielmehr <em>die Gegenwart als Vergangenheit<\/em> verkl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Das Andere, das Alte \u2013 die namenlose BRD<\/p>\n<p>Direkt adressiert wird dieses Verkl\u00e4rungsparadox auf <em>More than a feeling<\/em> (2019), dem j\u00fcngsten Album der <em>Goldenen Zitronen<\/em>, dessen B-Seite mit dem Track \u201eDas war unsere BRD\u201c aufwartet.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Goldenen Zitronen - Das war unsere BRD\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/qerxw09hFD8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Kann man den Videoclip en gros der bereits bekannten BRD-Ikonographie zuordnen, insofern der erste Durchgang des Songs vor allem die uns bereits bekannten Bildfelder Adoleszenz und Provinz bespielt, um dann im zweiten Durchgang \u2013 in biographischer Reminiszenz \u2013 die Hamburger Hafenstra\u00dfe der 1980er miteinzubeziehen, lohnt es sich hier, zun\u00e4chst einen Blick auf den von Ted Gaier verantworteten Text zu werfen:<\/p>\n<p>In lustvoll verw\u00fcsteten R\u00e4umen<br \/>\nGro\u00dfz\u00fcgig die K\u00f6rper hergeschenkt<br \/>\nHart an der Unverletzlichkeit arbeitend<br \/>\nBenennen k\u00f6nnen das Andere, das Alte<br \/>\nMit Nikotinfingern und Ballerinaschuhen<br \/>\nAufkleber die die Gesinnung kl\u00e4ren<br \/>\nSchambehaarung schamlos sichtbar<br \/>\nIm Freisein sehr ernsthaft um Wirkung bem\u00fcht<\/p>\n<p>Das war unsere BRD<br \/>\nUnsere orangene BRD<br \/>\nUnsere Klimbim BRD<br \/>\nUnser Helmut Kohl<br \/>\nDas war unsere BRD<br \/>\nDie \u00fcppig junge BRD<br \/>\nUnsere graue BRD<br \/>\nDie verhasste BRD<\/p>\n<p>Das Radio als Rauchzeichenmelder<br \/>\nPolizisten im Safari-Look<br \/>\nKollektive \u00c4ngste und kollektive Kr\u00e4mpfe<br \/>\nVereint im Konsum und im Zweifel daran<br \/>\nDie Gewissheit Tr\u00e4ger von Geheimwissen zu sein<br \/>\nIn unentschlossenen Outfits, in \u00e4rmellosen T-Shirts<br \/>\nDem Anderen begegnend in Betonarchitektur<br \/>\nDem Dauergewellten dem Erbsensuppengr\u00fcnen<\/p>\n<p>Das war unsere BRD<br \/>\nUnsere wei\u00dfe BRD<br \/>\nMonodeutsche BRD<br \/>\nUnsre Petra Kelly BRD<br \/>\nDas war unsere BRD<br \/>\nUnsere brutalismo BRD<br \/>\nUnsere braune BRD<br \/>\nDie verhasste BRD<\/p>\n<p>Das war unsere BRD<br \/>\nHeterosexuelle BRD<br \/>\nUnsere graue BRD<br \/>\nLatzhosen BRD<br \/>\nDas war unsere BRD<br \/>\nDie frivole BRD<br \/>\nUnsere orangene BRD<br \/>\nNostalgisch verkl\u00e4rte BRD<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich den Lyrics dadurch eine gewisse Sto\u00dfrichtung zuschreiben. Die BRD erscheint hier als Deckstaat, in dem alles zur Marke resp. zum Konsumprodukt werden musste, selbst noch der Zweifel am Konsum selbst. Darunter liegt \u2013 wie gehabt \u2013 der ungebrochen normative Zugriff, die Frivolit\u00e4t am Schnittpunkt von Angst, Lust und Gewalt, die schamhafte Schamlosigkeit (und umgekehrt), kurzum: die widerspruchsvolle, bem\u00fchte Existenz einer postfaschistischen Gesellschaft, f\u00fcr die der Ausdruck der \u201aVerkrampfung\u2018 wie geschaffen scheint.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Diese vereindeutigende, letztlich auf ein ger\u00fcttelt Ma\u00df an kritischer Theorie abstellende Lesart wird gleichwohl durch Kommentare seitens der Band kontrastiert. So hat <em>Zitronen<\/em>-S\u00e4nger Schorsch Kamerun im <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/die-goldenen-zitronen-neues-album-schorsch-kamerun-interview,RHTFVhJ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gespr\u00e4ch<\/a> mit dem Bayerischen Rundfunk dem Song eine grundlegende Ambivalenz, ein Schwanken zwischen Spott und Nostalgie, zwischen \u201eunserem Zusammensein und unserer Ablehnung\u201c attestiert.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Noch in ihrem Verhasstsein verl\u00f6re die BRD nicht ihr Verkl\u00e4rungspotential, habe sie hierin doch immerhin f\u00fcr \u201eKlarheiten\u201c, f\u00fcr \u201eein einfacheres Gemeinsames\u201c, eine Standortsicherheit gesorgt, die dem sie zu erinnern bestrebten Subjekt abhanden gekommen scheint. Das ist freilich, in dieser Offenheit, eine triviale Erkenntnis.<\/p>\n<p>Nun ist allerdings die Form, die sich diese Trivialit\u00e4t gibt, nicht zu vernachl\u00e4ssigen. Es handelt sich um einen Katalog, dessen paradigmatische Reihung im Refrain offengelegt wird \u2013 ein Verfahren, das nur die wenigsten \u00fcberraschen wird, werden die <em>Goldenen Zitronen<\/em> doch, wie Diedrich Diederichsen wusste, als die \u201eMeister aber der schnarrenden, schneidenden, h\u00f6hnischen, b\u00f6sen, sarkastischen, beleidigenden, aber auch beleidigten Aufz\u00e4hlung\u201c gehandelt.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Auf <em>Who\u2019s bad?<\/em> (2013) wurde dieses Verfahren am Gegenstand \u201eEuropa\u201c durchexerziert:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Goldenen Zitronen - Europa\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/UIRyLUKeKeI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Niederl\u00e4ndische Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen<br \/>\nDeutsche Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen<br \/>\nNiederl\u00e4ndische Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen<br \/>\nNach Gesch\u00e4ftsschluss<br \/>\nAn Sonntagen<br \/>\nIn Hannover<br \/>\nIn Halle<br \/>\nIn M\u00fchlheim an der Ruhr<br \/>\nIn Ulm<br \/>\nIn Groningen<br \/>\nIn Den Haag<\/p>\n<p>Franz\u00f6sische Superm\u00e4rkte<br \/>\nFranz\u00f6sische Baum\u00e4rkte<br \/>\nAuf der Durchfahrt<br \/>\nBei Toulouse<br \/>\nBei Orange<br \/>\nIn Pozna\u0144<br \/>\nPuck<br \/>\nIn Verona<br \/>\nIn Europa<\/p>\n<p>Die Funktionalit\u00e4t dieser Aufz\u00e4hlungen ist an das Paradox gebunden, dass der Imaginationsraum, den sie mit Lexemen anf\u00fcllen, keineswegs immer pr\u00e4ziser beschreibbar wird, sondern vielmehr sukzessive verblasst, bedeutungslos wird. W\u00e4hrend die Archive der Popliteratur davon lebten, dass sie, im Detailrealismus schwelgend, die Bedeutung des \u201aprofanen Raums\u2018 f\u00fcr das kulturelle Ged\u00e4chtnis entdeckten<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>, verh\u00e4lt es sich hier gerade umgekehrt: Europa als kulturgeschichtliche Gr\u00f6\u00dfe, als biographische Matrix des Alltagserlebens seiner Bewohner l\u00f6st sich in Schemen auf, bis nur noch zu erahnen ist, was er einmal darstellen sollte.<\/p>\n<p>Nun nimmt sich der Katalog \u201eunserer BRD\u201c noch einmal wesentlich verschwommener aus als der Europas. War letzterer noch recht scharf konturiert als eine Anh\u00e4ufung von globalisierter Infrastruktur um ihrer selbst willen, so hat in ersterem die Verkl\u00e4rung bereits auf die Erinnerung so stark \u00fcbergegriffen, dass vor Deutlichkeit das Gesamtbild, in welchem all die Attribute erst einen Sinn erg\u00e4ben, unkenntlich geworden scheint. Bisweilen scheint man das Land greifen zu k\u00f6nnen: An seiner Mode, am Beton, am 70er Fernsehen, an seiner sich veraufklebernden Gesinnungs\u00f6ffentlichkeit, an seiner Sexualmoral. Aber ein Ort, geschweige denn ein Land ersteht hieraus nicht mehr, alles bleibt Adjektiv. Man kann die Adjektive substantivieren, h\u00e4ufen und reihen \u2013 aber sie schaffen keine Subjekte. Die BRD l\u00e4sst sich nicht anrufen, sie ist (mit zwei sprechenden Ausnahmen<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>) namenlos. Damit aber fehlt dem Erinnern das zentrale Charakteristikum dessen, was erinnert werden soll: Die BRD \u2013 man denke nochmals\u00a0 an Bessings \u201aBen Wisch\u2018 \u2013 war eine Schule der Namen, der semantischen Umdekoration, mit der man auch das Widrige, Fremde, St\u00f6rende einer vertrauten Logik unterwerfen konnte. Die Kunst, \u201abenennen zu k\u00f6nnen\u2018, dem Anderen einen Ausdruck zu geben, der im Zweifel bieder, h\u00e4sslich, totalit\u00e4r daherkommen mag \u2013 das w\u00e4re etwas, woran sich die BRD bemessen lie\u00dfe, etwas, woran man sich noch erinnern k\u00f6nnte. Die Lager waren klar, die Feindbilder auch, alles hatte seinen Namen \u2013 und die Erinnerung an jene \u00fcberdeutliche Ordnungsfunktion der Sprache l\u00e4sst in der R\u00fcckschau die \u201e\u00fcppig junge\u201c, die \u201everkl\u00e4rte\u201c wie \u201everhasste\u201c BRD zu einem nostalgischen Land werden. Erinnern kann man sich freilich nur noch an diese F\u00e4higkeit selbst. Nun, da die BRD selbst das \u201eAlte\u201c geworden ist, was zu benennen w\u00e4re, sind die Worte verschwunden, mit denen man dem Anderen \u201ebegegnen\u201c konnte, fehlen die Namen, die uns affizieren und das Erinnerte zu \u201eunserer BRD\u201c werden lassen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den beschworenen Erlebensraum gibt es keine Sprache \u2013 zumindest keine gemeinsame Sprache \u2013 mehr. Als kollektiver Bezugspunkt ist und war er schon immer untauglich; schon das \u201eUnser\u201c, das im Musikvideo durch das wechselnde Playbacksingen ausgestellt wird, ist gelogen. Die BRD war eben nicht nur eine \u201amonodeutsche\u2018 Veranstaltung, weil sie alles Andere an und in ihr der eigenen Erz\u00e4hlung einverleiben und deswegen ihre globalisierte Wirklichkeit auch niemals zu erkennen vermochte. Als \u201amono\u2018 erweist sich im Nachhinein ihr Deutschsein auch darin, dass die Hinterbliebenen der BRD jetzt, drei\u00dfig Jahre nach ihrem Verschwinden, sich als eine Ansammlung von Einzelkan\u00e4len erkennen. Alle ertr\u00e4umen sie die gleichen Bilder, jede und jeder f\u00fcr sich, die alten Kinder wie die Nachgeborenen Westdeutschlands. Sie verstehen sich blind. Es gibt nichts zu reden. Was immer man auch f\u00fcr die kulturhistorischen Umrisse der BRD halten mochte, zerfasert, zerrinnt dabei \u2013 und l\u00f6st sich irgendwann ganz in Farben auf: orange und grau, erbsensuppengr\u00fcn, wei\u00df und braun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Philipp Felsch\/Frank Witzel: BRD Noir, Berlin 2016. Zur Weiterverarbeitung dieser Thesen in Frank Witzels 2017 erschienenen Roman <em>Direkt danach und kurz davor<\/em> vergl. Verf., Erz\u00e4hlen in der faschistischen Nachwelt. Zu Frank Witzels \u201eDirekt danach und kurz davor\u201c (2017), in: Frank Witzel, hg. von Anke Detken und Gerhard Kaiser, Stuttgart\/Weimar 2019, 227-241.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Markus Krajewski: Bauformen des Gewissens. \u00dcber Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur. Mit Fotografien von Christian Werner, Stuttgart 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Felsch\/Witzel, BRD Noir, 101.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Der Begriff, von dem gem\u00e4\u00df Christoph Schr\u00f6der noch 2014 kolportiert wurde, dass er gar nicht existiere, findet sich \u2013 im Rahmen einer Selbstanklage \u2013 bereits in einem 2010 f\u00fcr Spiegel Online verfassten Kommentar von Markus Feldenkirchen (Markus Feldenkirchen: Wir Westalgiker, auf Spiegel online, 4.10.2000, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/a-721781.html\">https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/a-721781.html<\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Christoph Schr\u00f6der: Mein Land ist weg!, in: Die Zeit vom 28.10.2014, online unter: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2014-10\/brd-wiedervereinigung-polemik\">https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2014-10\/brd-wiedervereinigung-polemik<\/a> .<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Joachim Bessing: Bonn. Atlantis der BRD. Mit 24 Fotografien von Christian Werner, Berlin 2019, 7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ebd., 49.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Nicht von ungef\u00e4hr kommentiert der Vater des Erz\u00e4hlers dessen Bericht \u00fcber die technologisch aufw\u00e4ndig best\u00fcckte Stereoanlage seines zwei Jahre \u00e4lteren Freundes mit den Worten \u201eF\u00fcr ein Kind!\u201c (ebd., 41).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Ebd., 108.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Ebd., 99. Diederichsens Text erschien in der Novemberausgabe der <em>Spex<\/em> 1992.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ebd., 108.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Auf <em>Tag ohne Schatten<\/em> (1983).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Eine der beiden im Vordergrund stehenden Personen tr\u00e4gt ein Bandshirt von <em>Emperor<\/em>, das das Cover des <em>Wrath of a Tyrant<\/em>-Demos zeigt, das in dieser Version erst 1994 ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Dass sich Botschaft \u2013 wie nicht von ungef\u00e4hr an mancherlei Ort zu lesen ist \u2013 anh\u00f6rt wie <em>Prefab Sprout<\/em> zu \u201eSteve McQueen\u201c-Zeiten, ist im Kontext des Videos von strategischer Bedeutung. Die Musik bindet die Bilder zur\u00fcck an einen Zeitraum, dem sie mehrheitlich gar nicht entstiegen sind. Die Albumversion des Songs klingt gleichwohl deutlich weniger nach 1985, da dort die Gitarren im Refrain zugunsten des Keyboards in den Hintergrund treten, wodurch der doch zeittypische 80s-Choruseffekt (vielleicht am prominentesten bei solchen Exponenten wie <em>Cock Robin<\/em> etc. zu h\u00f6ren) verschwindet.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> So hallt in den \u201ekollektiven Kr\u00e4mpfen\u201c auch die deutsche \u201eVerkrampfung\u201c des Verh\u00e4ltnisses zum \u201eeigenen Land und zum Patriotismus\u201c wieder, die 2007 im Track <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sJHNd7wiqC8\">\u201eArme kleine Deutsche (AKD)\u201c<\/a> der <em>Knarf Rell\u00f6m Trinity<\/em> f\u00fcr \u201esch\u00f6ner\u201c als deren Entkrampfung befunden wird.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/die-goldenen-zitronen-neues-album-schorsch-kamerun-interview,RHTFVhJ<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/who-s-bad-von-den-goldenen-zitronen-sexy-hoffnungslosigkeit-1.1782778<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Vergl. Moritz Ba\u00dfler: Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten, M\u00fcnchen 2002, 21.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Der erste Name ist der Helmut Kohls, der im Paradigma des Refrains die BRD sogar in toto zu ersetzen vermag. Nicht von ungef\u00e4hr aber ist das auch der Name jener Person, in welcher die Erinnerung der BRD als einer in einem gr\u00f6\u00dferen Deutschland verschwindenden, sublimierten Entit\u00e4t miterinnert wird. Der zweite Name hingegen, der Petra Kellys, steht hingegen paradigmatisch f\u00fcr die personifizierte Aporie bundesdeutschen Alternativstrebens, dessen suizidale Logik in Kellys Gestalt sich zur biographischen Tragik ausw\u00e4chst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krise des Ged\u00e4chtnisses<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[112370,112371,112372,112373,112374,112375,112376,112377,112378,112379,112380,112381],"class_list":["post-9624","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-ben-wisch","tag-botschaft","tag-brd","tag-erinnerung","tag-frank-witzel","tag-gerhard-schroeder","tag-goldene-zitronen","tag-helmut-kohl","tag-joachim-bessing","tag-schorsch-kamerun","tag-westalgie","tag-westdeutschland"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9624","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9624"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9624\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9624"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9624"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9624"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}