{"id":9695,"date":"2019-12-23T10:16:27","date_gmt":"2019-12-23T08:16:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9695"},"modified":"2019-12-23T10:16:27","modified_gmt":"2019-12-23T08:16:27","slug":"diego-armando-maradona-die-hand-gottes-und-der-fuss-des-volkesvon-maren-lickhardt23-12-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2019\/12\/23\/diego-armando-maradona-die-hand-gottes-und-der-fuss-des-volkesvon-maren-lickhardt23-12-2019\/","title":{"rendered":"Diego Armando Maradona: Die Hand Gottes und der Fu\u00df des Volkes<br><small><i>von Maren Lickhardt<\/i><\/small><br><small>23.12.2019<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Beobachtungen nicht f\u00fcr Fu\u00dfballfans, sondern f\u00fcr Freunde guter Trag\u00f6dien<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der tragische Stoff<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Auch unabh\u00e4ngig davon, dass sich Gott bekannterma\u00dfen in der Hand Maradonas manifestiert hat, muss man glauben, es g\u00e4be einen solchen, wenn man sich die Lebensgeschichte des Fu\u00dfballers anschaut. Sie ist einfach viel zu gut konstruiert, um nicht von einem intelligiblen Wesen erdacht worden zu sein. Lie\u00dfe man Hyperbolik und Metaphysik beiseite, k\u00f6nnte man immerhin konstatieren, dass der Zufall manchmal eben auch sehr gute Geschichten schreibt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber vermutlich war doch wenigstens ein griechischer Gott am Werk, als Maradona 1990 zu einem Spielball in einem tragischen Stoff wurde. Fast schuldlos wurde der Held einem Schicksal zugef\u00fchrt, an dem er nur scheitern konnte. Nachdem er die Herzen der italienischen Underdogs oder einfach: Neapolitaner 1986 im Sturm erobert hatte, als er sich als Weltklassefu\u00dfballer f\u00fcr den eher gurkigen SSC Neapel verpflichtet und diesen nach oben gespielt hatte, musste er im neapolitanischen Stadion als Spielf\u00fchrer der argentinischen Mannschaft gegen Italien antreten und kickte das Gastgeberland beim Elfmeterschie\u00dfen vor ca. 60.000 Zuschauer\/innen aus dem Spiel. Die Arena kochte \u2013 vor Wut.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Und leider ist Argentinien in diesem Jahr noch nicht mal Weltmeister geworden\u2026 Warum musste auch noch irgendeine deutsche Spielerfigur auftauchen, die das Ungl\u00fcck komplett machte? Warum? Offensichtlich lassen sich Theodizeeprobleme am Fall Maradona ebenfalls gut er\u00f6rtern. Aber da Gott ja bekanntlich nicht w\u00fcrfelt, m\u00fcssen wir den deutschen WM-Titel als Teil eines h\u00f6heren Plans akzeptieren. \u2013 Ich sage ja: Der Text adressiert nicht die Fu\u00dfballfans unter Ihnen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>V\u00f6llig schuldlos war Maradona nicht in die Schicksalsfalle getappt, weil es ein mediales Vorspiel gegeben hatte. Nachdem die Konstellation bekannt war, dass der wichtigste und verehrteste Spieler des SSC Neapel ausgerechnet im neapolitanischen Stadion f\u00fcr Argentinien antreten w\u00fcrde, setzte Maradona auf die Spaltung Italiens.<\/p>\n<p>Der Norden Italiens hatte den S\u00fcden immer verachtet. Unfassbar beleidigend und auch recht obsz\u00f6n waren die Parolen und Banner, die Maradona und seiner Mannschaft in der Serie A in den 80er Jahren entgegen schlugen. Neapel gegen den Rest Italiens \u2013 und Maradona mit ihnen. Oder der Rest Italiens gegen Neapel \u2013 und damit auch gegen Maradona. Maradona vertraute auf seinen Bund mit Neapel, auf den Bund mit den \u00c4rmeren, Schw\u00e4cheren, Ausgeschlossenen, und verk\u00fcndete, dass die Neapolitaner\/innen zu ihm halten w\u00fcrden, wenn er mit Argentinien gegen Italien antreten w\u00fcrde. Aber die Neapolitaner\/innen f\u00fchlten sich pl\u00f6tzlich ganz und gar als Italiener\/innen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nun sieht es auf den ersten Blick so aus, als habe sich Maradona selbst in die Kommunikationsfalle man\u00f6vriert. Aber da hat man eben noch die strukturalistische Brille auf. Die sch\u00e4rft zwar fast immer das Sehen, aber manchmal st\u00f6rt der Rahmen das Bildfeld. Denn so sehr Gott und\/oder Autor ja eigentlich tot sind, so muss man doch immer wieder mit deren instantan aufscheinender Quicklebendigkeit rechnen und die damit einhergehenden sch\u00f6pferischen Intentionen zugestehen und reflektieren. Der tragische Maradona-Stoff kann nicht anders verstanden werden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Und vor dem Hintergrund scheint die Interpretation nahe liegend, dass der Sch\u00f6pfer seinen Helden als Opferlamm aufs Schlachtfeld gef\u00fchrt hat, damit sich Italien f\u00fcr einen Moment vereinen konnte. \u2013 Aber auch nur f\u00fcr einen Moment, was man nicht nur an der italienischen Politik ablesen kann, sondern auch daran, dass es nicht lange gedauert hat, bis Maradona wieder in Neapel verehrt wurde und sich Norden und S\u00fcden wechselseitig verachtet haben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Der Maradona-Stoff kursiert mythenartig im Popul\u00e4ren. Ohne den geringsten Zugang zum Substrat Maradona bzw. zum substantiellen Ursprung des Mythos zu haben, kennt man die ein oder anderen Versatzst\u00fccke. Sie wurden in den 80ern medial vermittelt und oral tradiert. F\u00fcr das oder im Fernsehen wurden sie sp\u00e4ter noch einmal zu Dokumentationen zusammengeschnitten oder szenenartig eingeblendet. Auf YouTube kursieren zahlreiche Ausschnitte und Zusammenschnitte von Bildern, Aussagen, Liedern etc. Wir halten die mythischen Versatzst\u00fccke auf allen Kan\u00e4len hoch. D.h. wie das mit Mythen so ist, sind sie auf die eine oder andere Weise immer medial vermittelt. Vater und Fernsehen waren meine Medien, aber immerhin kann ich behaupten, zeitlich am Ursprung des Mythos dran gewesen zu sein. Ich habe die \u00dcbertragungen der Spiele als Kind gesehen und konnte es nicht fassen, dass der Typ, der aussah wie alle anderen M\u00e4nner im Dorf, den Ballettt\u00e4nzer besiegt hat.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber man sollte die R\u00e4nder des Geschehens nicht vernachl\u00e4ssigen. Erst sie geben der Sache ihren Sinn. Denn auch um die Peripetie herum oder \u00fcber das tragische Element i.e.S. hinaus hat bereits der popul\u00e4re, wuchernde Stoff die <i>Form<\/i> der Trag\u00f6die. So finden wir vor dem Wendepunkt die erregenden Momente Drogen, Partys, Mafia und eine ungewollte Vaterschaft. Hier sind die chorischen Elemente besonders dominant, mit denen der Sch\u00f6pfer von Maradonas Leben daran erinnern wollte, dass der Ursprung der Trag\u00f6die in den Dionysien liegt. Aber noch befindet sich das Ganze auf einer aufsteigenden Linie.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>So f\u00fchrte Maradona seine argentinische Nationalmannschaft 1986 in Mexiko als Spielf\u00fchrer ins Finale und gewann gegen Deutschland. Nat\u00fcrlich w\u00e4re es umgekehrt effektvoller gewesen, also erst ein deutscher Sieg und dann der argentinische Racheakt, aber wer in diesem Sinne nun glaubt, besser erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen als ein griechischer Gott und\/oder der Sch\u00f6pfer von Maradonas Leben, der hat den Falklandkrieg vergessen, den Argentinien auf dem Platz explizit \u201ar\u00e4chen\u2018 sollte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Da der Sch\u00f6pfer hinsichtlich dieses Projektes in der Episode um die WM 1982 in vielerlei Hinsicht geschlampt hatte \u2013 er hatte vergessen, die Diktatur rechtzeitig zur WM zu beseitigen und konnte das Land unter diesen politischen Umst\u00e4nden nicht gewinnen lassen \u2013, konnte er Argentinien erst in der WM 1986 gegen England zum Sieg f\u00fchren. Dabei verlor er aber kurzzeitig die Nerven oder den \u00dcberblick und griff in der 51. Minute auf eine vielleicht etwas ungeschickte Weise ex machina ein, wodurch er danach umso bem\u00fchter war, die Geschichte wieder innerlich zu motivieren und dabei seinen kleinen Eingriff zu \u00fcberbieten: Zun\u00e4chst musste das sch\u00f6nste Tor der WM-Geschichte folgen, und dann bedurfte es \u00fcber den Sieg gegen England hinaus noch des Finalsiegs oder des Siegs als Finale.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Rezeption seines Mythos konnte der Sch\u00f6pfer aber letztlich nicht kontrollieren: Die narrativen Gl\u00e4ttungen haben nicht dazu gef\u00fchrt, dass man vergessen hat, dass man die Hand, die bestenfalls nur unsichtbar die Feder f\u00fchrt, f\u00fcr einen Moment hatte sehen k\u00f6nnen. Man muss ja nun das Motiv der Hand nicht \u00fcbertreiben, aber zur Ehrenrettung des Sch\u00f6pfers sei gesagt, dass ihm der handwerkliche Fehler verziehen sei, weil dieser ja letztlich dazu f\u00fchrt, die Pr\u00e4senz einer Instanz zu erkennen, die am Ende alles sinnhaft f\u00fcgt. Sie ist Bedingung der M\u00f6glichkeit f\u00fcr die vorliegende Deutung \u2013 und damit legitimiert \u2013 von mir pers\u00f6nlich.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Alles in allem war dem Sch\u00f6pfer an Argentinien und Italien gelegen: eine schadlose Revanche f\u00fcr das eine Land, ein Moment der Vergemeinschaftung f\u00fcr das andere. Und nachdem beides erledigt war, durften sich nach dem Fall der Mauer und rechtzeitig zur Wiedervereinigung auch die Deutschen wieder freuen, nicht etwa weil sie es sich im 20. Jahrhundert verdient hatten, aber als Akt der Gnade. Sie sehen: Der Stoff ist bereits perfekt ge- und verdichtet, auch wenn Maradona dabei geopfert werden musste.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Seit der Peripetie 1990 erleben wir allerdings ein nicht enden wollendes retardierendes Moment. Im Grunde wird es strukturell g\u00e4nzlich untragisch, denn im Gegensatz zur Trag\u00f6die k\u00f6nnen Helden in der Wirklichkeit weiterleben, nachdem sie gefallen sind. Insofern hat Maradona aufgeh\u00f6rt, eine tragische Figur zu sein, obwohl er seither in den Medien nicht selten als \u201atragische Figur\u2018 bezeichnet wurde. Man k\u00f6nnte das bedauern, aber es zeigt letztlich, dass der Sch\u00f6pfer die Figur aus seinen F\u00e4ngen gelassen und der Selbstbestimmung zugef\u00fchrt hat. Maradona ist als Dramaturg nicht so gut \u2013 was will man von einem Jungen aus Villa Fiorito auch erwarten? \u2013, aber wir d\u00fcrfen beobachten, dass und wie sein Leben wieder ein bisschen ihm selbst geh\u00f6rt. Und hey: Nobody is perfect.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Trag\u00f6die in der Fassung von Asif Kapadia: <i>Diego Maradona. Rebell. Held. Gott<\/i> (2019)<\/p>\n<p>Asif Kapadia inszeniert den Maradona-Stoff in seinem Film als italienische Trag\u00f6die. Das ist nahe liegend, um nicht zu sagen leicht, ist doch der Stoff bereits entsprechend pr\u00e4formiert. Dazu bedarf es lediglich einer Fokussierung auf dessen Peripetie und einer Selektion oder eines Zerlegens und Arrangierens, um die anderen Akte im Einzelnen zu gestalten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"DIEGO MARADONA | TRAILER  | Auf DVD, Blu-ray &amp; digital erh\u00e4ltlich\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/q4Q5s55j_qw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal erfolgt die Exposition: Gleich zu Beginn sehen wir ein Interview, in dem Maradona einen Vergleich mit Pel\u00e9 mit den Worten quittiert: \u201eIch bin Maradona\u201c. W\u00e4hrend sich die Figur dieserart vorstellt, sehen wir zwischendurch einige der unvergleichlich sch\u00f6nen Aufnahmen von Maradonas Tanz mit dem Ball \u2013 bei den Boca Juniors und in der Nationalmannschaft. Fast alle Maradona-Mythen werden im ersten Akt in einer schnellen Montage kurz angerissen: dass er weniger an Geld als an Ruhm interessiert sei und den Underdogs \u2013 in dem Fall den Boca Juniors \u2013 treu bleiben will, dass er sch\u00fcchterne Seiten hat, aber zur Selbststilisierung neigt und au\u00dferdem gerne feiert und tanzt, dass es eine kleine Episode in Barcelona gibt und dass er in Neapel euphorisch erwartet wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dieser Akt wird durchzogen von schnell geschnittenen Aufnahmen von rasanten Autofahren und 80er Jahre-Musik aus dem Off. Kapadias Trag\u00f6die nimmt Anleihe an der <i>Miami Vice<\/i>-\u00c4sthetik und deutet damit auch das <i>Miami Vice<\/i>-Narrativ an. Es kommen also Kokain und Mafia ins Spiel, und dadurch dass die Autofahren immer wieder einmontiert werden und die Musik das ganze Intro untermalt, wird der Eindruck erweckt, diese beide Aspekte seien als untergr\u00fcndiger roter Faden lange wirksam und setzten die Vorzeichen f\u00fcr alle anderen Elemente. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Von der Zeit bei den Boca Juniors oder dem Zwischenspiel beim FC Barcelona macht Kapadias Film wenig Aufhebens. (Sie geh\u00f6rt tats\u00e4chlich zu einer anderen Stoffgruppe im Mythos Maradona.) Der zweite Akt der italienischen Trag\u00f6die inszeniert drei erregende Momente.<\/p>\n<p>Erstens wird die Frage aufgeworfen, ob Maradona von Mafiageld bezahlt worden sei, und dies kann man zun\u00e4chst im Rahmen von Kapadias Trag\u00f6die als nicht verschuldete Verstrickung deuten, weil Maradona im zweiten Akt durchaus noch als naiver Junge gezeigt wird. Schuldig macht sich der Held zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt aber sehr wohl im Sinne dieser Fassung\/Deutung, was durch den Verweis auf die sich entwickelnde Freundschaft mit Carmine Guillano zum Ausdruck kommt (Kapadia, 0:29:00). <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zweitens hatte Maradona au\u00dfereheliche Aff\u00e4ren, die von Kapadia aber verharmlost werden, indem aus dem Off Maradonas Aussage aus einem sp\u00e4teren Interview hineingeschnitten wird, mit der er bekundet, er habe seine Frau Claudia Villafa\u0148e geliebt, aber er sei kein Heiliger gewesen. Die von Kapadia gew\u00e4hlten Ausschnitte legen die Sichtweise nahe, der arme Maradona sei der Verf\u00fcgbarkeit von Frauen erlegen. Als er 1986 unfreiwillig Vater wird, will Kapadias Film Maradonas Bedr\u00fcckung zeigen (37:48), so als sei er mehr zu bedauern als Christina Sinagra, die im Italien der 80er Jahre als alleinerziehende Mutter weiter machen musste, oder als der Junge, der viele Jahre von seinem Vater nicht anerkannt wurde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass Frauen Machismus best\u00e4tigen k\u00f6nnen und M\u00e4nner diesen \u00fcber die Best\u00e4tigung seitens der Frauen legitimieren, enth\u00fcllt sich in Kapadias Film dadurch, dass die verst\u00e4ndnisvollen und entschuldigenden Worte der Geliebten aus einem zeitgen\u00f6ssischen Interview eingespielt werden: Sie sei sicher, dass auch Maradona tief im Innersten ungl\u00fccklich sei, und dass er aus Unreife nicht besser handeln k\u00f6nne, als er eben handele.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Verf\u00fcgbarkeit von Drogen gepaart mit einer als fast unertr\u00e4glich ausgewiesenen Heldenverehrung und vielleicht so etwas wie einer latenten Depression f\u00fchren drittens zu ausschweifenden Partys. Erregend daran sind zwei Aspekte: 1.) Kokain macht nicht unbedingt kl\u00fcger oder sensibler im Umgang mit komplexen Situationen, was dadurch verschlimmert wird, dass ja immer Medien zur Stelle sind, die jeden kleinen Fehltritt konservieren und verbreiten. 2.) Es ist schlicht illegal, wodurch der Konsum im falschen oder schwachen Moment stets gegen den\/die Konsumenten\/in gerichtet werden kann. \u2013 Das hat sich im Fu\u00dfball dann ja noch mal mit Christoph Daum wiederholt. \u2013 Aber auf keinen Fall ist es schlimmer als Steuerhinterziehung!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat die Steigerung auch ihre guten Momente. Genie\u00dfen d\u00fcrfen wir auch in Kapadias Trag\u00f6dien-Fassung den gr\u00f6\u00dften Sieg in Maradonas Karriere: die Meisterschaft Neapels im Mai 1987. Dass Maradona diesen Pokal selbst als seinen wichtigsten deklariert, ist angesichts der argentinischen Weltmeisterschaft bemerkenswert, indiziert dies doch seine Verbundenheit mit Neapel (1:03:15ff). Aber auch ohne diesen Kommentar erscheint der Sieg im besten Licht. Die dionysische Atmosph\u00e4re der Masseneuphorie, die Verschmelzung von Fans und Maradona, die wechselseitige Projektion zwischen Volk und Gott als <i>summum bonum<\/i>, und die sch\u00f6nste Szene \u00fcberhaupt:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Tifosis del Napoli Oh Mama Mama Mama....\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/alivpAIJ7Ec?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Ekstatischer Gesang in der Kabine desjenigen Liedes, das die Epiphanie im Angesicht Maradonas besingt: \u201eOh mama mama mama \/ oh mama mama mama \/ sai perche&#8216; mi batte il corazon? \/ Ho visto Maradona \/ Ho visto Maradona \/ eh, mama&#8216;, innamorato son.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Mama, mein Herz schl\u00e4gt. Ich habe Maradona gesehen und nun bin ich verliebt. Dass Maradona das Lied zu seinen Ehren selbst singt und dirigiert, mag wie Hybris erscheinen, aber der Junge ist eben im \u00dcberschwang\u2026<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es folgt die Peripetie, die ziemlich nah am mythischen Stoff inszeniert wird, aber dann wird es leise und melancholisch, bevor es ziemlich schnell zu Ende geht in Kapadias Fassung. Dramaturgisch passt das, denn wird die Trag\u00f6die als solche geformt, vertr\u00e4gt sie nicht die ewige Retardation des tragischen Stoffs: Der Gott wird zum Teufel. Maradona kann den Hass der Neapolitaner\/innen nicht verkraften, intensiviert seine Exzesse, ger\u00e4t in Sachen Substanzen in den Fokus von Strafermittlern, muss sich pl\u00f6tzlich eines Dopingtests unterziehen lassen, als sei man pl\u00f6tzlich auf die Idee gekommen, er k\u00f6nne\u2026, und verl\u00e4sst Neapel explizit einsam und allein. Ende der Trag\u00f6die.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Eigentlich, denn Kapadia will doch noch einen vers\u00f6hnlichen Nachtrag liefern und au\u00dferdem zeigen, dass man als Mensch hin und wieder den tragischen Verstrickungen entkommen kann. Jahrzehnte nach der Geburt des Sohnes scheint es in den 10er Jahren keinen Anlass zu geben, auf den Maradona reagieren muss, als er sich mit dem Sohn vers\u00f6hnt. So will es jedenfalls der Film, der keinen Hinweis auf eine zwingende Konstellation liefert. Damit will der Film ein Moment der Freiheit beschw\u00f6ren. Wo Maradona nicht getrieben wird, ist er nicht der schnellste \u2013 war er auch nicht auf dem Platz \u2013, aber daf\u00fcr ist dieser Moment umso wichtiger.<\/p>\n<p>Kapadias Dokumentation will gar nicht erst authentisch, sondern Kunst sein, indem sie sich die Form der antiken Trag\u00f6die gibt. Der Vorteil dieser Form ist, dass man sich einem Stoff wohltuend wenig psychologisierend und moralisierend n\u00e4hern muss. Sie ist geschaffen f\u00fcr Figuren, die <i>larger than life<\/i> sind und daher geschaffen f\u00fcr Pop-Ikonen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die k\u00fcnstlerische Formung beim Maradona-Stoff wirklich nur eine Frage von Reduktion und Verdichtung ist, die lediglich die bereits g\u00f6ttlich pr\u00e4formierte Aspekte abzugreifen braucht.<\/p>\n<p>Im Fall von Kapadias Fassung mag man da einige Aspekte vermissen. Vor allem vereinfacht die Dokumentation den tragischen Stoff \u2013 der zwar schon tragisch, aber eben nicht glatt ist \u2013 insofern, als er die Peripetie mit WM-Spiel und einsame Flucht als solche verabsolutiert. Der Stoff selbst beinhaltet dagegen, dass nicht ganz Neapel Maradona gehasst hat, dass Neapel Maradona nicht lange gehasst hat, dass Maradona in Neapel immer noch verehrt wird und dass Maradona seither wieder im Neapolitanischen Stadion empfangen wurde. So simpel ist der Stoff nicht, als dass man ihm mit einer Fassung gerecht w\u00fcrde, die im Wesentlichen mit einer einsamen Flucht aus Neapel endet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Novellenfassung von Jean-Christophe Ros\u00e9: <i>Maradona, der Goldjunge<\/i> (2006)<\/p>\n<p>Es mag wohl kaum verwundern, dass Ausschnitte aus Kapadias Film bereits aus vielen anderen Zusammenschnitten bekannt waren, so z.B. aus der filmischen Novellenfassung des Maradona-Stoffes von Jean-Christophe Ros\u00e9. Auch die Novelle hat eine recht strenge Form \u2013 zumindest verglichen mit dem Roman \u2013, und vor allem beinhaltet sie \u00fcblicherweise einen Wendepunkt, sodass die Peripetie aus dem Stoffkreis leicht in die Novellenform integriert werden kann. Aber im Vergleich mit der Trag\u00f6die vertr\u00e4gt die Novelle ein wenig mehr an Stofff\u00fclle, die wiederholend und m\u00e4andrierend von Ros\u00e9 vor allem zu dem Narrativ aufgebaut wird, dass es sich bei Maradona um einen Jungen aus einem armen Viertel in einem gebeutelten Land handelt, der seine Herkunft nie vergessen hat.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Der Film setzt im Jahr 2001 mit dem Abschiedsspiel Maradonas ein, um in diesem Kontext darauf zu verweisen, dass Maradona mit Herzblut f\u00fcr den Verein der Rang- und Namenlosen gespielt hat, den Lieblingsverein seines Vaters, den Boca Juniors. Als eine der ersten Einstellungen sehen wir Maradona weinen \u2013 aus Liebe zum Verein, zum Fu\u00dfball und seinen Fans (0:01:47).<\/p>\n<p>Nun wird chronologisch erz\u00e4hlt: die Kindheit, die Armut, die Diktatur, der kindergel\u00e4hmte Jugendfreund und sp\u00e4tere Manager Jorge Cyterszpiler, die erste gro\u00dfe Liebe Claudia Villafa\u0148e\u2026 W\u00e4hrend Ros\u00e9 Claudia als selbstverst\u00e4ndlichen, wichtigen Teil in Maradonas Leben zeigt, legt Kapadia sein Augenmerk auf eine dramatische heimliche Verlobung der beiden, die dieserart geschlossen wurde, um Maradonas eifers\u00fcchtige Mutter zu schonen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass Maradona f\u00fcr die Boca Juniors auch noch weiter gespielt hat, als er bei anderen Vereinen h\u00e4tte mehr verdienen k\u00f6nnen, und dass dies f\u00fcr nicht weniger als ein unterdr\u00fccktes Land und eine leidende Klasse eine Trost spendende Funktion hatte, wird wenige Minuten nach dem \u00e4hnlich lautenden Beginn noch einmal wiederholt (0:08:45, 0:11:28). Diese Deutung, die auf der Ebene des <i>discours<\/i> ohnehin permanent mitl\u00e4uft, wird auf der Ebene der <i>histoire<\/i> dann noch einmal aufgegriffen, indem der Barcelona-Stoff integriert wird. Beim FC Barcelona f\u00fchlt sich der proletarische Junge nicht wohl, weil Fu\u00dfball in diesem Verein sichtbar kapitalistisch und kommerziell gefasst ist und sowieso alle viel zu posh seien (0:15:22).<\/p>\n<p>In dem Kontext kulminiert in Ros\u00e9s Fassung, dass Maradona aufgrund seiner \u00fcberragenden spielerischen F\u00e4higkeiten von seinen Gegnern besonders hart angegangen wird. Der eher kleine Spieler, von dem gesagt wird, er habe immer fair gespielt, wird von einem Gegner ins Krankenhaus gefoult \u2013 Beinbruch. Verdichtungen und \u00dcbertreibungen, die der Stoff gar nicht n\u00f6tig hat, fallen viel mehr in Kapadias als in Ros\u00e9s Fassung auf, aber an dieser Stelle ist es Ros\u00e9, der dick auftr\u00e4gt: Maradona wird wiederholt alleine im Bild verletzt auf der Bahre liegend gezeigt, und seine Einsamkeit wird explizit betont (0:08:30). Was ohne Kommentierung nach gew\u00f6hnlichem Unfallmanagement aussieht und vermutlich nur kurze Augenblicke dauerte, macht in Ros\u00e9s Fassung einen herzerweichenden Eindruck.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 \u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nach der Barcelona-Episode engagiert endlich wieder ein weiterer Outsider-Club Maradona, so als h\u00e4tte dieser nur darauf gewartet, der Erl\u00f6ser zu werden, auf den die Armen und Schwachen ja in fast jedem Mythos immer schon warten. Er geht zum SSC Neapel. Nach einem frenetischen Empfang und einer kleinen Weile der Orientierung kickt Maradona den Underdog quasi im Alleingang \u2013 aber doch als guter Teamspieler, m\u00f6chte ich hinzuf\u00fcgen \u2013 zur Meisterschaft, und das in einer erstklassigen europ\u00e4ischen Fu\u00dfball-Liga.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es wird in Ros\u00e9s Fassung nicht vers\u00e4umt zu betonen, dass es einen wichtigen Sieg gegen den AC Mailand gegeben hat. Da es der Siege mehrere gegeben hatte, ist die Auswahl bezeichnet. Sie begr\u00fcndet sich durch die erz\u00e4hlerische Kommentierung: Der AC Mailand geh\u00f6rte dem \u201asteinreichen\u2018 Silvio Berlusconi. Es scheint fast ein politisches Statement gewesen zu sein, dass Maradona diesen Verein besiegt hat, als h\u00e4tte er nicht sowieso fast jeden Verein besiegt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die \u201aHand Gottes\u2018 sowie \u201adas Tor der sechs Gegner, der siebenunddrei\u00dfig Schritte und der elf Ballkontakte\u2018 (0:34:00) in Argentinien erscheinen fast wie eine Nebens\u00e4chlichkeit gegen das brodelnde Neapolitanische Stadion, die dionysische Atmosph\u00e4re, den Personen-Kult, die \u2013 narzisstische und\/oder kokainbasierte \u2013 Spiegelung zwischen Fans und Star. All dies wird eindrucksvoll mittels zahlreicher emotionaler und emotionalisierender Aufnahmen erz\u00e4hlt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Privates bleibt nicht unerw\u00e4hnt, aber \u00fcberraschend ist die Fokussierung auf die Hochzeit mit Claudia (0:52:00), die in anderen Fassungen zumeist hinter den Skandalen ansteht. Sie wird als Konzession an die Konvention interpretiert, aber unter den 1.500 geladenen G\u00e4sten findet sich dann doch wieder die Halbwelt ein, unter der sich der einfache Junge wohler f\u00fchlt als im gesitteten Establishment. Maradona, so will es die Novellen-Fassung, war eben immer alles andere als ein Spie\u00dfer.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass Halbwelt und Mafia zwar verurteilenswert sind, aber doch immer auch eine Befreiung aus der zivilen Ordnung und zivilisatorischen Zw\u00e4ngen bedeuten, wird in Ros\u00e9s Fassung immer mal wieder ausgestellt. Die Novelle ringt dem Stoff Verst\u00e4ndnis hinsichtlich dieser Verstrickungen des Helden ab, weil Halbweltler\/innen wenigstens keine steifen, verlogenen bourgeoisen Ausbeuter\/innen seien. Ros\u00e9 akzentuiert hier die Aspekte des Stoffes, die Maradona als archaische \u2013 kulturkritische \u2013 Figur zeigen, z.B. auch indem er darauf hinweist, dass Maradona treu zu seinem zweiten Manager h\u00e4lt, nachdem dieser wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde: pers\u00f6nliche Freundschaft geht \u00fcber zivile Ordnung; Zuneigung \u00fcber ein Drogendelikt (1:10:58)<\/p>\n<p>Dass Maradona wegen Kokainbesitzes einsitzen musste, setzt die Novellenfassung dazu in Bezug, dass der Massenm\u00f6rder und Ex-Diktator Jorge Rafael Videla etwa zeitgleich aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen wurde (1:02:20). Die Novelle folgt dem Deutungs- und Narrativierungsmuster, dass es Schlimmeres gibt als von Spie\u00dfern verteufelte Spa\u00dfrituale. Der Maradona-Stoff wird zu einer Allegorie auf politische Ungerechtigkeit und Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit verdichtet, wodurch Maradona wiederum als Erl\u00f6serfigur erscheint, der leiblich auf sich nimmt, was ein ganzes Volk durchleidet.<\/p>\n<p>Dass im Zuge von Kokainherstellung und -vertieb nicht wenige Menschen ermordet werden, blendet die Novelle aus, denn sie m\u00f6chte den pers\u00f6nlichen Helden mit seinen pers\u00f6nlichen Schw\u00e4chen gegen die Verh\u00e4ltnisse stellen, und dabei muss unter den Tisch fallen, dass Kokain eine g\u00e4nzlich unpers\u00f6nliche, f\u00fcr S\u00fcdamerika sozio-\u00f6konomisch und politisch gef\u00e4hrliche Dimension birgt, die mit der Konsumseite \u00fcberhaupt nichts zu tun hat.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass Maradonas Sympathiebekundungen f\u00fcr Fidel Castro sowie der Entzug auf Kuba thematisiert werden, passt zu der zumindest unterstellten stetig linken politischen Haltung des Fu\u00dfballers. Insgesamt l\u00e4sst der Stoff kaum R\u00fcckschl\u00fcsse darauf zu, wie reflektiert die Figur dies vertreten hat. Die Novellenfassung l\u00e4sst die Kuba-Episoden als folgerichtige vor dem Hintergrund einer immer schon da gewesenen sozialistischen Gesinnung erscheinen. Auch hier kann ich mich eindr\u00fccklich an die zeitgen\u00f6ssischen Inszenierungen erinnern, die kritischen Medienurteile. Ich konnte mich der Kritik im Herzen nicht anschlie\u00dfen, auch wenn ich wusste, dass es sich um einen dramaturgischen Fehler Maradonas handelte. Wie gesagt: Maradona mag ein K\u00fcnstler am Ball gewesen sein, den Stoff seines Lebens beherrscht er nicht. Vielmehr beherrscht dieser ganz und gar ihn.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Kurz vor dem Ende der Erz\u00e4hlung, die nach dem Wendepunkt vielleicht ein wenig zu lang geraten ist, macht das Erz\u00e4hlmedium noch einmal klar \u2013 falls es nicht vielfach klar geworden ist \u2013, dass Maradona die Inkarnation seines Volkes ist (1:24:50). Zwar wird dies auf Argentinien bezogen, aber eigentlich gilt es auch f\u00fcr Neapel: \u201eUnd wenn die Hand Gottes [\u2026] mehr w\u00e4re als naive Phrasendrescherei, sondern nichts anderes bedeutete als die Treue zu einer Welt, die die Beg\u00fcterten immer \u00fcbersehen wollen, in denen die Armen zu Hause sind? Maradona hat diese Welt nicht vergessen.\u201c (1:25:59) Danach folgen Aufnahmen von Maradonas B\u00e4dern in der Masse.<\/p>\n<p>Ros\u00e9 Erz\u00e4hlung ist letztlich ein bisschen formlos geraten, aber immerhin gibt das Underdog-Narrativ insofern einen gelungenen Falken her, als es an ein Ding-Symbol, n\u00e4mlich an Maradonas K\u00f6rper gekn\u00fcpft wird. Ebenso durchg\u00e4ngig, wie auf die Probleme der Unterprivilegierten verwiesen wird, werden kranke und schmerzende K\u00f6rperteile Maradonas wiederholt in Szene gesetzt. Wiederholung ist insgesamt ein wesentliches Strukturelement dieser Erz\u00e4hlung, die dadurch ganz wunderbar sentimental und gelungen ist. Nun bin <i>ich<\/i> ja ohnehin keine Freundin der Trag\u00f6die, sondern der Prosa, sodass ich den tragischen Stoff selbst und Ros\u00e9s Film-Novelle der Trag\u00f6dien-Fassung jederzeit vorziehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der Leib des Maradona<\/p>\n<p>Ohne dies an die beiden diskutierten Fassungen binden zu wollen, sei der Leib Maradonas noch einmal eigens reflektiert. Es sollte nicht erstaunen, dass es bei einem Fu\u00dfballspieler in gro\u00dfem Ma\u00df um dessen K\u00f6rperlichkeit geht. Nat\u00fcrlich muss an die zahlreichen Szenen erinnert werden, in denen Maradona seine Gegner mit dem Ball gekonnt umspielt. Man denke au\u00dferdem an die vielen Aufnahmen, in denen er Tennis- und Golfb\u00e4lle ebenso geschickt in der Luft h\u00e4lt wie den Fu\u00dfball. Unbedingt erw\u00e4hnenswert ist aber auch, dass Maradona ein phantastischer T\u00e4nzer war. Auch dieser Eindruck ergibt sich nicht zuf\u00e4llig, sondern seine T\u00e4nze wurden oft gefilmt und gezeigt. Singen konnte er ganz ostentativ au\u00dferdem auch. Wie gesagt: Dem Stoff selbst haftet das Dionysische an.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte auch vom Karnevalesken sprechen, weil die Verschmelzung des \u201aniederen\u2018 Volkes im Medium Maradona so deutlich zum Ausdruck kommt. Und dabei verschmelzen auch leibliches und metaphysisches Dasein, inkarniert Maradona doch als Kippfigur die Hand Gottes und den Fu\u00df des Volkes.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Im Personenkult um Maradona konvergieren archaisch-mythische, katholische und sozialistische Z\u00fcge.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass mit Maradona wirklich nicht weniger als eine Erl\u00f6serfigur im Spiel ist, wird daran deutlich, dass er in bildlichen Inszenierungen und narrativen Stilisierungen immer wieder leiblich f\u00fcr das Fan-Volk herhalten muss. Das Training wird gefilmt. Maradona schwitzt und zieht Grimassen. Sein Fu\u00df bricht, und wir sehen ihn mit Schmerzen auf der Bahre liegen sowie die Bilder von seiner OP. Nach dem Drogentest wird sein getr\u00fcbter Urin der Welt vorgef\u00fchrt. Angeblich hat eine Krankenschwester sein Blut in eine Kirche gebracht, nachdem sie es ihm abgenommen hatte. Usw. usf.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Exegese des Stoffes sowie seiner k\u00fcnstlerischen Bearbeitungen neigt sich im Jahresendstress einem kontingenten Ende zu, denn es gibt noch so viele Fassungen \u2013 und einige davon in G\u00e4nze auf YouTube \u2013, die einer n\u00e4heren Betrachtung w\u00fcrdig w\u00e4ren, aber hiermit sei die Untersuchung des mythischen Stoffkreises eingeleitet und anderen \u00fcberlassen. Vielleicht w\u00e4ren minimale Kompetenzen auf dem Gebiet des Fu\u00dfballs f\u00fcr eine folgende Er\u00f6rterung n\u00f6tig. Staffel\u00fcbergabe\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Hartwig Tegeler: Doku \u00fcber Diego Maradona. Ein Leben wie eine griechische Trag\u00f6die. In: <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/doku-ueber-diego-maradona-ein-leben-wie-eine-griechische.2165.de.html?dram:article_id=457952.\">Deutschlandfunk Kultur.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0Die m\u00f6chten vielleicht fundiertere Texte zum Fu\u00dfball aus literaturwissenschaftlicher Sicht lesen: Nikolas Pethes: Rhetorik des Fu\u00dfballs. In: SportZeiten 12\/2 (2012), S. 7-17; Torsten Hahn \/ Nikolas Pethes: Wei\u00dfe Brasilianer oder das Wunder von Yokohama. In: Susanne Catrein \/ Christof Hamann (Hg.): Was Fussball Macht. Zur Kultur unseres Lieblingsspiels. G\u00f6ttingen 2014, S. 245-258; Nikolas Pethes: Wir, die Tore \u2013 Vor\u00fcberlegungen zu einer Literaturgeschichte des Fu\u00dfballs. In: Eva Kreisky \/ Georg Spitaler (Hg.): Arena der M\u00e4nnlichkeit. \u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Fu\u00dfball und Geschlecht. Frankfurt a.M.\/New York 2006, S. 66-82; Nicolas Pethes: WM 2018 in Russland \u2013 ein Videobeweis. In: Pop. Kultur und Kritik 13 (2018), S. 10-16.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0Die Textfassungen divergieren \u00fcbrigens, und ich bin nicht in der Lage aus dem Gesang die entscheidende Stelle exakt herauszuh\u00f6ren.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Au\u00dferdem muss man in dem Kontext noch einmal Moritz Ba\u00dflers zu Ausf\u00fchrungen von Elvis Presley gegenlesen (Moritz Ba\u00dfler: <a href=\"http:\/\/docplayer.org\/37322161-Leitkultur-pop-populaere-kultur-als-kultur-der-rueckkopplung.html\">Leitkultur Pop? Popul\u00e4re Kultur als Kultur der R\u00fcckkopplung.<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website lickhardt\" href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/germanistik\/mitarbeiter\/lickhardt_maren\/publikationen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Assistenzprofessorin am Institut f\u00fcr Germanistik der Leopold-Franzens-Universit\u00e4t Innsbruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beobachtungen nicht f\u00fcr Fu\u00dfballfans, sondern f\u00fcr Freunde guter Trag\u00f6dien\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[112416,808,112417,112418,112419,2205],"class_list":["post-9695","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-asif-kapadia","tag-fusball","tag-jean-christophe-rose","tag-maradona","tag-mythos","tag-sport"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9695","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9695"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9695\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9695"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9695"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9695"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}