{"id":9732,"date":"2020-01-13T10:35:59","date_gmt":"2020-01-13T08:35:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9732"},"modified":"2020-01-13T10:35:59","modified_gmt":"2020-01-13T08:35:59","slug":"female-bonding-gesang-und-tanz-in-ausgewaehlten-zeitgenoessischen-filmenvon-maren-lickhardt13-1-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2020\/01\/13\/female-bonding-gesang-und-tanz-in-ausgewaehlten-zeitgenoessischen-filmenvon-maren-lickhardt13-1-2020\/","title":{"rendered":"Female Bonding \u2013 Gesang und Tanz in ausgew\u00e4hlten zeitgen\u00f6ssischen Filmen<br><small><i>von Maren Lickhardt<\/i><\/small><br><small>13.1.2020<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Sex and the City 2 (2010), Girl\u2019s Night Out (2017), Dumplin\u2019 (2018), Someone Great (2019), Wine Country (2019) etc.<!--more--><\/p>\n<p>Gerade im Musikfilm mit all seinen Subgenres sind Gesang und Tanz nicht unbedingt reflexiv verankert und diskursiv ausgelastet. Ob die Handlung im Gesang erz\u00e4hlerisch weitergetragen oder ob sie durch Gesang revueartig unterbrochen wird, ob Gesang v\u00f6llig unbegr\u00fcndet inmitten eines Gespr\u00e4chs einsetzt oder ob Gesang durch eine Handlung etwa rund um eine Musikshow motiviert wird, er geh\u00f6rt einfach zu diesem medienkombinatorischen Genre, das unterhalten und mitrei\u00dfen will und dar\u00fcber hinaus Stars aufbauen m\u00f6chte, die auch au\u00dferhalb des Films crossmedial vermarktet werden k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>All dies ist nicht abwertend gemeint. Aber es d\u00fcrfte auf der Hand liegen, dass der Einsatz von Gesang und Tanz im Spielfilm weitaus st\u00e4rker markiert ist als in Musikfilmgenres, dass er spezieller motiviert ist, dass Gesang und Tanz reflexiv eingesetzt und diskursiv funktionalisiert werden. Und da nun nicht von <i>Musik im Film<\/i> im Allgemeinen, sondern von <i>Gesang und Tanz im Film<\/i> im Speziellen die Rede ist, ist es in Bezug auf halbwegs konventionelle Filme naheliegend anzunehmen, dass die entsprechende Musik innerdiegetisch verankert ist.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> D.h. Figuren integrieren Gesang und Tanz in ihre Handlungen, was \u2013 immer noch oder wiederum in Bezug auf halbwegs konventionelle Filme \u2013<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>bedeutet, dass dieser Einsatz auch den Figuren bewusst ist.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Schr\u00e4nkt man die strukturell vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten des Musikeinsatzes im Film auf innerdiegetisch verankerten Gesang und Tanz ein, verdoppelt sich also die Rezeptionsebene der Musik, weil sie sowohl innerhalb der Fiktion als auch in der Rezeption wahrgenommen, erlebt, zugeordnet und bewertet wird. Dies kann in jedem Film unterschiedlich ausgestaltet werden, aber prinzipiell ist vorauszuschicken, dass es besonders interessant ist, wenn die Musik, die die Figuren singen oder zu der die Figuren tanzen, mindestens den Rezipient\/innen, dar\u00fcber hinaus aber wohl auch den Figuren gut bekannt ist, weil sie (pop-)kulturell bereits zirkuliert. In dem Fall kommt zur spezifischen narrativen Einbettung und zur allgemeinen emotionalisierenden Wirkung noch das metonymische Potential der Musik selbst hinzu, (pop-)kulturelle Zugeh\u00f6rigkeiten und Wertungen zu indizieren.<\/p>\n<p>Wenn Lieder bekannt sind, bilden sie bereits vor ihrem Einsatz im Film Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit,<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> die sich ein Film zunutze machen kann. Wenn wir alle auf den gleichen Gegenstand geblickt haben und wechselseitig voneinander wissen, dass wir das haben, hat das eine vergemeinschaftende Funktion. Es gibt also eine wechselseitig vorausgesetzte, geteilte intertextuelle Kompetenz, die nicht nur die Kenntnis des Gegenstandes betrifft, sondern auch dessen korrekte Einordnung und Handhabung,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und die Gruppen indiziert und konstituiert \u2013 und andere selbstverst\u00e4ndlich auch exkludiert. Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit setzen den Zugang zu denselben Medien voraus, aber selbst unter dieser Voraussetzung vollzieht sich Mediennutzung selektiv und basiert teilweise bereits auf der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Dadurch changiert die Funktion solcher Szenen zwischen Indikation und Konstitution einer Gruppe.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Abgesehen von diesen kultursemiotischen Erw\u00e4gungen liegt es nat\u00fcrlich auf der Hand, dass Musik bzw. Gesang und Tanz auch einen sinnlichen Effekt haben. Vergemeinschaftung im Medium der Musik basiert nicht ausschlie\u00dflich auf kognitiven Decodierungsprozessen, sondern vollzieht sich auch emotional, weil eine leibliche Erfahrung geteilt wird. Und dies kann fernmedialisiert werden, d.h. die Verbundenheit, die durch gemeinsames Singen und Tanzen in der Fiktion inszeniert wird, kann unmittelbar sinnlich auf die Rezeptionsebene \u00fcberspringen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Frage, wie gemeinsames Tanzen und Singen weiblicher Protagonistinnen in Filmen inszeniert wird, ergibt sich aus dem theoretischen Interesse, wie sich die sehr stabile soziale Kategorie Geschlecht zur loseren sozialen Kopplung der (pop-)kulturellen Stilgemeinschaften verh\u00e4lt und ob Solidarit\u00e4t bzw. welche Form der Solidarit\u00e4t durch Gesang und Tanz gezeigt oder begr\u00fcndet wird. Au\u00dferdem habe ich den Eindruck \u2013 aber der Eindruck kann nat\u00fcrlich t\u00e4uschen \u2013, dass in den letzten Jahren zahlreiche Filme erschienen sind, in denen ein Liedeinsatz sowie Gesang und Tanz an weibliche Figuren gekn\u00fcpft werden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Im und ab dem fr\u00fchen Tonfilm sind Gesang und Tanz eher weiblich konnotiert. Auch zahlreiche m\u00e4nnliche Figuren singen und tanzen im Film, werden aber durch die weibliche Konnotation dieser T\u00e4tigkeiten in ihrer \u201aM\u00e4nnlichkeit\u2018 destabilisiert. Donata Koch-Haag geht davon aus, dass die m\u00e4nnliche S\u00e4ngerfigur in zahlreichen fr\u00fchen Filmen in eine Krise gerate, weil sie durch das Singen vor dem Hintergrund des zeitgen\u00f6ssischen Geschlechterdiskurses allzu k\u00f6rperlich, nat\u00fcrlich, flie\u00dfend und damit weiblich wirke. Dennoch bleibt im Singen eine Spannung zwischen dieser sinnlichen Verweiblichung<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> und der Artikulation eines rationalen souver\u00e4nen \u2013 m\u00e4nnlichen \u2013 Subjektes bestehen:<\/p>\n<p>\u201eIn der singenden Stimme manifestiert sich die Spannung zwischen klingender Selbstpr\u00e4senz des Subjekts und vordiskursiver K\u00f6rperlichkeit der musikalischen Modulation, in der sich, \u00fcber eine Reihe metonymischer Verschiebungen, die Assoziation von M\u00e4nnlichkeit und <i>logos<\/i> einerseits und Weiblichkeit und K\u00f6rper andererseits abbildet.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Weiblicher Gesang und Tanz sind historisch ohnehin recht stereotyp codiert. Wenn Frauen singen, dient dies oftmals der Sexualisierung und Objektivierung der Figur,<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> und zwar nicht nur weil der Gesang k\u00f6rperlich ist, sondern auch weil die K\u00f6rper dabei bildlich gut in Szene gesetzt werden k\u00f6nnen. Allerdings wird in der Forschung auch darauf hingewiesen, dass der weibliche Gesangseinsatz bedrohliche und aggressive Z\u00fcge annehmen kann.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Es wird nun vor dem gesamten skizzierten Hintergrund zu fragen sein, wie es um weibliche Gesangs- und\/oder Tanzkollektive bestellt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Mutter\/Tochter-Bonding<br \/>\n<i>Stepmom<\/i> (1998)<\/p>\n<p>In dem Film <i>Stepmom<\/i> (<i>Seite an Seite<\/i>) von Chris Columbus mit Susan Sarandon und Julia Roberts spielt letztere die Rolle der zu Beginn eher ungeliebten Stiefmutter, die in Konkurrenz zur leiblichen Mutter um die Anerkennung der Stieftochter ringt. Dass sich Stiefmutter und Stieftochter am Ende finden werden, ist ab dem Moment klar, in dem die beiden gemeinsam Auto fahren, sich also auf einem Weg\/Lebensweg befinden, im Radio <i>Ain\u2019t No Mountain High Enough<\/i> l\u00e4uft (52:27), und die beiden l\u00e4chelnd in den Gesang einstimmen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Angesichts der Zeilen \u201eIf you need me call me no matter where you are \/ No matter how far don\u2019t worry baby \/ Just call my name I\u2019ll be there in a hurry \/ You don\u2019t have to worry\u201c d\u00fcrfte es selbsterkl\u00e4rend sein, dass es in der Szene um famili\u00e4re F\u00fcrsorge geht, die die Stiefmutter verspricht und auf die die Stieftochter zu vertrauen gedenkt. \u2013 Der Stiefsohn ist im Auto ebenfalls anwesend, aber dass es im Wesentlichen um ein weibliches Bonding-Ritual geht, wird dadurch unterstrichen, dass das M\u00e4dchen in der Szene den Lippenstift der Stiefmutter benutzen darf. \u2013 Ein Lied ersetzt tausend Diskussionen, und zwar sowohl innerfiktiv als auch in unserem metafiktionalen Rezeptionsprozess. Die Szene ist aber nicht nur f\u00fcr hermeneutische Einordnungen signifikant, sondern sie wirkt auf unsere Sinne, und wir k\u00f6nnen zumindest im Kopf in Text und Melodie einstimmen, weil es sich hier um die Hookline eines Gassenhauers oder Ohrwurms handelt. Das Lied von 1967 \u2013 u.a. interpretiert von Marvin Gaye und Tammi Terrell sowie Diana Ross \u2013 ist sehr bekannt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Stepmom - Car Scene\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/2s2GSOeHBYQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, nachdem die leibliche Mutter ihren Kindern erz\u00e4hlen musste, dass sie an Krebs sterben wird, h\u00f6ren Mutter, Tochter und Sohn <i>Ain\u2019t No Mountain High Enough<\/i> und tanzen dazu (1:15:09), um in einem fast karnevalesken Sinn nicht nur Gemeinschaft zu inszenieren, sondern auch eine Katharsis oder Befreiung von der Beklemmung zu erleben, die die Krebsdiagnose mit sich bringt. \u2013 Nicht umsonst erw\u00e4hnt die Mutter im \u00dcbrigen, dass sie nun wenigsten legal kiffen kann.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Stepmom (1998) - Ain&#039;t No Mountain High Enough Scene (6\/10) | Movieclips\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Gx1K7ynF1JM?start=33&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Zu dem Zeitpunkt, zu dem diese Szene stattfindet, mag die Tochter ihre Stiefmutter bereits und verweist darauf, dass das deren Lied sei, worauf die leibliche Mutter sagt, dass sie dann eben den Tanz dazu liefere. Indem sich die Frauen das Lied aufteilen, deutet sich weniger Konkurrenz als deren Vers\u00f6hnung an, was als weibliche Kooperationsleistung herausgestellt wird, die ihren H\u00f6hepunkt darin findet, dass die leibliche Mutter die Stiefmutter bittet, an Weihnachten mit auf das letzte Familienfoto zu kommen, das sie noch machen kann, w\u00e4hrend nun metadiegetisch <i>Ain\u2019t No Mountain High Enough<\/i> eingespielt wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auffallend an dem Film ist, dass der Vater der Tochter, der ja schlie\u00dflich die beiden Mutterfiguren verbindet, eine untergeordnete Rolle spielt. Er versucht zwar, zwischen allen Positionen zu vermitteln, aber es gelingt ihm bei allem gutem Willen schlecht. Stattdessen wird gezeigt, wie eine ehemalige Lektorin und eine gut gebuchte Top-Fotografin ihre Berufe vernachl\u00e4ssigen, um f\u00fcr die Mutterrolle zu k\u00e4mpfen \u2013 was man vielleicht als \u201amale Fantasy\u2018 l\u00e4chelnd zur Kenntnis nehmen kann. Der Vater zeugt die Kinder und zieht im Film ungestraft und unkritisiert von Frau zu Frau, w\u00e4hrend sich diese f\u00fcr die schwierige Situation opfern. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass die Vers\u00f6hnung in einem gemeinsamen Familienfoto kulminiert, unterstreicht, dass es im Film um das Thema der Tradierung angesichts des Todes geht, d.h. was M\u00fctter ihren Kindern mit auf den Weg geben und wie M\u00fctter von Kindern erinnert werden, was durchaus befremdlich ist angesichts der Tatsache, dass Frauen viele Jahrhunderte darum gerungen haben, sich nicht nur mit ihrer Rolle als F\u00fcrsorgerin in die Familiengeschichte einzuschreiben, sondern auch am \u00f6ffentlichen Leben zu partizipieren und aktiv in die Kulturgeschichte einzugehen, also z.B. als Lektorin oder Fotografin.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber dass hierbei ein Lied zum Einsatz kommt, passt zum Thema der Tradierung oder Tradierbarkeit. Nicht nur sind Erinnerungen insgesamt plastischer, wenn sie mit Sinnlichkeit und Emotionen verbunden sind \u2013 das \u00e4u\u00dfert sich z.B. im negativen Sinn in posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen \u2013, sondern das Lied im Speziellen hat eine mnemotechnische Funktion. Man kann sich leicht an den rhythmisierten Text und dadurch wiederum an vergangene Situationen und verstorbene Personen erinnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>Dumplin\u2019<\/i> (2018)<\/p>\n<p><i>Dumplin\u2019<\/i> von Anne Fletcher mit Jennifer Aniston in der Mutterrolle verhandelt eine Mutter-Tochter-Beziehung, kann aber durchaus als Musikfilm bezeichnet werden,<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> weil die Bedeutung von Dolly Parton sowie diverse B\u00fchnenshows zentral sind, und es auch einen Soundtrack von Dolly Parton zu dem Film gibt.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Teenager Willowdean, die von ihrer Mutter Dumplin\u2019, also Kl\u00f6pschen, genannt wird, weil sie pummelig ist, trauert um ihre verstorbene Tante, die ihr nicht nur Selbstbewusstsein und Lebensfreude vermittelt hat, sondern auch die Liebe zu Dolly Parton, die Willowdean sp\u00e4ter nur noch mit ihrer besten Freundin teilt.<\/p>\n<p>Der Film beginnt mit einer R\u00fcckblende. Einmal mehr im Auto singen und wippen Tante und Nichte zu dem Dolly-Parton-Lied\u00a0<i>Dumb Blonde<\/i>. Aus dem Off spricht die Nichte dar\u00fcber, was ihr die Tante alles mit auf den Weg gegeben hat. Immer noch in der R\u00fcckblende wird sie sp\u00e4ter auf der Stra\u00dfe aufgrund ihrer Figur von Jungs geh\u00e4nselt. Die Tante verscheucht die Jungs. Die Kamera zoomt auf ihr buntes Kleid, ihre \u00fcbertriebene Brosche und ihr l\u00e4chelndes Gesicht, und die Tante tr\u00f6stet ihre Nichte mit einem Satz von Dolly Parton: \u201eIt\u2019s hard to be a diamond in a rhinestone world.\u201c (ab 00:52).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Alles in der Szene mit der Tante dreht sich um Sinnlichkeit und sinnliche Freude: es wird gesungen, gegessen und der camp-artige Schmuck der Tante gezeigt, was letztlich auch ihr \u00dcbergewicht eher als sinnlich und barock denn als h\u00e4sslich oder deviant erscheinen l\u00e4sst. Das glei\u00dfende Gegenlicht deutet zum einen den Tod der Tante an; man kann es auch als Engelsschein betrachten; au\u00dferdem verleiht es der r\u00fcckblickenden Szene einen irrealen, traumhaften Zug.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Bei dem Lied <i>Dumb Blonde<\/i> handelt es sich um einen der vielen Titel von Dolly Parton, in denen sie gegen die Marginalisierung und Stereotypisierung von Frauen anschreibt und sie sich mit den stigmatisierten Frauen solidarisiert. \u201eJust because I\u2019m blond \/ Don\u2019t think I\u2019m dump \/ \u2018Cause this dumb blond ain\u2019t nobody\u2019s fool.\u201c Im Medium der Dolly Parton-Lieder hilft die Tante ihrer Nichte, sich \u00fcber Geh\u00e4ssigkeiten auf Basis stereotyper Weiblichkeitsvorstellungen zu erheben.<\/p>\n<p>In das Lied k\u00f6nnen vermutlich viele Menschen auf der Welt innerlich mit Textkenntnis einstimmen, aber dabei handelt es sich dann wohl entweder um Drag Queens oder Country-Fans, weil Parton eine Ikone f\u00fcr beide Gruppen darstellt, und der Film m\u00f6chte ausgerechnet den amerikanischen Mittleren Westen genau in diesem Spannungsfeld in Szene setzen. Willowdeans Mutter repr\u00e4sentiert das konservative Texas und den Typ Frau, der nicht allen, aber vielen Klischees entspricht. Sie ist besessen von gutem Aussehen und organisiert mit Leidenschaft Misswahlen, die sie explizit als historisch-kulturelle Eckpfeiler der Gemeinde betrachtet und \u00fcber die sie ihre \u00f6ffentliche Funktion und Identit\u00e4t bezieht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Allerdings spielen M\u00e4nner weder als Versorger, Familienmitglieder noch als beobachtende Subjekte dieser Sch\u00f6nheit eine Rolle. Willowdeans Vater ist einfach nicht da.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Die Schwester war das zweite Elternteil in der Kleinfamilie, deren Tod die alleinerziehende, berufst\u00e4tige Mutter zur\u00fcckl\u00e4sst, die \u2013 bei allen Dissonanzen der Figuren \u2013 als Altenpflegerin mit harter Arbeit gut f\u00fcr ihre Tochter sorgt. Sie arbeitet, wenn man so will, <i>9 to 5<\/i>, so ein Hit von Dolly Parton, \u201efor service and devotion\u201c, ohne ausreichend daf\u00fcr gew\u00fcrdigt zu werden, w\u00e4hrend <i>Two Doors Down<\/i>, so ein anderer Hit von Dolly Parton, \u201ethey\u2019re laughing and drinking and having a party\u201c \u201enot aware that I\u2019m around\u201c.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Allerdings wird im Film nicht nur die Frage aufgeworfen, aus welcher Party man ausgeschlossen ist, sondern an welcher Party man \u00fcberhaupt teilnehmen m\u00f6chte. Denn die Mutter feiert ja lieber Misswahlen mit Konservativen als mit den Homosexuellen und Drag Queens in der Musikbar-Heterotopie Hideaway, in die Willowdean mit ihren neuen Freundinnen, einer verr\u00fcckten Christin und einer etwas butchigen Lesbe, gelangt, nachdem sie herausgefunden hat, dass ihre Tante regelm\u00e4\u00dfig dort hingegangen war.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In diesem karnevalesken Raum hat sich ein alternatives Kollektiv herausgebildet, das jenseits des heteronormativen, bin\u00e4ren patriarchalischen Mainstreams mit Bezug auf Dolly Parton eigene Rollen- und Selbstbilder auslebt. Obwohl der Film liebevoll mit dem konservativen Mittleren Westen umgeht, zeigen sich Restriktionen und Uniformierung im normalen Alltag und ein Ort der Befreiung und Akzeptanz im alternativen Bereich. Nach diversen Konflikten geht die Mutter am Ende mit ins Hideaway und stimmt in den dortigen Gesang ein (1:44:10). Das Lied endet in dem Geiste: \u201e\u2018Cause here I am \/ feeling everything but sorry \/<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>We\u2019re having our own party, two doors down.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Situation am Ende ist nicht nur k\u00fcnstlich, weil sie teilweise auf einer B\u00fchne stattfindet, sondern auch weil sich auf unwahrscheinliche Weise pl\u00f6tzlich alle m\u00f6glichen Frauen- und queeren Figuren im Hideaway befinden. Im k\u00f6rperlich befreienden Gesang findet ein female bonding statt, und als female geht nun alles durch, was sich im Gesang vereinen m\u00f6chte. Es befinden sich auch M\u00e4nner im Hideaway; Willodeans Freund steht mit auf der B\u00fchne. D.h. dieser Club ist zwar ein mundus inversus, also eine umgekehrte oder verkehrte Welt mit Blick auf das fiktional-reale Texas, aber die Verkehrung reproduziert nicht die biologistischen Ausgrenzungsmechanismen der normalen Welt. Im Grunde inszeniert der Film ein alternatives amerikanisches Ideal, das als solches ziemlich \u201aunamerikanisch\u2018 ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Coming of Age:<br \/>\n<i>Dude<\/i> (2018)<\/p>\n<p>In Coming-of-Age-Filmen kommt es h\u00e4ufiger zu gemeinsamen Tanzeinlagen, gemeinsamer Musikrezeption und gemeinsamem Singen, aber zun\u00e4chst einmal zeichnet sich das Genre dadurch aus, dass Adoleszenzkrisen inszeniert werden, wobei der Begriff nicht im psychopathologischen Sinn verwendet sei, sondern es geht um Krisen im Sinne von Entscheidungssituationen im Zuge des Erwachsenwerdens, denn \u201aKrise\u2018 kommt aus dem Griechischen und meint \u201aBeurteilung\u2018, \u201aEntscheidung\u2018, \u201aZuspitzung\u2018. Dramaturgisch wird die Krise nicht selten durch den Highschool-Abschluss katalysiert, der diverse Trennungen und einen neuen Lebensabschnitt einl\u00e4utet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Der Film <i>Dude<\/i> von Olivia Mitch ist in vielerlei Hinsichten atypisch und unkonventionell. Dies f\u00e4ngt bereits damit an, dass es hier um eine \u2013 bewusst im Sinne der ethnischen Diversity zusammengestellte \u2013 Clique von M\u00e4dchen geht, w\u00e4hrend Coming-of-Age-Filme traditionell \u2013 wei\u00dfe \u2013 m\u00e4nnliche Erfahrungen und Initiationsriten zeigen. Aber drei Rituale bleiben erhalten: Erstens: Es geht um Sexualit\u00e4t. Die M\u00e4dchen unterhalten sich oft \u00fcber Sex, haben Sex und verhalten sich in dieser Hinsicht nicht entsprechend der \u00fcblichen Geschlechterklischees. Zweitens: Es geht um Drogenerfahrungen und Rauschzust\u00e4nde, was eine altersgem\u00e4\u00dfe Grenz\u00fcberschreitung mit kollektivierender Funktion darstellt, weil man sich gemeinsam einem Kontrollverlust aussetzt. Auch hierin zeigt sich ein karnevalesker Aspekt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Drittens: Es gibt gemeinsamen Gesang, der nicht selten im Auto stattfindet, z.B. das Lied <i>The Next Episode<\/i>, das im Abspann des Films nicht Dr. Dre und Snoop Dog zugeschrieben wird, aber eigentlich von den beiden stammt. Der Gesang hat in der Lebensphase der Protagonistinnen eine emotional stabilisierende Funktion, weil er die Freundinnen sinnlich verbindet. Au\u00dferdem scheint dem gemeinsamen Gesang ein kathartisches, befreiendes Moment zuzukommen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber die Musik hat nicht nur eine Freundschaft konstituierende und indizierende Funktion innerhalb der Diegese. Fast wichtiger erscheint die bindende Funktion f\u00fcr Rezipient\/innen. Sowohl das Genre HipHop als auch die besagten Musiker sind Mainstream und passen gut in einen kommerziellen Film, der viele Personen einer Generation ansprechen soll, aber eben genau <i>diese<\/i> Generation, weshalb man im Jahr 2018 kaum Heavy Metall oder Punk einspielen k\u00f6nnte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das Coming-of-Age-Genre geh\u00f6rt zu den schematisiertesten Genres \u00fcberhaupt; Rollen, Szenen und Plot sind so vorhersehbar, dass man im Grunde seit 1950 immer wieder fast denselben Film sieht. Mit zwei Ausnahmen. Sexualdiskurse verschieben sich, wodurch in jedem Jahrzehnt ein neuer Film gebraucht wird. Popkulturelle Hintergr\u00fcnde verschieben sich viel schneller, wodurch in jedem Jahr mindestens ein neuer Film gebraucht wird; und sei es nur, um die Figuren den neusten Jeansschnitt tragen, den\/die n\u00e4chsten Schauspieler\/in anschw\u00e4rmen und die aktuellste Musik h\u00f6ren zu lassen, weil sich \u00fcber die Mode, Stars und Musik das Bonding des Films mit den Rezipient\/innen vollzieht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Allein die Krise scheint nicht zu tragen, obwohl sie angesichts der zahlreichen Coming-of-Age-Filme geradezu eine anthropologische Konstante zu sein scheint. Vielmehr garantiert auch und gerade die Musik das Bonding mit den Rezipient\/innen. Der immer gleiche Plot wird mit neuen Liedern aufgeladen, weil es eine immer neue Generationengemeinschaft gibt, die nun auf der Rezeptionsebene weniger etabliert als vielmehr vom Film bereits vorausgesetzt wird, damit sich die Rezipient\/innen identifizieren k\u00f6nnen und der Film ihnen etwas sagt. Das Lied ist also als Kristallisationspunkt f\u00fcr geteilte Erfahrung auch dann essentiell, wenn es um die ohnehin geteilten Probleme mit der Jugendliebe und den ersten sexuellen Erfahrungen sowie die Krise der Adoleszenz geht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>Someone Great<\/i> (2019)<\/p>\n<p>Bei der Netflix-Produktion <i>Someone Great<\/i> von Jennifer Kaytin Robin handelt es sich selbstverst\u00e4ndlich nicht um einen Coming-of-Age-Film i.e.S., aber er zeigt, wie sich bestimmte Entscheidungssituationen vom Teenager- auf das Mittzwanzigeralter verschieben. Wir haben es mit drei jungen, ethnisch diversen Frauen\/Freundinnen zu tun, die einsatzkommandoartig zusammenr\u00fccken, als eine Freundin Alarm schl\u00e4gt, sie habe Liebeskummer. Aber letztlich geht es doch mehr darum, dass sich Jenny entschieden hatte, nach San Franzisco zu ziehen, um dort als Musikjournalistin zu arbeiten. W\u00e4hrend die Freundin sich also wegen der Trennung von ihrem Freund aufmuntern l\u00e4sst, m\u00fcssen eigentlich alle drei verarbeiten, dass sie in Zukunft r\u00e4umlich getrennte Wege gehen werden. Wir haben eine Krise.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es kommt im Film zu diversen sexuellen Handlungen. Au\u00dferdem kiffen die Freundinnen, trinken Alkohol und konsumieren MDMA. Dass der Exzess dazu f\u00fchrt, dass sich eine Figur in einen Brunnen \u00fcbergibt (1:27:18), geh\u00f6rt zu dem Vergemeinschaftungsritual, dass man sich voreinander mal gehen gelassen haben muss. Das grotesk und karnevalesk K\u00f6rperliche wird in diesem Film auch am Ende als letzte Best\u00e4tigung bzw. als Versprechen der quasi-famili\u00e4ren Bindung eingesetzt. \u201e\u2018We\u2019ll still be Face Timing every morning.\u2019 \u2018Right when I hit that pooper. While you\u2018re on the motherfucking toilet.\u2018\u201c (1:24:10) Man ist sich so nah, dass man sich auf der Toilette zuh\u00f6rt oder -sieht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Musik spielt im Film auf alle Arten eine besonders gro\u00dfe Rolle. Mit dem Titel <i>Someone Great<\/i> wurde der Film nach dem gleichnamigen Album der Band LCD Soundsystem benannt. Die Figuren h\u00f6ren st\u00e4ndig IPod, und es l\u00e4uft sehr h\u00e4ufig ein Lied auf der metadiegetischen Ebene. Au\u00dferdem haben die Freundinnen gemeinsame Playlists, z.B. die \u201aBitches and Bangers\u2018-Playlist aus dem College (54:10). Die Freundinnen bilden eine Generations- und Geschmacks- oder auch Stilgemeinschaft, wenn auch eine eher unspezifische oder mainstreamige, und nat\u00fcrlich geht der Film den gleichen Pakt mit seinen Rezipient\/innen ein.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Someone Great Dance Scene Gina Rodriguez\/ DeWanda Wise\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9XRhNeYRnHI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Interessanter als diese Verbindungen erscheint eine Szene, in der es um Abgrenzung geht (56:28).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>In einem Kiosk l\u00e4uft pl\u00f6tzlich das Lied <i>Dreaming of You<\/i> von Selena und triggert Jennys Liebeskummer. So weit ist die Szene realistisch. Dass Jenny in den Gesang einstimmt, wirkt schon eher wie eine revue- oder musicalartige Unterbrechung, zumal sich die Musik deutlich aus der Szenerie l\u00f6st und sich so anh\u00f6rt, als laufe sie metadiegetisch auf einer eigenen Tonspur. Die Szene wird dadurch verfremdet, und der Gesang erscheint merkw\u00fcrdig und peinlich. Die Figuren sind sich anders als in einem Musicalfilm dessen bewusst, dass man \u00fcblicherweise in einem Kiosk keine laute Gesangsnummer auff\u00fchrt. Aber die anderen Figuren solidarisieren sich mit ihrer Freundin und singen mit. Dass sie dabei aus dem Laden fliegen, geh\u00f6rt zum Freundschafts-Diskurs. Man muss ja alle m\u00f6glichen unerh\u00f6rten Begebenheiten gemeinsam erlebt haben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird das Lied durch den Rauswurf noch einmal gesondert markiert, w\u00e4hrend Gesang im Kiosk in einem Musicalfilm anderen Figuren im Szenario nicht weiter auffallen w\u00fcrde. Es liegt also erst die Brechung vor, dass der Film musicalartige Z\u00fcge erh\u00e4lt, und dann eine weitere Brechung, die besagt: Dies ist aber trotzdem kein Musicalfilm. Was wiederum besagt: Musik spielt im echten, also fiktional-echten Leben der Figuren eine so gro\u00dfe Rolle, dass es letztlich doch wieder realistisch ist, dass sie innerhalb der Diegese \u00fcberall einbricht, dass \u00fcberall geh\u00f6rt, gesungen und getanzt werden kann. Der kulturelle Kontext der Musicalfilme der 1930er Jahre h\u00e4tte diese realistische Volte trotz Verbreitung des Radios nicht hergegeben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber es bleibt dennoch fraglich, warum der Kioskbesitzer bei einem so nichtigen Anlass \u00fcberreagiert und was ihn an dem Gesang so st\u00f6rt. Dass er darauf verweist, der Gesang bel\u00e4stige seine Katze, aktualisiert einen Einsamkeits-Topos, weil in vielen amerikanischen Serien und Filmen die Frau mit der Katze die Schreckensvision einer einsamen Frau schlechthin darstellt. Das k\u00f6nnte ihn aber auch einfach als Nerd auszeichnen. So oder so steht der einsame Mann einem singenden Frauenkollektiv gegen\u00fcber. Mindestens dieser sich deutlich artikulierende female bond wird als St\u00f6rung empfunden und f\u00fchrt \u2013 nicht nur in diesem Film \u2013 dazu, dass sich m\u00e4nnliche Figuren unwohl f\u00fchlen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Junggesellinnenabschiede<br \/>\n<i>Girl\u2019s Night Out<\/i> (2017)<\/p>\n<p>Der Film <i>Girl\u2019s Night Out<\/i> (<i>Rough Night<\/i>) von Lucia Aniello rankt sich um einen Junggesellinnenabschied. Eine Frauengruppe trifft sich, um eine unter ihnen in den neuen Lebensabschnitt der Ehe zu entlassen. Das markiert zwar eine Z\u00e4sur, aber die Freundschaft war seit der Collegezeit ohnehin eher schw\u00e4cher geworden. Die Freundinnen fremdeln zu Beginn explizit, reagieren eifers\u00fcchtig und gekr\u00e4nkt und streiten sich \u00fcber ihre unterschiedlichen Lebensmodelle. Allerdings zeigt sich die Stabilit\u00e4t der Freundschaft und die Konfliktf\u00e4higkeit der Frauen, nachdem sie aus Versehen jemanden umgebracht haben und die Angelegenheit gemeinsam l\u00f6sen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zwischen dem ersten Fremdeln und den sp\u00e4ter einsetzenden Katastrophen wird f\u00fcr einen kurzen Moment das inszeniert, was man von einem Junggesell\/innenabschied im Film erwartet. Die Frauen feiern exzessiv und konsumieren Kokain und Alkohol. Wir haben also insgesamt wieder den Ausnahmezustand, Exzess, K\u00f6rperlichkeit, Vergemeinschaftung, also das Karnevaleske. Auf einer B\u00fchne kommt es zu folgender Performance, die ein altes College-Ritual der Freundinnen darstellt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Rough Night (2017) - Dance Routine Scene (2\/10) | Movieclips\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/wTLo8CdhxGs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Das gemeinsame Tanzen \u2013 hier nicht Singen \u2013 indiziert, dass die Freundinnen wieder miteinander warm werden, wobei das bezeichnenderweise nur die Amerikanerinnen betrifft, denn die Australierin, die lediglich die Braut aus einem Austauschsemester kennt, geh\u00f6rt nicht zur amerikanischen College-Gruppe, und sie ist tats\u00e4chlich neben Hochzeit und Totschlag das dritte destabilisierende Element in der Runde. \u00dcber die Opposition von Amerikanerinnen\/Australierin hinaus ist die Szene absolut \u00fcbercodiert: Wei\u00df\/Schwarz, Frau\/Drag, dick\/d\u00fcnn, hinzu kommen M\u00e4nner\/Frauen, u.a. auch weil kurz vor der Szene \u00fcber die Tamponphobie von M\u00e4nnern gel\u00e4stert wird: Sobald man das Wort Tampon ausspreche, sei man als Frauen unter sich, weil M\u00e4nner die Flucht ergriffen.<\/p>\n<p>Das Lied <i>My Neck, my back<\/i> von Khia fordert zum Oralverkehr auf, was impliziert, dass M\u00e4nner Anweisungen und Nachhilfen beim Sex bed\u00fcrften. Hier wird in einem feministischen Sinn recht offensiv herausgesungen, wer Frauen sind und was sie wollen, und zwar entgegen Annahmen im Rahmen einer patriarchalischen, phallozentrischen Tradition. Es handelt sich um eine leicht klischeehafte weibliche Erm\u00e4chtigungsgeste, die die M\u00e4nner als Opposition aufbaut.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Allerdings ist die Szene konfliktgeladen, denn die Freundinnen lassen eine der Tanzpartnerinnen aus Versehen fallen, und zwar ausgerechnet diejenige, die sich ohnehin nicht ausreichend integriert f\u00fchlt. Mit Sang und Tanz kann also auch Dissens ausgetragen werden, der aber \u2013 hier mit Kokain \u2013 wieder \u00fcberwunden wird. Als es angesichts des versehentlichen Totschlags ernst wird, halten die Frauen ohnehin so zusammen, als h\u00e4tten sie alle als ein K\u00f6rper die Tat begangen. Nur wenig wird dar\u00fcber gesprochen, dass es eigentlich eine Einzelt\u00e4terin gibt, und dann wird recht selbstverst\u00e4ndlich gemeinsam an der L\u00f6sung des Problems gearbeitet. Eine der Freundinnen opfert sich sogar k\u00f6rperlich, indem sie mit dem Ehepaar aus dem Nachbarhaus schl\u00e4ft, um Beweismittel verschwinden zu lassen.<\/p>\n<p>Derweil befindet sich der Br\u00e4utigam mit seinen Freunden auf einer gepflegten Weinverkostung, und die M\u00e4nner h\u00fcten gleichzeitig die Kinder. Als die verlobten Figuren miteinander telefonieren, sich eine Krise andeutet und die Verbindung getrennt wird, versucht die Frau zwar, den Mann telefonisch zu erreichen, bleibt aber bei den Freundinnen, w\u00e4hrend der Mann seine Freunde verl\u00e4sst und sich auf eine albern-groteske Mini-Odyssee zu seiner Verlobten begibt. Er kommt aber erst an, als die Frauen schon alles geregelt haben, und dann wird er geheiratet. Der Mann wird insgesamt als der schw\u00e4chere Part in der Beziehung inszeniert.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 \u00a0<\/span><\/p>\n<p>In der Inversion bleiben Geschlechterrollen zwar durchaus stabil und Klischees werden nicht demontiert bzw. es wird ja gerade eine klare Opposition zwischen M\u00e4nnern und Frauen durch die Parallelmontage aufgebaut, aber die Verkehrung ist bemerkenswert: Der Film versammelt zahlreiche karnevaleske Motive und pr\u00e4sentiert einen karnevalesken Mundus inversus, in dem Musik eine identit\u00e4tsstiftende Funktion f\u00fcr die Frauengemeinschaft darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>Bridesmaid<\/i> (2011)<\/p>\n<p><i>Bridesmaid<\/i> (<i>Brautalarm<\/i>) von Paul Feig \u2013 mit Melissa McCarthy in der Nebenrolle als einer \u00fcberaus selbstbewussten dicken Figur \u2013 erz\u00e4hlt die Geschichte zweier Freundinnen anl\u00e4sslich der Hochzeit einer der beiden. Annie, die Trauzeugin, ist diejenige, die eben nicht heiratet, sondern in einer toxischen Aff\u00e4re von einem Narzissten gedem\u00fctigt wird, die au\u00dferdem arbeitslos ist, der britische Mitbewohner\/innen das Leben schwer machen und die bei der Hochzeitsvorbereitung alles vermasselt, w\u00e4hrend sie ihre erfolgreiche, verliebte Freundin in den neuen Lebensabschnitt entlassen muss, wobei dann noch als Konkurrentin eine weitere \u2013 scheinbar perfekte \u2013 Freundin der Braut auftaucht. Der Film inszeniert die Verlobungszeit als Krisenzustand \u2013 und zwar f\u00fcr die Trauzeugin.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist der Film insofern ostentativ karnevalesk, als in einer Szene die Inversion eines m\u00e4nnlichen Buddyfilm-Schemas vollzogen wird. Es geht nicht nur um Erbrechen, sondern auch um Diarrhoe. Es findet eine kollektive k\u00f6rperliche Verfl\u00fcssigung statt, weil die Frauen den Symptomen einer Lebensmittelvergiftung nachgeben m\u00fcssen, w\u00e4hrend sie in einem teuren Brautmodengesch\u00e4ft Kleider anprobieren. Sie st\u00fcrzen gemeinsam auf Toilette, Waschbecken und alles, was sich zum rapiden Stuhlentleeren eignet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Szene kulminiert darin, dass die Braut im noch nicht gekauften Hochzeitskleid auf eine frequentierte Stra\u00dfe l\u00e4uft, um dort zu def\u00e4kieren. Annie kommentiert dies fassungslos: \u201eYou\u2019re really shitting in the street.\u201c (47:10) Die Szene wird im Film allerdings nicht als positives Vergemeinschaftungsritual dargestellt, wie es Erbrechen nach Rauschmittelkonsum in anderen Filmen ist, sondern als Unfall, den einmal mehr Annie verursacht hat, weil sie zuvor das Restaurant ausgew\u00e4hlt hatte. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Gesang hat im Film zun\u00e4chst einmal eine kompetitive Funktion, wobei auffallen muss, dass der einzige Film, der aus der Konkurrenzsituation der Frauen besonderes Aufhebens macht und sie als \u201aZicken\u2018 darstellt, von einem m\u00e4nnlichen Regisseur inszeniert wurde. Auf einer Party \u00fcberbieten sich die beiden Freundinnen der Braut, um das letzte Wort in einer Rede zu haben. Sie entrei\u00dfen sich immer wieder das Mikrofon, schieben immer noch einen Kommentar hinterher.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Als Annie nichts mehr einf\u00e4llt, singt sie das Lied <i>That\u2019s what friends are for<\/i>, das 1982 von Rod Stewart f\u00fcr den Film <i>Night Shift<\/i> gesungen und sp\u00e4ter u.a. von Dionne Warwick, Elton John, Gladys Knight und Stevie Wonder gecovert wurde. Die Konkurrentin tritt auf die B\u00fchne, um mitzusingen und Annie an Lautst\u00e4rke zu \u00fcbert\u00f6nen. Die Szene dauert insgesamt mehr als vier Minuten (ab 22:00), sodass sinnlich, auf den Nerven f\u00fcr die Rezipient\/innen sp\u00fcrbar wird, wof\u00fcr man nun wirklich keine Freund\/innen braucht, denn die beiden \u00fcbergehen in ihrem Konkurrenzkampf ganz offensichtlich die Bed\u00fcrfnisse der Braut.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Braut scheint am Ende verschwunden zu sein, und die Konkurrentinnen raufen sich zusammen, um sie zu suchen. Im Auto kommt es zu einem Akt der Parrhesia, also des Wahr- und Freisprechens zwischen den beiden, in denen die scheinbar perfekte Frau gesteht, wie unsicher sie sich f\u00fchle. Sie weint, weshalb Annie l\u00e4chelt: \u201eThis is the first time I\u2019ve ever seen You look ugly. And that makes me kind of happy.\u201c (1:43:00) Dass die andere Frau demontiert werden muss, um sich selbst besser zu f\u00fchlen, wird hier als Topos nicht aufgegeben, aber explizit ausgesprochen ist der Gedanke schon nicht mehr halb so h\u00e4sslich gegen\u00fcber der anderen, sondern kritisch gegen\u00fcber sich selbst.<\/p>\n<p>Die Konkurrentin hat am Ende das ultimative Hochzeitsgeschenk. Die Frauenband Wilson Phillips tritt f\u00fcr die Braut auf (1:53:30). Diese singt davon, dass man seine Ketten nur selbst ablegen und sein Leben \u00e4ndern kann, was f\u00fcr Annie gilt, die sich beruflich und privat wieder aufrichten muss, statt nur auf die gl\u00fcckliche Freundin und die scheinbar perfekte Konkurrentin zu schauen. Die besten Freundinnen Annie und die Braut singen und tanzen nun gemeinsam. Gegen Ende verabschieden sich die Konkurrentinnen herzlich voneinander und beschlie\u00dfen, demn\u00e4chst etwas zu dritt zu unternehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Midlife-Crisis<br \/>\n<i>The First Wives Club<\/i> (1996)<\/p>\n<p>In <i>The First Wives Club<\/i> (<i>Club der Teufelinnen<\/i>) von Hugh Wilson mit Goldie Hawn, Bette Midler und Diane Keaton haben sich vier College-Freundinnen aus dem Jahr 1969 komplett aus den Augen verloren und in andere Richtungen entwickelt. Drei der vier Frauen werden in den 1990ern anl\u00e4sslich des Selbstmordes der Vierten wieder zusammengef\u00fchrt, der in einen urs\u00e4chlichen Zusammenhang mit deren gescheiterter Ehe gebracht wird. Das einzige, was die Frauen zu Beginn des Films gemeinsam haben, ist, dass sie von ihren M\u00e4nnern entt\u00e4uscht und verlassen wurden. Mit dem Gef\u00fchl, dass sie den M\u00e4nnern die besten Jahre ihres Lebens geopfert haben und nun alt geworden sind, mit wenig Selbstbewusstsein, aber viel Alkohol und vielen Psychopharmaka taumeln die Frauen von der Psychotherapie zum plastischen Chirurgen. Das alles hilft letztlich nicht. Es deutet sich erst ein Licht am Ende des Tunnels an, als sie beschlie\u00dfen, sich gemeinsam an ihren M\u00e4nnern zu r\u00e4chen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Frauen r\u00fccken dabei zusammen, aber dass ihr Plan im Grunde letztlich nicht wirklich hilfreich ist, sieht man in der ersten gemeinsamen Gesangsszene. Sie beginnen, <i>You don\u2019t own me<\/i> von Lesley Gore aus dem Jahr 1963 zu singen (56:27), in dem eine nicht k\u00e4ufliche, f\u00fcr einen Mann nicht verf\u00fcgbare, selbstst\u00e4ndige Frau ihre Stimme erhebt. Das Lied setzt aus der m\u00e4nnlichen Perspektive ein mit: \u201eBut I\u2019m Gerald and I can always have just what I want\u201d, was quittiert wird mit der weiblichen Hookline \u201eYou don\u2019t own me, I\u2019m not just one of your many toys\u201d, und der Refrain lautet: \u201eDon\u2019t tell me what to do \/ Don\u2019t tell me what to say \/ Please, when I go out with You \/ Don\u2019t put me on display.\u201d<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die im Lied besungene Schwierigkeit der weiblichen Selbsterm\u00e4chtigung auch angesichts der finanziellen Potenz des Mannes \u2013 es ist im Lied schlie\u00dflich auch die Rede von Besitz \u2013 betrifft die Generation unserer Protagonistinnen \u2013 auch wenn eine der drei Figuren eine bekannte Schauspielerin ist \u2013, denn sie haben sich durchaus in einem Leben mit wohlhabenden M\u00e4nnern eingerichtet, die sie ja nun auch finanziell ruinieren wollen. D.h. sowohl das urspr\u00fcngliche Lebenskonzept als auch die Rache sind \u00f6konomisch fundiert.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Der gemeinsame Gesang funktioniert aber bezeichnenderweise nicht. Annie kann n\u00e4mlich nicht singen und sch\u00e4mt sich. Sie l\u00e4sst sich nur m\u00fchsam zum Gesang \u00fcberreden, singt dann laut und schief mit, w\u00e4hrend die anderen scherzhaft aufh\u00f6ren zu singen, also Annie allein in ihre schrillen T\u00f6ne laufen lassen, was dieser sehr peinlich ist. Am Gesang wird pr\u00e4figuriert, dass die Frauen auch ihre Solidarit\u00e4t in Bezug auf das Racheprojekt aufk\u00fcndigen. Denn kurz darauf haben sie einen heftigen Streit, bei dem sie sich sehr verletzen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber der Streit hat eine kathartische Funktion, denn er rankt sich darum, dass Alkohol, Lifting, Psychopharmaka, Psychotherapie und nun auch Rache nicht die L\u00f6sung sein k\u00f6nnen, um selbst und f\u00fcr sich selbst ein besseres Leben zu gestalten. Die Rache war schlie\u00dflich nach wie vor \u00f6konomisch motiviert und m\u00e4nnerzentriert, w\u00e4hrend sich ein funktionales weibliches Bonding besser auf Basis anderer Konzepte und Momente einstellt \u2013 nicht gegen M\u00e4nner, sondern f\u00fcr Frauen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne erkennen die Frauen, dass sie ihre Energie auf ihr eigenes Leben richten m\u00fcssen bzw. dass sie, wenn sie die M\u00e4nner schon ausnehmen wollen, dies zum Wohle anderer Frauen tun m\u00fcssen. Und so m\u00f6chten sie von dem ergatterten Geld eine Beratungsstelle f\u00fcr Frauen in Not gr\u00fcnden, die sie nach ihrer verstorbenen Freundin benennen, was impliziert, dass diese Freundin m\u00f6glicherweise nicht Suizid begangen h\u00e4tte, w\u00e4re die weibliche Bindung und Unterst\u00fctzung zur Zeit ihrer Krise st\u00e4rker gewesen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Bauarbeiten am Zentrum werden metadiegetisch begleitet von dem Eurythmic-Song <i>Sisters are doin it for themselves<\/i> aus dem Jahr 1985 (1:24:08), der davon handelt, dass Frauen nicht mehr hinter M\u00e4nnern stehen, sondern selbst Anw\u00e4ltinnen, \u00c4rztinnen und Politikerinnen sein k\u00f6nnen. In den 80ern zeigt sich ein Feminismus, in dessen Rahmen sich Frauen nicht mehr an dem einen Mann abarbeiten, sondern ihr Leben \u2013 vor allem \u00f6konomisch und politisch \u2013 selbst in die Hand nehmen sollen. Die \u00e4ltere Frauengeneration unserer Protagonistinnen lernt in den 90er Jahren offensichtlich nachtr\u00e4glich vom Feminismus der 80er Jahre. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass die Wende der Frauen durch das Lied kommentiert wird, adressiert das Lied Rezipient\/innen einer j\u00fcngeren Generation, die sich qua Alter m\u00f6glicherweise nicht mit den Protagonistinnen identifizieren k\u00f6nnen, und es spricht die sinnliche Wahrnehmung an, weil mitgewippt und innerlich mitgesungen werden kann. Hier wird ein female bond leiblich sp\u00fcrbar, bzw. er \u00fcbertr\u00e4gt sich leiblich auf die Rezeptionssituation.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das Generationenproblem steht im Film ohnehin deutlich im Raum, denn die Frauen f\u00fchlen sich durchaus von j\u00fcngeren Frauen bestohlen, die nun die M\u00e4nner in wohlhabendem Zustand und in den \u201abesten Jahren\u2018 abgreifen, nachdem sie als die ersten Ehefrauen Kinder erzogen und Wohlstand mit aufgebaut haben. Generation scheint zuerst \u00fcber dem Geschlecht zu stehen, was das Bindungs- bzw. auch Abgrenzungspotential betrifft, aber am Ende ist das Band eher ein generationen\u00fcbergreifend weibliches. Eine der beiden jungen neuen Freundinnen der M\u00e4nner, eine Schauspielerin, ist viel zu jung und naiv konstruiert, um ihr niedertr\u00e4chtige oder \u00fcberhaupt kalkulierte Intentionen unterstellen zu k\u00f6nnen, und sie bewundert die \u00e4ltere Schauspielerin Elise, mit deren Mann sie die Liaison hat, \u00fcber alles. Bei Elises Theaterdebut steht sie im Publikum und spendet ihrem weiblichen Vorbild begeistert Beifall. Au\u00dferdem hat Annie eine lesbische, feministische Tochter, die jene gegen den Vater unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Am Ende singen die drei Frauen gemeinsam und ohne Sp\u00e4\u00dfe auf Kosten der anderen <i>You don\u2019t own me<\/i> und tanzen gemeinsam in die Nacht. Die Gleichfarbigkeit der Kleidung indiziert Solidarit\u00e4t und Identifikation, die Unterschiedlichen der Stile der Kleidung zeigt, dass jede Figur nach der Midlife-Crisis ihren eigenen Weg gefunden hat und dass ein Bund nicht bedeutet, dass man seine individuellen Eigenheit aufgeben muss, dass female Bonding keine Uniformierung impliziert.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"You Don&#039;t Own Me - Bette Midler, Goldie Hawn &amp; Diane Keaton\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Q_oFL_b719g?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>Wine Country<\/i> (2019)<\/p>\n<p>Der Film <i>Wine Country<\/i> von Amy Poehler f\u00fchrt eine Gruppe alter Freundinnen anl\u00e4sslich des 50. Geburtstages einer der Frauen zu einer Weinprobe nach Kalifornien. Was die Frauen verbindet, ist, dass sie Frauen sind, was insofern markiert wird, als sich die Geburtstagsfrau f\u00fcr den Ausflug w\u00fcnscht, es m\u00f6ge l\u00e4ssig werden, \u201ejust sit around, talk and drink wine and laugh and \u2026 wear muumuus\u201c (02.:00). Spezifischer eint die Frauen, dass sie in den 1990ern zusammen in einer Pizzeria gejobbt haben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aktuell haben sie aber wenig Kontakt und Gemeinsamkeiten. Wir haben hier wieder die Konstellation, dass sich Frauen, die sich eigentlich m\u00f6gen und eine Bedeutung in der Biografie der anderen haben, auseinanderentwickelt haben und sie anl\u00e4sslich ihres Wiedersehens in ihren Midlife Crisis divergierende Lebenskonzepte aushandeln m\u00fcssen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das geschieht im Wine Country bei schlechtem Internetempfang, d.h. der Prozess wird dem Alltag und auch der Zivilisation enthoben. Der Ausnahmezustand wird besonders dadurch unterstrichen, dass die Figuren kaum eine Minute n\u00fcchtern sind, sondern betrunken und bekifft, und sie denken dar\u00fcber nach, MDMA zu konsumieren, weil es eine besondere Erfahrung der Verbundenheit erm\u00f6gliche (24:03). Kontrollverlust, Vertrauen und Vergemeinschaftung im Rausch bilden wiederum karnevaleske Momente.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Hinzu kommt K\u00f6rperlichkeit: Z.B. r\u00fclpsen und flatulieren die Frauen voreinander (18:00f). Au\u00dferdem kommt es zu sexuellen Handlungen, indem der einzige Mann, der dazu zur Verf\u00fcgung steht, n\u00e4mlich der Hausangestellte der Ferienwohnung, von zwei der Frauen geteilt wird \u2013 nacheinander. Sie verschw\u00e4gern sich also \u00fcber den K\u00f6rper dieses Mannes, den sie mit der Aussage objektivieren, er sei ja quasi mitgemietet. Au\u00dferdem schenken sich die Frauen gegenseitig Vibratoren, was nicht in allen Filmen, aber im Kontext dieses Filmes leicht andeutet, dass ein Leben ohne M\u00e4nner m\u00f6glich sei.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Im Karnevalesken oder \u00fcber das Karnevaleske stellen sich Momenten der Parrhesia ein. Die Vermieterin des Ferienhauses weist zu Beginn in die Benutzung ein und vers\u00e4umt es nicht, auf die sozialen Komplikationen hinzuweisen, die sich einstellen, wenn sich Frauen einen solchen Ort teilen. Sie warnt, dass sich Frauengruppen entweder streiten oder heulen. Au\u00dferdem mahnt sie, man m\u00f6ge daran denken, dass im Rausch die Wahrheit gesagt werde (10:00f), und tats\u00e4chlich kommt es zu einigen sehr ehrlichen Aussagen auf dem Trip.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Als z.B. eine Figur zur anderen sagt, sie m\u00f6ge doch loslassen, weil sich schon alle von selbst f\u00fcge, beginnt jene eine Tirade: dass sich nichts f\u00fcge, dass die Ehen und Beziehungen der anderen Frauen kaputt seien, dass diese ihre Midlife-Crisis und Neurosen nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen und dass ihre eigene Karriere in Tr\u00fcmmern liege. Insgesamt kristallisiert sich im Film vor allem raus, dass der Ehemann der Geburtstagsfrau eigentlich \u201aschei\u00dfe\u2018 sei. Deutlich werden die Probleme der Frauen auch in einer Szene, in der sie sich offen aufz\u00e4hlen, welche Psychopharmaka sie nehmen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Der Film best\u00e4tigt die Annahme der Vermieterin, aber nicht um selbst ein Klischee \u00fcber streitende, heulende Frauen zu platzieren, sondern um zu zeigen, dass es absolut richtig ist, sich hin und wieder zu treffen, um sich emotional aus- und gehen zu lassen. Und das alles findet ganz explizit unter Ausschluss von M\u00e4nnern und in Absetzung von M\u00e4nnern statt. Von einem Mann, einem Arzt, grenzen sich die Frauen ganz drastisch ab. Als er ihnen hinsichtlich einer medizinischen Diagnose widerspricht, gehen sie ihn an, er menstruiere wohl. Das wirkt \u00fcberreaktiv, ist es aber nicht, wenn man es als Inversion g\u00e4ngiger intergeschlechtlicher Kommunikationsmuster betrachtet und man sich anschaut, wie sich m\u00e4nnliche Figuren \u2013 nicht nur \u2013 in den 1950er Jahren gegen\u00fcber Frauen verhalten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Musik spielt in dem Film eine sehr gro\u00dfe Rolle, und zwar auch der gemeinsame Gesang der Frauen. So gibt es eine Szene, in der ein Satz einer Figur von einer anderen singend wiederholt wird, woraufhin ihn alle reihum nachsingen und in einen Chor einstimmen. Der Satz ist eine Frage und lautet: \u201eReady for some feedback?\u201c Die Antwort besteht im Gesang, weil jeder Gesangseinsatz ein Feedback auf die vorherige Figur darstellt, was der wechselseitigen Best\u00e4tigung der Gemeinschaft dient (15:00).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Figuren singen au\u00dferdem mehrmals das Lied, dass sie als Kellnerinnen f\u00fcr die G\u00e4ste hatten singen m\u00fcssen, wenn diese Geburtstag hatten (16:58). Im Restaurant sitzend erl\u00e4utern sie nun ihrer Kellnerin den Ursprung des Liedes. Im Medium des Liedes erinnern sie sich an ihre gemeinsame Vergangenheit. Und dass sie den Ursprung des Liedes der Kellnerin erkl\u00e4ren, dient noch mal der \u00dcberexplikation der Funktion des Liedes f\u00fcr Rezipient\/innen, weil wir weder das fiktionale Lied kennen noch an der vergangenen Szene teilgenommen haben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Was wir aber kennen, ist <i>Eternal Flame<\/i> von der Band The Bangles von 1989 (22:40), das die Figuren mehrmals anstimmen. Die Bangles waren eine reine Frauenband mit einem gewissen feministischen Touch. Das Lied ist ein gew\u00f6hnliches Liebeslied, aber als eine der Frauen es im sturzbetrunkenen Zustand \u2013 betrunken sind sie ja immer \u2013 f\u00fcr eine andere singt (56:40), \u00fcbertr\u00e4gt sie ein Ewigkeitsversprechen aus einem romantischen Diskurs auf die Freundschaft.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In einer Szene wird eine Playlist mit Classic Rock abgespielt \u2013 ausdr\u00fccklich nichts Aktuelles (25:45). Und dann gibt es auch noch eine Musikszene in einem Kleinbus (44:16): Kim Wildes <i>Kid in America<\/i> aus dem Jahr 1981 ist \u2013 wiederum von einer Playlist \u2013 zu h\u00f6ren. Die Frauen befinden sich in einem ausgelassenen Zustand, tanzen im Sitzen und singen mit. Der Hausangestellte und Fahrer ist sehr beflissen, die Aufmerksamkeit der Frauen auf seine Weinunterweisung zu lenken, aber der Akt des Mansplaining kommt insofern kaum zur Geltung, als die Frauen ihn geringsch\u00e4tzig zum Schweigen bringen und er sich gutm\u00fctig in die Gesangssituation f\u00fcgt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es geht im Film aber ebenfalls um die Differenzierung von Frauen in verschiedene Generationen. <i>Kids in<\/i> <i>America<\/i> d\u00fcrfte ebenso wie <i>Eternal Flame<\/i> sowie die Playlist vor allem Zuschauer\/innen ansprechen, die vor 1979 geboren wurden. Diese kennen Flow und Text des Liedes und k\u00f6nnen gespannt auf die Hookline warten und dann zumindest innerlich mitsingen. Das Lied f\u00fchrt diese Generation sinnlich in die Zeit zur\u00fcck, in der man seine Jugend und besten Freundschaften erlebt hat. Auch wenn man sich als Rezipient\/in in einer anderen ontischen Dimension befindet als der Film, n\u00e4mlich in der Realit\u00e4t, teilt man mit dem Film und den Figuren das deiktische Zentrum, weil man mit dem Film aus den mittleren Lebensjahren auf die eigene Jugend zur\u00fcck blickt. Das verbindet eine bestimmte Rezipient\/innengruppe ganz unmittelbar emotional.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Freilich sind<i> Kids in America<\/i> und <i>Eternal Flame<\/i> Evergreens, ebenso wie die Frauen anl\u00e4sslich des Geburtstags erfahren d\u00fcrfen, dass sie <i>evergreen<\/i> sind, aber insgesamt exkludiert der Film nicht nur durch das Alter der Protagonistinnen, sondern auch die Wahl der Musik Personen unter 40 Jahren, was in der Handlung gespiegelt wird, als die Frauen in einem Streit mit einer j\u00fcngeren Frauengruppe eine Einheit bilden und zusammenhalten. Hierbei wird explizit verhandelt, dass sich die Generationen unter anderem deshalb nicht verstehen, also nicht auf einem Common Ground bewegen, weil sie nicht mehr die gleichen Medien und Stars kennen, also verschiedene Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit haben. Die Frage lautet: Wer kennt Fran Drescher? Und wer jetzt beim Lesen nicht nachschauen muss, ist vermutlich zwischen 1970 und 1986 geboren, also im Alter der j\u00fcngeren Frauengruppe.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Mit <i>Kids in America<\/i> wird ein internationaler Hit der Engl\u00e4nderin Kim Wilde eingebracht. Dieser bezieht sich aber w\u00f6rtlich auf das Wir als Jugendgeneration der 80er Jahre in den USA, was f\u00fcr ein amerikanisches Publikum nicht eigens reflektiert werden muss, weil es nicht sonderlich auffallen d\u00fcrfte. Sogar f\u00fcr Europ\u00e4er\/innen ist es nicht befremdlich, in das Lied einzustimmen und sich gemeint zu f\u00fchlen, wenn eine Generation von \u201eNew York to East California\u201c besungen wird, weil man sich in Europa \u2013 nicht nur \u2013 musikalisch auf einem amerikanisch gepr\u00e4gten Common Ground bewegen. Das ist aber eigentlich ziemlich voraussetzungsreich und impliziert einen historischen politischen und \u00f6konomischen Bund, der im Jahr 2019 nicht mehr so selbstverst\u00e4ndlich oder intakt ist wie in den 80er Jahren, also zur Zeit des Kalten Krieges, als es aus einer westdeutschen Sicht nur zwei Bl\u00f6cke gab, und Westdeutsche jedenfalls nicht zum sowjetischen geh\u00f6rten. \u2013 Nun w\u00e4re es interessant, eine ostdeutsche Perspektive auf das Lied hinzuzuf\u00fcgen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Aggressive Tendenzen<br \/>\n<i>Sex and the City 2<\/i> (2010)<\/p>\n<p>In zweiten <i>Sex and the City<\/i>-Kinofilm reisen die vier Freundinnen in den Nahen Osten nach Abu Dhabi. In dem Film geht es nat\u00fcrlich um die Verbindung der Frauen, die nun \u2013 bis auf Samantha, die das nie gewollt hatte \u2013 alle feste Partner haben, nachdem die Serie und auch noch der erste Kinofilm von der Suche nach dem richtigen Mann gepr\u00e4gt war. Die Freundinnen sind also in gewisser Weise angekommen, und ihre Krisen im Sinne des Sichabarbeites an M\u00e4nnern halten sich in Grenzen. D.h. den Nahen Osten betreten sie bezeichnenderweise in einer recht souver\u00e4nen Verfassung.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Im Luxushotel nehmen die Frauen \u00fcberm\u00fctig an einer Karaoke-Show teil und suchen sich das Lied <i>I am Woman<\/i> von den Australier\/innen Helen Reddy und Ray Burton aus dem Jahr 1971 aus, das auch auf dem Soundtrack zum Film zu h\u00f6ren ist. Folgende Szene auf Youtube ist etwas zu kurz geraten, um die Einbettung des Liedes zu zeigen:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Sex And The City 2 - Girls Singing &#039;I Am Woman&#039;.\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ZBkoJLclZkk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Die Musikszene wird davon eingeleitet, dass sich die Amerikanerinnen erst \u00fcber arabische Kleidervorschriften f\u00fcr Frauen unterhalten. Anschlie\u00dfend bem\u00fcht sich Miranda, arabisch zu sprechen, und wird vom Kellner verbessert, als w\u00fcrde er diesen Versuch nicht zu w\u00fcrdigen wissen. Die Amerikanerin wird als die Gutwillige inszeniert, die sich in fremden Sprachen versucht; der Kellner als jemand, der dies nicht annehmen m\u00f6chte und besserwisserisch auf der korrekten arabischen Aussprache insistiert. Zudem wird ein arabischer Mann, der sich vor den Freundinnen an Karaoke versucht, einem Othering unterzogen, das nicht seinem m\u00e4nnlichen Geschlecht gilt, sondern seiner arabischen Sprache, die unversch\u00e4mt unpassend und unangenehm inszeniert wird. Dagegen spielt der Brite Max Ryan einen Mann, der Samatha in ihrer starken Verfassung \u2013 sexuell \u2013 attraktiv findet, d.h. ein Gesch\u00e4ft w\u00fcrde er mit ihr vielleicht auch nicht abwickeln.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das Lied thematisiert weibliche St\u00e4rke, die durchaus aus unguten Erfahrungen geboren wurde. Hinter diese St\u00e4rke will man nicht mehr zur\u00fcck fallen. \u201eAnd I know too much to go back an&#8216; pretend \/ \u2019Cause I\u2019ve heard it all before \/ And I\u2019ve been down there on the floor \/ No one\u2019s ever gonna keep me down again [\u2026] I am strong \/ I am invincible \/ I am woman.\u201d Man kann das Lied als pers\u00f6nliche Selbsterm\u00e4chtigung gegen\u00fcber m\u00e4nnlicher Unterdr\u00fcckung in einem individuellen Sinn betrachten, aber letztlich ist der Einsatz ein politischer. \u201eNumbers too big to ignore\u201c kann man sogar im engeren Sinne als Verweis auf die Frauenbewegung in den 50er und 60er Jahren verstehen.<\/p>\n<p>Wenn amerikanische Frauenfiguren im Nahen Osten auf eine B\u00fchne springen, um auch vor Einheimischen dieses Lied zu performen, sieht das aus amerikanischer Sicht oder vielmehr aus Sicht des Films, die nat\u00fcrlich nicht zwingend pauschal amerikanisch ist, wie Aufkl\u00e4rungs- oder Entwicklungsarbeit aus, und sehr unterschiedliche Frauentypen im Publikum werden ja auch so gezeigt, als w\u00fcrden sie geradezu befreit von dem Lied, und stimmen mit ein.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Figuren werden au\u00dferdem zuerst als Frauen aus Amerika und dann als \u201eAmerica\u201c angek\u00fcndigt, d.h. sie sind weniger als Frauen denn als Repr\u00e4sentantinnen ihres Landes konstruiert, wobei fraglich ist, wer diese Perspektive eigentlich einnimmt, der arabische Moderator oder der amerikanische Film. Aber insgesamt gilt im Sinne des Films: Female bonding funktioniert \u00fcber Kulturgrenzen hinweg; es kann st\u00e4rker sein als kulturelle Zugeh\u00f6rigkeit.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es handelt sich aber schon um einen Akt der Provokation oder Aggression, wenn amerikanische Frauen als G\u00e4ste im Nahen Osten die dortigen Kleidervorschriften kennend und sie ignorierend eher leicht bekleidet auf die B\u00fchne springen. Auch wenn die g\u00e4ngige Rechtsprechung in Bezug auf Frauen in Abu Dhabi auch aus europ\u00e4ischer Sicht kaum zu verteidigen ist, zeigt <i>Sex and the City 2<\/i>, dass Feminismus als Mittel in einem Kulturkampf eingesetzt werden kann, in dem es um Frauen letztlich nicht geht, sondern vielleicht eher um amerikanische Hegemonie, ebenso wie Feminismus auch aktuell in Deutschland von Einwanderungsgegner\/innen nicht vertreten, sondern lediglich instrumentalisiert wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Samantha tr\u00e4gt in der Karaoke-Szene ein Kleid des Fashion-Labels The Blonds, das mit der \u00dcbertreibung des Schulterpolsters als 80er Jahre-Reminiszenz zur Maskulinisierung beitr\u00e4gt und in der Mode ein feministisches Statement darstellt, und das durch die Spitzen eine martialische Note erh\u00e4lt. Der Look ist milit\u00e4risch gepr\u00e4gt nicht nur durch Schulterpolster und vor allem Schulterabzeichen, sondern durch die Schlaufe auf dem Oberteil. Das Rot ist nat\u00fcrlich ohnehin aggressiv. Au\u00dferdem ist das Kleid nicht knielang, was eigentlich nicht erlaubt ist. Es scheint im Sinne des Filmes fast so, als sei die wichtigste Errungenschaft des Feminismus die, dass man Haut zeigen darf.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>D.h. auf einer Ebene haben die Frauen ganz einfach Spa\u00df am Singen und dr\u00fccken ihre gute Laune und Freundschaft im Gesang aus, auf einer n\u00e4chsten Ebene platzieren sie ein feministisches Statement, das nat\u00fcrlich nicht falsch ist, und auf einer weiteren vertreten sie \u2013 in der Fiktion wenig reflektiert oder hinterfragt \u2013 die Interessen ihres Landes, wie S\u00e4nger und S\u00e4ngerinnen auch die Truppen begleitet haben. In jedem Fall passt die Szene zu der insgesamt sehr pro-amerikanischen und eher anti-europ\u00e4ischen und anti-russischen Haltung, die in der Serie schon um 2002\/2003, also zur Zeit des Einmarschs in den Irak, ziemlich stark zum Ausdruck gekommen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>The Sweetest Thing<\/i> (2002)<\/p>\n<p>Nicht pop-kulturell codiert ist der Gesangseinsatz der weiblichen Figuren in <i>The Sweetest Thing<\/i> (<i>Supers\u00fc\u00df und Supersexy<\/i>) von Roger Kumble u.a. mit Cameron Diaz und Christina Applegate in zwei der Hauptrollen, weil die Freundinnen hier ein eigenes Lied vortragen. Es geht im Film um Frauenfreundschaften, Beziehungen, Aff\u00e4ren und das Aufbrechen von gewohnten Verhaltensmustern, also auch um eine Krise im Sinne einer Ver\u00e4nderungssituation.<\/p>\n<p>Musik und Sexualit\u00e4t oder K\u00f6rperlichkeit spielen eine gro\u00dfe Rolle in dem Film. Die drei Frauen haben einen sehr intimen Umgang miteinander. Sie sehen sich mit Pickeln und Gesichtsmaske; auf einer Toilette betasten fremde Frauen nach Bitte um Erlaubnis die Silikonbr\u00fcste einer der Freundinnen usw. Die Frauen nehmen ihre K\u00f6rper wechselseitig in einer demaskierten, desillusionierten, \u201aauthentischen\u2018 und \u201aechten\u2018 Verfassung wahr, w\u00e4hrend sie vor M\u00e4nnern Rollen spielen und gro\u00dfe Probleme damit haben, dies in Anwesenheit von M\u00e4nnern zu durchbrechen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dies tut dann aber der Film: Insgesamt demontiert der Film dieses M\u00e4nnern geltende weibliche Rollenspiel, indem es als Performance durchschaubar wird. In einer Szene sucht eine der Frauen etwas im Fu\u00dfraum der Fahrerseite, w\u00e4hrend die andere f\u00e4hrt. Ein Motorradfahrer bildet sich ein, die beiden Frauen beim Oralverkehr zu sehen. Die fahrende Frau sieht ihn, erkennt seine Gedanken und best\u00e4tigt sie, indem sie \u00fcbertrieben sexuelle Erregung vort\u00e4uscht. Der Motorradfahrer f\u00e4hrt gegen ein Hindernis. Der Mann wird samt seiner Phantasie der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben, w\u00e4hrend das Schauspiel der weiblichen Figur als Schauspiel vorgef\u00fchrt wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Damit soll nicht nur eine M\u00e4nnerphantasie enth\u00fcllt werden, sondern auch der Gedanke, dass Frauen sich m\u00f6glicherweise nicht authentisch verhalten, wenn sie dieser entsprechen, M\u00e4nner aber am Ende die Dummen darstellen, weil sie gutgl\u00e4ubige Objekte des Schauspiels, also manipulierbar sind. Die Subjekt-Objekt-Relation zwischen Mann und Frau dreht sich hier im Kreis. Am Ende d\u00fcrfte der Film aber bei M\u00e4nnern Unbehagen erzeugen, weil sie sich als Opfer ihrer eigenen M\u00e4nnlichkeits- und Weiblichkeitsphantasien betrachten m\u00fcssen, die von Frauen gegen sie instrumentalisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nun beinhaltet der Film Musiksequenzen auf verschiedenen Ebenen. Um ber\u00fchmte Filmrollen und weibliche Ikonen geht es z.B. bei einer Kleideranprobe, bei der die Musik zwar metadiegetisch aus dem Off kommt, die Frauen aber tanzen und singen. Und die meisten Filme, auf die mit der Verkleidung angespielt wird, sind i.w.S. Musikfilme. Wie sehen Sandy aus <i>Grease<\/i>, Alex aus <i>Flashdance<\/i> und viele mehr (42:04).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zu einer Gesangseinlage der Frauen kommt es, nachdem eine der Frauen von den anderen nach einer Nacht mit einem Mann \u00fcber Details ausgefragt wird. Interessant an dieser Szene ist, dass sie f\u00fcr die Amazon-Prime-Version rausgeschnitten wurde und sie nur noch auf YouTube zu sehen ist. Man k\u00f6nnte nun lange dar\u00fcber nachdenken, warum man die Szene dem Amazon-Publikum vorenthalten m\u00f6chte. Die Szene ist eher \u00fcberdreht bzw. die Schauspielerinnen \u00fcber-spielen, selbst gemessen daran, dass sie eine satirische \u00dcbertreibung ausagieren sollen. D.h. hier ist kein Highlight der Filmgeschichte geopfert worden, aber vermutlich fehlt die Szene auch, weil man sie M\u00e4nnern \u2013 unter 18<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> \u2013 nicht zumuten wollte. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"THE SWEETEST THING   You&#039;re too big to fit in here\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/CdERHg8hzak?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Im Grunde verr\u00e4t die Frau den Mann, mit dem sie sich zwar auf einer k\u00f6rperlichen Ebene verbunden hat, der aber nicht ihr Feedback oder ihre Innensicht erh\u00e4lt, weil sie sich verbal mit ihren Freundinnen verbindet. Die Solidarit\u00e4t besteht hier zwischen den Frauen, w\u00e4hrend der Mann ausgeschlossen ist, als es um seine Penisgr\u00f6\u00dfe geht. Innerhalb der Fiktion \u2013 wobei die Szene durchaus aus der Fiktion herausspringt \u2013 machen sich die Frauen \u00fcber den Mann oder alle M\u00e4nner lustig, aber nicht \u00fcber ein zu kleines Geschlechtsteil, sondern dar\u00fcber, dass M\u00e4nnern die Gr\u00f6\u00dfe angeblich wichtig ist und sie in dieser Hinsicht weibliche Best\u00e4tigung brauchen. Mit der Performance machen sich die Frauen zum Schaust\u00fcck weiblicher Devotion, die nat\u00fcrlich damit drastisch dekonstruiert und in die Richtung gewendet wird, dass die Frauen letztlich nicht devot das Geschlechtsteil ihres Gegen\u00fcbers anschw\u00e4rmen, sondern als blickende und urteilende Subjekte einen female gaze auf eine verletzliche M\u00e4nnlichkeit werfen, die hier objektiviert wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Metafiktional adressieren die Frauen m\u00e4nnliche Rezipienten, denen sie eine Kostprobe weiblicher Schauspielkunst geben, also zeigen, dass sie l\u00fcgen oder zumindest m\u00e4nnliche Erwartungen formelhaft best\u00e4tigen, wenn es um die f\u00fcr M\u00e4nner als existentiell ausgewiesene Frage der Penisgr\u00f6\u00dfe oder \u00fcberhaupt ihrer M\u00e4nnlichkeit geht. Die Szene sagt: \u201aWir w\u00fcrden auch sagen, dass dein Penis gro\u00df ist, wenn er in Wirklichkeit klein ist.\u2018 Und: \u201aWir finden es albern, dass Du es offenbar n\u00f6tig hast, dass wir das sagen.\u2018 Hier verb\u00fcnden sich Frauen im Lied gegen M\u00e4nner und m\u00e4nnliche Selbstbilder, denn gegen\u00fcber Frauen artikuliert die Szene: \u201aWir verf\u00fcgen \u00fcber gemeinsames Wissen, wie man mit M\u00e4nnern umgeht. Und wir verhalten uns zueinander loyaler und intimer als gegen\u00fcber M\u00e4nnern.\u2018<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Schluss<span class=\"Apple-converted-space\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Einige Motivverschr\u00e4nkungen fallen in den diskutierten Filmen auf, so z.B. dass Lieder sehr h\u00e4ufig im Auto geh\u00f6rt werden oder dass gemeinsam im Auto gesungen wird. Damit wird ein amerikanischer Topos f\u00fcr Freiheit zusammen mit der Musik aufgerufen. Au\u00dferdem stehen Fahrt oder Auto nicht selten f\u00fcr den Lebensweg, der in einigen der Filme reflektiert wird. Das kathartische Potential von Gesang und Tanz wird aber auch unabh\u00e4ngig vom Auto deutlich.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Man muss nicht zwingend vom Karnevalesken sprechen, wenn man das rekurrente Merkmalb\u00fcndel zahlreicher dieser Filme benennen m\u00f6chte; man k\u00f6nnte etwa auch das Dionysische im Sinne Nietzsches in Anschlag bringen, das das <i>principium individuationis<\/i> \u00fcberwindet. Insgesamt ist bei der \u00dcbertragung von Konzepten auf andere Kontexte Vorsicht angebracht. Dennoch passt es, Michail Bachtins \u00dcberlegungen zum Karnevalesken auf die Krisen-, Ausnahme-, \u00dcbergangs-, Selbstvergewisserungs- und Wahrhaftigkeitsmomente der Filme bzw. der Figuren in den Filmen anzulegen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eDer K\u00f6rper ist noch nicht individualisiert und von der restlichen Welt noch nicht getrennt. Tr\u00e4ger des materiell-leiblichen Prinzips ist weder eine selbstst\u00e4ndige biologische Person noch das b\u00fcrgerliche egoistische Individuum, sondern das Volk [\u2026]. Daher ist hier alles K\u00f6rperliche so grandios, hyperbolisiert und ma\u00dflos. Die \u00dcbertreibung hat positiven, best\u00e4tigenden Charakter. Leitthema in all diesen Motiven des materiell-leiblichen Lebens ist Fruchtbarkeit, Wachstum, grenzenloser \u00dcberflu\u00df.\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In den meisten der Filme werden kollektiv Drogen konsumiert, und zwar mit der Intention, dass sich die Au\u00dfengrenzen der Figuren aufl\u00f6sen sollen, sie Masken, Schleier oder Panzer fallen lassen, um sich auf die Aspekte zu konzentrieren, die sie gemeinsam haben. Da die Drogen zu Erbrechen, R\u00fclpsen und Flatulenz f\u00fchren, wird der K\u00f6rper in seiner unmittelbaren K\u00f6rperlichkeit gezeigt. Indem Fl\u00fcssiges oder Gasf\u00f6rmiges abgesondert wird, scheint sich der K\u00f6rper aufzul\u00f6sen, was \u00fcbrigens auch durch Urinieren, Durchfall und Weinen der Fall ist. Die Frauen ber\u00fchren sich au\u00dferdem, sehen sich in Unterw\u00e4sche, ungeschminkt usw. usf. Sexualit\u00e4t spielt in fast allen Filmen eine wichtige Rolle in dem Sinne, dass sie positiv bewertet wird, weil die Frauen souver\u00e4n dar\u00fcber verf\u00fcgen. Das Singen f\u00fcgt sich sehr stimmig in diese Momente. Die Frauen verschmelzen im gemeinsamen Gesang sinnlich, also quasi-k\u00f6rperlich, weil sich ihre Stimmen verbinden. Der Gesang korrespondiert mit der Struktur des Fl\u00fcssigen der anderen karnevalesken Momente.<\/p>\n<p>Die karnevalesken Aspekte entsprechen durchaus den traditionellen Zuschreibungen zu Weiblichkeit und weiblichem Gesang, die zu Beginn zitiert wurden und die oft auch negativ konnotiert sind oder die sich zumindest in einem logozentrischen Diskurs leicht marginalisieren lassen, also Nat\u00fcrlichkeit, Emotionalit\u00e4t, Sinnlichkeit, Fl\u00fcssiges, aber in vielen der Filme kommt es zu einer Aufwertung dieser Aspekte. Sie sind ein Quell der St\u00e4rke, indem sie mit einer organischen Gemeinschaft einher gehen. Das Karnevaleske hat au\u00dferdem die Funktion, die Wahrheit zum Ausdruck kommen zu lassen:<\/p>\n<p>\u201eDer Karneval [\u2026] befreite von der Macht der offiziellen Weltanschauung, erlaubte, die Welt auf seine Art zu sehen: ohne Angst und Andacht, sehr kritisch, aber positiv und ohne Nihilismus, denn er erschlo\u00df das reiche materielle Prinzip der Welt, das Werden und den Wechsel, die Un\u00fcberwindlichkeit des Volkes.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eDie Maske ist verkn\u00fcpft an die Freude an Wechsel und Umgestaltung, mit der heiteren Relativit\u00e4t, auch mit heiterer Verneinung von Konformit\u00e4t, Eindeutigkeit und der stumpfsinnigen Identit\u00e4t mit sich selbst.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In der tempor\u00e4r begrenzten Inversion der Ordnung im Karneval kommt den \u00fcblicherweise ausgeschlossenen oder abgedr\u00e4ngten Narren, Schelmen und T\u00f6lpeln das Privileg zu, integraler Bestandteil eines gesellschaftlichen Rituals zu sein. In diesem Rahmen der verkehrten Welt darf dann \u2013 zumindest f\u00fcr einen begrenzten Zeitraum \u2013 ungestraft die Wahrheit gesagt, ein satirischer Spiegel vorgehalten werden, und zwar vor der B\u00fchne der \u00d6ffentlichkeit. Krisen- und \u00dcbergangszeiten werden zu Zeiten der Wahrheit, in denen diese Wahrheit nicht nur erfahren, sondern auch subversiv verk\u00fcndet wird. Das ist nat\u00fcrlich bedrohlich f\u00fcr eine bestehende Ordnung. \u2013 Wobei es \u00fcbertreiben w\u00e4re, die weiblichen Figuren als ebenso marginalisiert zu betrachten wie die fr\u00fchneuzeitlichen T\u00f6lpel etc.<\/p>\n<p>Diese Form der Selbsterm\u00e4chtigung wird positiv dargestellt, aber der ein oder andere Gesangseinsatz weist auch aggressive Z\u00fcge auf \u2013 gegen\u00fcber dem anderen Geschlecht, der anderen Generation, der anderen Kultur usw. Das, was \u201aunser\u2018 Lied ist, ist eben nicht das Lied der anderen und kann auf die eine oder andere Weise auch gegen sie eingesetzt werden. Female Bonding im Medium des Singens oder des Liedes zeigt, wie Frauen sich auf das eigene Geschlecht beziehen, was ein wichtiges Anliegen bestimmter feministischer Diskurse ist, und die Filme liefern attraktive \u00f6ffentliche weibliche Rollenvorbilder f\u00fcr Frauen und Frauenfreundschaften. Die Filme inszenieren teilweise aber auch eine Exklusivit\u00e4t, die nicht unbedingt zur Dekonstruktion von Geschlechtsrollenstereotypen oder Geschlechtersegregation beitr\u00e4gt. Female Bonding gut (!), aber es w\u00e4re zu \u00fcberlegen, wie man das exkludierende Moment herunterregulieren oder \u00fcberhaupt biologistisch-essentialistische Kategorien demontieren k\u00f6nnte, sind ja nicht alle Menschen mit Penis gleich, und dazwischen gibt es auch noch Lebensformen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber die performativ verbindende Dimension von Gesang und Tanz erinnert vielleicht gerade daran, dass das Geschlecht eine weniger essentielle Kategorie ist als \u00fcblicherweise angenommen wird \u2013 und zwar sowohl seitens Vertreter des Patriarchats als auch bestimmter feministischer Str\u00f6mungen \u2013, denn w\u00e4ren alle Frauen gleich oder qua Geschlecht ohnehin verbunden, bed\u00fcrfte es keiner Bonding-Rituale. Schlie\u00dflich zeigen alle Filme, dass auch Frauen nicht alle gleich sind, sondern sich \u00fcberhaupt erst zu der Gemeinschaft zusammenraufen m\u00fcssen, die in einem patriarchalischen System zun\u00e4chst einmal von au\u00dfen projiziert wird, ohne dass sie apriori besteht, dass sie also das \u00fcbliche Othering in etwas Positives verkehren k\u00f6nnen, wenn dieses sich schon nicht aufl\u00f6sen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Interessant ist au\u00dferdem die Verschr\u00e4nkung von Krise und Freundschaft in den diskutierten Filmen. Abgesehen von dem Mutter-Tochter-Bonding geht es schlie\u00dflich immer um letztere, und neben den pers\u00f6nlichen Selbstvergewisserungsprozessen sind es ja oftmals diese Freundschaft, die auf der Kippe stehen. Man beginnt einen neuen Lebensabschnitt, zieht um, ist umgezogen, in verschiedene Berufe eingetreten, hat oder wird verschiedene M\u00e4nner heiraten. Es werden Verlustgeschichten erz\u00e4hlt, was sich auch dadurch zeigt, dass die Freundschaften \u2013 unabh\u00e4ngig vom Geschlecht \u2013 durch das Beschw\u00f6ren einer gemeinsamen Vergangenheit bestehen und am Leben gehalten werden \u2013 durch das mythische Narrativ.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auch eine Mutter-Tochter-Verbindung kann und muss zwar ausgestaltet werden, ist aber nicht davon abh\u00e4ngig, dass man sie performativ herstellt, weil sie biologisch ohnehin besteht. Eine Ehe kann und muss zwar ausgestaltet werden, ist aber davon nicht abh\u00e4ngig, weil sie als solche de jure ohnehin besteht \u2013 solange sie besteht. Auch sexuelle Beziehungen \u2013 abgesehen von der juristisch verankerten Ehe \u2013 bestehen nicht ausschlie\u00dflich, weil man sie im Vollzug lebt. Es gibt relativ klare kommunikative Regeln f\u00fcr Paarbeziehungen. \u00dcblicherweise erf\u00e4hrt es der\/die Partner\/in, wenn man sich trennt. Man muss es sagen. Alles andere verst\u00f6\u00dft gegen Anstandsregeln.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Freundschaften haben noch nicht einmal die Begrenzungen, dass man sie mit einem Satz beginnt oder beendet. \u201aWir sind jetzt Freunde.\u2018 \u201aWir sind keine Freund mehr.\u2018 Man kann diese S\u00e4tze \u00e4u\u00dfern, aber das d\u00fcrfte der seltenere Fall sein. Zumeist ist man ganz einfach befreundet und h\u00e4lt diesen Zustand aufrecht, oder die Freundschaft l\u00e4uft aus. Die Freundschaft muss performativ hergestellt und am Laufen gehalten werden. Sonst existiert sie nicht. Deshalb ist sie so krisenanf\u00e4llig und deshalb bedarf sie verschiedener Bonding-Rituale. Und Gesang und Tanz verbinden \u2013 in den Filmen. Da sie dies aber bezeichnenderweise nicht nur auf eine allgemeine kognitive Weise tun, sondern \u00fcber die leiblich-sinnliche Dimension haben Gesang und Tanz eine quasi-sexuelle verbindende Funktion.<\/p>\n<p>Female Bonding ist grunds\u00e4tzlich in einem Zwischenreich zwischen biologischen Verbindungen und (pop-)kulturellen Stilgemeinschaften angesiedelt. Eigentlich gibt es kein biologisches Band. Daher k\u00f6nnen z.B. Gesang und Tanz spezifischer oder sp\u00fcrbarer verbinden als das Frausein. Dennoch gibt es bei Frauen ein biologisches Merkmal, das in den meisten Kulturen zur Klassifikation herangezogen wird. Daher binden Gesang und Tanz Frauen weniger oder auf eine andere Weise als z.B. Punks oder Gothics, die ihre Kleidung vielleicht nicht ausziehen wollen, es aber k\u00f6nnen, w\u00e4hrend das biologische Geschlecht in der Au\u00dfenwahrnehmung nicht abgestreift werden kann wie ein (pop-)kulturelles Versatzst\u00fcck.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Klaus Kanzog: \u201aWir machen Musik, da geht euch der Hut hoch.\u2018 In: Michael Schaudig (Hg.): Positionen deutscher Filmgeschichte. M\u00fcnchen 1996; Malte Hagener, Jens Hans (Hg.): Als die Filme singen lernten. Innovation und Tradition im Musikfilm. 1928-1938. M\u00fcnchen 1999; Michael Wedel: Der deutsche Musikfilm. Arch\u00e4ologie eines Genres. 1914-1945. M\u00fcnchen 2007; Julia Heimerdinger: Neue Musik im Spielfilm. Saarbr\u00fccken 2007; Dorothee Ott: Shall We Dance and Sing? Zeitgen\u00f6ssische Musical- und Tanzfilme. Konstanz 2008; Marcel G\u00f6ken: Das Filmmusical im 21. Jahrhundert. M\u00fcnster 2015; Thomas Koebner (Hg.): Reclams Sachlexikon des Films. Stuttgart 2011; Saskia Jaszoltowski, Albrecht Riethm\u00fcller: Musik im Film. In: Holger Schramm (Hg.): Handbuch Musik und Medien. Konstanz 2009.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dies schlie\u00dft nicht aus, dass die Musik technisch betrachtet vielleicht auch nicht \u201amitgedreht\u2018 wurde, sondern auf einer eigenen Tonspur in der Postproduction eingespielt wird, aber es geht um die innerdiegetische narrative Verankerung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Michael Tomasello: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Frankfurt\/Main: Suhrkamp 2006; Matthias Bauer: Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit. Medien als Kulturpoetik. Zum Verh\u00e4ltnis von Kulturanthropologie, Semiotik und Medienphilosophie. In: Christoph Ernst, Petra Gropp, Karl Anton Sprengard (Hrsg.): Perspektiven interdisziplin\u00e4rer Medienphilosophie. Bielefeld 2003, S. 94-118; Matthias Bauer: Spiel, Szene, Empathie. Eine Skizze. In: Tatjana Heyde-Zybatow, Ulf Haredarski, (Hrsg.): Sprechen, Denken und Empfinden. Berlin 2013, S. 253-277.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Minsky, Marvin: A Framework for Representing Knowledge. MIT-AI Laboratory Memo 306, June 1974. In: web.media.mit.edu\/~minsky\/papers\/Frames\/frames.html. Zugriff: 15.02.2012; Eco, Umberto: Lector in fabula. Die Mitarbeit der Interpretation in erz\u00e4hlenden Texten. M\u00fcnchen, Wien 1987; vgl. f\u00fcr pr\u00e4zise Angaben zur Literatur: Lickhardt, Maren: Star Trek. Popkultur als Szene gemeinsamer Aufmerksamkeit. 2015. In: http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2015\/01\/03\/star-trekpopkultur-als-szene-gemeinsamer-aufmerksamkeitvon-maren-lickhardt3-1-2015\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Koch-Haag: Die Stimme als B\u00fchne, S. 188.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Donata Koch-Haag: Che Faro Senza Euridice. Die Stimme als B\u00fchne der gender politics im fr\u00fchen deutschen Tonfilm. In: Malte Hagener, Jan Hans (Hg.): Als die Filme singen lernten. Innovation und Tradition im Musikfilm 1928-1938. M\u00fcnchen 1999, S. 181.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Gertrud Koch: Film, Musik, Video. Zu einer Theorie medialer Transgression. In: Frauen und Film 58\/59 (1996), S. 9-12; Maureen Turim: Gesang der Frauen Gesten der Frauen. Musikvideos. In: Frauen und Film; Janina Jentz: Warenfetisch und Spektakel. Oder: Die (wieder)hergestellte Ordnung. In: Hagener\/Hans (Hg.), S. 196.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Gertrud Koch: Film, Musik, Video, S. 9.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Der Film passt deshalb ins vorliegende Korpus, weil die Musik reflexiv diskursiv ausgelastet wird. Sie ist nicht lediglich um ihrer selbst dar bzw. der Film ist nur nebenbei eine Hommage an Dolly Parton. Er folgt im Prinzip einem Coming-of-Age-Schema.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Siehe auch die Netflix-Serie <em>Dolly Parton\u2019s Heartstrings<\/em> (2019), die Jolene narrativ auferstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Dass Willowdean in der Handlung mit ihrem ersten Freund zusammenkommt, stellt ebenfalls nur einen Nebenstrang dar, und der Freund ist ganz en passant der Neue Mann der 2010er Jahre, der sich freundlich, wertsch\u00e4tzend und von alten Konventionen unbeeindruckt verh\u00e4lt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Es k\u00f6nnte um die Altersfreigabe gehen, die f\u00fcr den vorliegenden Kontext aber nicht relevant ist und daher nicht \u00fcberpr\u00fcft wurde.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Michail M. Bachtin: Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur. Hg. v. Renate Lachmann. Frankfurt\/Main 1987, S. 69.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website lickhardt\" href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/germanistik\/mitarbeiter\/lickhardt_maren\/publikationen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Assistenzprofessorin am Institut f\u00fcr Germanistik der Leopold-Franzens-Universit\u00e4t Innsbruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sex and the City 2 (2010), Girl\u2019s Night Out (2017), Dumplin\u2019 (2018), Someone Great (2019), Wine Country (2019) etc.<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[112440,112441,112442,112443,112444,112445,753,112446,112447,112448,112449,112450,112451,1585,112452,112453,112454,2118,112455,112456,2279,112457,112458,112459],"class_list":["post-9732","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-anne-fletcher","tag-bridesmaid","tag-coming-of-age","tag-dude","tag-dumplin","tag-female-bonding","tag-film","tag-flashdance","tag-girls-night-out","tag-grease","tag-junggesellinnenabschiede","tag-karaoke","tag-midlife-crisis","tag-musik","tag-musikfilme","tag-mutter-tochter-bonding","tag-paul-feig","tag-sex-and-the-city","tag-someone-great","tag-stepmom","tag-tanz","tag-the-first-wives-club","tag-the-sweetest-thing","tag-wine-country"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9732","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9732"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9732\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9732"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9732"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9732"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}