{"id":9741,"date":"2020-01-27T13:00:32","date_gmt":"2020-01-27T11:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9741"},"modified":"2020-01-27T13:00:32","modified_gmt":"2020-01-27T11:00:32","slug":"warum-eine-wertethik-immer-eine-elitenethik-ist-von-wolfgang-ullrich27-1-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2020\/01\/27\/warum-eine-wertethik-immer-eine-elitenethik-ist-von-wolfgang-ullrich27-1-2020\/","title":{"rendered":"Warum eine Wertethik immer eine Elitenethik ist&#8230;<br><small><i>von Wolfgang Ullrich<\/i><\/small><br><small>27.1.2020<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;und was sie heute so erfolgreich macht<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Einleitung: Wertediskurse sind integrativ \u2013 Wertediskurse sind elit\u00e4r-exklusiv<\/p>\n<p>Dass zwangsl\u00e4ufig einer Elite angeh\u00f6rt, wer sich auf Werte beruft, erscheint alles andere als evident. So ist bei Politikern verschiedener Couleur und insbesondere bei Vertretern gr\u00f6\u00dferer Volksparteien sehr gerne von Werten die Rede. Gerade wenn sie den Verdacht des Elit\u00e4ren und Exklusiven zu vermeiden suchen, verfallen sie darauf, Werte zu beschw\u00f6ren und sich auf diese Weise besonnen-staatsm\u00e4nnisch zu geben und \u00fcber blo\u00dfe Parteipolitik zu stellen. Als Angela Merkel bei einer Pressekonferenz im September 2015, auf der sie ihre Fl\u00fcchtlingspolitik erkl\u00e4rte, zu Protokoll gab, wir seien \u201eein Europa der Werte\u201c,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> erkannte der Philosoph Andreas Urs Sommer darin ein \u201euniversal-integratives Anliegen [&#8230;], sich mit der ganzen Welt in ein Verh\u00e4ltnis der Umarmung zu setzen\u201c. Zu diesem Anliegen passt auch, dass auf die angemahnten Werte nicht n\u00e4her eingegangen wird, man sie in einem vagen Plural bel\u00e4sst und sich allein deshalb niemand ausgeschlossen f\u00fchlen muss. Sommer identifiziert daher \u201egr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Unverbindlichkeit und Unbestimmtheit\u201c als \u201etypisches Kennzeichen\u201c des politischen Wertediskures.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Das ist jedoch \u2013 so meine Behauptung \u2013 nur die halbe Wahrheit. Die zweite H\u00e4lfte besteht darin, dass dem Versprechen von Offenheit und Toleranz, das in dem unbestimmten Sprechen \u00fcber Werte zum Ausdruck kommt, ein exklusiver, elit\u00e4rer Gestus korrespondiert, ein Beschw\u00f6ren von Werten also \u2013 mehr oder weniger ausdr\u00fccklich \u2013 damit einhergeht, eigene \u00dcberlegenheit zu manifestieren sowie sich zugleich von anderen zu distanzieren. Diese zweite H\u00e4lfte der Wahrheit scheint mir deutlich brisanter, vor allem aber gesellschaftspolitisch relevanter zu sein als die erste H\u00e4lfte \u2013 und sie kommt, wie die folgenden Beispiele belegen sollen, beim politischen Werte-Dropping auch deutlich zum Vorschein. Durch eine schrittweise Analyse dieser Beispiele will ich im Weiteren zu zeigen versuchen, welche Folgen der elit\u00e4r-exklusive Charakter einer Wertethik hat und wieso es besser w\u00e4re, die heutzutage \u00fcbliche wertethische Ausrichtung diverser Diskurse zumindest kritischer in den Blick zu nehmen, vielleicht aber sogar selbst zum Gegenstand politischer Auseinandersetzung zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Werte in der Politik \u2013 eine kleine Beispielsammlung<\/p>\n<p>Im Wahlkampf zur \u00f6sterreichischen Nationalratswahl 2019 klebte die \u00d6VP Plakate, die f\u00fcr den Spitzenkandidaten Sebastian Kurz mit dem Slogan \u201eEiner, der auf unsere Werte schaut\u201c warben.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Manche irritierte die N\u00e4he dieses Slogans zu einem Slogan, mit dem nur wenige Tage zuvor FP\u00d6-Spitzenkandidat Norbert Hofer auf Facebook f\u00fcr sich geworben hatte: \u201eEiner, der unsere Werte noch lebt\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Das k\u00f6nnte man wiederum als Variation auf eine fr\u00fchere \u00c4u\u00dferung von Sebastian Kurz begreifen, der im Oktober 2017 \u2013 damals in Verbindung mit dem Vollverschleierungsverbot \u2013 in einem Tweet auf Twitter formuliert hatte: \u201eWichtig, dass wir unsere Werte aktiv vorleben.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9743\" src=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/4_OEVP_einer_der_auf_unsere_Werte_schaut-1024x579.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"393\" \/><\/p>\n<p>Auf Werte schauen, Werte leben, Werte aktiv vorleben \u2013 diese Formulierungen wecken jeweils Bilder. Einmal erscheinen Werte als etwas, das es zu besch\u00fctzen gilt, so als sei ihre Existenz nicht selbstverst\u00e4ndlich, sondern m\u00fcsse eigens sichergestellt werden. Dass Werte verschwinden k\u00f6nnen, suggeriert ebenfalls das \u201enoch\u201c in Hofers Posting, das zugleich die \u00dcberzeugung verr\u00e4t, Werte seien stabil, solange man sie lebt. Das hei\u00dft wohl, dass es darum geht, sie im eigenen Handeln zu verk\u00f6rpern, sie eigens als solche zur Geltung zu bringen. Sie m\u00fcssen sich idealerweise so stark verwirklichen, dass das jeweilige Handeln ausdr\u00fccklich als Wertebekenntnis sichtbar wird. Dazu passt auch die Vorstellung eines aktiven Vorlebens von Werten. Indem man sie demonstrativ zum Ausdruck bringt, sch\u00fctzt man sie zugleich am besten.<\/p>\n<p>Die Werte werden in allen Beispielen allerdings noch n\u00e4her bestimmt, ist doch jeweils von \u201aunseren\u2019 Werten die Rede. Bei diesem Adjektiv ist von vornherein offensichtlich, dass es eine integrative und eine exkludierende Dimension hat. Es schlie\u00dft alle ein, die zur jeweiligen Wir-Gruppe geh\u00f6ren, und grenzt alle anderen aus. In den Politiker-\u00c4u\u00dferungen bleibt aber wiederum unbestimmt, wer genau mit dem \u201aWir\u2019 gemeint ist \u2013 und wer nicht. Klar ist hingegen, dass \u201aunseren Werten\u2019 etwas gegen\u00fcberstehen muss. Vielleicht sind das andere Werte, vielleicht ist es auch etwas, das die jeweilige Wir-Gruppe nicht gleichrangig als Werte anerkennt. Und w\u00e4hrend das Andere etwas sein kann, vor dem die eigenen Werte besch\u00fctzt werden m\u00fcssen, k\u00f6nnten diese umgekehrt vielleicht auch das sein, was vor dem Anderen sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Um dem Eindruck entgegenzuwirken, derartiger Denkfiguren w\u00fcrden sich vor allem konservative und rechte Politiker aus \u00d6sterreich bedienen, seien die n\u00e4chsten Beispiele von Politikern aus den Reihen der Gr\u00fcnen in Deutschland genommen. So findet sich auf deren Website unter dem Stichwort \u201aProgramm\u2019 der Appell \u201eK\u00e4mpfe mit uns f\u00fcr ein starkes Europa, das unsere Werte weltweit verteidigt\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Und Winfried Kretschmann, Ministerpr\u00e4sident von Baden-W\u00fcrttemberg, bediente sich nach den Terroranschl\u00e4gen von Paris im November 2015 der Losung \u201eWir verteidigen unsere Werte und unsere Freiheit\u201c. Zudem \u00e4u\u00dferte er die Gewissheit, \u201eunsere Werte\u201c seien \u201est\u00e4rker als die Verblendung und der Hass von Fanatikern\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9744\" src=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Bildschirmfoto-2020-01-25-um-14.06.46-1024x631.png\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"428\" \/><\/p>\n<p>Hier wird noch deutlicher, dass man die Werte zwar einerseits sch\u00fctzen muss, dass sie andererseits aber stark genug sein k\u00f6nnen, um im Kampf gegen Fremdes und Feindliches zu helfen. Wie entschlossenes Handeln jeweils Werte verk\u00f6rpert und diese durch Pr\u00e4senz st\u00e4rkt, tragen starke Werte dazu bei, dass man \u00fcberhaupt handeln und sich positionieren kann. So unverbindlich sein mag, welche Werte jeweils gemeint sind, so markant ist also formuliert, was man von ihnen erwartet und ihnen zutraut. \u201eMenschen suchen nach Halt, nach Werten\u201c, sagt Robert Habeck, Bundesvorsitzende der Gr\u00fcnen, und signalisiert damit wiederum, dass Werte ein Faktor von Stabilit\u00e4t und Sicherheit sind.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Man k\u00f6nnte in ihnen sogar ein Bollwerk sehen: etwas, das zwar angegriffen werden kann und daher verteidigt werden muss, aber genauso etwas, das Verteidigung erst erfolgreich macht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-9745\" src=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Bildschirmfoto-2020-01-25-um-14.10.18-1024x834.png\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"566\" \/><\/p>\n<p>Aber reicht das schon, um unterstellen zu k\u00f6nnen, die Berufung auf Werte sei exkludierend, gar elit\u00e4r? Zwar wird dann offenbar der Zweck verfolgt, Grenzen zu definieren, doch braucht das nicht zwangsl\u00e4ufig zu bedeuten, dass alles jenseits der Grenze des \u201aWir\u2019 abgewertet wird. Allerdings ist das dennoch immer wieder der Fall, woran der \u2013 von mir behauptete \u2013 elit\u00e4re Gestus von Wertediskursen sichtbar wird. Dazu sei ein weiteres Politiker-Statement betrachtet, diesmal ein Tweet der CDU, in dem im Februar 2019 eine Aussage der Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer wiedergegeben wurde: Sie \u201eerwarte von Menschen, die zu uns kommen, dass sie unsere Werte akzeptieren \u2013 und vor allem erwarte ich von uns selbst, dass wir daf\u00fcr eintreten! Und dass wir das auch durchsetzen!\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>In diesem Tweet trennt Kramp-Karrenbauer ausdr\u00fccklich zwischen Menschen innerhalb und Menschen au\u00dferhalb einer Wir-Gruppe. Beide Gruppen verhalten sich gegen\u00fcber \u201eunseren Werten\u201c anders, wobei sogleich eine weitere Unbestimmtheit auftaucht, ist doch nicht klar, was genau ein Akzeptieren von Werten von einem Eintreten f\u00fcr Werte unterscheidet. Gewiss verlangt letzteres mehr Aktivit\u00e4t und Engagement als ersteres, doch muss sich nicht beides \u2013 das Akzeptieren und das Eintreten \u2013 im Handeln ausdr\u00fccken? Wann aber zeigt man mit dem, was man tut, dass man bestimmte Werte akzeptiert, und wann tritt man f\u00fcr sie ein, setzt sie durch? Oder sollte es so sein, dass Menschen mit anderer Herkunft gar nie mehr m\u00f6glich ist, als \u201eunsere Werte\u201c zu akzeptieren, sie sozusagen sekund\u00e4r anzunehmen und ihnen mehr oder weniger \u00fcberzeugend zu folgen, w\u00e4hrend \u201ewir\u201c mehr mit ihnen tun \u2013 sie auch durchsetzen \u2013 k\u00f6nnen, da wir mit ihnen prim\u00e4r sozialisiert wurden? Das legt Kramp-Karrenbauers Aussage zumindest nahe, womit diejenigen, die f\u00fcr Werte eintreten und sie durchsetzen k\u00f6nnen, aber auch zu einer Elite werden \u2013 zwar selbst nicht unbedingt wenige sind, aber dennoch herausgehoben und privilegiert gegen\u00fcber allen anderen.<\/p>\n<p>Was aber haben Werte an sich, dass sie nicht allen Menschen gleicherma\u00dfen zur Verf\u00fcgung stehen? Sind sie so etwas wie eine Sprache? Dann h\u00e4tte man bestimmte Werte so, wie man eine Muttersprache hat, w\u00e4hrend man andere Werte erst wie andere Sprachen lernen muss und nie so gut beherrschen wird wie das, womit man aufgewachsen ist. Und wie man der eigenen Muttersprache neue Facetten abzugewinnen vermag, sie bereichert oder neu lebendig werden l\u00e4sst, l\u00e4sst sich genauso einem Wert neue oder zus\u00e4tzliche Geltung verleihen, kann man ihn anders oder plastischer realisieren als bisher. Dass man f\u00fcr Werte eintreten, sie leben und vorleben kann, verhei\u00dft somit einen Gestaltungsspielraum. Man muss sich sogar erst eigens f\u00fcr sie engagieren, damit sie nicht abstrakt und leer bleiben. Aber man kann dann auch stolz darauf sein, es als eigene Leistung empfinden, wenn man f\u00fcr sie eintritt, sich f\u00fcr sie einsetzt, ihnen eigens Gestalt verleiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">R\u00fcckblick auf die Wertephilosophie und deren Entwurf einer Genieethik<\/p>\n<p>Was in Tweets und Parolen von Politikern anklingt und g\u00e4ngigen, \u00fcblicherweise nicht weiter reflektierten Redeweisen \u00fcber Werte entspricht, findet in Wertephilosophien seine Best\u00e4tigung und Differenzierung. So sind f\u00fcr Nicolai Hartmann \u2013 in seiner erstmals 1925 publizierten Ethik \u2013 gerade die Dichter diejenigen, die den Menschen \u201eplastisch vor Augen stell[en]\u201c k\u00f6nnen, wie \u201ereich und werterf\u00fcllt\u201c etwas sein kann.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Etwas zur Sprache zu bringen und ein Wertebewusstsein auszupr\u00e4gen, ist f\u00fcr ihn untrennbar miteinander verbunden. Damit aber sind f\u00fcr ihn auch innerhalb einer Kultur nicht alle Menschen gleicherma\u00dfen bef\u00e4higt, Werte vorzuleben und stark zu machen. Dazu bedarf es vielmehr einer speziellen Begabung \u2013 einer im weitesten Sinne k\u00fcnstlerischen, einer empfindend-gestalterischen Begabung.<\/p>\n<p>Das wird bei Max Scheler und in seiner Wertephilosophie, die der Hartmanns um einige Jahre vorausgeht, noch offenkundiger. F\u00fcr ihn sind Werte von vornherein leitend f\u00fcr den Menschen, doch bedarf es besonderen Sp\u00fcrsinns und Gestaltungsverm\u00f6gens, um einen zuerst nur vage empfundenen Wert umzusetzen und real werden zu lassen. So m\u00fcssen etwa erst die passenden Objekte und Situationen gefunden werden, an denen er sich zur Geltung bringen l\u00e4sst. Scheler bezeichnet es ausdr\u00fccklich als \u201e\u201asch\u00f6pferische\u2019 Leistung\u201c, Werte als solche zu erfassen und zu manifestieren.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Ferner spricht er davon, f\u00fcr das Verwirklichen eines Wertes brauche es einen \u201egro\u00dfe[n] Werkmeister\u201c und \u201eplastischen Bildner\u201c, der \u201eaus dem Gemenge von empirischen Einzelheiten heraus \u2013 gegebenenfalls nur an einer Handlung, ja einer Ausdruckgeste \u2013 die Linien ihres Wertwesens herauszuschauen und herauszuarbeiten vermag\u201c.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Gelingt dies, so k\u00f6nnte man folgern, wird aus dieser Handlung oder Geste ein Vorleben des jeweiligen Werts.<\/p>\n<p>Handlungen, in denen sich Werte manifestieren, sind also auch f\u00fcr Scheler wie Kunstwerke, und wie man nicht diejenigen am h\u00f6chsten sch\u00e4tzt, die blo\u00df etwas nachahmen oder innerhalb von Konventionen bleiben, so findet auch innerhalb seiner Wertethik das Verhalten am meisten Anerkennung, bei dem ein Wert eigenst\u00e4ndig, stark, sichtbar zur Geltung kommt. Das aber ist selten, der Vergleich mit der Kunst impliziert vielmehr auch f\u00fcr Scheler, dass nur wenige Menschen so \u201awertemusisch\u2019 veranlagt sind, dass sie Werten in einzelnen Handlungen Gestalt verleihen k\u00f6nnen. Um es zuzuspitzen, k\u00f6nnte man Schelers Wertethik sogar als eine Genieethik bezeichnen. Statt eine Ethik zu entwickeln, die es \u2013 wie etwa der Kategorische Imperativ \u2013 allen Menschen erm\u00f6glicht, sich allein deshalb, weil sie Menschen sind, als verantwortungsbewusst und moralisch zu qualifizieren, verlangt er als Voraussetzung daf\u00fcr besondere F\u00e4higkeiten. Schelers Wertethik ist somit ausdr\u00fccklich anti-egalit\u00e4r. In ihr bestimmt tats\u00e4chlich eine kleine Minderheit \u2013 eine Elite \u2013 von Begabten dar\u00fcber, was als wertvoll \u2013 als gut und moralisch \u2013 gilt. Diese wenigen leben es den anderen vor und werden damit zu Vorbildern.<\/p>\n<p>Im Blick auf die Wahlkampfparolen von Kurz und Hofer ist festzustellen, dass diese \u00e4hnlich als singul\u00e4re Pers\u00f6nlichkeiten herausgehoben werden wie bei Scheler und Hartmann diejenigen, die Werte zu realisieren verm\u00f6gen. Politiker werden hier in Analogie zu K\u00fcnstlern und Genies gepriesen und f\u00fcr ihre F\u00e4higkeiten im Umgang mit Werten bewundert, w\u00e4hrend die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen offenbar \u00fcber keine oder viel geringere wertmanifestierende Eigenschaften verf\u00fcgt. Sie leiden vielleicht sogar \u2013 um nochmals einen Begriff Nicolai Hartmanns aufzunehmen \u2013 unter \u201eWertblindheit\u201c, k\u00f6nnen selbst also gerade nicht auf Werte schauen, m\u00fcssen sich vielmehr an den \u201aSehenden\u2019 orientieren, um ihrerseits zu sp\u00fcren, was wichtig und gut ist.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Annegret Kramp-Karrenbauer scheint es eine solche Wertblindheit hingegen nicht zu geben. Gem\u00e4\u00df ihrer Aussage k\u00f6nnen grunds\u00e4tzlich alle Menschen \u201aunserer\u2019 Kultur deren Werte st\u00e4rken. Auch sonst wird einer solchen Auffassung heutzutage nie ausdr\u00fccklich widersprochen. Vielmehr berufen sich sogar so viele Menschen zustimmend auf Werte, dass man kaum glauben will, die Begabung zum Umgang mit ihnen k\u00f6nnte etwas Seltenes sein, ja der Umgang mit ihnen \u00fcberhaupt eine eigene Begabung verlangen und entsprechend den Charakter des Elit\u00e4ren haben. Aber vielleicht liegt das daran, dass es noch andere M\u00f6glichkeiten gibt, f\u00fcr Werte einzutreten, man also keiner Minderheit besonders Begabter angeh\u00f6ren muss, um sie stark zu machen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wer kein Wert-Genie ist, kann sich sekund\u00e4r durch Einsatz materieller Ressourcen als wertebewusst qualifizieren<\/p>\n<p>Schon die Formulierung, man k\u00f6nne f\u00fcr Werte eintreten und sie durchsetzen, legt nahe, worin derartige andere M\u00f6glichkeiten bestehen k\u00f6nnten. Wer f\u00fcr etwas eintritt, sich f\u00fcr etwas einsetzt und engagiert, mobilisiert Ressourcen. Das kann bedeuten, dass man Geld gibt, Zeit aufwendet, Netzwerke spielen l\u00e4sst, spezielle Kompetenzen zur Verf\u00fcgung stellt. Was aber hei\u00dft das bezogen auf Werte? Dazu ein Beispiel: Geht es um den Wert \u201aNachhaltigkeit\u2019, dann kann man sich etwa daf\u00fcr einsetzen, das eigene Haus w\u00e4rmezud\u00e4mmen, eine Solaranlage auf dem Dach zu installieren oder bei Haushaltsger\u00e4ten wie K\u00fchlschr\u00e4nken auf \u00f6kologischere Modelle umzur\u00fcsten \u2013 kann also ziemlich viel Geld, das man sonst f\u00fcr anderes verwendet h\u00e4tte, f\u00fcr energiesparende Ma\u00dfnahmen ausgeben. Sofern man k\u00f6rperlich fit ist und \u00fcber entsprechend viel Zeit verf\u00fcgt, kann man zudem Autofahrten m\u00f6glichst oft durch Touren mit dem Fahrrad ersetzen. Eigens Zeit und Engagement widmet man dem Ziel der Nachhaltigkeit ebenfalls, wenn man eine Demo oder eine Crowdfunding-Kampagne organisiert oder eine B\u00fcrgerinitiative gr\u00fcndet, die f\u00fcr \u00c4nderungen in der Verkehrspolitik oder in der Landwirtschaft k\u00e4mpft oder sich f\u00fcr eine Energiewende einsetzt. Um dabei erfolgreich zu sein, muss man aber wiederum zus\u00e4tzlich auf diverse andere Ressourcen zur\u00fcckgreifen oder braucht Menschen, die F\u00e4higkeiten ehrenamtlich zur Verf\u00fcgung stellen, muss also erst einmal gen\u00fcgend andere kennen, um zu wissen, wen man wof\u00fcr ansprechen kann.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich also geradezu beliebig viel Einsatz leisten, um einen Wert zu st\u00e4rken und sich mit ihm zu identifizieren. Dennoch ist dies etwas anderes, als im Sinne von Wertephilosophen wie Scheler und Hartmann als Vorbild zu fungieren und f\u00fcr ein Wertbewusstsein zu sorgen, ja einen Wert \u00fcberhaupt erst dringlich zu machen. Diese seltene Begabung k\u00f6nnte man hingegen \u2013 um beim Beispiel \u201aNachhaltigkeit\u2019 zu bleiben \u2013 Greta Thunberg attestieren. Sie hat es verstanden, durch ihr eigenwilliges Auftreten und Reden und vor allem durch ungew\u00f6hnliche S\u00e4tze wie \u201eIch will, dass Ihr in Panik geratet\u201c viele Menschen f\u00fcr den Wert einer gesunden Umwelt und eines stabilen Klimas zu sensibilisieren, ihnen etwas, dass sie davor schon irgendwie gesp\u00fcrt hatten, in seiner Bedeutung plastischer zu vergegenw\u00e4rtigen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ein Wertgenie durch entschlossenes, charismatisches, vorbildhaftes \u2013 aber nicht einfach nachahmbares \u2013 Agieren beeindruckt, wirkt das Handeln aller anderen eher so, als liefen sie einem bereits als wichtig erfahrenen Wert hinterher und seien streberhaft darum bem\u00fcht, sich als moralisch gut zu erweisen. Vielleicht wirkt ihr Engagement f\u00fcr einen Wert dann auch zu bekenntnishaft und etwas plump, n\u00e4mlich wenn sich ihr Einsatz darauf konzentriert, ihn demonstrativ in Szene zu setzen und eigens als solchen zur Geltung zu bringen. Das suggeriert, man wolle keinen Zweifel daran lassen, den betreffenden Wert richtig erfasst zu haben.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Doch viel gravierender ist eine andere Folge des Eintretens f\u00fcr einen Wert. So erf\u00e4hrt der inegalit\u00e4re Charakter einer Wertethik eine \u2013 von Scheler und Hartmann \u00fcbrigens g\u00e4nzlich unterschlagene \u2013 Verschiebung und Versch\u00e4rfung, wenn statt einer besonderen Begabung Ressourcen und Kompetenzen zum Einsatz kommen. Dann haben n\u00e4mlich diejenigen die besten Chancen, sich als wertebewusst und im Weiteren als verantwortungsvoll und moralisch zu qualifizieren, die \u00fcber das meiste Geld, die meiste Zeit, die beste Ausbildung, die tragf\u00e4higsten Netzwerke \u2013 also \u00fcber die meisten materiellen G\u00fcter \u2013 verf\u00fcgen. Die Art und Weise, wie Werte exklusiv wirken, verlagert sich also nur. Statt einer oder zus\u00e4tzlich zu einer Begabungselite kann nun die Elite derer, die die meisten materiellen G\u00fcter besitzen, am besten dar\u00fcber bestimmen, welche Werte besonders stark pr\u00e4sent werden und so auch f\u00fcr andere zu gelten haben. Aus einer elit\u00e4ren Genieethik wird die Werteethik also zu einer nicht minder elit\u00e4ren plutokratischen Ethik.<\/p>\n<p>Eigentlich sollte diese \u00f6konomische Ausrichtung einer Berufung auf Werte auch nicht verwundern. Blickt man auf die Geschichte des Begriffs \u201aWerte\u2019, ist ihre materielle Fundierung n\u00e4mlich v\u00f6llig unstrittig. Lange Zeit verstand man unter Werten sogar prim\u00e4r materielle G\u00fcter wie ein Haus, Schmuck oder eine gute Aussteuer. Diese G\u00fcter waren aber zugleich ideell \u00fcberh\u00f6ht, da sie Tradition, Flei\u00df oder gesellschaftlichen Status repr\u00e4sentierten. Erst seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert haben sich die Akzente verschoben. Nun sind Familie, Heimat oder Nachhaltigkeit Werte, doch lassen diese sich \u2013 au\u00dfer man ist ein Wert-Genie \u2013 nur dann leben, wenn man \u00fcber entsprechende Ressourcen verf\u00fcgt und etwas einbringen kann. Sich glaubhaft mit Werten zu identifizieren, ist nicht unabh\u00e4ngig von \u00f6konomischen Bedingungen zu leisten, w\u00e4hrend andere Typen von Ethik \u2013 etwa eine Sollens- oder eine Tugendethik \u2013 so verfasst sind, dass sich ihre Anspr\u00fcche nicht nur unabh\u00e4ngig von besonderen Begabungen, sondern ebenso unabh\u00e4ngig von \u00e4u\u00dferen \u2013 materiellen \u2013 Voraussetzungen erf\u00fcllen lassen.<\/p>\n<p>Viele Ph\u00e4nomene der heutigen Konsumkultur sind Ausdruck des materiellen Einsatzes f\u00fcr Werte \u2013 und damit zugleich Treiber vielf\u00e4ltiger und weiterer Ungleichheit. Von zahlreichen Herstellern quer durch die Branchen werden die zwischen G\u00fctern und Werten angelegten Verbindungen mittlerweile eigens betont, in Szene gesetzt, gest\u00e4rkt, so dass selbst fast jedes noch so allt\u00e4gliche Konsumprodukt dazu geeignet ist, Werte zu repr\u00e4sentieren und zu beglaubigen. Beim Kauf eines Joghurts kann man sich entscheiden, ob man sich f\u00fcr den Wert \u201aFitness, den Wert \u201aNatur\u2019 oder den Wert \u201aHeimat\u2019 einsetzen will. Ein Kosmetikprodukt wirbt damit, die Vitalit\u00e4t zu steigern und zu Leuten zu passen, denen Werte wie Leistung und Performance wichtig sind, eine andere Produktvariante hingegen verspricht Schutz vor negativen Umwelteinfl\u00fcssen oder beschw\u00f6rt Bilder eines guten Lebens jenseits von Gro\u00dfstadt und Hektik. Mit dem einen Paar Sneaker setzt man sich f\u00fcr \u201aFair Trade\u2019 ein, mit dem anderen f\u00fcr recycelbare Materialien. Und die einen kaufen Produkte aus der eigenen Region aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden \u2013 dem Wert \u201aNachhaltigkeit\u2019 verpflichtet \u2013, die anderen tun dasselbe, weil sie den Wert \u201aHeimat\u2019 st\u00e4rken wollen. Das Marketing, das derartige Verbindungen zwischen Werten und Produkten st\u00e4rkt, d\u00fcrfte l\u00e4ngst der wichtigste Dienstleister f\u00fcr alle Menschen sein, die keine Wertgenies sind, sich aber dennoch f\u00fcr einzelne Werte einsetzen wollen.<\/p>\n<p>Konsumprodukte spielen auch deshalb eine wichtige Rolle, weil sie als sichtbare Beweisst\u00fccke f\u00fcr Gesinnungen fungieren k\u00f6nnen, den materiellen Einsatz also besser signalisieren als vieles andere. Dank ihres Designs werden sie zu moralischen Statussymbolen aufgeladen, deren Bedeutung infolge der Macht der Sozialen Medien in den letzten Jahren noch weiter zugenommen hat. So wird mancher Kauf heutzutage sogar vor allem deshalb get\u00e4tigt, weil man auf dem eigenen Instagram-Account demonstrieren will, was f\u00fcr ein verantwortungs- und wertebewusster Mensch man ist. Polemisch zugespitzt: Gerade in einigen Milieus von Besserverdienenden besteht die Arbeit an der eigenen moralischen Qualifikation mittlerweile prim\u00e4r darin, Fotos werthaltiger Produkte oder Projekte, erg\u00e4nzt mit passenden Hashtags, zu posten. Das Posen und Posten folgt dabei der Logik von Wettbewerben: Es geht darum, andere auszustechen und zu \u00fcberbieten, sich also hervorzutun \u2013 und damit zu einer Elite z\u00e4hlen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Werte in Wohlstandsgesellschaften<\/p>\n<p>Dass sich die westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten zu Wohlstandsgesellschaften entwickelt haben, beg\u00fcnstigte die Tendenz, politische, moralische und weltanschauliche Diskurse lieber \u00fcber Werte als etwa \u00fcber Pflichten oder Tugenden zu f\u00fchren und moralisches Handeln sogar mit dem Einsatz f\u00fcr Werte gleichzusetzen. So ist es f\u00fcr diejenigen, die am Wohlstand teilhaben, ziemlich bequem, schon mit ein paar Konsumakten Wertebewusstsein und damit Verantwortung oder ein moralisches Gewissen demonstrieren zu k\u00f6nnen. Zudem l\u00e4sst sich durch die enge Verkn\u00fcpfung von G\u00fctern mit Werten fast jeder Konsumakt legitimieren, l\u00e4sst sich damit doch der fr\u00fcher \u00fcbliche Vorwurf, es handle sich dabei nur um materielle, oberfl\u00e4chlich-banale Bed\u00fcrfnisbefriedigung, entkr\u00e4ften. Vielmehr ist Shopping in der Wohlstandsgesellschaft mehr als fast alles andere ideell aufgeladenes Handeln.<\/p>\n<p>Das aber f\u00fchrt dazu, dass nicht nur noch mehr als ohnehin schon konsumiert wird; zudem droht auch noch eine Beschleunigung von Konsumkreisl\u00e4ufen. Wer sein Verantwortungsgef\u00fchl vor allem via Konsum zum Ausdruck bringt, nutzt vieles n\u00e4mlich nicht, bis es kaputt ist, sondern nur so lange, bis er oder sie in einer anderen Spielart Verantwortung demonstrieren will oder etwas findet, mit dem sich Verantwortungs- und Wertebewusstsein noch aktueller, pr\u00e4gnanter, witziger oder stilvoller zur Geltung bringen l\u00e4sst. So kauft man vielleicht neue Sneaker ohne umweltsch\u00e4dliche Kunststoffe, obwohl ein anderes Paar aus dem Fair-Trade-Shop erst ein paar Monate alt und eigentlich noch tadellos ist. Man \u00fcberbietet sich darin, immer noch weitere Kriterien und Werte zu ber\u00fccksichtigen: Nach den ohne Kinderarbeit produzierten Schuhen landet man als n\u00e4chstes bei einem zudem vegan hergestellten Paar.<\/p>\n<p>So entsteht die paradoxe Situation, dass diejenigen, die am meisten konsumieren, also am meisten verbrauchen, auch die besten Chancen haben, als besonders wertebewusst und engagiert zu gelten, w\u00e4hrend diejenigen, die \u00fcber keinen materiellen Wohlstand verf\u00fcgen und deren Konsum \u00fcber Notdurft kaum hinausgeht, im Gegenteil damit rechnen m\u00fcssen, als wertegleichg\u00fcltig und unsensibel, gar als unverantwortlich eingesch\u00e4tzt zu werden. Und je nachdr\u00fccklicher man Konsumprodukte mit Werten aufl\u00e4dt, je emphatischer das Konsumieren als verantwortungsvolles Handeln dargestellt wird, desto st\u00e4rker setzt sich insgesamt eine Idee von Ethik durch, die in ihrer Anlage inegalit\u00e4r ist und moralisches Handeln an \u00f6konomische Voraussetzungen kn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Selbst wenn es \u2013 wie im Fall eines Werts wie \u201aNachhaltigkeit\u2019 \u2013 nahel\u00e4ge, auf den Einsatz von Ressourcen so weit wie m\u00f6glich zu verzichten, erweist sich die Verkn\u00fcpfung von Werten mit etwas Materiellem als so stark und eingespielt, dass wertebewusstes Handeln doch auch hier meist darin besteht, m\u00f6glichst viel einzusetzen. Statt den Urlaub zuhause zu verbringen, substituiert man die Flugreise durch eine zeitaufwendigere Reise mit einem \u00f6kologisch vertr\u00e4glicheren Verkehrsmittel, opfert daf\u00fcr also zus\u00e4tzliche Urlaubszeit und demonstriert damit besonderes Engagement. Noch beliebter ist es, weiterhin in den Urlaub zu fliegen, daf\u00fcr aber eine Kompensationszahlung f\u00fcr den CO2-Aussto\u00df zu leisten. Die Zusatzzahlung l\u00e4sst sich n\u00e4mlich viel besser als Wertbekenntnis, als bewusste Entscheidung darstellen denn der blo\u00dfe Verzicht, der genauso Bequemlichkeit oder Armut geschuldet sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen, die \u00fcber wenig oder keinen Wohlstand verf\u00fcgen, ist eine Wertethik im Gegensatz dazu jedoch ausnehmend diskriminierend. Sie k\u00f6nnen es nicht ausgleichen, keine Wertgenies zu sein, ja sie k\u00f6nnen sich f\u00fcr Werte nicht gen\u00fcgend einsetzen und nicht einmal das, worauf sie verzichten m\u00fcssen, fotogen in Szene setzen. Annegret Kramp-Karrenbauers Aussage erscheint damit nochmals in anderem Licht. Da sie mit den \u201eMenschen, die zu uns kommen\u201c, Fl\u00fcchtlinge meint, benennt sie nicht nur Menschen aus anderen Kulturen, sondern vor allem Menschen, die ziemlich mittellos und auch deshalb darauf beschr\u00e4nkt sind, Werte anderer \u2013 n\u00e4mlich derer, die \u00fcber Wohlstand verf\u00fcgen \u2013 zu akzeptieren. Sie haben nicht die Ressourcen und F\u00e4higkeiten, selbst Werte zu setzen, w\u00e4hrend man von den wohlhabenderen eigenen B\u00fcrgern erwarten darf, dass sie gen\u00fcgend Gestaltungsm\u00f6glichkeiten \u2013 Ressourcen \u2013 besitzen, um aktiv f\u00fcr Werte einzutreten.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es auch innerhalb einer Wohlstandsgesellschaft gro\u00dfe materielle Unterschiede und viele Unterprivilegierte, die nur sehr eingeschr\u00e4nkt an der Konsumkultur teilhaben k\u00f6nnen. Je schlechter sie sich aber als moralische Pers\u00f6nlichkeiten zu qualifizieren verm\u00f6gen, desto st\u00e4rker m\u00fcssen sie sich auch als Menschen zweiter Klasse, als minderwertig erfahren. Dass sie sich ausdr\u00fccklich ausgeschlossen, von einer zwar nicht ganz kleinen, aber gerade deshalb als um so m\u00e4chtiger empfundenen Elite diskriminiert f\u00fchlen, wird noch dadurch gesteigert, dass die Privilegierten, die ihre Werte umfassend ausleben k\u00f6nnen, dazu neigen, stolz darauf zu sein und sich entsprechend \u00fcber die Menschen zu erheben, denen weniger moralische Selbstverwirklichung und weniger Konsum von gutem Gewissen m\u00f6glich ist. Letztere entwickeln daraufhin aber fast unvermeidlich Ressentiments gegen\u00fcber der Werte-Elite, und es ist wahrscheinlich, dass sie die von dieser verk\u00f6rperten Werte ablehnen oder zumindest gegen die ihnen aufoktroyierte aktuelle Spielart einer \u201aHerrenmoral\u2019 protestieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Gesellschaftliche Folgen der engen Verkn\u00fcpfung von Werten mit Wohlstand<\/p>\n<p>Aber nicht nur wegen der Steigerung von \u00f6konomischer Ungleichheit zu moralischer Ungleichheit droht der Gesellschaft durch eine wertethische Impr\u00e4gnierung eine gr\u00f6\u00dfere und tiefere Spaltung. Vielmehr werden dadurch auch andere Entwicklungen forciert, die den sozialen Frieden gef\u00e4hrden. Dass materieller Reichtum, der Einsatz f\u00fcr Werte und moralische Qualifikation eng miteinander verbunden sind, verleiht dem Werteadel \u2013 als neuer Elite \u2013 n\u00e4mlich eine nur sehr bedingte und fragile \u00dcberlegenheit. Denn sosehr Wohlstand damit mehr als nur materielle Privilegiertheit bedeutet, so sehr hie\u00dfe sein Verlust, dass man zugleich als moralische Pers\u00f6nlichkeit diskreditiert zu werden droht. Wer pl\u00f6tzlich viel weniger Ressourcen zur Verf\u00fcgung h\u00e4tte, k\u00f6nnte sich entsprechend schlechter f\u00fcr Werte einsetzen und sie nicht mehr leben, sondern h\u00f6chstens noch passiv akzeptieren. Wohlstandsverlust ist in einer wertethisch gepr\u00e4gten Gesellschaft also schlimmer als in einer an einer Pflicht- oder Tugendethik orientierten Welt: Es ist ein doppelter Verlust. Und nicht nur das: Da materieller Wohlstand immer unsicher und diversen individuellen wie gesamtgesellschaftlichen Gef\u00e4hrdungen ausgesetzt ist, steht die Qualifikation als moralische Pers\u00f6nlichkeit in einer wertethisch verfassten Gesellschaft auch auf besonders wackligen F\u00fc\u00dfen. Entsprechend gro\u00df k\u00f6nnen die \u00c4ngste vor einem Wohlstandsverlust werden.<\/p>\n<p>Ein Politiker, der damit beworben wird, auf Werte zu schauen oder Werte \u201enoch\u201c zu leben, reagiert damit nicht zuletzt auf die Verlust\u00e4ngste derer, denen es \u201anoch\u2019 gut geht. Ihnen wird signalisiert, dass ihr komfortabler Status-quo zwar gef\u00e4hrdet sein mag, dass es aber auch die Chance gibt, ihn zu bewahren. Die Berufung auf Werte und die Warnung vor ihrer Bedrohtheit entspringt also einer konservativen Grundhaltung. Je mehr jemand \u2013 doppelt \u2013 zu verlieren hat, desto gr\u00f6\u00dfer wird sein oder ihr Interesse sein, es zu bewahren und zu sichern. Die eigentliche Botschaft der Wahlkampfslogans lautet somit: Ein Politiker, der sich um Werte k\u00fcmmert, k\u00fcmmert sich auch um deren materielle Grundlagen, also um den Wohlstand. Dabei klingt diese Botschaft umso verhei\u00dfungsvoller, je gr\u00f6\u00dfer die Gef\u00e4hrdung des Wohlstands erscheint. So neigen Politiker, die sich als Bewahrer von Werten (und Wohlstand) r\u00fchmen, dazu, das als geradezu heroische Tat, als k\u00e4mpferische Leistung, als Akt des Widerstands gegen feindliche M\u00e4chte in Szene zu setzen. Sie wecken und steigern \u2013 einerseits \u2013 die Verlust\u00e4ngste, um sich \u2013 andererseits \u2013 umso wirkungsvoller als Retter zu pr\u00e4sentieren. Sie stellen die Werte als akut bedroht heraus und verk\u00fcnden zugleich die \u00dcberzeugung, sie k\u00f6nnten sie zu einem starken Bollwerk machen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist in den letzten Jahren vermehrt zu beobachten, wie Parteien, Bewegungen und Einzelfiguren besonders viel Resonanz bekommen, wenn es ihnen gelingt, Verlust\u00e4ngste zu stimulieren. Das mag ein Indikator daf\u00fcr sein, wie konservativ die (Wohlstands)gesellschaft (geworden) ist, es ist aber vor allem auch die geradezu logische Folge davon, dass viele moralische und politische Diskurse zu Wertediskursen geworden sind. Dadurch kommt es in der politischen Landschaft zu neuen Polarit\u00e4ten, die nicht mehr dem vertrauten Links-Rechts-Schema folgen, sondern sich um die g\u00e4ngigsten Verlustangst-Narrative herum bilden, f\u00fcr die jeweils Teile der Werteliten empf\u00e4nglich sind, die dann im weiteren auch andere Menschen zu beeinflussen verm\u00f6gen. Die Dramatik dieser Narrative l\u00e4sst sich einerseits nahezu beliebig steigern, w\u00e4hrend sie andererseits \u2013 da es sich um Zukunftsszenarien handelt \u2013 nicht beweisbar, vor allem aber nicht widerlegbar sind. Das macht die Auseinandersetzung damit schwierig, und wer erst einmal von einer Variante von Verlustangst affiziert ist, neigt dazu, die eigene Umwelt fast nur noch entsprechend dem dazugeh\u00f6rigen Narrativ wahrzunehmen und alles andere auszublenden.<\/p>\n<p>Einem erfolgreichen Narrativ zufolge sind Wohlstand und Werte vor allem durch Fl\u00fcchtlinge bedroht \u2013 n\u00e4mlich dann, wenn sie \u201aunsere\u2019 Werte nicht akzeptieren, sondern eigene Werte mitbringen. Gesch\u00fcrt wird die Angst vor Parallelgesellschaften und \u00dcberfremdung, in der extremeren Variante des Narrativs ist sogar von einer \u201aUmvolkung\u2019 oder einem \u201aGro\u00dfen Austausch\u2019 die Rede, also von mehr oder weniger gezielten Programmen einer Multikulturalisierung der Gesellschaft, gegen die dann zum Kampf aufgerufen wird. Die Berufung auf Werte dient hier einer klaren Grenzziehung zwischen dem Eigenen, das man bewahren will, und allem Fremden. Noch markanter als in Kramp-Karrenbauers Aussage werden die Werte also zum Instrument einer Exklusion: Eine westliche Wohlstandselite grenzt sich damit von Menschen anderer Kulturen ab, die man in \u00f6konomischer sowie weltanschaulicher \u2013 religi\u00f6ser und moralischer \u2013 Hinsicht als weniger entwickelt empfindet. Dass sich der rechte Fl\u00fcgel der CDU, der gegen Angela Merkels Fl\u00fcchtlingspolitik protestiert, als \u201eWerteUnion\u201c bezeichnet und als einzige wirklich konservative \u2013 bewahrende \u2013 Bewegung versteht, zeugt davon, wie selbstverst\u00e4ndlich die Vorstellung von Werten als Bollwerk bereits etabliert ist. Im Manifest der \u201eWerteUnion\u201c vertritt man die \u00dcberzeugung, \u201elangfristig\u201c k\u00f6nnten \u201eunsere Werte und unsere Kultur\u201c nur gesichert werden, wenn sich die Einwanderer \u201enicht nur integrieren, sondern assimilieren\u201c. Das wiederum verlangt ein starkes Vorleben \u201aunserer Werte\u2019. \u201eBekennen\u201c, \u201eeintreten\u201c und \u201edazu stehen\u201c sind daher auch die beliebtesten Verben des Manifests.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Mancherorts nimmt man die Vorstellung von Werten als Bollwerk noch w\u00f6rtlicher. So ging es 2017 durch die Presse, als der Weihnachtsmarkt in Krefeld nicht nur mit Pollern vor Lastwagen-Attent\u00e4tern gesch\u00fctzt wurde, sondern als man sie zudem mit Begriffen von Werten wie \u201aToleranz\u2019, \u201aFrieden\u2019, \u201aSicherheit\u2019 beklebte. Sich auf dem Markt innerhalb des von den Pollern gesch\u00fctzten Bereichs zu befinden, hie\u00df damit, Teil einer Wertegemeinschaft zu sein und sich zu den Werten zu bekennen, die durch Angriffe von au\u00dfen bedroht sind, bestenfalls aber auch jeden Angriff abwehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das zweite gro\u00dfe Verlustangst-Narrativ sieht den Status-quo der Wohlstandsgesellschaften durch einen Klimawandel oder gar eine Klimakatastrophe bedroht. Dabei wirken die Werte derer, die diesem Narrativ anh\u00e4ngen, auf andere Weise grenzziehend und exkludierend. So erkennen sie ihren Wohlstand \u2013 im Unterschied zu den Anh\u00e4ngern des \u00dcberfremdungs-Narrativs \u2013 als Teil des Problems an, sehen sich also als mitschuldig am bef\u00fcrchteten Verlust des Status-quo: mitschuldig an Erderw\u00e4rmung, CO2-Produktion und Ressourcenverbrauch. Entsprechend wollen sie den Wohlstand wahren, indem sie ihn anders als bisher nutzen und daher etwa den Wert \u201aNachhaltigkeit\u2019 zu st\u00e4rken versuchen. Doch gerade das Eingest\u00e4ndnis eigener Schuld am drohenden Wohlstandsverlust verf\u00fchrt die Anh\u00e4nger des Klimawandel-Narrativs auch leicht dazu, sich als einsichtiger, sensibler, verantwortungsbewusster und moralischer einzusch\u00e4tzen als alle diejenigen, die diesem Narrativ nicht folgen. Sie werten letztere oft sogar ausdr\u00fccklich ab und bekunden so ihre empfundene \u00dcberlegenheit. Sie verfallen in den Modus des Moralisierens.<\/p>\n<p>Die durch Werte konstituierte Grenze ist in diesem Fall also keine Grenze, die vornehmlich zwischen verschiedenen Gesellschaften oder Kulturen gezogen wird, sondern manifestiert und versch\u00e4rft eine Trennlinie viel eher innerhalb der Gesellschaft. Werten die Anh\u00e4nger des \u00dcberfremdungs-Narrativs andere Religionen \u2013 wie den Islam \u2013 oder andere Regionen \u2013 wie Afrika \u2013 als unterentwickelt ab und sehen darin eine Bedrohung des eigenen Wohlstands und der eigenen Werte, so handeln aus Sicht der Vertreter des Klimawandel-Narrativs SUV-Fahrer, Fleischesser und Kohlestrombef\u00fcrworter \u2013 also oft die eigenen Nachbarn und Kollegen \u2013 unverantwortlich und wohlstandsgef\u00e4hrdend.<\/p>\n<p>Gewiss polemisieren auch die Verfechter des \u00dcberfremdungs-Narrativs gegen diejenigen in der eigenen Gesellschaft, die ihre \u00c4ngste nicht teilen, aber da sie ihr Agieren nicht in Kategorien von Schuld und Bu\u00dfe beschreiben, fehlt es ihnen an der Autorit\u00e4t, den Gegner durch Moralisierung zu disqualifizieren. Sie treten prim\u00e4r als westliche (wei\u00dfe, m\u00e4nnliche) Wohlstands-Elite auf, die ihre Privilegien gegen den globalen Rest verteidigt und sich nicht zu \u00e4ndern bereit ist, w\u00e4hrend die Protagonisten des Klimawandel-Narrativs eine Moral-Elite darstellen, die sich selbst als Vorbilder sehen, von ihren Gegnern jedoch genervt-s\u00fcffisant als \u201aGutmenschen\u2019 tituliert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wie geht es jenseits der Werteliten weiter?<\/p>\n<p>Die Verlustangst-Narrative sind in den letzten Jahren so erfolgreich geworden, dass diejenigen, die ihnen nicht folgen, es zunehmend schwer haben, \u00fcberhaupt noch als gleicherma\u00dfen relevante Akteure des politischen Diskurses anerkannt zu werden. Sie verlieren zumindest den Anspruch, selbst noch einer wertesetzenden Elite anzugeh\u00f6ren. Dass sie nicht von Zukunftsangst getrieben sind, l\u00e4sst sie gar als leichtfertig und verantwortungslos erscheinen \u2013 als laue, fragw\u00fcrdige Zeitgenossen, die nicht f\u00fcr ihre Werte k\u00e4mpfen. Doch vielleicht haben viele derer, die hier in den Verdacht moralischer Gleichg\u00fcltigkeit geraten, allein deshalb keine gro\u00dfen Zukunfts\u00e4ngste, weil sie weniger als andere zu verlieren haben \u2013 weil ihr Wohlstand geringer, ihr Status-quo nicht gerade gro\u00dfartig ist? Vielleicht sind ihre Probleme in der Gegenwart so gro\u00df, dass sie sich eine schlimmere Zukunft kaum ausmalen k\u00f6nnen. Vielleicht leiden sie unter Armut, Krankheit, schlechter Ausbildung oder Einsamkeit, k\u00f6nnen sich also weder selbst f\u00fcr Werte starkmachen, noch das Gef\u00fchl entwickeln, diese seien bedroht.<\/p>\n<p>Je mehr die politische Agenda von negativen Zukunftserwartungen beherrscht wird, desto weniger finden diejenigen noch Geh\u00f6r, die aktuell mit negativen Lebensverh\u00e4ltnissen zu k\u00e4mpfen haben. Aber auch Parteien, deren Ausrichtung darin besteht, bestehende mangelhafte Verh\u00e4ltnisse zu verbessern statt vorhandenen Wohlstand zu verteidigen, geraten in die Defensive. Sowohl Linke, die auf soziale und emanzipatorische Projekte setzen und f\u00fcr mehr Lohngleichheit, bessere Aufstiegschancen oder die Anerkennung von Minderheiten, aber ebenso gegen Altersarmut oder ungleiche Bildungsniveaus k\u00e4mpfen, als auch Liberale, die mehr B\u00fcrgerrechte und eine St\u00e4rkung des Individuums durchsetzen wollen, tun sich schwer, gegen die Dringlichkeit der Verlustangst-Narrative \u00fcberhaupt noch anzukommen. Im Vergleich zu diesen wirken ihre Fortschritts-Narrative vielleicht sogar naiv und altmodisch.<\/p>\n<p>Die Wohlstandsgesellschaft frisst also ihre eigenen Eltern, und ihre Werteseligkeit ist so umfassend, dass diejenigen, die jenseits der Eliten stehen, keine alternativen Diskursformen durchsetzen k\u00f6nnen. Im Zweifel folgen sie dann allerdings denen, die sie nicht explizit moralisch abwerten, denen, die sich ihrerseits gegen \u201aGutmenschen\u2019 richten, denen, die eine harte Grenze zwischen Kulturen und nicht innerhalb der Gesellschaft markieren. Sie folgen eher dem Teil der Wertelite, der dem \u00dcberfremdungs-Narrativ folgt, als den Anh\u00e4ngern des Klimawandel-Narrativs. (Und sie d\u00fcrften von denen, denen sie folgen, ziemlich entt\u00e4uscht werden, da es sich dabei eben selbst um eine Elite handelt, die sich nicht sehr f\u00fcr die Belange der Nicht-Privilegierten interessiert.)<\/p>\n<p>Zugleich aber erliegen diejenigen, die jenseits der Eliten stehen, selbst h\u00e4ufig der Verf\u00fchrung, von Werten zu sprechen \u2013 und machen sich nicht klar, wie sehr sie damit einer inegalit\u00e4ren Eliten-Logik zuarbeiten, die sie vermeintlich bek\u00e4mpfen. Wenn ein linker Politiker von \u201eunseren Werten\u201c spricht oder wenn eine f\u00fchrende Repr\u00e4sentantin der evangelischen Kirche \u2013 in diesem Fall die fr\u00fchere EKD-Ratsvorsitzende Margot K\u00e4\u00dfmann \u2013 \u201eN\u00e4chstenliebe und Barmherzigkeit\u201c als \u201echristliche Werte\u201c bezeichnet, dann ist das also zumindest unreflektiert.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Um beim letzten Beispiel zu bleiben: Gerade der Protestantismus war bekanntlich aus einem starken egalit\u00e4ren Impetus heraus entstanden und ersetzte alle Aussichten, durch materielle Aufwendungen \u2013 etwa f\u00fcr Abl\u00e4sse \u2013 zum Seelenheil zu gelangen, durch die Prinzipien \u201asola fide\u2019 und \u201asola gratia\u2019. Wer N\u00e4chstenliebe als Wert ausgibt, macht diese Prinzipien jedoch wieder zunichte, ist damit doch schon nahegelegt, diejenigen f\u00fcr besser als andere zu halten, die mehr an Hilfsorganisationen spenden, sich Kampagnen ausdenken, die viral gehen, oder es auch nur verstehen, ihr Engagement mit den passenden Bildern und Hashtags zu kommunizieren. Das alles spielt hingegen keine Rolle, wenn man N\u00e4chstenliebe etwa als Tugend begreift. Dann kann die kleinste Geste \u2013 das richtige Wort im richtigen Moment \u2013 genauso gut von moralischer Sensibilit\u00e4t zeugen wie eine gro\u00dfe Kampagne \u2013 und dann kann sich ein mittelloser Mensch genauso moralisch bew\u00e4hren wie ein Wohlhabender.<\/p>\n<p>Gewiss profitieren zu viele von der Wohlstandsgesellschaft, von der Konsumkultur und den M\u00f6glichkeiten, sich zu Werten zu bekennen, als dass es gegenw\u00e4rtig erfolgversprechend sein k\u00f6nnte, die wertethische Orientierung der Gesellschaft \u00fcberwinden zu wollen und etwa wieder vermehrt auf pflichtenethische oder tugendethische Konzepte zu dringen. Doch lie\u00dfe sich zumindest die politische Auseinandersetzung klarer und bestimmter f\u00fchren, w\u00fcrde man die Wertediskurse eigens zum Thema \u2013 und gerne auch zum Problem \u2013 erkl\u00e4ren. Es w\u00fcrde besser sichtbar, welchen Voraussetzungen sie entspringen und welche Folgen sie f\u00fcr verschiedene Milieus der Gesellschaft haben. Man k\u00f6nnte die anti-egalit\u00e4re, ja elit\u00e4re Dynamik von Wertbeschw\u00f6rungen als solche fassen und schlie\u00dflich vielleicht sogar den Verlustangst-Narrativen gezielt Narrative entgegensetzen, die nicht von einer schlechteren, sondern von einer besseren Zukunft erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage ullrich\" href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang Ullrich<\/a> ist freier Autor.<\/p>\n<p>[Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag beim 23. Philosophicum Lech und kann <a href=\"https:\/\/www.domradio.de\/audio\/prof-dr-wolfgang-ullrich-warum-eine-wertethik-immer-eine-elitenethik-ist-und-was-sie-heute-so\">hier<\/a> nachgeh\u00f6rt werden.]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Mitschrift\/Pressekonferenzen\/2015\/09\/2015-09-07-merkel-gabriel.html.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Andreas Urs Sommer: Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt, Stuttgart 2016, S. 156f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> https:\/\/twitter.com\/emil_goldberg\/status\/1166628262564552704\/photo\/1.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> https:\/\/www.facebook.com\/norberthofer2019\/photos\/a.1650590858551542\/2445779725699314\/?type= 3&amp;theater.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> https:\/\/twitter.com\/sebastiankurz\/status\/914387603159420928.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> https:\/\/www.gruene.de\/programm.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> https:\/\/www.baden-wuerttemberg.de\/de\/service\/presse\/pressemitteilung\/pid\/wir-verteidigen-unsere-werte-und-unsere-freiheit.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u201eMenschen suchen nach Halt, nach Werten\u201c (2017), auf: https:\/\/rp-online.de\/politik\/deutschland\/robert-habeck-im-interview-menschen-suchen-nach-halt-nach-werten_aid-17677113.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> https:\/\/twitter.com\/CDU\/status\/1091330466425262080.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Nicolai Hartmann: Ethik (1925), G\u00f6ttingen 1949, S. 11.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Max Scheler: Der Formalismus in der Ethik und die materielle Wertethik. Neuer Versuch der Grundlegung eines ethischen Personalismus, Halle 1916, S. 268f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Ebd., S. 508.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Hartmann, a.a.O. (Anm. 10), S. 9.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Vgl. Wolfgang Ullrich: Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur, Berlin 2017.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> https:\/\/werteunion.net\/wofuer-wir-kaempfen\/konservatives-manifest\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> https:\/\/rp-online.de\/politik\/deutschland\/margot-kaessmann-ich-kann-nicht-verstehen-wenn-christen-afd-waehlen_aid-17917037<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;und was sie heute so erfolgreich macht<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[],"class_list":["post-9741","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9741"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9741\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}