{"id":98,"date":"2012-09-08T18:34:12","date_gmt":"2012-09-08T16:34:12","guid":{"rendered":"http:\/\/wp11048986.wp305.webpack.hosteurope.de\/?p=98"},"modified":"2012-09-08T18:34:12","modified_gmt":"2012-09-08T16:34:12","slug":"avant-pop-als-bedeutende-zeitgenossische-kulturelle-richtung-von-thomas-hecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/09\/08\/avant-pop-als-bedeutende-zeitgenossische-kulturelle-richtung-von-thomas-hecken\/","title":{"rendered":"Avant-Pop als bedeutende zeitgen\u00f6ssische kulturelle Richtung von Thomas Hecken8.9.2012"},"content":{"rendered":"<p>Zugleich beliebt: Zappa und Zombies, Art Rock und Disco, Godard- und James-Bond-Filme<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">1. Definition und Erl\u00e4uterung<\/p>\n<p>Eine kulturelle Wende hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten vollzogen. Sie zeigt sich schon wesentlich l\u00e4nger in den Hervorbringungen und Erkl\u00e4rungen der Avantgarde, in den ihnen zugeneigten Theorie- und Kunst-, aber auch in einigen Mode-, Lifestyle- und Musikzeitschriften. Nun findet sie sich mit gro\u00dfem Anteil in den Feuilletons der \u00fcberregionalen, renommierten Tageszeitungen wieder, sei es \u00bbNew York Times\u00ab oder \u00bbFAZ\u00ab, man h\u00f6rt sie h\u00e4ufig als Maxime oder Vorliebe von Musikern, Literaten, Regisseuren, man trifft sie in den Vorlesungsverzeichnissen der Universit\u00e4ten an, zahlreich ebenfalls in den Programmen der staatlichen oder \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien- und Kulturinstitutionen.<\/p>\n<p><!--more Mehr--><\/p>\n<p>Es handelt sich um eine kulturelle Wende hin zum Avant-Pop. Ich habe diese kulturelle Richtung in dem Buch \u00bb<a title=\"Thomas Hecken Buchpublikation Avant-Pop\" href=\"http:\/\/www.posth-verlag.de\/reihen\/schriften-zur-popkultur\/hecken-avant-pop\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Avant-Pop. Von Susan Sontag \u00fcber Prada und Sonic Youth bis Lady Gaga und zur\u00fcck\u00ab<\/a> (Berlin 2012) ausf\u00fchrlich vorgestellt. Auf den n\u00e4chsten Seiten m\u00f6chte ich meine wichtigsten grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen und Thesen zum Thema darlegen. Diese Ausf\u00fchrungen gehen teilweise \u00fcber das im Buch Festgehaltene hinaus.<\/p>\n<p>Unter Avant-Pop soll viererlei verstanden werden:<\/p>\n<p>1. K\u00fcnstler und Werke, die dem Popbereich zumindest halbwegs zugerechnet und f\u00fcr die Lobesformeln verwandt werden, die der bildungsb\u00fcrgerlichen Rede zur Auszeichnung der Hochkultur entstammen: Das Lob der Autorpers\u00f6nlichkeit, des Virtuosentums, der Komplexit\u00e4t, des geistigen Anspruchs und des zusammenh\u00e4ngenden, harmonisch oder sonst wie folgerichtig entfalteten Werks.<\/p>\n<p>2. K\u00fcnstler und Werke, die dem Popbereich zumindest halbwegs zugerechnet und f\u00fcr die Lobesformeln verwandt werden, die der modernen Rede zur Auszeichnung der Hochkultur entstammen: Das Lob der Originalit\u00e4t, des Erwartungsbruchs, des Unabgeschlossenen, Kritischen, der experimentellen Form.<\/p>\n<p>3. K\u00fcnstler, Werke und andere Ph\u00e4nomene, die dem Popbereich zumindest halbwegs zugerechnet und f\u00fcr die Lobesformeln verwandt werden, die der avantgardistischen Rede zur Auszeichnung der Hochkultur entstammen: Das Lob des Seriellen, Autorlosen, Reproduzierten.<\/p>\n<p>4. K\u00fcnstler, Werke und andere Ph\u00e4nomene, die dem Popbereich zugerechnet und f\u00fcr die Formeln verwandt werden, die herk\u00f6mmlicherweise Kritik anzeigen, nun aber eine Umwertung erfahren: Oberfl\u00e4chlichkeit, Eing\u00e4ngigkeit, K\u00fcnstlichkeit fungieren jetzt als positive Ma\u00dfst\u00e4be von Pop.<\/p>\n<p>Zur Erl\u00e4uterung:<\/p>\n<p>A. Bei meiner Definition des Avant-Pop stelle ich selbst keine Eigenschaften von Ph\u00e4nomenen heraus, sondern richte mich nach Eigenschaften \u2013 besonders Werteigenschaften \u2013, die Werken, Ereignissen, K\u00fcnstlern von Dritten zugesprochen worden sind. Unter Avant-Pop verstehe ich also nicht eine fixierte Zahl an Dingen, sondern einen Zusammenhang von Zuschreibungen und Bewertungen, von Klassifikationen. Auch die Zuordnung dieser Klassifikationen zum Pop-Sektor stammt nicht von mir; ich entnehme sie verschiedenen Medien und Alltagskommunikationen. Von mir stammt allein die Unterordnung der genannten Punkte bzw. Werturteile, Wortverwendungen, Klassifikationen unter den Begriff \u00bbAvant-Pop\u00ab<\/p>\n<p>B. Bei den Punkten 1-3 verwende ich die Formulierung \u00bbdem Popbereich zumindest halbwegs zugerechnet\u00ab, weil viele der K\u00fcnstler und Werke des Avant-Pop, die ein Lob im Sinne bildungsb\u00fcrgerlicher, moderner oder avantgardistischer Wertma\u00dfst\u00e4be bekommen, von ihren Laudatoren als hybrid eingestuft werden. Neben Pop-K\u00fcnstlern, die wie etwa Lennon\/McCartney traditionelles (\u203afacettenreiche Kompositionen\u2039) oder wie Bob Dylan modernes Lob (\u203aVerweigerung gegen\u00fcber eindeutigen Botschaften\u2039) zugesprochen bekommen, stehen dann K\u00fcnstler wie Warhol, Zappa, Lady Gaga. Die g\u00e4ngige Formel f\u00fcr Letztere lautet, sie h\u00e4tten die L\u00fccke zwischen \u00bbder Bildungselite und der Kultur der Masse\u00ab bzw. der \u00bbPop-Kunst\u00ab \u00fcberwunden (Fiedler 1968). Das \u00bbhalbwegs\u00ab kann in diesem Fall daf\u00fcr stehen, dass einige identifizierbare Pop-Anteile vorhanden sind, andere aber eben auch: \u00bbthe mixing of pop culture and high art\u00ab (Byrne 2009).<\/p>\n<p>Ein beliebtes Modell dieser \u00bbMischung\u00ab liegt in der Auffassung, bereits als solche bestimmte Popelemente w\u00fcrden zitiert und abgewandelt benutzt: \u00bbBy adapting familiar, second-hand, vulgar materials \u2013 popular myths of action and sexual glamour \u2013 Godard gains a considerable freedom to \u203aabstract\u2039 without losing the possibility of a commercial theater audience\u00ab, schreibt etwa Susan Sontag \u00fcber die Filme Jean-Luc Godards (1968: 292). Selbst wenn \u2013 wie bei Sontag \u2013 die verwendeten Popelemente als vulg\u00e4r denunziert werden, steht f\u00fcr die Kommentatoren und K\u00fcnstler zumeist fest, dass die Art und Weise ihrer (verfremdenden, dekontextualisierenden, queeren etc.) Adaption sie aufwertet. Die bekannten Beispiele f\u00fcr entsprechend positiv eingestufte Adaptionen sind die Pop-Art, die deutsche Pop-Literatur von Brinkmann bis Meinecke, die Nouvelle Vague, in der Musik z.B. minimalistische Varianten von Velvet Underground bis Techno. Vieles davon genie\u00dft bereits seit den 1960er Jahren einen guten Ruf. Diese Mischungen und Adaptionen werden im Sinne des Avant-Pop dem erweiterten Pop-Sektor durchaus noch zugerechnet, gleichwohl bekommen sie einen modernen Hochkulturstatus zugewiesen, der sie von dem (aus dieser Sicht) reinen, ungekreuzten, unvermischten Pop positiv abhebt.<\/p>\n<p>C. Wagemutiger war es l\u00e4ngere Zeit (und ist es mitunter heute noch), Pop-Ph\u00e4nomene zu loben, ohne die unter 1-3 angef\u00fchrten Topoi zu bem\u00fchen, stattdessen besonders eing\u00e4ngige, oberfl\u00e4chliche, k\u00fcnstliche Varianten zu preisen. Das Lob des Oberfl\u00e4chlichen und K\u00fcnstlichen im Sinne des forciert Unnat\u00fcrlichen, Unmoralischen oder Komplexen passt in manchen F\u00e4llen noch sehr gut mit den Punkten 1-3 zusammen; das Lob des Oberfl\u00e4chlichen und K\u00fcnstlichen im Verbund mit dem Eing\u00e4ngigen, Angenehmen, Sinnlichen jedoch ist h\u00e4ufig dem Lob des gro\u00dfen Autors, komplexen Werks sowie des Verst\u00f6renden, Experimentellen \u00e4u\u00dferst abtr\u00e4glich; nur mit dem Lob des Seriellen, Autorlosen, Reproduzierten kann es zusammengehen.<\/p>\n<p>Diese Feststellung scheint die hier gegebene Definition des Avant-Pop hinf\u00e4llig zu machen, mutet es doch widersinnig an, dass ein Gegenstand von gegens\u00e4tzlichen Faktoren bestimmt wird. Plausibel ist das dennoch, wenn man im Auge beh\u00e4lt, dass es Gemeinsamkeiten in der Art der Formulierung der gegens\u00e4tzlichen Standpunkte gibt, Gemeinsamkeiten, die den Unterschied inhaltlicher Art nicht vergessen machen, aber trotzdem stark genug sind, um eine Bindung herzustellen \u2013 eine Bindung, die sich nicht selten bereits innerhalb einer Zeitschrift, eines Museums, eines Labelprogramms, einer metropolitanen Bohemeszene, eines Clubs, eines Radioprogramms, eines Verlags, eines Lehrprogramms etc. zeigt, in jedem Fall aber im steten Bezug solcher Institutionen und Szenen aufeinander, in ihrer Zusammenarbeit als \u00bbart world\u00ab (vgl. Becker 1982):<\/p>\n<p>Als Lob vom Standpunkt des Avant-Pop aus sind die unter Punkt 4 genannten Anerkennungsformen oft bereits gut erkennbar (also z.B. von der manchmal \u00fcbereinstimmenden Wertsch\u00e4tzung in der \u00bbBravo\u00ab unterscheidbar), weil sie fast immer l\u00e4nger, aufw\u00e4ndiger formuliert sind. Zudem wird das Lob des Eing\u00e4ngigen, Oberfl\u00e4chlichen etc. als Avant-Pop-Geste dann deutlich, wenn sie mit anderen, intellektuelleren Begr\u00fcndungsfiguren und in anderen Abgrenzungskonstellationen erfolgt als in der Berichterstattung der von den meisten Pop-Fans rezipierten Radiostationen, Internetseiten, Tageszeitungen und Illustrierten. Der mit Punkt 4 belobigte Avant-Pop ergeht regelm\u00e4\u00dfig in Abgrenzung zur psychologischen Literatur, zur engagierten Kunst, zu langweiliger Bildung (klassisch-erbauliche Kultur) und vorgeblicher Authentizit\u00e4t (schlichte Volks- und expressive Rockkultur), dadurch ergeben sich h\u00e4ufig starke \u00dcbereinstimmungen mit den Punkten 2 und 3, manchmal auch mit Punkt 1.<\/p>\n<p>Den Siegeszug des Avant-Pop mache ich also (erstens) daran fest, dass die Begr\u00fcndungstopoi des Eing\u00e4ngigen, Oberfl\u00e4chlichen nun auch Gemeingut des Feuilletons und staatlicher\/\u00f6ffentlich-rechtlicher Institutionen geworden sind. Von einer Wende hin zum Avant-Pop spreche ich (zweitens) ebenfalls, weil die Begr\u00fcndungsfigur 4 seit ca. zwanzig Jahren nicht l\u00e4nger zwingend an die Erwartung gekoppelt ist, dass das Insistieren auf dem K\u00fcnstlichen, Oberfl\u00e4chlichen etc. innerhalb oder sogar au\u00dferhalb des Kunstbetriebs eine \u00fcberraschende oder subversive Position darstellt. Nicht zuletzt (drittens) halte ich es f\u00fcr sinnvoll, eine Wende hin zum Avant-Pop anzuzeigen, weil alle unter 1-3 genannten Punkte nicht nur seit zwanzig Jahren h\u00e4ufig durch Punkt 4 erg\u00e4nzt (manchmal auch ersetzt) werden, sondern auch einzeln oder (teilweise) im Verbund deutlich h\u00e4ufiger in \u00fcberregionalen Tageszeitungen, Katalogen, Seminarpl\u00e4nen etc. anzutreffen sind als zuvor. Abschlie\u00dfend (viertens) scheint es mir angebracht, von einer Avant-Pop-Wende zu reden, weil die oben unter 1-4 versammelten Punkte mittlerweile nicht mehr so stark gegeneinander in Stellung gebracht werden wie noch vor zwanzig und vor allem vor drei\u00dfig Jahren. Inzwischen verstehen sich z.B. traditionelle Neil-Young-Anh\u00e4nger, avantgardistische Warhol-Adepten, modernistische David-Foster-Wallace-Leser und betont oberfl\u00e4chliche Katy-Perry-Apologeten gar nicht schlecht untereinander, h\u00e4ufiger finden sich drei, manchmal sogar alle vier Geschmacksvarianten gar in einer Person vereint.<\/p>\n<p>D. Um zu ermessen, wie ungew\u00f6hnlich diese Vorlieben sind, ist es hilfreich, sich zum Kontrast den Stand kurz nach 1945 vor Augen zu halten. \u00bbFor the young intellectual in post-war Britain the split between high culture and what was to become known as pop culture seemed absolute\u00ab, res\u00fcmiert George Melly: \u00bbany interest in some aspect of pop culture implied a desperate intellectualizing to justify that interest or else a defiant over-compensatory arrogance\u00ab ([1970] 1989: 16). Anhalt geben nur jene Meinungs\u00e4u\u00dferungen und Geschmacksurteile, die sich dem Erbe der lebensk\u00fcnstlerischen Avantgarde der 1910er und 20er Jahre und ihrer heftigen Abneigung gegen die bildungsb\u00fcrgerliche Kultur verdanken. Dennoch verwundert es selbst den Breton-Anh\u00e4nger Melly stark, als der Maler Lucien Freud ihm erz\u00e4hlt, dass er amerikanische Autos sch\u00f6n finde (ebd.: 12). Anfang\/Mitte der 50er Jahre ist das im Umkreis der englischen Independent Group dann bereits eine kanonische Einsch\u00e4tzung: \u00bbthe lumpen-fantasy worls of long-limbed compliant girls, fast cars, penthouses, streamlined violence and neon lights reflected in private swimming pools\u00ab wird von ihnen hochgehalten. Melly selbst h\u00e4ngt vor allem amerikanischen Zeichentrickserien an, auch damit steht er um 1950 herum keineswegs allein: \u00bbthe central school of thought was for the most part in favor of M.G.M.\u2019s \u203aTom and Jerry\u2039, and completely unanimous in its enthusiasm for he Warner Brother series, \u203aSylvester\u2039 and \u203aBugs Bunny\u2039\u00ab (ebd.: 15). Solche Vorlieben und Ausrichtungen sind heutzutage in Kulturinstitutionen, unter Akademikern und Studenten, im Feuilleton nicht mehr nur kleinen Kreisen von Avantgarde-K\u00fcnstlern und -Intellektuellen vorbehalten, sondern bei gro\u00dfen Gruppen und in entscheidenden Abteilungen die Regel. Das macht die kulturelle Wende aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">2. Tr\u00e4gergruppen und Favoriten des Avant-Pop<\/p>\n<p>Zu den wichtigsten Tr\u00e4gern des Avant-Pop, zu den Gruppen, die \u00fcber die Ausgestaltung und Durchsetzung von \u00e4sthetischen und k\u00fcnstlerischen Haltungen, Konzepten und Wertungsma\u00dfst\u00e4be bestimmen, geh\u00f6ren auf der Rezipientenseite \u00fcberwiegend j\u00fcngere (bis vor kurzem fast ausschlie\u00dflich m\u00e4nnliche), der Mittel- oder Oberschicht entstammende Angeh\u00f6rige akademischer Kreise. Auf der Ebene der Berufe und Ausbildungsg\u00e4nge, die an der \u00bbart world\u00ab des Avant-Pop arbeiten, handelt es sich \u00fcberwiegend um Kunsthochsch\u00fcler, Avantgardek\u00fcnstler, Designer, Kunstrezensenten, Zeitgeistjournalisten, avancierte Studenten, Doktoranden oder Mitarbeiter an geistes- und kulturwissenschaftlichen Instituten, \u00f6ffentlich-rechtliche Kulturredakteure, Lektoren und Kuratoren in modernen Museen und Verlagen. Sie haben es (im Zuge ihres Aufstiegs an den Universit\u00e4ten, in den Zeitungen, etc.) in den letzten f\u00fcnf Jahrzehnten geschafft, die postmodern-avantgardistischen H\u00f6herwertungen und Adaptionen der Massen- und\/oder Popkultur so weit durchzusetzen, dass entsprechende Werke und Geschmacksurteile wesentliche Teile des Feuilletons von Zeitungen und Zeitschriften wie \u00bbFAZ\u00ab, \u00bbSpiegel\u00ab, \u00bbVogue\u00ab, \u00bbSZ\u00ab, \u00bbTexte zur Kunst\u00ab, \u00bbSpex\u00ab usf., von staatlichen und \u00f6ffentlich-rechtlichen Institutionen und Kulturprogrammen, von universit\u00e4ren Lehrveranstaltungen und in kleinerem Ma\u00dfe auch von gymnasialen Lehrpl\u00e4nen einnehmen.<\/p>\n<p>Die vergleichsweise kleinen k\u00fcnstlerischen, publizistischen Kreise, die den Avant-Pop-Kanon zusammenstellen bzw. ver\u00f6ffentlichen, bem\u00fchen sich zum einen fortlaufend darum, einst zum \u00bblow\u00ab-Bereich gez\u00e4hlte K\u00fcnstler, Werke und mitunter sogar auch Genres als Hochkunst innerhalb eines erneuerten Kanons mit an die Spitze zu setzen. Dort stehen dann nicht nur die genannten Adaptionen und Kombinationen der Pop-Art etc., sondern auch The Zombies, Chic, Human League, Madonna und Philly-Sound oder Hitchcock, Hawks und Kung-Fu-Filme. Hier liegen die \u00dcbereinstimmungen mit einem weiter verbreiteten Geschmack. Allerdings handelt es sich um Umwertungen im Geist der Avantgarde oder Postmoderne, die zu dem hohen Lob von Madonna etc. mit anderen Argumenten und Formulierungen gelangen, als sie die \u00fcberwiegende Mehrheit der Chic- oder Madonna-Anh\u00e4nger verwendet.<\/p>\n<p>Der Unterschied wird zum anderen dadurch gestiftet, dass sich im Kanon derjenigen, die sich mit einem Avant-Pop-Impetus um eine Aufhebung der alten Differenz von \u00bbhigh\u00ab und \u00bblow\u00ab bem\u00fchen, neben den hochgewerteten einzelnen Popstars wie Chic und Madonna nicht selten Velvet Underground, Sonic Youth, John Coltrane, manchmal sogar Edgar Var\u00e8se und John Cage befinden. Die \u00fcberkommenen Bestimmungsgr\u00f6\u00dfen von \u00bbhigh\u00ab und \u00bblow\u00ab werden von ihren avantgardistischen und postmodernen \u00dcberwindern oftmals insofern zum Teil bewahrt, als sie an die Stelle von klassischen, modernen und avantgardistischen Werken nicht einfach ausschlie\u00dflich die \u00fcblicherweise so bezeichneten Pop- und Unterhaltungsgenres setzen (und dadurch die Zusammensetzung der Rangliste grunds\u00e4tzlich umkehren w\u00fcrden).<\/p>\n<p>Jene avantgardistischen, (post-)modernistischen Kunstformen, gew\u00f6hnlich als \u00bbhigh\u00ab und \u00bblow\u00ab eingestufte Elemente kombinieren und damit gegen den \u00e4lteren bildungsb\u00fcrgerlichen Kanon versto\u00dfen, bewegen sich ohnehin nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des renovierten, modernisierten bildungsb\u00fcrgerlichen Kanons deutlich auf der Seite des \u00bbHohen\u00ab. Dort stehen etwa in der Gattung Literatur Musil und Hofmannsthal (oder auch Goethe) nicht mehr allein, hinzu haben sich etwa Brinkmann und Jelinek gesellt.<\/p>\n<p>Der speziellere Kanon des Avant-Pop setzt sich ebenfalls aus Kombinationen zusammen: Nicht aber weil er ausschlie\u00dflich Mischformen auflistete, sondern weil sich in ihm sowohl K\u00fcnstler finden, die im renovierten bildungsb\u00fcrgerlichen Kanon oder im Schulcurriculum vorkommen, als auch Werke, die dort nach wie vor als unstatthaft gelten: In der Rangliste des Avant-Pop stehen Brinkmann und Pulp-Fiction-Hefte, Zappa und Zombies, Art Rock und Disco, Godard- und James-Bond-Filme nicht weit voneinander entfernt.<\/p>\n<p>Die Tr\u00e4gergruppe des Avant-Pop ist (noch) wesentlich kleiner als die Schicht der Pop-Fans. Umgekehrt gesagt: Die Gruppe derjenigen, die nur Konzerte von Kylie Minogue und Pet Shop Boys besucht und sich deren St\u00fccke herunterl\u00e4dt, ist bedeutend gr\u00f6\u00dfer als jene Avant-Pop-Anh\u00e4ngerschaft, die z.B. Pet Shop Boys und Joy Division h\u00f6rt \u2013 oder, um andere Gattungen beispielhaft anzuf\u00fchren, Cindy Sherman und Jeff Koons sch\u00e4tzt, in Warhol- und Fotografie-Ausstellungen geht, B\u00fccher von David Foster Wallace und Helene Hegemann kauft (manchmal auch liest).<\/p>\n<p>Andererseits ist die Gruppe, die \u00fcber breit gestreute Avant-Pop-Vorlieben im gerade genannten Sinne (Pet Shop Boys und Joy Division, Wallace und Hegemann, etc.) verf\u00fcgt, viel gr\u00f6\u00dfer als der Kreis jener Leute, die sich f\u00fcr Rainald Goetz und Thomas Meinecke, f\u00fcr Momus und Sunn O))) begeistern oder gar gleicherma\u00dfen f\u00fcr Swans und Janelle Mon\u00e1e oder Sch\u00f6nberg und Grateful Dead eintreten (ein Kreis, der sich in erster Linie aus Doktoranden, Journalisten, K\u00fcnstlern, Designern etc. zusammensetzt).<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Bedeutung besitzt der Avant-Pop aus genau den zwei Gr\u00fcnden bzw. wegen genau dieser zwei Gruppen, die ihn pflegen. Erstens verf\u00fcgt er mit dem zuletzt benannten Kreis \u00fcber eine gut organisierte \u00bbart world\u00ab, die ihn k\u00fcnstlerisch hervorbringt und in Museen, Radioanstalten, Verlagen etc. regelm\u00e4\u00dfig ins Programm nimmt. Zweitens gibt es ein beachtlich gro\u00dfes Publikum, das eine Reihe der in dieser \u00bbart world\u00ab hoch rangierenden Werke ebenfalls sch\u00e4tzt \u2013 wenn auch nicht die von Rainald Goetz und Sunn O))), so eben doch die von Joy Division und David Foster Wallace, Roy Lichtenstein und Quentin Tarantino etc. Zudem hat sich innerhalb dieses Publikums, das sich in erster Linie aus Studenten und Universit\u00e4tsabsolventen zusammensetzt, die Vorgehensweise durchgesetzt, einige Popstars, die eine noch viel gr\u00f6\u00dfere Anh\u00e4ngerschaft erreichen, mit Argumenten hochzuwerten, die der Mehrheit der Fans wenig bedeuten. Davon k\u00f6nnen sowohl in der speziellen \u00bbart world\u00ab als auch im weiteren Avant-Pop-(Akademiker-)Publikum Attraktionen wie Lady Gaga, Pet Shop Boys, Hollywood-Genrefilme, Marvel-Comics etc. profitieren (und das mittlerweile sogar oft ohne Camp-Gestus).<\/p>\n<p>Einzelne Avant-Pop-Vorlieben (in den beiden beschriebenen Hinsichten) sind heutzutage auch fester Bestanteil eines wesentlich gr\u00f6\u00dferen Publikums, als es die Avant-Pop-Puristen h\u00f6chstwahrscheinlich jemals werden bilden k\u00f6nnen. Dieses Publikum kommt an Umfang bereits an jenes, das sich nur f\u00fcr Blockbuster und Singleschartshits interessiert, beachtlich heran. Es handelt sich um eine Schicht aus Kulturinteressierten, die in Warhol- und Expressionismus-Ausstellungen geht, Philip Roth und Paul Auster liest, Norah Jones und eine Mozart-Oper h\u00f6rt. Wie auch immer die Kombinationen im Einzelnen aussehen m\u00f6gen (jeder aus dieser Schicht geht nat\u00fcrlich nicht in eine Mondrian-Retrospektive und kauft sich einen Roman von Paul Auster), einige der bekannten Avant-Pop-Favoriten wie etwa Warhol, Lou Reed, Talking Heads, Steven Soderbergh, Miles Davis, David Foster Wallace k\u00f6nnen hier prinzipiell neben ganz anders ausgerichteten, anerkannten K\u00fcnstlern (sei es nun Handke oder Grass, Pina Bausch oder Anne-Sophie Mutter, Christo oder Neo Rauch, Dianna Krall oder Pink Floyd) stehen und bestehen.<\/p>\n<p>In der amerikanischen Soziologie hat sich f\u00fcr die Gruppe derjenigen, die gleicherma\u00dfen \u2013 um musikalische Beispiele zu nennen \u2013 bestimmte K\u00fcnstler aus der klassischen Musik wie dem Pop, Jazz wie Rock sch\u00e4tzen und h\u00f6ren, die Bezeichnung \u00bbominivore\u00ab (Allesfresser) eingeb\u00fcrgert. Habe es zuvor eine exklusive Bindung von \u00bbhigh-status Americans\u00ab an die Hochkultur gegeben, zeichne die statushohen Amerikaner nun verst\u00e4rkt aus, dass sie \u2013 weiterhin im Gegensatz zu den Bev\u00f6lkerungsgruppen mit \u00bbniedrigem\u00ab sozialen Status \u2013 aus allen Bereichen, auch denen der \u00bblowbrow\u00ab- und \u00bbmiddlebrow\u00ab-Kultur, ausw\u00e4hlten (Peterson\/Kern 1996).<\/p>\n<p>Im Namen einer \u00bbcreative class\u00ab gibt es eine spezielle Variante dieser These. F\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der \u00bbcreative class\u00ab \u2013 einer Klasse aus Wissenschaftlern und Ingenieuren, K\u00fcnstlern und Entertainern, Softwaredesignern und Publizisten \u2013 besitze die Unterscheidung von \u00bbhighbrow\u00ab und \u00bblowbrow\u00ab keinen Wert mehr, sie bevorzuge statt der \u00bbSOB\u00ab-Kultur (Symphonie, Oper, Ballet; dazu noch das Kunstmuseum) auf der einen und den offensichtlich kommerziellen Angeboten auf der anderen Seite die authentischere, eklektische Kultur einer \u00bbstreet scene\u00ab, die in einem oder in benachbarten Clubs \u00bba dense spectrum of musical genres from blues, R&amp;B, country rockabilly, world music, and their various hybrids to newer forms of electronic music, from techno and deep house to trance and drum and bass\u00ab biete (Florida 2002: 191, 182, 187, 184).<\/p>\n<p>Essayistisch ist die Gruppe der \u00bbAllesfresser\u00ab als Tr\u00e4gergruppe einer neuen \u00bbNobrow\u00ab-Kultur gefasst worden: An die Stelle der alten Unterscheidung zwischen der elit\u00e4ren Kultur der (Bildungs-)Aristokratie und der kommerziellen Kultur der Massen sei eine \u00bbhierarchy of hotness\u00ab getreten. \u00bbNobrow is not culture without hierarchy, of course, but in Nobrow commercial culture is a potential source of status, rather than the thing the elite define themselves against. [\u2026] Dominique de Menil side by side with Courtney Love.\u00ab Die \u00bbNobrow\u00ab-Kultur zeichne, kurz gesagt, aus, dass die Differenz von Mainstream oder kommerzieller Kultur und Subkultur oder Avantgarde nicht mehr trennscharf f\u00fcr die Bestimmung des Abstands von den hohen zu den niedrigen Schichten wirke (Seabrook [2000] 2001: 28f., 66, 71, 169).<\/p>\n<p>Dadurch bleibt die Unterscheidung von \u00bbhoch\u00ab und \u00bbniedrig\u00ab im \u00e4sthetischen Urteil nat\u00fcrlich erhalten, es gibt keine Indifferenz des Geschmacks. Die Hierarchie wird aber nicht mehr durch die Unterscheidung von Literatur und Dichtung, Film und Theater, neuer Musik und leichter Musik, Jazz und Rock, Rock und Pop etc. bestimmt, weil die Schicht der \u00bbomnivores\u00ab potenziell aus all den mit diesen Kategorien erfassten Werken sich jeweils f\u00fcr ihre Favoritenliste bedient (gem\u00e4\u00df des bekannten \u00e4lteren Diktums von Leonard Bernstein: \u00bbthere is no such thing as U- und E-Musik, only good and bad music\u00ab).<\/p>\n<p>Seabrook z\u00e4hlt Warhol, die Talking Heads, die Chemical Brothers als wichtige \u00bbNobrow\u00ab-Artisten auf, er nennt bildende K\u00fcnstler wie Pipilotti Rist, bei denen die Grenzen zwischen Werbung, Mode und Kunst verwischen w\u00fcrden \u2013 und er benennt auf Seiten der Rezipienten jene Wertungspraxis als \u00bbNobrow\u00ab-Praxis, die darin besteht, den Abstand von guter und schlechter Kunst nicht mehr in der Differenz von hoher und kommerzieller Kunst, sondern angesagter (\u203ahei\u00dfer\u2039) und langweiliger, biederer Kunst zu erkennen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne l\u00e4sst sich auch der Unterschied zwischen den \u00bbomnivores\u00ab und den Avant-Pop-Verfechtern (bzw. Seabrooks\u2019 \u00bbNobrows\u00ab) pr\u00e4zise angeben. W\u00e4hrend die \u00bbAllesfresser\u00ab allgemein dadurch bestimmt sind, dass sie in verschiedenen Genres, die fr\u00fcher durch die High\/Low-Spaltung voneinander getrennt waren, ihre Vorlieben besitzen, f\u00e4llt der Avant-Pop-Zuschnitt enger aus. In allen Bereichen kann der Avant-Pop-Geschmack keineswegs Anhalt gewinnen (viele Sparten des Musicals, der Volksmusik, der klassischen Kunst fallen von vornherein aus); wenn sie ihn nicht absto\u00dfen, interessieren sie ihn schlicht nicht. Er muss nicht einmal zwingend sein Gefallen an unterschiedlichen Genres finden, sondern kann z.B. bei bestimmten hybriden Formen (etwa von Pere Ubu bis CocoRosie) verweilen. Erstreckt sich der Avant-Pop-Geschmack \u2013 was \u00fcberwiegend der Fall ist \u2013 hingegen auf sehr viele unterschiedliche Genres, Richtungen, Epochen und reiht sich somit weitgehend bei den \u00bbAllesfressern\u00ab ein, diskriminiert er jeweils stark: Bruce Springsteen und Lil Wayne (die erkl\u00e4rten Favoriten eines ehemaligen deutschen, adeligen Verteidigungsminister), Dire Straits und Sade, Till Br\u00f6nner und Ravels \u00bbBolero\u00ab werden es kaum einmal sein, auch wenn prinzipiell gegen Musiker und Gruppen aus dem Rock, Unterhaltungsjazz, Hip-Hop etc. keine Einw\u00e4nde bestehen.<\/p>\n<p>Der Avant-Pop-Zuschnitt deckt sich \u00fcberwiegend mit jenen kulturellen Pr\u00e4ferenzen, die Pierre Bourdieu Ende der 70er Jahre der Schicht der \u00bbneuen Kleinbourgeoisie\u00ab zurechnet. Die Angeh\u00f6rigen dieser Schicht stammen nach Bourdieu aus den oberen Klassen und mussten (meistens) wegen fehlenden Bildungskapitals auf neue Berufe wie Kulturvermittler, Sozialarbeiter, Therapeut oder Kunsthandwerker umsatteln. Sie verf\u00fcgen \u00fcber ein sehr hohes famili\u00e4res kulturelles Kapital und ein ebenso bedeutendes soziales Kapital an Beziehungen, zeigen sich daher innerhalb der mittleren Klassen als die kulturell kompetentesten. Ihr \u00bbambivalentes Verh\u00e4ltnis zum Ausbildungssystem\u00ab bewege sie dazu, \u00bbsich alle Gattungen, die \u2013 wie der Jazz, der Film, Comics, Science-fiction \u2013 zumindest vor\u00fcbergehend nur am (unteren) Rand der legitimen Kultur existieren, anzueignen und in der \u00dcbernahme amerikanischer Moden und Vorbilder \u2013 Jazz, Jeans, Rock, Underground \u2013, auf die sie am liebsten ein Monopol h\u00e4tten, an der legitimen Kultur Revanche zu nehmen.\u00ab Nicht nur um sich wegen ihrer nur mittelm\u00e4\u00dfigen sozialen Laufbahn zu r\u00e4chen, sondern auch um sich zu rehabilitieren, importierten sie h\u00e4ufig \u00bbin diese von der Schulinstitution vernachl\u00e4ssigten Regionen eine gebildete, ja gelehrte Einstellung, die der Schule selbst nicht fremd ist\u00ab (Bourdieu [1979] 1982: 566).<\/p>\n<p>Im gro\u00dfen gesellschaftlichen Panorama f\u00fchrt Bourdieu die Trennung zwischen einer hohen, legitimen und einer popul\u00e4ren Kunst auf die Spaltung der Klassen zur\u00fcck. Die unterschiedlich verteilte Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber materielle Mittel beg\u00fcnstige die Herausbildung verschiedener \u00e4sthetischer Einstellungen, die sich im Falle der niedrig angesehenen Schichten an das Naheliegende, Wirkungsvolle, k\u00f6rperlich Bezwingende halten \u2013 und im Falle der Schichten, die von unmittelbaren \u00f6konomischen Pressionen befreit sind, an das Sublimiertere, weniger direkt Eing\u00e4ngliche, Komplexere. Die einen begeistern sich f\u00fcr Darstellungen, mit denen sie sich identifizieren k\u00f6nnen und die die Funktion erf\u00fcllen, einen mitzurei\u00dfen, zu unterhalten, zu erregen, zu bewegen etc., die anderen finden ihr kontemplatives Gefallen an der Form, an der Art der Darstellung, manchmal sogar (in den intellektuell-asketischen Fraktionen der herrschenden Schicht) v\u00f6llig unabh\u00e4ngig davon, ob die Sujets sch\u00f6n oder h\u00e4sslich, die Themen wiedererkennbar oder abstrakt und fragmentarisch sind. Weil der Ma\u00dfstab des richtigen Geschmacks aber im Sinne der legitimen \u00c4sthetik nicht durchgehend mit ganz bestimmten Eigenschaften von Werken verbunden, sondern zuerst an Wahrnehmungsweisen ausgerichtet ist, kann sich der herrschende Geschmack mitunter auch darin erweisen, dass er sein Verm\u00f6gen zur Distanz, zur Konzentration auf Formfragen selbst an eigentlich als vulg\u00e4r und aufdringlich eingestuften Gegenst\u00e4nden, Farben, Rhythmen demonstriert. Kunstobjekte, die eine Verfremdung, Neukontextualisierung, Rekombination des Gew\u00f6hnlichen vornehmen, also den distanzierten, reinen Blick von vornherein ber\u00fccksichtigen, k\u00f6nnen darum stets auf ein positives Urteil im Sinne der legitimen \u00c4sthetik hoffen.<\/p>\n<p>Der \u00e4sthetisch geforderte Vorrang interesselosen Wohlgefallens und die damit verbundene Geringsch\u00e4tzung sinnlich reizender oder zur unmittelbaren Identifikation einladender Kunst ist in der Sicht Bourdieus ein wichtiges Mittel zur Legitimation jener gesellschaftlichen Hierarchie, die auf der unterschiedlichen Wertsch\u00e4tzung und Entlohnung verschiedener T\u00e4tigkeiten beruht. Eine entscheidende Rolle kommt dabei der Institution Schule zu; sie, die doch gerade f\u00fcr das Gleichheitsprinzip einstehen soll, tr\u00e4gt nach Bourdieu gegenw\u00e4rtig nur zur Verl\u00e4ngerung und Naturalisierung der Ungleichheit bei. Dadurch, dass sie dem Habitus der Distanz und Interesselosigkeit, wie er sich der Sozialisation innerhalb gesicherter Verh\u00e4ltnisse verdankt, im Namen universeller Aufkl\u00e4rungsprinzipien besonders entgegenkommt, erscheinen der ganz unterschiedliche Ausbildungserfolg (bei vorgeblich f\u00fcr alle gleichen Startbedingungen) und die mit ihm verbundenen Karrieren als Ergebnis individueller Intelligenz bzw. intellektueller Inkompetenz oder Ignoranz.<\/p>\n<p>Den Versuch, jene popul\u00e4re Kultur zu rehabilitieren, die einen Gegensatz zur \u00c4sthetik der Interesselosigkeit verk\u00f6rpert, kann Bourdieu darum nur begr\u00fc\u00dfen, wenn der Versuch nicht allein ein wiederum distanzierendes Geschmacksurteil im Feuilleton der Hochkultur darstellt, sondern damit verbunden ist, deren Anerkennung ebenfalls in der sozialen Welt durchzusetzen, sprich: die bestehenden gesellschaftlichen Unterschiede und die sie tragenden und legitimierenden Ma\u00dfst\u00e4be anzugreifen. Alle anderen Geschmacksk\u00e4mpfe \u2013 etwa das Bem\u00fchen der innerhalb der herrschenden Schicht dominierten Klasse der Intellektuellen, gegen den distinguierten Luxus der dominanten Kapitaleigner modernistisch-asketischere Formen ins Feld zu f\u00fchren, oder die Manier der aufsteigenden Mittelschichten, gegen den traditionellen Kanon der K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten aus den kollektiveren Kunstformen wie dem Film oder der Rockmusik Regisseure oder Singer\/Songwriter als eigenst\u00e4ndige \u203aAutoren\u2039 herauszupr\u00e4parieren \u2013 bilden f\u00fcr Bourdieu folgerichtig nur Distinktionsweisen, die im Erfolgsfall lediglich eine geringf\u00fcgig erneuerte Herrschaft \u00fcber die \u203apopul\u00e4ren\u2039 Schichten etablieren w\u00fcrden. Selbst in schwieriger zu bewerkstelligenden Hochwertungen der Modefotografie, der Popmusik, des Gebrauchsdesigns etc. erkennt Bourdieu keineswegs eine Ma\u00dfnahme, die Kultur zu demokratisieren und die niederen Schichten vom Stigma des schlechten Geschmacks zu befreien, sondern lediglich den Versuch bislang schlechter gestellter Gruppen der oberen Schichten, eine neue Vorherrschaft zu gewinnen, die die alten Unterordnungsverh\u00e4ltnisse in jedem Fall unangetastet l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Avant-Pop macht hier keine Ausnahme, weil er erstens zu einem Teil aus Werken besteht, die Mischformen darstellen, und zweitens jene Werke, die vormals diskreditierten popul\u00e4ren Genres entstammen, mit Argumenten nobilitiert, die den Standpunkt der Sinnlichkeit und Funktionalit\u00e4t in mancher Hinsicht preisgeben. Auch die Umwertungen von Werken der Popkultur aus Gr\u00fcnden der Subversion \u2013 aus Gr\u00fcnden also, deren Hauptanliegen oftmals die \u00dcberwindung der Klassengesellschaft ist \u2013 tr\u00e4gt gegen die erkl\u00e4rte Absicht ihrer Urheber regelm\u00e4\u00dfig dazu bei, die soziale Spaltung kulturell zu befestigen und indirekt zu legitimieren.<\/p>\n<p>Dennoch l\u00e4sst sich Bourdieus Analyse, die sich auf Daten der 1960er Jahre st\u00fctzt, nicht ohne Abstriche auf die Gegenwart des Avant-Pop \u00fcbertragen. Mittlerweile \u00fcberholt ist der Befund, dass die beredten Anh\u00e4nger von Velvet Underground bis Helmut Newton dem neuen Kleinb\u00fcrgertum angeh\u00f6rten und ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis zur Schule und zur legitimen Kultur aufwiesen. Der Avant-Pop z\u00e4hlt inzwischen ebenso zur legitimen Kultur und ist anerkannter Bestandteil der universit\u00e4ren Ausbildung wie sich die Ausrichtung der legitimen Kultur am Wert der Interesselosigkeit insgesamt (nicht nur in Kreisen der Aufsteiger in den Medien- und Telekommunikationsbranchen) verringert hat. In den Feuilletons der \u00fcberregionalen Zeitungen, in Nachrichtenmagazinen, in modernen Museen, in den Kulturprogrammen von Radio- und Fernsehsendern k\u00f6nnen die K\u00fcnstler und die Geschmacksgr\u00fcnde des Avant-Pop zwar nur einen Ausschnitt bilden. All diese Institutionen glauben aber, heutzutage nicht mehr darauf verzichten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Pl\u00e4doyers f\u00fcr einen ver\u00e4nderten Zuschnitt und eine ver\u00e4nderte Bewertungsgrundlage des kulturellen Kanons, die f\u00fcr eine st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung zeitgen\u00f6ssischer Popkultur eintreten, laufen darum in den allermeisten F\u00e4llen auf eine Legitimierung des Status quo hinaus und verf\u00fcgen in den westlichen Staaten \u00fcber kein gr\u00f6\u00dferes politisches, kritisches Potenzial mehr.<\/p>\n<p>Ausnahmen gibt es nur in Regionen, in denen, oft vermittelt durch religi\u00f6se Traditionen, reaktion\u00e4re Anschauungen vorherrschen, f\u00fcr die Avant-Pop viel zu sehr in sexuellem Hedonismus, z\u00fcgellosem Materialismus, unreiner, irritierender Vermischung und antiautorit\u00e4rer Disziplinlosigkeit aufgeht und deshalb aus Schulen und medialer \u00d6ffentlichkeit soweit es geht herausgehalten werden soll. In den meisten westlichen Regionen, zumal in den gro\u00dfen St\u00e4dten, z\u00e4hlt Pop, auch in seiner avantgardistischen oder vorgeblich subversiven Variante, zum erweiterten Unterhaltungsangebot, das zumeist nicht blo\u00df toleriert, sondern ausdr\u00fccklich mit liberalem Gestus bejaht (und staatlich gef\u00f6rdert sowie \u00f6ffentlich-rechtlich unterst\u00fctzt) wird. Weiter gest\u00e4rkt wird diese affirmative Haltung seit kurzem durch halbwegs \u00f6konomische Betrachtungen, die nicht zuletzt den Avant-Pop als Ausweis und teilweisen Motor der uneingeschr\u00e4nkt positiv eingestuften \u00bbkreativen Klasse\u00ab einstufen. Aus Sicht des politisch argumentierenden Feuilletons gilt die Verbindung von avancierter Popkultur und westlicher Liberalit\u00e4t bereits seit l\u00e4ngerer Zeit ohnehin als so selbstverst\u00e4ndlich, dass sie kaum noch eines besonderen Hinweises bedarf. Eine auff\u00e4lligere, umstrittenere politische Bedeutung k\u00e4me dem Avant-Pop deshalb erst wieder in Zeiten eines konservativen R\u00fcckschritts zu.<\/p>\n<p>Deshalb bleibt es im Moment und auf absehbar l\u00e4ngere Zeit bei der kontinuierlichen, routinierten kulturellen Weiterf\u00fchrung des Avant-Pop. Die Wende ist vollzogen, die Richtung etabliert, Abweichungen vom Kurs sind nicht zu erwarten: Mode- und Rockfotografen bekommen gro\u00dfe Ausstellungen, Feuilletons liefern Gaga-Exegesen, K\u00fcnstler begeistern sich f\u00fcr Illustrierte und Pornofilme, Gymnasiasten und Studenten delektieren sich an Camp und Trash, Universit\u00e4ten bieten Cultural-Studies-Kurse an, Theater bieten Popliteraten und ehemaligen Punks\u00e4ngern ein Forum, Rezensenten und Lehrer erfreuen sich am sog. \u00bbquality tv\u00ab, bildende K\u00fcnstler fertigen Drucke f\u00fcr Luxusg\u00fcterhersteller an, Rockabilly- und Discosingles werden getreulich archiviert, DJ-Sets beschlie\u00dfen Vernissagen, Lifestylemagazine f\u00fchren provokante Rapper mit exklusiven Modedesignern zu Interviews zusammen, \u00f6ffentlich-rechtliche Kultursender strahlen Pink Floyd und Radiohead aus, in einem Museum kann man Taschen von Louis Vuitton kaufen usw. usf.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong><br \/>\nLiteratur<\/strong><\/p>\n<p>Becker, Howard S. (1982): Art Worlds, Berkeley.<br \/>\nBourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft [La distinction (1979)], Frankfurt am Main.<br \/>\nByrne, David (2009): \u00bb03.09.09: D\u00fcsseldorf\u00ab. Internet-Quelle: journal.davidbyrne.com\/2009\/03\/030909-d%C3%BCsseldorf.html [zuletzt aufgerufen am 12.02.2012].<br \/>\nFiedler, Leslie A. (1968): \u00bbDas Zeitalter der neuen Literatur. Die Wiedergeburt der Kritik\u00ab. In: Christ und Welt, 13.09.1968, S. 9-10.<br \/>\nFlorida, Richard (2002): The Rise of the Creative Class. And How It\u2019s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life, New York.<br \/>\nMelly, George (1989): Revolt into Style. The Pop Arts in the 50s and 60s [1970], Oxford.<br \/>\nPeterson, Richard A.\/Kern, Roger M. (1996): \u00bbChanging Highbrow Taste. From Snob to Omnivore\u00ab. In: American Sociological Review 61, S. 900-907.<br \/>\nSeabrook, John (2001): Nobrow. The Culture of Marketing. The Marketing of Culture [2000], London.<br \/>\nSontag, Susan (1968): \u00bbGodard\u00ab. In: Partisan Review 35, S. 290-313.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugleich beliebt: Zappa und Zombies, Art Rock und Disco, Godard- und James-Bond-Filme<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[278,947,1309,1315,1816,2335,2589],"class_list":["post-98","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-avant-pop","tag-hecken","tag-kritik","tag-kultur","tag-pop","tag-thomas","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/98","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=98"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/98\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=98"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=98"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=98"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}