{"id":9819,"date":"2020-02-17T10:01:44","date_gmt":"2020-02-17T08:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=9819"},"modified":"2020-02-17T10:01:44","modified_gmt":"2020-02-17T08:01:44","slug":"der-beginn-des-tages-das-ende-der-nachtvon-hans-j-wulff17-2-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2020\/02\/17\/der-beginn-des-tages-das-ende-der-nachtvon-hans-j-wulff17-2-2020\/","title":{"rendered":"Der Beginn des Tages, das Ende der Nacht<br><small><i>von Hans J. Wulff<\/i><\/small><br><small>17.2.2020<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fchst\u00fccksszenen im Film<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a7 1<\/p>\n<p>Wann fr\u00fchst\u00fccken Sie? Morgens, nat\u00fcrlich, vor der Arbeit! Und am Wochenende?<\/p>\n<p>Kinder m\u00fcssen lernen, dass der Alltag ein hartes Zeitregime ist. Er unterliegt Regeln, die die private Zeit von der Zeit der Arbeit scheiden. Ob man in den Kindergarten geht oder ins B\u00fcro, an die Werkbank oder<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>das Flie\u00dfband, Kundentermine wahrnimmt oder zur Ernte aufs Feld: \u00dcberg\u00e4nge von einer Zeitsph\u00e4re in eine andere. Wie der Rand zum Loch geh\u00f6rt und zugleich nicht, markiert das Fr\u00fchst\u00fcck zwei Wirklichkeiten, die zueinander geh\u00f6ren und zwischen denen die Fr\u00fchst\u00fcckenden wechseln, jeden Tag mit Ausnahme der freien Tage (am Wochenende, im Urlaub). \u201eFreie Tage\u201c: Das Fr\u00fchst\u00fcck markiert auch den Unterschied, ob man unter einem imagin\u00e4ren Zwang steht oder nicht. Wenige d\u00fcrfen frei bestimmen \u2013 Rentner, manche K\u00fcnstler und auch diverse Studenten.<\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige Szenen, die in amerikanischen Familiengeschichten zum Urgestein der allt\u00e4glichen Zeitordnungen geh\u00f6ren: Die Kinder haben noch keinen Hunger, die Mutter muss ihnen die Schulbrote schmieren, eilig, eilig, sie k\u00f6nnten den Bus verpassen. Der Mann schon im B\u00fcrodress, er schlingt noch schnell eine Schnitte herunter, nimmt bereits im Aufstehen einen Schluck Kaffee und jagt aus dem Haus. Die Frau hat\u2018s betreut und muss aufr\u00e4umen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fccksszenen dieser Art signalisieren Normalit\u00e4t, die soziale Zelle des Familienlebens ist bereits ins Au\u00dfen ge\u00f6ffnet, der Tag kann beginnen, Mann und Kinder st\u00fcrzen sich an ihre Arbeit. Das Private tritt zur\u00fcck, es wird erst am Abend wieder das Regiment \u00fcber die Familie \u00fcbernehmen. Hotels bieten \u00dcbernachtungen mit Fr\u00fchst\u00fcck an, als gingen sie davon aus, dass die G\u00e4ste den Tag au\u00dferhalb verbringen (wollen oder m\u00fcssen).<\/p>\n<p>Und Szenen dieser Art signalisieren auch, dass das Fr\u00fchst\u00fcck in hohem Ma\u00dfe ritualisiert ist. Die Frage des Wo, des Was-geh\u00f6rt-dazu, der Reihenfolge der Speisen stellt sich ebenso wie die nach demjenigen, der f\u00fcr die Inszenierung der Szene zust\u00e4ndig ist. Fr\u00fchst\u00fccksszenen spielen auch mit dem Set an sozialen Rollen und an Zust\u00e4ndigkeiten, neben der Zeit einer zweiten Ordnung der Alltagswelt.<\/p>\n<p>Andere L\u00e4nder, andere Sitten. Nicht immer nimmt man das Fr\u00fchst\u00fcck noch in der privaten Wohnung ein: Wenn man sein Croissant noch vor der Arbeit in einem Bistro in den Kaffee tunkt, ist man schon in der \u00d6ffentlichkeit \u2013 und in Frankreich. Und als Westberliner konnte man staunen, dass sich in Ostberlin die Stra\u00dfen schon um Sechs mit Leuten bev\u00f6lkerten, die zur Arbeit strebten (gegen\u00fcber dem gewohnten Acht oder Neun in Westberlin). Fr\u00fchst\u00fccken? Tat keiner.<\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck signalisiert Zeit und Ordnung gleichzeitig. Der Tagesablauf umgreift das gesamte Alltagsleben, er ist strikt reguliert, nur an Wochenenden und im Urlaub kann er neu austariert werden. Die oft so hastig Fr\u00fchst\u00fcckenden unterwerfen sich einem Zeitregime, das sie gar nicht selbst erfunden haben. Sie haben sich schlicht unterworfen. Und bemerken es nicht, weil die Szene so normal ist. Manche Szenen in Filmen thematisieren ihre Ritualhaftigkeit bis zur Karikatur. In <i>Citizen Kane<\/i> (USA 1941, Orson Welles) findet sich eine ber\u00fchmte \u201eFr\u00fchst\u00fcckssequenz\u201c, die Kane und seine Frau an einer riesigen Tafel zeigt;<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> sie sitzen einander gegen\u00fcber, getrennt durch Blumenarrangements auf dem Tisch, in der maximalen Distanz, die die Tafel erlaubt, sie parlieren miteinander. Die mehr als zweimin\u00fctige Szene beginnt mit einem Fr\u00fchst\u00fcck kurz nach der Hochzeit der beiden \u2013 Kane bringt das Essen, k\u00fcsst die Frau auf die Stirn, lobt ihre Sch\u00f6nheit; eine Trickblende setzt fort, nun sind die beiden an der erw\u00e4hnten langen Tafel; eine lange Schuss-Gegenschuss-Folge \u2013 der Wandel der Kleidung und das erkennbare Altern der Figuren zeigen den Verlauf der Zeit \u2013 sie sprengen die erz\u00e4hlte Zeit, am Ende werden es zw\u00f6lf Jahre sein, die das so immer gleiche Arrangements des gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fccks \u00fcbergreift. Das Gespr\u00e4ch wirkt auf den einen Blick kontinuierlich, auf den anderen erkennt man, dass es frostiger wird und das Ende der Ehe vorbereitet.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Citizen Kane - A Marriage Just Like Any Other Scene (4\/10) | Movieclips\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Rfl2M8B9WA8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Die Gleichheit des Fr\u00fchst\u00fccks \u00fcber viele Male hinweg fu\u00dft auf einer \u00e4hnlichen Automatisierung des \u00dcbergangs von Nachtschlaf zum Alltagsgesch\u00e4ft wie das morgendliche Waschen, Z\u00e4hneputzen, Ankleiden. Als der extrentrisch-kindliche Protagonist (Paul Reubens) in <i>PeeWee&#8217;s Big Adventure<\/i> (<i>PeeWees irre Abenteuer<\/i>, USA 1985, Tim Burton) zu Beginn des Films seit Fr\u00fchst\u00fcck zubereitet, setzt er seinen k\u00fcchenf\u00fcllenden \u201eFr\u00fchst\u00fccksapparat\u201c in Gang, eine kinetische Nonsense-Maschine,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> zu deren Inbetriebnahme er nur eine Kerze anstecken muss, die einen Faden durchbrennt, an dem ein Gewicht hing, das auf einen Schalter&#8230; Als Pee-Wee aus dem Bad kommt, kann er die beiden ger\u00f6steten Toastbrote auffangen: Das Fr\u00fchst\u00fcck ist bereitet. Sogar der Hund hat sein morgendliches Futter bekommen. Eine ostinate Zirkusmusik unterstreicht das \u00dcberbordend-Parodistische der Szene. Der so irrwitzige Prozess hat einen eigenen Schauwert (auf den die Unsinns-Maschinen abzielen), unterstreicht aber auch das Immergleiche des Fr\u00fchst\u00fcckmachens und die genaue Zeitordnung, die alledem innewohnt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"The Breakfast Machine\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/KVdqwD_bcPs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Es mag gerade das Wiedereintreten der Routine sein, das den Fr\u00fchst\u00fcckenden versichert, dass sie nach der Zeit der Tr\u00e4ume wieder in der normalen Welt sind. Wenn der Protagonist in dem Zeitschleifen-Film <i>Groundhog Day<\/i> (<i>Und t\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier<\/i>, USA 1993, Harold Ramis) an immer dem gleichen Morgen aufwacht und in das das nun tats\u00e4chlich immergleiche Fr\u00fchst\u00fccksritual eintritt, wenn ihm die Identit\u00e4t des Geschehens auff\u00e4llt und er die Bedienung fragt, ob sie auch D\u00e9ja-Vus im Angebot h\u00e4tte, so kann seine Frage auch auf das rituelle Immer-Gleich des Fr\u00fchst\u00fcckens gerichtet sein; und auch die Antwort der Bedienung, sie m\u00fcsse wegen der D\u00e9ja-Vus erst in der K\u00fcche nachfragen, deutet auf eine Verallgemeinerung hin, die man nicht nur im Horizont der Zeitschleife, sondern auch in dem der Ritualisierung auffassen k\u00f6nnte (was dem Gag eine symbolische Tiefe zuschreibt, die wohl gar nicht beabsichtigt war).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DymEcvMptUU&#038;feature=emb_logo\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DymEcvMptUU&amp;feature=emb_logo<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a7 2<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck als Transition zwischen zwei Alltagswirklichkeiten also. Und zwischen der Nacht- und der Tagwelt, der Welt der Tr\u00e4ume und der schn\u00f6den Realit\u00e4t selbst. Als Wiedereintritt in die soziale Welt, in die kontrollierte Welt, zu der die Anderen dazugeh\u00f6ren.\u00a0Vielleicht hat sich etwas ge\u00e4ndert w\u00e4hrend des Aufenthalts in der Welt-vor-dem-Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p>Das \u201eFr\u00fchst\u00fcck nach der ersten Nacht\u201c ersetzt das Begehren der Nacht durch den Alltag des Tages. Die sexuelle Begegnung m\u00fcndet in die kulinarische ein. Die taktile Kommunikation der Nacht, das Spiel der Ber\u00fchrungen geht in eine andere Begegnung \u00fcber, wird zur sozialen Begegnung \u00fcber das Sexuelle hinaus. Aus dem Raunen der Liebe wird Gespr\u00e4ch. Manchmal ist\u2018s ein \u201eFr\u00fchst\u00fcck im Bett\u201c, als solle der n\u00e4chtliche Ort der Lust noch in Erinnerung behalten werden. Der eine, der dem anderen das Essen bereitet, tut\u2018s als Liebesdienst, vielleicht als Bitte um Verzeihung; auf jeden Fall ist\u2018s eine klare Zuwendung.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die Screwball-Kom\u00f6die <i>Married Before Breakfast<\/i> (USA 1937, Edwin L. Marin) mag <i>ex negativo<\/i> belegen, dass das Fr\u00fchst\u00fcck-Danach gemeinhin das Ende der erotischen Exploration des Paares anzeigt und den \u00dcbergang in die beidseitige Anerkennung der L\u00e4ngerfristigkeit der Beziehung: Es bedarf nur eines einzigen Tages, dass sich der Rasiermessererfinder Tom Wakefield (Robert Young) und Kitty Brent (Florence Rice) treffen, dass er ihr helfen will, ihrem Verlobten zu einem wichtigen weiteren Versicherungsvertrag zu verhelfen, dabei in eine wahre Kette von Abenteuern ger\u00e4t, sogar ins Gef\u00e4ngnis muss \u2013 als er feststellt, dass er sich in Kitty verliebt hat. Tats\u00e4chlich sind beiden noch am gleichen Tag verheiratet. Eine Liebe ohne die Erfahrung der sexuellen N\u00e4he des anderen \u2013 dass <i>Married Before Breakfast<\/i> eine konservative Kom\u00f6die ist, ist deutlich sp\u00fcrbar. Ebenso greifbar ist aber auch ihre Ausnahmerolle: Sich vor dem Fr\u00fchst\u00fcck zu verheiraten, ist un\u00fcblich, auch wenn der Film behauptet: Die Liebe ohne sexuellen Vorlauf gibt es!<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Married Before Breakfast - (Original Trailer)\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/WL0Ajq8jfVA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Oft sind es die M\u00e4nner, die den Frauen der Nacht das Fr\u00fchst\u00fcck ans Bett bringen. So sehr dieses \u201eRitual der ersten Nacht\u201c der in den Familienroutinen \u00fcblichen Verteilung der Geschlechterrollen entgegensteht, so signifikant ist es: Weil es gelesen werden kann als Dank f\u00fcr die sexuelle Leistung, f\u00fcr die Bereitschaft der Frau, sich dem Dr\u00e4ngen des Mannes hinzugeben; dar\u00fcber hinaus als Hinweis auf die Bereitschaft, die Beziehung zu verstetigen, und als Beweis daf\u00fcr, dass man wei\u00df, was sich geh\u00f6rt. \u201eFr\u00fchst\u00fcck ans Bett\u201c ist auch Bestandteil des bourgeoisen Liebesverkehrs, m\u00f6chte man vermuten.<\/p>\n<p>Der Nachhall der sexuellen Begegnung ist auch dann h\u00f6rbar, wenn das Fr\u00fchst\u00fcck kl\u00e4rt, dass die n\u00e4chtliche Verf\u00fchrung geklappt hat. Manchmal geben schon die Titel Hinweise auf die erotischen Subtexte, die den Rollen beigegeben werden. Ein Film \u00fcber den Detektiv Nick Carter (hier gespielt von Eddie Constantine) hei\u00dft in der deutschen Synchronfassung <i>Zum Fr\u00fchst\u00fcck Blondinen<\/i> (im viel weniger l\u00fcsternen Original: <i>Nick Carter et le trefle rouge<\/i>, Frankreich\/Italien 1965, JeanPaul Savignac): Die sexuelle Attraktivit\u00e4t ebenso wie die erotische Initiativit\u00e4t des Detektivs ist klar ausgestellt.<\/p>\n<p>Das nach-n\u00e4chtliche Souper zu zweit mag manchmal das offene Bekenntnis zu einer Beziehung sein, die \u00fcber das Fr\u00fchst\u00fcck hinaus gelten mag. Doch es ist vielleicht auch Hinweis auf einen Typus weiblicher Promiskuit\u00e4t, die die Verbindlichkeit b\u00fcrgerlicher sozialer Beziehungen schlicht leugnet, das Fr\u00fchst\u00fcck als Austritt aus der nur kurzfristigen sexuellen Beziehung zu sich nehmen. \u201eGirls who start with breakfast don\u2019t usually stay for supper\u201c, hei\u00dft es in Ernst Lubitschs frivoler Kom\u00f6die <i>The Smiling Lieutenant<\/i> (<i>Der l\u00e4chelnde Leutnant<\/i>, USA 1931), auf einen Typus freier, selbstbestimmter Sexualit\u00e4t in den urbanen Milieus der 1920er verweisend.<\/p>\n<p>Und auch die Verweigerung, die sexuelle Nacht bis an ihren Fr\u00fchst\u00fccksrand auszudehnen (und ihr damit soziale Geltung zu verleihen), kann zum Thema werden. Die \/ Der Geliebte, der \/ die sich noch vor dem Morgengrauen davonschleicht: ein Motiv der heimlichen Liebe, das auf die Figur der Aschenputtel hindeutet, die sich entzieht, um den Geliebten nicht blo\u00dfzustellen oder weil sie selbst nicht bleiben darf, vielleicht weil sie an anderem Ort zum Fr\u00fchst\u00fcck zu erscheinen hat.<\/p>\n<p>Die deutsche TV-Kom\u00f6die <i>Groupies bleiben nicht zum Fr\u00fchst\u00fcck<\/i> (BRD 2010, Marc Rothemund) dreht die Kondition um: Eine junge Amerikanerin (Lila \/ Anna Fischer) verliebt sich zuf\u00e4llig in den Leads\u00e4nger der Rockband <i>Berlin Mitte<\/i> (Kostja Ullmann), schl\u00e4ft mit ihm in einem Hotelzimmer. Der Manager Paul (Roman Kni\u017eka) entdeckt die beiden und wirft die junge Frau hinaus. Seine Begr\u00fcndung: \u201eGroupies bleiben nicht zum Fr\u00fchst\u00fcck!\u201c ist nicht nur ein Bezug auf den Vertrag des S\u00e4ngers, dass er in der \u00d6ffentlichkeit als Single zu gelten hat, sondern auch die Nomination einer Regel, der die Unverbindlichkeit sexueller Kontakte zu weiblichen Rockfans festschreibt. (Das musik-ideologische Paradox, dass die sexuelle Attraktivit\u00e4t von Rockstars Teil ihres Marketing ist und sich insbesondere an weibliche Fans wendet, verbunden wird mit dem Anschein der Keuschheit der Musiker, benennt die Regel aufs Sch\u00e4rfste.) Das gemeinsame Fr\u00fchst\u00fcck w\u00fcrde die Existenz der sexuellen Beziehung manifest machen, weshalb es hier unterdr\u00fcckt werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a7 3<\/p>\n<p>Vielleicht war die Nacht ein Erlebnis einer Welt des Rausches, des vielleicht orgiastischen Austritts aus der Alltagswelt. Das Fr\u00fchst\u00fcck entlarvt das Geschehen als folgenlos und imagin\u00e4r. Das \u201eKaterfr\u00fchst\u00fcck\u201c, nach einer durchzechten Nacht, mit schwerem Kopf und schweren Gliedern. Ein Glas mit sprudelndem Aspirin geh\u00f6rt dazu. Auch hier ist es der beginnende Tag, der die Figuren aus dem Bett treibt. Nur Routine? Oder gibt es tiefere Antriebskr\u00e4fte f\u00fcr den Kater \u2013 als ob der K\u00f6rper selbst sich dagegen wehrte, aus der Welt der Routinen auszusteigen (als ob das m\u00f6glich w\u00e4re!)? F\u00fcr den Schauspieler ist die Darstellung der schleichenden Ausn\u00fcchterung nat\u00fcrlich eine lustvolle Herausforderung, den Schmerz des Entzugs zu zelebrieren. Es ist das Wiedergewinnen der Alltags-Contenance, dem man zuschauen kann.<\/p>\n<p>Verkaterte R\u00fcckkehr in die Alltagswelt, leibgewordene Strafe f\u00fcr den n\u00e4chtlichen Ausbruchsversuch, Neueintritt in die Kontrollwelt des Kollektivs. Es gibt auch den Gegenentwurf, wenn das Fr\u00fchst\u00fcck das soziale Kollektiv feiert. Ein \u201eSektfr\u00fchst\u00fcck\u201c nimmt man nicht alleine ein;<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> es kehrt das Verh\u00e4ltnis von Rausch und Kater um \u2013 es er\u00f6ffnet eine beschwingte Zeit (und vielleicht folgt ihm viel sp\u00e4ter wieder die Verkaterung, vielleicht aus ganz anderen Gr\u00fcnden als aus einem Zuviel genossenen Champagners) und sucht oft genug das erotische Spiel des Werbens zu verl\u00e4ngern. Noch deutlicher sind die Fr\u00fchst\u00fccksszenen (\u00e4hnlich den Picknicks) in den Landhausfilmen eine Feier der Gemeinschaft derjenigen, die zum Zwecke des Urlaubs zusammengekommen sind. Auch hier spielt die Opposition der Sph\u00e4ren der Alltagswelt eine Rolle, weil diese Szenen nicht den \u00dcbergang von der Privat- in die Arbeitssph\u00e4re anzeigen, sondern vielmehr die Verdauerung eines Zustandes gleichberechtigten Zusammens einer Gruppe von Menschen beschw\u00f6ren und rituell herstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a7 4<\/p>\n<p>Die Rollenverteilungen der Fr\u00fchst\u00fccksszenen spiegeln die eingespielten sozialen Beziehungen von Paaren oder Familien wieder. Ein tieferes Prinzip der Arbeitsteiligkeit wird greifbar, davon war bereits die Rede. Und die Routinen spiegeln gleichzeitig einen Prozess oft jahrelanger Synchronisation des Alltagstuns wieder, sind Teil jenes Ger\u00fcstes von Gewohnheiten, eines der Fundamente langfristiger sozialer Beziehungen. In der Trennungsgeschichte <i>Kramer vs. Kramer<\/i> (<i>Kramer gegen Kramer<\/i>, USA 1979, Robert Benton) steht der Werbefachmann Ted (Dustin Hoffman) mit seinem Sohn Billy (Justin Henry) pl\u00f6tzlich allein da \u2013 und er wei\u00df nicht, wie er sich um den F\u00fcnfj\u00e4hrigen k\u00fcmmern soll. Ein erster Versuch, f\u00fcr den Kleinen ein Fr\u00fchst\u00fcck zu machen, zeigt, dass Ted weder wei\u00df, wo die n\u00f6tigen Ger\u00e4tschaften in der K\u00fcche sind, noch, wie er die Zutaten zubereiten soll. Er verbrennt sich sogar die Hand und l\u00e4sst den Pfannkuchen auf den Boden fallen, als er versucht, ihn mit blo\u00dfer Hand aus der Pfanne zu holen. Ein zweites Fr\u00fchst\u00fcck gegen Ende des Films zeigt ihn erneut bei der Vorbereitung \u2013 und nun arbeiten Vater und Sohn perfekt zusammen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Kramer vs Kramer (1979) - French Toast Scene\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/gVUZma7L8TU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fccke am Anfang erotischer Beziehungen sind selten (entgegen den zahlreichen Fr\u00fchst\u00fccken-Danach). Ein bekanntes Beispiel stammt aus der deutschen Satire <i>Schtonk!<\/i> (BRD 1992, Helmut Dietl): Hermann Willi\u00e9 (G\u00f6tz George), der Reporter, der auf die Spur der vorgeblichen Hitler-Tageb\u00fccher gekommen war, kauft die heruntergekommene Jacht des ehemaligen Reichsmarschalls G\u00f6ring und versucht, sie an G\u00f6rings Nichte zu verkaufen (Christiane H\u00f6rbiger); er w\u00e4re sogar bereit, mit der wesentlich \u00e4lteren Frau ein Verh\u00e4ltnis einzugehen, als sie ihm zum Fr\u00fchst\u00fcck bittere Orangenmarmelade kredenzt, die er verabscheut \u2013 und, den Bissen ausspuckend, weist er die Frau ab mit den Worten: \u201eIch kann mit keiner Frau zusammen sein, die mir nicht gehorcht!\u201c<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Schtonk - Bittere Orangenmarmelade\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Bhzxk2BrAy8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Es mag gerade die Ritualhaftigkeit und Routinisiertheit der Fr\u00fchst\u00fccksszene sein, die zu dem Eindruck f\u00fchrt, dass sie von Leidenschaft frei sei. Sie ist ein Zwischenszenario, eine \u00dcberleitung, eine Transition.<\/p>\n<p>Wer sich unter die Regentschaft autorit\u00e4rer Institutionen stellt, muss auch mit der Enteignung des Fr\u00fchst\u00fccks als privater Eigenzeit im Tagesablauf rechnen. In <i>The Road to Wellville<\/i> (<i>Willkommen in Wellville<\/i>, USA 1994, Alan Parker) wird nach dem Fr\u00fchst\u00fcck regelm\u00e4\u00dfig ein Einlauf vorgenommen. Nach dem so allt\u00e4glichen Beginn des Tages folgt unmittelbar ein Eingriff in die intimste Privatsph\u00e4re, und es d\u00fcrfte greifbar sein, dass ein demonstratives Moment der Machtaus\u00fcbung in dieser Abfolge greifbar ist, das den Herrschaftanspruch der Kellogg-Klinik auf die Patienten klarstellt.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a7 5<\/p>\n<p>Manchmal wird die den Fr\u00fchst\u00fccksszenen inh\u00e4rente Moderatheit aber brutal gebrochen, Ein ber\u00fchmtes Beispiel ist die Fr\u00fchst\u00fccksszene in <i>Public Enemy<\/i> (<i>Der \u00f6ffentliche Feind<\/i>, USA 1931, William A. Wellman), in der<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>der Gangster Tom Powers (James Cagney) seiner Freundin Kitty (Mae Clarke) ohne jede Ank\u00fcndigung brutal eine halbe Grapefruit ins Gesicht dr\u00fcckt \u2013 sie hatte nach seinem Bekunden einmal zuviel gemault. Die Anekdote erz\u00e4hlt, dass Mae Clarkes \u00dcberraschung nicht gespielt war, weil Cagney die Szene improvisiert hatte.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Public Enemy - James Cagney Grapefruit\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/LmZfJuS4sVc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Vor allem Fr\u00fchst\u00fccksszenen in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen wie Hotels, Restaurants, Diners u.\u00e4. sind soziale Szenarien, denen im Verh\u00e4ltnis von Kunde und Anbieter klare Machtverh\u00e4ltnisse zukommen. Meist gilt zwar das \u201eKunde ist K\u00f6nig!\u201c-Prinzip, das die eigentliche Beziehung von Gastgeber und Gast verdreht; allerdings tritt der Gast in eine Regelwelt ein, der er sich zu unterwerfen hat. Gerade deshalb ist ein Raum f\u00fcr dramatischen Konflikt er\u00f6ffnet, der seinerseits wieder f\u00fcr die Charakterisierung der Figuren h\u00f6chst effektiv genutzt werden kann.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zwei Beispiele: <i>Falling Down<\/i> (<i>Ein ganz normaler Tag<\/i>, USA 1993, Joel Schumacher) erz\u00e4hlt die Geschichte des in einer R\u00fcstungsfirma arbeitenden William \u201eDFens\u201c Foster (Michael Douglas), einem Mann, der in Aussehen, rassistischen Ansichten und machistischem Verhalten ganz den M\u00e4nnlichkeitsidealen der 1950er verpflichtet ist; er beginnt eines Tages einen Amoklauf gegen alle Insignien der amerikanisch-konsumistischen Kultur durch die Stadt. Er hatte in einem FastFoodRestaurant Fr\u00fchst\u00fcck zu bestellen versucht \u2013 es war aber 11:33, die Fr\u00fchst\u00fcckszeit war aber seit dreieinhalb Minuten vorbei, von nun an galt ausnahmslos die Mittagskarte; Foster greift zu seinem Gewehr, schie\u00dft in die Decke \u2013 und bekommt sein Fr\u00fchst\u00fcck; doch der gew\u00fcnschte Hamburger sieht nicht so aus wie auf dem Reklameschild.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Falling Down - I want breakfast\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/-eREiQhBDIk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Einen \u00e4hnlichen Konflikt hatte es schon in dem Drama <i>Five Easy Pieces<\/i> (<i>Ein Mann sucht sich selbst<\/i>, USA 1970, Bob Rafelson) gegeben, als der zutiefst unzufriedene Robert Eroica Dupea (Jack Nicholson) in den Konflikt mit einer autorit\u00e4r auftretenden Kellnerin<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>eintritt, von der er vergeblich ein Tost mit Omelette (das <i>breakfast combo<\/i> steht nicht in der Speisekarte); er ordert statt dessen ein H\u00fchnchen-Salat-Sandwich und fordert die Frau auf, sich den Salat zwischen ihre Beine zu halten \u2013 eine h\u00f6chst unanst\u00e4ndige Aufforderung, die ihre Autorit\u00e4t in perfidester Weise untergr\u00e4bt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Five Easy Pieces...breakfast?\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/fREuKE9wX9k?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Menschen, die miteinander essen, k\u00e4mpfen nicht miteinander. Es herrscht Frieden, zumindest zeitweise. Die Position an der Grenze zwischen Nacht und Tag, dazu ihre ritualisierte Position am Anfang des Tages, am Beginn der Zeit des Handelns \u2013 all dieses mag den Eindruck bef\u00f6rdern, dass das Fr\u00fchst\u00fcck jene Mahlzeit ist, deren Affektladung am niedrigsten gegen\u00fcber allen anderen ist. Der Ausbruch der Gewalt (in beiden genannten Filmen) hat darum selbst etwas Gewaltt\u00e4tiges an sich, weil er wie ein Schuss in morgendlicher Stille wirkt, aufschreckend, Gewalt androhend. Der k\u00f6rperlichen Gewaltt\u00e4tigkeit der Grapefruit im Gesicht der Freundin tritt (f\u00fcr die Freundin und den Zuschauer) eine strukturelle zur Seite, die wie ein Stich in die ruhende Alltags-Au\u00dfenhaut des Fr\u00fchst\u00fcckens wirken muss \u2013 als ein Alarmzeichen und als Ungeheuerlichkeit im Umgang mit den Mitfr\u00fchst\u00fcckenden gleichzeitig.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a7 6<\/p>\n<p>Die Zusammenschau der Fr\u00fchst\u00fccksszenen der Filmgeschichte zeigt ein ganzes B\u00fcndel an Funktionen, in die sie eintreten k\u00f6nnen. Sie sind eingebettet in die Zeitordnung des Alltags, die Trennung von Nacht und Tag, von Privatraum und \u00f6ffentlicher Sph\u00e4re. Sie sind ein Ort der Regulation der Zeiten wie auch der sozialen Beziehungen im sozialen Nahfeld. Sie sind in narrative Muster wie die Entwicklung insbesondere erotisch grundierter sozialer Beziehungen eingelassen, sind oft genug Indikatoren eines dramatischen \u00dcbergangs, einer Transition oder eines Wendepunktes.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Und sie bieten ein Konfliktfeld f\u00fcr \u00f6ffentlich ausgetragene symbolische K\u00e4mpfe um Macht. Sie werden eben zu Elementen der Dramaturgie. Aber schaut man durch sie hindurch, werden Ordnungen der Alltagswelt sichtbar, \u00fcber die nicht geredet wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das szenische Arrangement ist mehrfach zitiert oder parodiert werden. Ein Radau-Beispiel ist<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span><i>Double Trouble<\/i> (<i>Vier F\u00e4uste gegen Rio<\/i>, USA 1984, E.B. Clucher). Fast die gesamte Sequenz wurde in dem Neo-Stummfilm <i>The Artist<\/i> (<i>The Artist<\/i>, Frankreich 2011, Michel Hazanavicius) formal reproduziert (und parodiert).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Es handelt sich um eine \u201eRubeGoldbergMaschine\u201c, die zwar \u2013 wie im gegebenen Beispiel \u2013 eine Aufgabe erledigen kann, aber oft keinerlei praktischen Nutzen hat. Die Bezeichnung verweist auf den amerikanischen Cartoonisten Reuben \u201eRube\u201c L. Goldberg zur\u00fcck, der Comics \u00fcber einen Professor zeichnete, der unn\u00f6tig komplizierte Maschinen konstruierte. Sie ist seit den fr\u00fchen 1930ern bekannt. Vgl. den Wikipedia-Eintrag, URL: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/RubeGoldbergMaschine.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Eine ganz eigenst\u00e4ndige Fr\u00fchst\u00fccks-Liebesszene findet sich in Jean-Luc Godards <i>Pierrot le fou<\/i> (<i>Elf Uhr nachts<\/i>, Frankreich\/Italien 1965), als Marianne (Anna Karina) ihrem Schicksalsgef\u00e4hrten und Geliebten \u201ePierrot\u201c (Jean-Paul Belmondo) das Fr\u00fchst\u00fcck ans Bett bringt und ein Lied zu singen beginnt, das gerade im Radio l\u00e4uft, eine Liebeserkl\u00e4rung an ein unbekanntes Du (es handelt sich um <i>Jamais je ne t&#8217;ai dit que je t&#8217;aimerai toujours<\/i> von Antoine Duhamel und Serge Rezvani). Der Refrain \u2013 zu deutsch etwa: \u201eIch habe dir nie gesagt, dass ich dich immer lieben w\u00fcrde\u201c \u2013 steht in so eigenartiger Spannung zu der Friedlichkeit und Liebensw\u00fcrdigkeit der Szene, dass jene hier schon aufgebrochen wird zum fatalen Ende der Geschichte, wenn die beiden zusammen sterben. So ironisch Marianne das Fr\u00fchst\u00fccksszenario mit selbstbewusster Koketterie unterwandert, so klar ist auch, dass das Lied ganz anderes bedeutet, dass es selbst eine \u201everkehrte Liebeserkl\u00e4rung\u201c ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. aber die Rolle des Klatschreporters Baby Schimmerlos, die Franz Xaver Kroetz in der TV-Serie <i>Kir Royal<\/i> (BRD 1985, Helmut Dietl) spielt, der seinen Tag gerne mit einem ChampagnerFr\u00fchst\u00fcck beginnt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Es sei vermerkt, dass Kellogg selbst sich dieser t\u00e4glichen K\u00f6rperreinigung unterzog; vgl. dazu<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>EminTunc, Tanfer: &#8222;Black and White Breakfast Race, Class, Sexuality, and Corn Flakes in Alan Parker\u2018s <i>The Road to Wellville<\/i>. In: <i>Bright Lights Film Journal<\/i>, 38, 2002, URL: http:\/\/brightlightsfilm.com\/blackwhitebreakfastraceclasssexualitycornflakesalanparkersroadwellville\/#.Vy9z8NWzDE0, hier: Anm. 36.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Nicht nur der Einbruch der Gewalt, sondern auch der der Unziemlichkeit unterh\u00f6hlt das stillschweigende geltende Friedensgebot des Fr\u00fchst\u00fccks. Wenn Spud (Ewen Bremner) nach einer durchzechten Nacht aufwacht \u2013 nebenan fr\u00fchst\u00fcckt bereits die Familie seiner Freundin \u2013 und feststellt, dass er w\u00e4hrend der Nacht die Bettdecke vollgeschissen hat, mit der Decke in der Hand ins Zimmer der Fr\u00fchst\u00fcckenden tritt, die Mutter ihm die Decke entrei\u00dft und dabei die Anwesenden mit Kot bekleckert (in <i>Trainspotting<\/i>, Gro\u00dfbritannien 1996, Danny Boyle), dann ist der Fr\u00fchst\u00fccksfriede symbolisch gebrochen, an eine Vollendung des so routinisierten Tagesanfangs ist nicht mehr zu denken.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Das Fr\u00fchst\u00fcck grenzt Nacht und Tag ebenso ab wie Schlafen und Wachen, Tr\u00e4umen und Handeln. Es ist eine Grenzmarkierung und kann als solche auch symbolisch verwendet werden, als Indikation zweier Phasen der Handlung. Nach der Flucht sind die Protagonisten in die Freiheit gelangt (oder vielleicht dabei entdeckt und zu Gefangenen geworden); nach dem n\u00e4chtlichen Angriff der B\u00f6sen ist wieder Ruhe eingekehrt, weil sie get\u00f6tet, vertrieben, verhaftet wurden oder weitergezogen sind; derartige \u00dcbergange und Wendepunkte lie\u00dfen sich zahllose konstruieren: Das Fr\u00fchst\u00fcck bringt Ruhe ins Spiel, es bildet eine (zu Sequenz und Alltagsritual gewordene) dramatische Pause.<\/p>\n<p>Ein allerdings bereits wieder konterkariertes Beispiel findet sich in dem Agentenfilm <i>Dr. No<\/i> (<i>James Bond \u2013 007 jagt Dr. No<\/i>, Gro\u00dfbritannien 1962, Terence Young): James Bond und seine Gespielin Honey wurden von den Leuten des Titel-B\u00f6sewichts \u00fcberw\u00e4ltigt und in dessen unterirdische Festung verbracht; die Nacht der Spionage ist vorbei, sie wissen noch nicht, was mit ihnen geschehen wird \u2013 und sie fr\u00fchst\u00fccken, weil sie sowieso keine Handlungsm\u00f6glichkeit haben. Der Kaffee ist mit einem Schlafmittel versetzt, sie wissen es nicht \u2013 weil mitten im Fr\u00fchst\u00fcck bereits eine neue Handlungsphase einsetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ich danke Anna Drum, Britta Hartmann, Julian Lucks, Brigitte Mair, Oliver Schmidt und Tobias Sunderdiek f\u00fcr zahlreiche Hinweise auf die ungez\u00e4hlten Fr\u00fchst\u00fccksszenen der Filmgeschichte.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hans J\u00fcrgen Wulff ist emeritierter Professor f\u00fcr Medienwissenschaft; viele weitere Online-Publikationen von ihm <a href=\"http:\/\/www.derwulff.de\/index.php?action=veroeffentlichungen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fchst\u00fccksszenen im Film<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[112470,112471,753,112472,112473,112474,112475,112476,112477,112478,112479,112480,112481],"class_list":["post-9819","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-citizen-kane","tag-falling-down","tag-film","tag-five-easy-pieces","tag-fruehstueck","tag-groundhog-day","tag-groupies-bleiben-nicht-zum-fruehstueck","tag-kramer-vs-kramer","tag-married-before-breakfast","tag-peewees-big-adventure","tag-public-enemy","tag-schtonk","tag-zum-fruehstueck-blondinen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9819"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9819\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9819"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9819"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}