Amateur-Konzertmitschnitte auf Webvideoplattformen

Amateur-Konzertmitschnitte auf Webvideoplattformen

Von Sarah Wehn

Das Phänomen

Ein Konzertbesuch vor dem Boom des Web 2.0: Der Künstler betrat die Bühne, stimmte den ersten Song an und ließ das Publikum in seine künstlerische Welt eintauchen. Je nach Musikstil tanzten die Besucher ausgelassen und zelebrierten das Event. Die Dokumentation des Erlebten rückte während der Show in den Hintergrund.

Die Konzertsituation im Jahr 2014: Mit dem Erlöschen des Lichtes schnellen die Arme der Konzertbesucher und mit ihnen eine Vielzahl von Smartphones und Digitalkameras in die Höhe. Falls die Geschehnisse auf der Bühne für die hinteren Reihen nicht durch Leinwände visuell wahrnehmbar gemacht werden, können viele der anwesenden Zuschauer die dargebotene Performance der Künstler ab diesem Zeitpunkt lediglich über das Handy-/Kameradisplay des Vordermannes mitverfolgen. Während Teile des Publikums und die Künstler auf der Bühne die beschriebene Entwicklung unter Umständen als lästig empfinden, sehen Personen, die dem Konzert nicht beiwohnen können, in dem sehr jungen Phänomen einen hohen persönlichen Nutzen. Dadurch, dass eine Vielzahl der audiovisuell festgehaltenen Momentaufnahmen unabhängig voneinander noch während der laufenden Show oder kurze Zeit später im Internet auf Webvideoplattformen und sozialen Netzwerken veröffentlicht werden, bietet sich ihnen in gewisser Weise die Möglichkeit, an dem jeweiligen Event zu partizipieren.

Die qualitative Bandbreite der veröffentlichten Konzertdokumentationen erstreckt sich, wie die folgenden zwei Beispiele veranschaulichen, von verpixelten Bildern und übersteuerten Tonspuren bis hin zu audiovisuell hochwertigerem Material. Hier zeigt sich, dass das Phänomen bereits im Jahr 2007, wenn auch nicht in dem heutigen Ausmaß, vorzufinden war. Zudem macht die Anzahl der Videoaufrufe deutlich, dass “klare” bzw. “saubere” Aufnahmen von den Usern deutlich stärker angenommen werden als qualitativ minderwertigere:

30 seconds to mars new song @ Brixton academy 14/09/07 (rund 2.800 Klicks)

30 Seconds to Mars – new song (live at Brixton) (über 140.000 Klicks)

Doch welche Faktoren begünstigen dieses Phänomen und veranlassen die „normalen“ Konzertbesucher das Gesehene gezielt mitzufilmen und im Anschluss für einen teils unbekannten Nutzerkreis zur Verfügung zu stellen?

Um Hypothesen zu dieser Frage aufstellen zu können, wurde der Forschungsgegenstand aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Wie im Titel bereits ersichtlich, lag der Fokus auf Amateur-Aufnahmen. Die Personengruppe der Amateure kennzeichnet sich, laut Andrew Keen, hier u. a. dadurch, dass sie ihrer Tätigkeit aus Leidenschaft zum jeweiligen Interessenfeld unentgeltlich nachgeht, ohne von ihren Erzeugnissen leben zu können (vgl. Keen 2008, 36) .

Begünstigende Faktoren

Begünstigt wird das Phänomen vor allem durch den technischen Fortschritt. War bzw. ist für professionelle Kameramodelle oftmals eine längere Eingewöhnungsphase und ein gewisser Grad an Vorwissen über die korrekte Anwendung erforderlich, ist die Kameraausstattung heutiger Mobilgeräte so konzipiert, dass prinzipiell jeder Nutzer innerhalb kürzester Zeit in der Lage sein sollte, das angebotene Funktionsspektrum (ohne vorangegangene Erfahrungen) – hier auf Konzerten – anzuwenden. Im Weiteren bieten zahlreiche, gebührenfreie Onlineangebote des Web 2.0 Laien und/oder Professionellen diverse Möglichkeiten der Partizipation.

Hinzu kommt, dass es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine einheitliche Rechtsprechung in Deutschland gibt, obwohl die Aufnahme und insbesondere die Veröffentlichung des gefilmten Materials gegen eine Vielzahl von Urheber- und Leistungsschutzrechten der (ausübenden) Künstler etc. verstoßen (vgl. Bauer 2010, 15ff.). Eine grundlegende Problematik ergibt sich aus dem Versuch, Hostprovider für unrechtmäßige Aufnahmen zur Verantwortung zu ziehen. Diese profitieren zwar kommerziell von den Konzertmitschnitten, sehen die „Hauptschuld“ allerdings bei ihren Nutzern, denen sie lediglich technische Weichen stellen (vgl. Kempel/Wege 2010, 98).

Um eine Verbesserung für die Künstler zu erwirken, befindet sich die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) aktuell, nach Angaben eines Mitarbeiters, in Verhandlungen mit mehreren Plattfrombetreibern. Gefordert wird die Zahlung einer Lizenzgebühr, die den Providern Nutzungsrechte an den jeweiligen Musikstücken einräumt und die Musiker entschädigt.

Motive der Amateurfilmer und Reaktionen der Künstler

Die Frage, warum Personen Künstlerperformances dokumentieren und im Anschluss auf Webvideoplattformen wie YouTube hochladen, kann trotz einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Themenfeld nicht allgemeingültig beantwortet werden. Die Beweggründe lassen sich in einem Spektrum von selbstbezogenen bis hin zu selbstlosen Motiven verorten (vgl. Altmann 2011, 148; Westdeutscher Rundfunk Köln 2013, o. S.).

Ein Interview mit einer Langzeit-YouTuberin, die seit 2007 Konzertmitschnitte auf YouTube veröffentlicht, hat gezeigt, dass nicht allen Prosumern ein grundsätzlicher Drang nach Aufmerksamkeit und sozialer Anerkennung unterstellt werden kann. Argumente wie der Ausgleich zum Alltagsleben oder die Absicht einer Förderung von (Nachwuchs-)Künstlern können ebenfalls ausschlaggebend für die geschilderte Verhaltensweise sein.

An medial berichteten Künstlerreaktionen wird allerdings deutlich, dass online gestellte Amateur-Livemitschnitte eine Musikkarriere nicht zwangsläufig vorantreiben. Werden unveröffentlichte Songs unrechtmäßig aufgezeichnet und massenhaft über das Internet verbreitet, kann dies für die betroffenen Musiker ggf. zum Verlust von Auftragsproduktionen und dadurch bedingt zu finanziellen Einbußen führen. Aus diesem Grund weigern sich immer mehr Künstler, dem Publikum neue Songs zu präsentieren. Zudem entsteht für die Akteure auf der Bühne oftmals der Druck, eine nahezu perfekte Leistung erbringen zu müssen, die auch externe Internetnutzer zum Besuch eines Konzertes veranlasst.

Zukünftige Entwicklungen

Während YouTube zum jetzigen Zeitpunkt „führender Anbieter“ von laienhaft erstellten Livemitschnitten ist, geht nun die Plattform „Concertfy“ mit einem speziell auf Konzertdokumentationen ausgerichteten Konzept an den Start: Auf diesem Portal können registrierte User u. a. eigenes Filmmaterial hochladen und dieses mit weiteren vorhandenen Inhalten zu einem neuen Fanvideo (z. B. der Darbietung eines Songs aus verschiedenen Perspektiven) verknüpfen. Die Besonderheit der Webseite liegt darin, dass durch Uploads generierte Werbeeinnahmen nicht vollständig von Concertfy einbehalten werden, sondern auch zu einem gewissen Prozentsatz den dargestellten Künstlern und der gemeinnützigen Organisation UNICEF zu Gute kommen sollen. Ob sich Webvideoplattformen wie diese fest etablieren und in starke Konkurrenz zu YouTube treten können, bleibt abzuwarten.

Aktuell ist davon auszugehen, dass sich an dem Habitus der Prosumer auf Dauer nichts ändern wird, solange sich die (internationale) Gesetzgebung nicht ansatzweise einheitlich an die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts anpasst. Stand bisher die Anwendung hochauflösender Kameras und Smartphones im Fokus der juristischen Betrachtung, werden die Gesetzgeber nun durch die jüngste Erfindung des Google-Konzerns „Google Glass“ vor neue Herausforderungen gestellt. Diese mit einer HD-fähigen Kamera ausgestattete Datenbrille wird vom Träger u. a. über Sprachbefehle und Kopfbewegungen gesteuert und ermöglicht es, das Gefilmte über eine Verbindung mit dem Smartphone direkt im Internet zu veröffentlichen. In welchem Umfang sich Geräte wie „Google Glass“ zukünftig auf die Konzertsituation auswirken, muss beobachtet und untersucht werden.

Interessant wäre nun zu wissen, wie viele dieser „Amateure“ sich durch ihre Aktivitäten im Web 2.0 über die Jahre hinweg zu (semi-)professionellen „Produzenten“ entwickelt haben und damit Geld verdienen. Konzertmitschnitte auf Webvideoplattformen – Vom Hobby zum Beruf?

 

Quellen:

Altmann, Myrian-Natalie: User Generated Content im Social Web. Warum werden Rezipienten zu Partizipienten? In: Michael Meyen (Hrsg.): Mediennutzung. Band 18. Berlin: LIT-Verlag 2011.

Bauer, Christian Alexander: User Generated Content – Urheberrechtliche Zulässigkeit nutzergenerierter Medieninhalte. In: Henning Große Ruse-Khan/Nadine Klass/Silke von Lewinski (Hrsg.): Nutzergenerierte Inhalte als Gegenstand des Privatrechts. Aktuelle Probleme des Web 2.0. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag 2010, S. 1-42.

Keen, Andrew: The cult of the amateur. How blogs, MySpace, YouTube, and the rest of today’s user-generated media are destroying our economy, our culture, and our values. London/Boston: Nicholas Brealey Publishing 2008.

Kempel, Leonie/Patrick Wege: Die Haftung von Plattformbetreibern für „eigene Inhalte“ – Welchen Einfluss hat ein Managementsystem auf den Umgang mit Haftungsrisiken? In: Henning Große Ruse-Khan/Nadine Klass/Silke von Lewinski (Hrsg.): Nutzergenerierte Inhalte als Gegenstand des Privatrechts. Aktuelle Probleme des Web 2.0. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag 2010, S. 95-121.

Westdeutscher Rundfunk Köln: Ständiger Gebrauch von Smartphones: Symptome einer Sucht. Auf: wdr2.de, 14.07.2013; URL: http://www.wdr2.de/panorama/smartphones112.html (Stand 18.05.2014).