Selbstthematisierung im Webvideo

Selbstthematisierung im Webvideo

Von Melanie Goeres

Die Auseinandersetzung mit dem Selbst ist ein Akt, den jedes Individuum in einer Gesellschaft tagtäglich und über den Zeitraum seines ganzen Lebens vollzieht. Identität wird nicht nach einem festgelegten Schema  gebildet – jedes Individuum synthetisiert ganz einzigartige Erfahrungen und bildet auf dieser Grundlage seine Identität. Darüber hinaus sind es nicht nur persönliche Erlebnisse und Erfahrungen auf der Mikroebene, die in die Identitätsbildung einfließen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Strukturen und Phänomene auf der Makroebene, die weitreichenden Einfluss auf die Identität eines Individuums nehmen. In der heutigen, postmodernen und mediatisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist es notwendig, eben jene Strukturen und Phänomene zu berücksichtigen, wenn es darum geht, Identitätskonstruktionen zu verstehen. Dieser Eintrag möchte sich dem Phänomen der Identitätsbildung im 21. Jahrhundert nähern. Denn heutzutage ist es insbesondere das Internet, welches dem Individuum neue Möglichkeiten bietet, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und sich anderen gegenüber darzustellen.

Neben dem inzwischen fast schon veralteten Format der Homepage, auf der sich jeder mit Hilfe von Texten und Bildern einer Öffentlichkeit präsentieren kann, und der Selbstpräsentation auf Social-Network Seiten, die eine steckbriefartige Darstellung des Selbst zulassen, gibt es spätestens seit dem Aufkommen der Videoplattform YouTube im Jahr 2005 die Möglichkeit, sich über Videos auf einer etwas anderen Art und Weise dem Netzpublikum zu offenbaren. Selbstthematisierung findet hier nicht im klassischen Sinn der Auflistung und Präsentation von Fakten zur eigenen Person – nur eben in Form eines Video – statt. Vielmehr ist die Vielfalt der Selbstdarstellung und gleichzeitigen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität im Webvideo so groß, dass sie kaum zu erfassen ist.

Der Forschungsstand zu diesem Thema ist ausbaufähig. Es gibt einige Studien zum Thema veröffentlichter Privatheit[1] sowie theoretische Überlegungen zur Selbstinszenierung in der visuellen Kultur[2]. Da es sich bei den Themen Identität, Selbstthematisierung und Webvideos um Felder handelt, die erst seit geraumer Zeit im Zusammenhang gesehen werden, ist der Mangel an Forschung diesbezüglich nachvollziehbar. Darüber hinaus stellt es sich als durchaus schwierig dar, eine haltbare Kategorisierung für die Analyse selbstthematisierender Videos herauszuarbeiten. Nichtsdestotrotz – oder auch gerade deshalb – handelt es sich hierbei um ein spannendes Thema mit interessanten und wichtige Zusammenhängen, derer sich in diesem Blogeintrag zumindest in einem kleinen Umfang gewidmet werden soll.

Selbstthematisierung im Web 2.0 – welche Chancen und Risiken bieten sich dem Individuum?

Je nachdem, welches Format für die Thematisierung und die Präsentation des Selbst vor der Netzöffentlichkeit genutzt wird, unterscheiden sich die Möglichkeiten der Darstellung. Während man in Mailinglisten und Chatrooms lediglich auf Kommunikation beschränkt war, kam schon bald zusätzlich die Möglichkeit zur Selbstthematisierung mit Hilfe von Fotos und Videos hinzu. In der postmodernen Gesellschaft gibt es, um nur einige Beispiele zu nennen: Online-Tagebücher (Blogs), gemeinschaftlich erstellte Informationssysteme (Wikis), Foto- Video- und Audio-Portale (flickr, YouTube), sowie soziale Online-Netzwerke (MySpace, Facebook, Wer kennt wen). In all diesen Formaten sind der Selbstthematisierung keine Grenzen mehr gesetzt.

Zunächst waren Homepages über einen langen Zeitraum hinweg die zentrale Plattform, um sich der Netzöffentlichkeit zu präsentieren. Mit Hilfe von Texten, Bildern, Videos oder Verlinkungen hat man zahlreiche Optionen, sich darzustellen. Online-Netzwerke, Blogs und Audio-Portale bieten im Vergleich zu Homepages erweiterte Nutzungsmöglichkeiten. Abgesehen davon, dass hier Fotos und Videos vermehrt zur Selbstdarstellung zum Einsatz kommen, kann hier im Gegensatz zur Homepage direkte Kommunikation in Form von Pinnwandeinträgen, Chats oder Kommentaren stattfinden. Auf die Aktion der Selbstdarstellung folgt die Reaktion des Publikums. Und eben diese Reaktion ist ein wichtiger Baustein, um Identität und Selbstbewusstsein zu schaffen.

Das Individuum dieser zunehmend visuellen Welt sieht sich vor die Aufgabe gestellt, sich von den Anderen abzusetzen, um gesehen zu werden – denn Aufmerksamkeit ist eines der knappsten Ressourcen im Internet. Es möchte als unverwechselbares Individuum wahrgenommen werden und es wünscht sich, dass sich jemand für es interessiert, es möchte für wichtig und besonders gehalten werden und sich selbst zum öffentlichen Gegenstand machen. Und dies geschieht heutzutage am effektivsten in einem visuellen Format. Durch Bilder und Videos gelangt alles, was es zu zeigen gibt, deutlich anschaulicher und ansprechender an das Publikum. Und an dieser Stelle kommt das Webvideo ins Spiel. Wenn es nun also um die Frage geht, wie sich Selbstthematisierung in Webvideos äußert, muss zwangsläufig zuerst gefragt werden, anhand welcher Kriterien eine Stichprobe für die Analyse solcher Videos gezogen werden kann.

Wenn der Mensch von sich selbst spricht, bezeichnet er sich natürlicherweise als „Ich“. Da die vorherrschende Sprache auf YouTube Englisch ist, erscheint es deshalb logisch, mit Hilfe des Schlagwortes „me“ all jene Videos zu finden, die das menschliche Ich umfassen. Die Suche nach dem Schlagwort „me“ hat eine Stichprobe von “etwa 280.000.000“ Videos ergeben. Die ersten drei Videos, die im Hinblick auf ihren Titel weder dem Genre des Musikvideos noch dem Genre einer Parodie oder eines Films zugehörig zu sein schienen, wurden schließlich die Stichprobe für die Analyse. Es handelt sich um die Videos: „Kiss me I’m desperate“, „25 random facts about me“ und „Follow me around – Mein Alltag #2 I Schwimmen, Essen und Party“:

Vergleichende Analyse

Handlung

Im Bezug auf die Handlung scheinen sich diese drei Videos zunächst völlig voneinander zu unterscheiden. Während der Protagonist Blake in dem ersten Video kaum zu Wort kommt, da ausschließlich seine Aktion im Vordergrund des Clips steht, reden die beiden jungen Frauen der anderen Clips quasi ununterbrochen. Blake lässt seine Tat für sich sprechen, er möchte unbedingt geküsst werden und trägt diesen Wunsch sowohl in die soziale als auch in die virtuelle Umwelt. Seine Hauptaussage ist, dass er verzweifelt ist. Wie er mit dieser Verzweiflung umgeht, macht er mit seiner Aktion in dem Video deutlich. Während er zu Anfang noch alleine und verloren mitten auf dem Pier in Los Angeles steht, bekommt er im Laufe des Videos immer mehr und mehr Küsse von Passanten und schließt sein Video mit den zufriedenen Worten ab, dass es ein erfolgreicher Aufenthalt in Los Angeles war und er nun nach hause gehen kann.
In dem zweiten Video besteht die Handlung ausschließlich darin, dass die Protagonistin Marzia ihrem Publikum etwas über sich erzählt. Wie der Titel schon sagt, möchte sie 25 willkürliche Fakten über sich preis geben. Diese werden in einer ebenso wahllosen Reihenfolge –  teilweise mit ausführlichen und teilweise ohne jegliche Erläuterungen –  vorgetragen. Da sie das Video in ihrem Zimmer aufgenommen hat, gibt es im Gegensatz zum ersten Video außer ihr niemanden zu sehen.
In dem dritten Video geht es darum, dass die Protagonistin ihren gesamten Tagesablauf an einem Tag am Wochenende erlebt und ihn mit der Kamera begleitet, sodass die Zuschauer sozusagen dabei sein können. Die meiste Zeit über ist die Produzentin des Videos auch im Fokus, gelegentlich sind Mitglieder ihrer Familie zu sehen. Doch im Prinzip geht es ausschließlich um ihre Erlebnisse, die sie der Welt mitteilen möchte.

Die jeweiligen Handlungen unterscheiden sich deutlich voneinander. Während Blake ein Erlebnis mit ihm in der Hauptrolle filmen lässt, sitzt Marzia lediglich vor ihrem Computer und erzählt etwas über sich – und die dritte Produzentin begleitet sich selbst mit der Kamera. All diese Menschen befinden sich in unterschiedlichen Situationen, an unterschiedlichen Orten und tun unterschiedliche Dinge.
Es ist lediglich die Gemeinsamkeit festzuhalten, dass die beiden Frauen im zweiten und dritten Video jeweils ihrem Publikum auf direkte Art gewisse Fakten und Informationen zukommen lassen wollen, indem sie beide direkt zu ihrem Publikum sprechen. Diese Gemeinsamkeit könnte zu dem Schluss führen, dass in den meisten Videos, in denen sich Menschen selbst thematisieren, die Macher der Videos auch mit ihrem Publikum interagieren möchten. Jedoch sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich wiederum die Art und Weise der Darstellung unterscheidet: denn Marzia erzählt lediglich von sich, während die Frau im dritten Video nicht nur Dinge erzählt, sondern das Publikum direkt zu ihren Erlebnissen und Handlungen mit nimmt. Damit kann festgehalten werden, dass die Darstellung einer ähnlichen Handlung (nämlich das über-sich-sprechen) zuweilen sehr unterschiedlich in Videos dargestellt werden kann.

Ästhetik

Auch in ästhetischer Hinsicht sind die drei Videos sehr unterschiedlich aufbereitet. Das erste Video wirkt für ein Amateurvideo sehr professionell. Es ist gut geschnitten und mit Musik unterlegt. Außerdem ist eine Struktur mit einem gewissen Spannungsbogen zu erkennen. Darüber hinaus werden emotionale Momente mit Hilfe von Nahaufnahmen sehr gut eingefangen.
Das zweite Video ist ein Amateurvideo, dem allerdings ein gewisse Bemühung von Seiten der Produzentin anzuerkennen gilt. Zu Anfang wird ein Schriftzug eingeblendet, das gesamte Video ist mit Musik unterlegt und es gibt sogar kleinere Special Effects (eingeblendete Zahlen vor jedem neuen Fakt). Andererseits ist es völlig überbelichtet und die Qualität der Aufnahme ist nicht besonders gut.
Das dritte Video ist diesbezüglich auch nicht von besserer Qualität. Die Aufnahmen wurden von der Protagonistin selbst mit einer Handkamera gemacht, dementsprechend sind die Bilder oft verwackelt. Darüber hinaus dominieren in gewissen Momenten die Hintergrundgeräusche (zum Beispiel wenn sie im Auto sitzt) und teilweise ist es stark überbelichtet. Insgesamt gesehen ist es von allen Videos das mit der schlechtesten Aufbereitung. Dennoch kann festgehalten werden, dass in jedem Video das Bestreben zu einer ästhetischen Aufbesserung des Rohmaterials zu erkennen ist, was teilweise sehr gut und teilweise eher weniger gut geschieht.

Intention

Während sich nun herausgestellt hat, dass die Videos in Bezug auf Handlung und Ästhetik unter dem Strich hauptsächlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen, so ist immerhin eine große Gemeinsamkeit festzustellen, wenn es um die Intention geht. In allen drei Videos sprechen die Protagonisten am Ende direkt in die Kamera, bedanken sich bei ihren Zuschauern dafür, dass sie sich ihr Video angesehen haben, sprechen die Hoffnung aus, dass es ihnen gefallen hat und bitten darum, dass sie ihr Video teilen, liken oder kommentieren sollen. Der Junge aus dem ersten Video holt sogar noch weiter aus und bittet zusätzlich darum, ihm auch bei Twitter zu folgen. Die beiden jungen Frau aus dem zweiten und dritten Video scheinen zudem auf der Videoplattform YouTube sehr aktiv zu sein und einen eigenen Channel zu haben, denn sie verabschieden sich beide „bis zum nächsten Video“.

Der Hintergrund für die Produktion der drei Videos muss demnach darin liegen, sich nicht nur selbst zu thematisieren und dann einer diffusen Öffentlichkeit gegenüber zu präsentieren, sondern sich noch darüber hinaus zum Gespräch dieser Öffentlichkeit zu machen. Es soll der Boden für eine virtuelle Anschlusskommunikation gelegt werden – die schlichte Selbstthematisierung reicht offensichtlich nicht aus.

 

Fazit

Mit dieser Erkenntnis aus der vergleichenden Analyse der drei Videos lässt sich die These bestätigen, dass das Individuum der Postmoderne bei seiner eigenen Identitätskonstruktion hauptsächlich darauf bedacht ist, für Interaktion mit anderen Menschen (in der Realwelt) respektive mit anderen Usern (im Internet) zu sorgen, wenn es sich in einem Webvideo selbst zum Thema macht. Wichtig ist demnach nicht nur die reine Darstellung des Selbst, sondern die weiterführende Anschlusskommunikation mit Anderen, die durch die Selbstthematisierung angeregt werden soll.

 

 


[1]Siehe Daniela Pscheida und Sascha Trültzsch (2011)

[2]Siehe Markus Schroer (2006 und 2010)

 

Quellen:

Mikos, Lothar; Hoffmann, Dagmar und Winter, Rainer (Hrsg.): Mediennutzung, Identität und Identifikationen. Die Sozialisationsrelevanz der Medien im Selbstfindungsprozess von Jugendlichen. München: Juventa Verlag.

Pscheida, Daniela und Trültzsch, Sascha (2011): Aufmerksamkeit, Authentizität, Kommunikativität: Eine Studie zur Analyse veröffentlichter Privatheit im Bild. In: Neumann-Braun, Klaus und Autenrieth, Ulla P. (Hrsg.): Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web. Bildbezogenes Handeln und Peergroup-Kommunikation auf Facebook & Co. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

Schroer, Markus (2006): Selbstthematisierung. Von der (Er-)Findung des Selbst und der Suche nach Aufmerksamkeit. In: Burkart, Günter: Die Ausweitung der Bekenntniskultur – neue Formen der Selbstthematisierung?

Schroer, Markus (2010): Individualisierung als Zumutung. Von der Notwendigkeit zur Selbstinszenierung in der visuellen Kultur. In: Berger, Peter A. und Hitzler, Roland (Hrsg.): Individualisierungen. Ein Vierteljahrhundert „jenseits von Stand und Klasse“.  Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.