Wie viel Sportkommentar steckt im „Let's Play“?

Wie viel Sportkommentar steckt im „Let’s Play“?

Von Ina van der Biesen

„Wie würden Sie das, was Sie als Commander Krieger machen, zum Beispiel Ihrer Großmutter erklären?“ – „Das ist eigentlich ganz einfach: Ein Fußballkommentator kommentiert ein Fußballspiel, ich kommentiere Videospiele. Ich beschreibe das, was die Zuschauer sehen, gebe dabei aber auch Hintergrundinformationen und sorge für Stimmung.“ (Steinlechner 2012)

André Krieger, online besser bekannt als Commander Krieger, gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Let’s Playern. „Ein Fußballkommentator kommentiert ein Fußballspiel, ich kommentiere Videospiele“ – ist ein Vergleich wirklich so einfach zu ziehen? Die wohl offensichtlichste Parallele: Sowohl der Let’s Player als auch der Sportkommentator sprechen aus dem Off zum Publikum, sind also nur mit ihrer Stimme wahrnehmbar, und kommentieren das Geschehen am Bildschirm. Doch sind sie sich immer noch so ähnlich, wenn man ins Detail geht? Was können Let’s Player von Sportkommentatoren lernen und umgekehrt? Oder stellt sich bei genauerem Betrachten heraus, dass beide Arten der Kommunikation unterschiedlich sind?

„Ins Detail gehen“ heißt an dieser Stelle: Arbeitsalltag, die Arbeit mit der Community, die Rolle der Unterhaltung und die Vorgaben der Ausgangsmedien (klassisches Fernsehen und Webvideo) – wie sieht das beim Sportjournalisten und wie beim Let’s Player aus?

Kommentatorenalltag

Als Sportjournalist steht vor einer Übertragung vor allem eines an: Recherchearbeit. Man muss die entsprechende Liga verfolgen, Informationen zu den Mannschaften sammeln und deutsche, aber auch ausländische Presse im Blick haben. Etwa eine Woche vor dem Spiel werden die Informationen dann geordnet und die wichtigsten Fakten zusammengefasst, um sie während des Spielgeschehens kurzfristig abrufen zu können (Fuss 2012): „Jeder Spieler kriegt einen Post-It-Zettel. Da steht dann drauf, wann der Spieler das letzte Mal getroffen hat, wie oft er getroffen hat, wo er herkommt, wo er hin will. Wie groß, wie alt, wie schwer. Anekdoten. Auf einem anderen Zettel stehen die Informationen zu den Vereinen. Das ist wie in der Schule mit den Spickzetteln. Nur dass ich eben gucken darf“ (Dalkowski Evers 2011).

Ein Let’s Player übernimmt viel mehr Aufgaben als nur die reine Moderation. Als eigener Produzent muss er sich genauso mit Bildregie, Schnitt und der Verwaltung des Sendeplatzes, z.B. dem Channel auf Youtube, beschäftigen. Ebenso wie beim Sportkommentar ist die reine Videozeit, die am Ende herauskommt, nur die Spitze des Eisbergs. Dazu Sarazar: „Das Spielen selbst dauert gar nicht lange. Ich spiele einmal pro Woche für drei Stunden und mache daraus die Videos“ (Horchert 2012). Obendrauf kommt dazu dann noch das Schreiben von Artikeln zu den Videos und die Moderation und Pflege der Community.

Communityarbeit – der Zuschauer auf Augenhöhe

Dass Zuschauer nur mit viel Aufwand Rückmeldungen über Sendungen zukommen lassen können und mediale Kommunikation somit nur eine Einbahnstraße ist hat sich spätestens seit der Verbreitung des Internets geändert. Besonders bei Webvideos ist der Austausch mit dem Publikum absolut essentiell und schon durch die Struktur von Plattformen wie Youtube gegeben. Aber kann der Sportkommentar da mithalten?

Die klassische Sportübertragung findet über das Medium Fernsehen statt, das vor allem die traditionelle Sender-Empfänger-Situation darstellt, in dem der Sender kein unmittelbares Feedback vom Zuschauer erhält. Eine Möglichkeit, wie ein Sportkommentator den Austausch mit seinem Publikum fördern kann bieten die verschiedenen Plattformen der sozialen Medien. So fragt Wolff-Christoph Fuss regelmäßig auf Facebook nach der Meinung und Einschätzung seiner Fans zu fußballerischen Themen.

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Wolff-Christoph Fuss fragt seine Facebook Fans nach ihrer Einschätzung (Bildquelle)

Allein mit der Einrichtung einer Facebookseite und eines Twitterkanals hat er dem Großteil seiner Kollegen etwas voraus. Er geht so aktiv einen Schritt auf seine Zuschauer ein und gibt Ihnen die Gelegenheit, Feedback zu geben. Im Vergleich dazu ist die Interaktion mit dem User bei Let’s Playern etwas Selbstverständliches. Schon der Name „Let’s Play“ drückt aus, dass der Zuschauer einbezogen ist: „Lass uns (gemeinsam) spielen“. Diese Nähe zu den Usern findet sich auch in der Communityarbeit wieder, denen viele Let’s Player einen großen Teil ihrer Zeit widmen. „Besonders wichtig“ ist die Pflege der Community für Commander Krieger (Steinlechner 2012) und auch Gronkh versucht, die Zuschauer aktiv einzubinden: „Wir spielen teilweise auch mit der Community zusammen […]. Wir versuchen da schon möglichst viel mit der Community zusammenzuarbeiten, weil es auch einfach Spaß macht und weil die Resonanz so schön ist“ (Netsch 2012). Wie so ein Zusammenspiel mit der Community aussehen kann, zeigen Gronkh und Sarazar in ihrer wöchentlichen Livesendung „Let’s Play Together“ und spielen zum Beispiel mit einigen Zuschauern live Minecraft:

Reine Unterhaltung?

Klar, egal ob ich mir Sport oder ein Videospiel anschaue – ich will unterhalten werden. Aber ist das auch die Intention der Sportjournalisten und Let’s Player?

Im Gegensatz zu anderen journalistischen Bereichen ist Unterhaltung ein wichtiges Element im Sportjournalismus, das im Lauf der Jahre mehr und mehr an Bedeutung gewonnen hat. Zu dieser Erkenntnis kam Felix Görner in Zusammenarbeit mit Josef Hackforth mithilfe einer Studie Anfang der 1990er Jahre, in der 1.750 Sportjournalisten zu ihrer subjektiven Einstellung und Auffassung über ihren Beruf befragt werden. (Görner 1995 S.246f)

Dass Sportjournalisten immer mehr zu Entertainern werden ist eine extreme Aussage, die „eine Verschiebung im Berufsverständnis, bei dem die Informationsfunktion zunehmend in den Hintergrund treten würde“ (Görner 1995 S.246f) darstellt. Fast die Hälfte der von Görner und Hackforth befragten Sportjournalisten würde sich und die Berufsgruppe der Sportjournalisten schon als Entertainer bezeichnen. Die essentielle Rolle der Unterhaltung in der Sportberichterstattung sieht ebenso Thomas Schierl: „Mediensport ist ein Zuschauermagnet, der nach Meinung der meisten Autoren, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, irgendwo zwischen Unterhaltung und Information angesiedelt ist. Denn Sport wird von den Medien in einem hohen Maße als Unterhaltung angeboten – vor allem von den Nutzern primär als Unterhaltung rezipiert – aber zumeist mit den Stilmitteln und Darstellungsformen des Journalismus übermittelt.“ (Schierl 2004, S.7)

Irgendwo zwischen Unterhaltung und Information sehen sich auch die beiden Let’s Player Gronkh und Sarazar. Als Spielejournalismus, nur halt quasi von mir zu dir“ (Range, Rahmel 2013a) bezeichnet Gronkh seine Arbeit. Einen Unterschied sieht er jedoch in der Vorbereitung zur Aufnahme: „Wir bereiten uns nicht vor und überlegen vorher, was wir gut oder schlecht finden an einem Spiel. Sondern wir reagieren spontan und kommunizieren zum Beispiel, wenn wir Bugs finden, also Programmfehler“ (Majica 2013). Das spontane Reagieren auf und Kommentieren des Spielgeschehens ist auch Aufgabe der Sportkommentatoren, denn ebenso wie ein Let’s Player das Geschehen im Computerspiel nicht kennt, erlebt der Kommentator das Sportspiel zum ersten Mal und reagiert darauf.

Fernsehen vs. Webvideo

Mit dem Live-Kommentar zu einem Sportereignis und dem „Let’s Play“ stehen sich das klassische Fernsehen und das moderne Webvideo gegenüber. Dabei übernimmt der Let’s Player neben seiner moderierenden auch andere Rollen innerhalb der Videoproduktion und -vermarktung. Drückt er dem Video dadurch stärker seinen Stempel auf und ist weniger austauschbar als der Sportkommentator?

Fragt man Wolff-Christoph Fuss, ist diese Frage klar mit einem „ja“ zu beantworten: Seiner Meinung nach schalten die Zuschauer nicht des Kommentators wegen ein, sondern um das sportliche Geschehen zu verfolgen (Fuss 2012). Seine Fans scheinen das zum Teil anders zu sehen, denn es gibt zahlreiche Zusammenschnitte seiner Kommentare, in der Regel ohne dass das eigentliche Fußballspiel zu sehen ist:

Vor allem aber, weil der Zuschauer beim Let’s Play die Wahl hat, welches Video man anschaut, ist die Rolle des Let’s Players hier ein wichtigeres Kriterium als im Sport. Gronkh bringt es auf den Punkt: „Jeder LPer kann Fallout 3 zocken. Das Spiel wird immer das Gleiche bleiben – und dennoch unterscheidet sich jedes Let’s Play vom anderen. Nicht nur durch die Spielweise, sondern eben vor allem auch dadurch, wie er das Spielgeschehen in Worten umsetzt“ (Range 2014).

Fazit: Wie viel Sportkommentar steckt denn jetzt im Let’s Play?

Obwohl der Sportkommentar und das Let’s Play auf den ersten Blick entscheidende Parallelen aufzuweisen scheinen (die Kommentarsituation und der Zweck der Unterhaltung), finde ich doch auch klare Unterschiede zwischen beiden Formen.

So ist die Arbeitsweise und der Fokus beim Sportkommentar vornehmlich journalistisch und zielt auf den Moment des Kommentierens ab, während die Aufgabenfelder eines Let’s Players beispielsweise mit der aktiven Communityarbeit deutlich weitreichender sind. Dennoch sehe ich für das Let’s Play Entwicklungspotential in Richtung einer journalistischeren Herangehensweise. Mit einer journalistischeren Ausrichtung des eigenen Videoangebots könnte ein Let’s Player sich von der Konkurrenz abheben und sich innerhalb der Let’s Play Szene positionieren. Entscheidend für eine solche Ausrichtung ist sicherlich, ob die Zuschauer eine derartige Verschiebung hin zum Spielejournalismus unterstützen würden.

Im Vergleich zum klassischen Medium Fernsehen bietet die Verbreitung via Internet eine größere Nähe zum Publikum und mehr Möglichkeiten zur eigenen Beteiligung. Mit einer eigenen Facebookseite und einem Twitterkanal ist Wolff-Christoph Fuss ein Vorreiter unter den Sportjournalisten. Indem er sich selbst als Persönlichkeit inszeniert und sich mit seinen Fans austauscht, kann er seinen eigenen Wiedererkennungswert steigern und so in der Rolle des Kommentators präsenter wirken als seine Kollegen. Eine große Anzahl an Befürwortern und Fans zu haben könnte in Zukunft auch für Sportkommentatoren eine entscheidende Rolle spielen: Je beliebter ein Kommentator ist, desto mehr Menschen schalten während seiner Auftritte ein und desto höher fällt die Quote für den jeweiligen Sender aus.

Das Let’s Play hat viele Elemente des Sportkommentars verinnerlicht, aber bezüglich Userinteraktion und Selbstdarstellung geht es weit über die Rolle des Journalisten hinaus. Hier sehe ich vor allem Entwicklungspotential für den Kommentator im Sport. Einer hat da vielleicht den richtigen Riecher: Sportkommentator Frank Buschmann, der mit „Buschi TV“ einen eigenen Kanal auf Youtube betreibt und sich so abseits vom klassischen Kommentar präsentiert. Vielleicht kann man in Zukunft ja fragen: Wie viel Let’s Play steckt im Sportkommentar?

Quellen:

Görner, Felix (1995): Vom Außenseiter zum Aufsteiger: Ergebnisse der ersten repräsentativen Befragung von Sportjournalisten in Deutschland. Berlin: VISTAS.

Schierl, Thomas (Hg.) (2004): Die Visualisierung des Sports in den Medien. 2. Auflage. Köln: von Halem.

Range, Erik; Rahmel, Valentin (Experten) (2013a): Zocken für Kohle [Radiosendung]; In: Till Haase (Moderator): 1LIVE Talk vom 09.10.2013. Köln: 1LIVE.