Textbesprechung – Roman Marek: Understanding YouTube. Über die Faszination eines Mediums (Teil I)

Textbesprechung – Roman Marek: Understanding YouTube. Über die Faszination eines Mediums (Teil I)

Von Verena Altenhoff

Mit der Frage, weshalb Webvideos eine derart große Faszination ausüben, befassen sich – insbesondere seit der Entstehung der Plattform YouTube 2005 – zahlreiche Wissenschaftler. Einer davon ist Roman Marek, der 2012 an der Universität Paderborn promovierte und in seinem Buch Understanding YouTube Besonderheiten von Videoportalen vorstellt, die Nutzer und Forscher diskutieren. Marek analysiert außerdem die Zirkulation von Videobildern.

In der hier vorgestellten Einleitung (S. 16-37 werden im Folgenden behandelt) grenzt Marek seine Forschung von bekannten Untersuchungen ab. Dadurch lässt sich ein guter Überblick über den Forschungsstand gewinnen, vor allem werden das Konzept der Ökonomie der Aufmerksamkeit und die Theorie der Selbstkonstitution kritisch betrachtet. Außerdem arbeitet Marek Unterschiede zwischen Profi und Amateur heraus und stellt die Frage nach der Authentizität von Webvideos, wodurch eine neue Herangehensweise an das Thema begünstigt wird. Schließlich stellt der Autor dar, was an dem Medium tatsächlich neu ist und findet somit neue Begründungen für die Faszination von Webvideos.

Amateur vs. Profi

Hinsichtlich ihrer Intention und Motivation lassen sich Amateur und Profi grob unterscheiden. Die Intention professioneller Videos ist zu informieren, überzeugen, unterhalten und verkaufen. Auch wenn sie manchmal nicht als Werbung erkennbar sind – man spricht dann von viralem Marketing: „Vermarktungsstrategien, die auf bestehenden sozialen Netzwerken aufbauen, um Produkte bekannt zu machen“ (19) -, haben diesen Videos ein gemeinsames Ziel. Bei einer versteckten Werbebotschaften soll diese per Mundpropaganda verbreitet werden. Im Gegensatz dazu ist die Intention von Amateurvideos uneindeutig. Einer der Erklärungsversucehe lautet, es handelt sich um „subjektzentrierte Praktiken der Selbstdarstellung“ (19).

Dass sich eine sogenannte ,participatory culture‘ (Henry Jenkins) entwickelt hat, wird jedoch nicht nur positiv gesehen. Zwar hat jeder Nutzer nun die Möglichkeit, aktiv zu werden und eigene Beiträge zu veröffentlichen, doch dieser einfache Zugang hat auch einen Einfluss auf die Qualität von Form und Inhalt. Hier wird unter anderem die Banalität von Amateurvideos genannt, deren Produzenten die „Deutungshoheit der Spezialisten in Frage stellen“ (27). Außerdem ensteht Argwohn gegenüber den Möglichkeiten, so warnte das Militär gar vor YouTube-Wars (28): „Durch die Verbreitung technischer Möglichkeiten der Aufnahme und des Editierens [werde] angeblich sogenannten ›Terroristen und Aufständischen‹ in die Hände gespielt“ (29). Eggo Müller über das ,participation dilemma‘: „Participation as democratization of our media culture […] redefining tactic norms and standards […] ›uneducated‹ participants neglect professional standards of craftsmanship, aesthetic quality or ethic norms.“(29)

Folgendes Beispiel ist ein Amateurvideo, das insbesondere visuell (Beleuchtung, Hintergrund) kein handwerkliches Können erfordert und dadurch an ästhetischer Qualität einbüßt. Andererseits ist es eine Darstellung des musikalischen Könnens, das professionellen Videos eher keine Konkurrenz machen möchte.

Kritik an Georg Franck und Hannelore Bublitz

Bublitz kritisiert in ihrem Buch „Im Beichtstuhl der Medien“ Georg Franck („Ökonomie der Aufmerksamkeit“), sie beurteilt seine Begriffe Exhibitionismus und Voyeurismus als (ab)wertend, beides werde als „pathologische, krankhafte Abweichung markiert“. Nach Bublitz steht das „Bedürfnis nach Selbstkonstitution und Vergewisserung der eigenen Existenz“ (22) im Mittelpunkt und ist der eigentliche Grund für die Veröffentlichung von Webvideos durch Amateure. Außerdem bezeichnet sie mediale Praktiken als Technologien des Selbst und erkennt einen „[prozesshaften] Charakter dieser permanenten Selbstkonstitution“ (23). Die These von Franck wird allerdings nicht ausgeschlossen, das Subjekt kann den „Weg einer permanenten marktförmigen Anschlussfähigkeiten wählen/ auf ihn geraten“ (23).

Erklärungsansätze von Franck und Bublitz greifen laut Marek zu kurz. Die Fixierung auf „Aufmerksamkeit“ ist problematisch, da einerseits Veröffentlichung nicht automatisch zu Aufmerksamkeit führt, andererseits positive Aufmerksamkeit nicht überwiegen muss (hater-Phänomen). Viele Videos zeigen den Nutzer nicht, wurden nicht einmal von ihm produziert. Marek weist darauf hin, dass die „meisten der populärsten Clips professionell erstelltes Material sind“ (24), wovon die Urheberrechtsverletzungen zeugen. Die Aufmerksamkeit gilt dann auch nicht dem User. Diese These lässt sich anhand von Beispielen belegen, denn zahlreiche Nutzer veröffentlichen Musikvideos oder Filmausschnitte, die ihnen gefallen und die sie für andere zugänglich machen möchten. Außerdem strebt die „Videoclip-Community nach dem Ideal der Authentizität“ (25), wobei Authentisch „nicht auf andere ausgerichtet“ bedeutet, wodurch das Suchen nach Aufmerksamkeit zum Tabu wird (26). Auch der Verweis auf die ,Selbstfindung‘ durch Bublitz erklärt die Faszination der Webvideos nicht. Die „Medial inszenierte Selbstfindung [ist] weder neu, noch auf Videoclips angewiesen“, stellt Marek fest, desweiteren war „Identitätsmanagement auf der Basis von Unterhaltung“ bereits in anderen Medien (Fotoalben) möglich (25). Daraus ergeben sich die Probleme bei der Analyse von Webvideos: Manche Videoclips stehen nur im vagen Zusammenhang mit dem User, die YouTube-Community ist (vorgeblich) nicht auf Aufmerksamkeit aus und Aufmerksamkeit führt nicht unbedingt zu Anerkennung/ Reputation (27).

Dass ein Großteil der Clips keine oder wenig Aufmerksamkeit erfährt, verdeutlicht das Beispielvideo mit wenigen Aufrufen und ohne Kommentare. Die gezeigte Frau wirkt sehr authentisch, es handelt sich nicht um eine eingeübte Performance.

Vergleich mit früherer Medienpraxis/ Was ist neu?

Das Interesse an den neuen Möglichkeiten versucht Marek durch eine Abgrenzung von Bekanntem aufzuzeigen. „In der vorliegenden Analyse gilt es daher, die genauen Unterschiede zu der bereits bekannten Medienpraxis des Auswählens und Modifizierens herauszuarbeiten“ (32) Die Neuartigkeit wird für Marek zum Ursprung von Interesse oder gar Faszination. Heute bestehe ein „Bedürfnis, bereits bestehende Materialien zu verwenden“ (32) und die Partizipation scheint mit der Verletzung des Copyrights verbunden zu sein (31). „Medienkonzerne arrangieren sich mit YouTube“ hinsichtlich des Urheberrechts (31), sie wägen ab zwischen Bekanntheit/ Verbreitung und dem Verlust von Kontrolle. Schon bei der Betrachtung von Gemälden stellt sich die Frage, ob die Bearbeitung gleichzeitig die Zerstörung des Originals bedeutet.

Für die Honest Trailers beispielsweise wird vorhandenes Filmmaterial bearbeitet um eine belustigende Wirkung zu erzielen. Während die Nutzung der Bilder zwar eine Verletzung des Urheberrechts bedeutet, verändert der Text und Schnitt den Inhalt derart, dass es zur Parodie wird:

Für das Video „Re: Leave Britney alone“ wurde ein bereits eingestelltes Video bearbeitet.

Für Roman Marek greifen die bereits bekannten Erklärungsversuche von Franck und Bublitz zu kurz, denn weder die Ökonomie der Aufmerksamkeit, noch die Theorie der Selbstkonstitution können für ihn das Interesse am Medium begründen. Nicht jedes Video hat einen direkten Bezug zu der Person hat, die es online stellte, demnach kann die Suche nach Aufmerksamkeit oder Selbstkonstitution nicht als Begründung für die Aktivität von Amateuren ausreichen. Auch die Bedeutung von Authentizität spricht dagegen. Marek räumt ein, dass die vielzähligen Videos jedem Erklärungsansatz gerecht werden und es somit umso schwieriger wird, eine gemeinsame Intention oder Faszination zu erkennen. Im Folgenden konzentriert sich Marek daher auf Videos, die bestehendes Material verarbeiten und sich darin von alten Medienpraktiken abgrenzen. Marek erkennt ein „Spannungsfeld zwischen Schöpfung, Betrachtung und Zerstörung, das die vorliegende Untersuchung im Hinblick auf die im Internet zirkulierenden Videoclips ergründen möchte“ (37).

Quelle:

Marek, Roman (2013): Understanding YouTube. Über die Faszination eines Mediums. Bielefeld: Transcript, S. 16-37.