Textbesprechung: Markus Kuhn – YouTube als Loopingbahn

Textbesprechung: Markus Kuhn – YouTube als Loopingbahn

Von Kristin Geiger

Ähnlich wie TV-Serien erfreute sich das Genre „Webserie“ lange Zeit nur im englischsprachigen Raum außerordentlicher Beliebtheit. Diese Popularität hält nun auch in Deutschland Einzug und äußert sich durch ein reges Interesse an der Kreation und Produktion deutscher Webserien wie „Das Wurmloch“ oder „Die Piet Show“. 1 Aussagen wie „Der Markt entwickelt sich“, auch wenn Webserien noch „eine Wette auf Zukunft“ seien lassen sowohl auf positives hoffen und implizieren dennoch Unsicherheit.2

Webserien werden immer mehr zu einem interessanten wissenschaftlichen Forschungsgebiet. Als einer der Pioniere der deutschen Webserien-Forschung ist Markus Kuhn, Professor für Medien und Kommunikation der Uni Hamburg, anzusehen. Sowohl einige Publikationen in Bezug auf die Webserie, als auch der Versuch die unübersichtliche und schnelllebige deutsche Webserien-Landschaft zu dokumentieren, deuten auf die immanente wissenschaftliche Bedeutung der Webserie hin.3 Im Folgenden hat sich Markus Kuhn mit der Webserie lonelygirl15 auseinandergesetzt, die in einer ersten Annäherung vorgestellt wird. Im weiteren Verlauf werden die einzelnen Konstrukte beschrieben, die Kuhn im speziellen Fall auf lonelygirl15 anwendet.

Zur Webserie lonelygirl15

Knapp ein Jahr nachdem ersten Online-Auftritt des Internet-Videoportals YouTube startete auf eben diesem am 16.06.2006 eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte von einer der ersten Webserien, lonelygirl15. Die damals vermeintlich 16-jährige Bree berichtete in einem teils täglichen, teils wöchentlichen Rhythmus in einer Art Videoblog von Alltagsthematiken wie Schule, Familie, Liebe. Besonders die befremdlich wirkenden religiösen Praktiken ihrer Eltern avancierten mit der Zeit zu dem thematischen Hauptgegenstand in Brees knapp 3-5 minütigen Videoausschnitten.4

Beispiel: „Bree“ in einem ihrer Videos „House-Arrest“:

Kuhn beschreibt, dass sich sich um Brees Videoblogs rasch ein wahrer Hype entwickelte: Innerhalb kürzester Zeit standen die Clips auf den ersten Rängen der meist gesehenen YouTube-Clips des Jahres 2006. Die Zuschauer forcierten diesen Hype weiter, indem Tausende durch Postings- und Videoantworten auf Bree reagierten. Nach etwa 30 Folgen machte sich jedoch Skepsis und Misstrauen breit. Die YouTube Community zweifelte an der Authentizität der Clips, da die Qualität und die Schnitttechnik professionelle statt amateurhafte Züge aufwies. Im September 2006 wurde der Schwindel durch zahlreiche Medien enttarnt und bestätigt: Die 16-jährige Bree wurde gespielt von der 19-jährigen Jessica Rose. Markus Kuhn spricht in diesem Zusammenhang von einer pseudo-authentischen Webserie, die aus scheinbar authentischen Filmclips besteht und eine Medienkommunikation mit anderen Usern fingiert. Diese nachgewiesene Pseudo-Authentizität tat der enormen Resonanz jedoch keinen Abbruch. Viele Faktoren, wie die rege Berichterstattung der Medien (steigert Attraktivität der Serie), die Ungewissheit vieler weiterer Zuschauer, als auch der mysteriöse Hauptplot, könnten Gründe für den weiteren Erfolg sein. Die Serie wurde mit insgesamt 3 Staffeln und 500 Folgen (2006-2008) zu der Erfolgsgeschichte YouTubes.5

Authentizität

Um diesen eben erwähnten Eindruck von Authentizität zu suggerieren, nennt Kuhn einige Charakteristika. Durch die zunächst feststehende Zimmerkamera, die „Jugendzimmer-Atmosphäre“ und die direkte Ansprache des Publikums inszenierte Bree einen ungekünstelt wirkenden Raum. Tatsächlich muss man Kuhns Eindruck zustimmen.6 Der Raum wirkt durch Anordnung und Bildausschnitt sehr amateurhaft. Anders als Kuhn würde ich allerdings der Darstellerin Bree eine noch viel größere Bedeutung bei der Authentizitätsvermittlung zuweisen. Bree wirkt durch ihre Natürlichkeit, ihre Gestik und Mimik wie das „Mädchen von Nebenan“- es lassen sich keinerlei unnatürliche Verhaltensweisen festmachen. Einmal sitzt Bree mit ihrem Kuscheltier vor der Kamera und weint, ein anderes Mal mit zerzausten Haaren und Schlaf T-Shirt. Ist es vielleicht sogar genau dieses „ehrliche“  Auftreten von Bree was die YouTube-Gemeinde so fesselte?

Die Denkfigur des „Loopings“:

Um die Entwicklung der Serie lonelygirl15 näher zu erläutern und zu beschreiben, bringt Kuhn im weiteren Verlauf die Denkfigur des Loopings in Verbindung zur Webserie, die ursprünglich von der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2010 im medienwissenschaftlichen Diskurs, in einem anderen Zusammenhang, eingeführt wurde. Das Konzept des Loopings wird in Kuhns Ausführungen dabei wie folgt definiert: „Das Gedankenbild des Loopings soll die Wechselwirkung zwischen YouTube und lonelygirl15 aufgreifen.“7 lonelygirl15 war nach Kuhn prägend für die Entwicklung von Youtube und ohne Youtube hätte die Webserie niemals solche Entwicklungen annehmen können. Nach Kuhn ist YouTube die „Achterbahn“ auf der lonelygirl15 Fahrt aufnehmen konnte.  Tatsächlich wird lonelygirl15 in Literatur- und Internetrecherchen als der Vorläufer bekannter Webserien definiert. Meiner Ansicht nach unterschätzt Kuhn jedoch das enorme Potenzial von YouTube. Anders als Kuhn, gehe ich davon aus, dass YouTube für lonelygirl15 von größerer Bedeutung war, als andersrum. Sicherlich hat die Webserie zum enormen Erfolg von YouTube einiges geleistet, allerdings wäre das Videoportal (meiner Meinung nach) sicherlich auch ohne diese Webserie zu solch einem Giganten geworden und hätte eine ähnliche Entwicklung angenommen.

Loopingstrukturen bei lonelygirl15

Nicht nur mit dem Gedankenkonstrukt der Achterbahn wendet Kuhn den Looping auf die Webserie an, sondern auch um zu beschreiben, wie lonelygirl15 aufgebaut ist und sich entwickelt hat:

 1. Videobeiträge mit formal ähnlich wiederkehrender Struktur = Looping

Nach Kuhn ergibt sich zum einen durch die Serienstruktur von lonelygirl15 und die damit verbundenen formal ähnlich aufgebauten Videobeiträge eine loopingähnliche Struktur, als auch durch die stetig übereinstimmende Hauptkulisse, das Kinderzimmer.

2. Etablierung weiterer Figuren durch Videobeiträge

Im Verlauf der Serie wird der Radius der Loopings erweitert, indem neue Loopingstrukturen etabliert werden. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten werden weitere Personen mit in das System eingespeist. Bereits in der 7. Folge wird Daniel als eigener Video-Uploader integriert, in dem Bree speziell auf dessen Video eingeht. Als ein weiteres Beispiel von vielen sei die Figur Gemma zu nennen, die in Folge 54 durch Bree eingeführt wird. Doch lediglich Daniel und Bree setzen sich als die Hauptakteure der Serie durch: Nur durch deren konkrete Bezugnahme auf andere YouTube-User können diese ein Teil der lonelygirl15-Welt werden.

Videobeispiel: Gemma als pseudo-authentische Figur spricht direkt zu Bree:

Videobeispiel: Bree reagiert in einer Videoantwort auf Gemma. Diese wird daraufhin eine feste Figur bei Lonelygirl15:

3. Serielle Postings durch andere User

Auch tatsächlich authentische und von der lonelygirl15 losgelöste User etablieren sich selbst im Gefilde der Community, in dem diese auf Brees Clips durch Tipps und Ratschläge eingehen. Hauptmotivator für die rege Anteilnahme ist nach Kuhn vor allem durch die Hoffnung gegeben, ebenfalls von Bree in die Handlung miteingebunden zu werden und zu einem Teil der Webserie aufzusteigen. Nimmt Bree zu Beginn der Serie noch vereinzelt Bezug auf einige partizipierende User, so wurde der „interaktive“, „partizipierende“ Kosmos zum Ende hin immer mehr verschlossen. Nachdem die „latente kommunikative Öffnung“ den Erfolg der Serie derart forciert hatte, entschieden sich die Produzenten zum Ende hin dafür die äußere „Störfaktoren“ auszuschließen.

Eine Userin reagiert auf das Finale der ersten Staffel von lonelygirl15:

4. Die Etablierung weiterer fiktiver Figuren

Weitere fiktive Figuren, die zwar kein Teil der Serie waren, aber dennoch Loopingstrukturen etablierten, spielten ebenfalls eine immanente Rolle. Als Beispiel sollen hier die Videobeiträge von der pseudo-authentischen Nikki Bower fingieren, die sich durch ihre Videoblog-Serie „Nikki Bower Report“ etabliert hat. Durch ihre Beobachtungen und Analysen der lonelygirl15- Welt, stellt sie sich eine Ebene über Bree und die anderen Charaktere.8

Videobeispiel: Der „Nikki Bower Report“

Fazit

Kuhns Idee das Konstrukt des Loopings auf die Serie lonelygirl15 anzuwenden, ist meiner Meinung nach zu weit her geholt. Kuhn hat gute Ansätze, aber scheint durch dieses Konzept mehr zu verwirren, als klar und deutlich zu beschreiben. Sicherlich hätte man die serielle Struktur von lonelygirl15 in einer anderen Weise aufgreifen und damit vereinfachen können. Vor allem ist es schwierig die Partizipation der User, meiner Ansicht nach der wichtigste Aspekt bei lonelygirl15, mit diesem Gedankenbild zu fassen. Dennoch halte ich die einzelnen Gedankengänge zur Authentizität für sehr aufschlussreich, aber noch weiter ausbaufähig.

 

1 Vgl. http://www.serienjunkies.de/news/webserie-wurmloch-57082.html2 http://www.zeit.de/digital/internet/2010-02/webserien-soap/seite-2
3 Vgl. http://www1.uni-hamburg.de/Medien/berichte/arbeiten/0127_11.pdf
4 Vgl. Kuhn (2011): YouTube als Loopinhgbahn. in: Schumacher, Julia/Stuhlmann, Andreas (Hrsg.): Videoportale: Broadcast yourself?, S.120
5 Vgl. Kuhn, S. 120 f.
Vgl. ebd., S. 122
7 Vgl. ebd., S. 121
8 Vgl. ebd., S. 124-129

Quelle:
Kuhn, Markus (2011): „YouTube als Loopingbahn. lonelygirl15 als Phänomen und Symptom der Erfolgsinitiation von YouTube“, in: Schumacher, Julia/Stuhlmann, Andreas (Hrsg.): Videoportale: Broadcast yourself? Versprechen und Enttäuschung, Hamburger Hefte zur Medienkultur 12 (2011), S. 119-136.