Textbesprechung – Roman Marek: Understanding Youtube. Über die Faszination eines Mediums (Teil II)

Textbesprechung – Roman Marek: Understanding Youtube. Über die Faszination eines Mediums (Teil II)

Von Sarah Mauer

Wer nutzt Youtube?

Seit dem Aufkommen von Videoplattformen wie Youtube wird Amateurcontent in nie gekanntem Maße veröffentlicht. Begünstigt wird diese Entwicklung nicht nur durch die zunehmende Verbreitung von Digital- und Handykameras sowie Webcams, sondern auch (insbesondere bei Youtube) durch die benutzerfreundlichen Oberflächen, die einen einfachen Upload ermöglichen. Laut einer Studie von 2008¹ ist die Hauptgruppe der Youtube-Nutzer männlich und 14 bis 29 Jahre alt. Die meisten Nutzer verhalten sich passiv rezipierend, während lediglich 13 Prozent aktiv Videos veröffentlichen, liken oder kommentieren. Auffallend ist allerdings, dass das Nutzungsverhalten der Usergruppe der Teenager ungleich aktiver ist – hier sind es sogar 57 Prozent.

Dennoch sind auf Youtube nicht ausschließlich Amateurvideos zu sehen. Längst haben auch Werbetreibende die Plattform und auch die Amateurästhetik der Videos für sich entdeckt. Darum stellt Roman Marek in der Einleitung zu seinem Buch Understanding Youtube die Frage nach einer klaren Abgrenzung von professionellen Inhalten und Amateurcontent. Aus diesem Grunde zieht er zunächst eine Definition des Begriffs „Amateur“ zu Rate:

Definition „Amateur“

„Ein Amateur (franz. für „Liebhaber“) wird per definitionem als eine Person angesehen, die – im Gegensatz zum Profi – eine Tätigkeit aus „Liebhaberei“ ausübt, ohne einen Beruf daraus zu machen beziehungsweise Geld für seine Leistung zu erhalten. Obwohl er für seine Tätigkeit formal nicht ausgebildet ist, entwickle der „Amateur aus Leidenschaft“ nach dem gängigen Stereotyp bei seinen Tätigkeiten „leidenschaftliches Engagement“ und „Netzwerkkompetenzen“. In Organisationstheorien ist die Rede vom Amateursubjekt als historischer Avantgarde der Ich-AG […].“²

In den folgenden Kapiteln diskutiert Marek diese Definition, weist hierbei auf problematische Formulierungen hin und begründet, warum aus seiner Sicht eine klare Trennung von Profis und Amateuren auf Youtube kaum möglich ist.

Die Ausklammerung der ökonomischen Sphäre

Während Profis eine strategische Nutzung mit meist kommerzieller Zielsetzung unterstellt wird, vermutet man bei Amateuren keine politischen oder ökonomischen Motive. Dann stellt sich jedoch die Frage nach der konkreten Handlungsmotivation letzterer bei der Produktion und Distribution ihrer Inhalte. Marek vermutet eine Art Tauschhandel (Content wird gehandelt, der Gegenwert ist die Aufmerksamkeit der anderen User) und somit doch ein ökonomisches Interesse: die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Im nachfolgenden Video ist dies deutlich zu erkennen. Der gezeigte Videoblogger bedankt sich hier bei seinen Abonnenten für deren Aufmerksamkeit. An der Ästhetik des Videos ist erkennbar, dass es sich um Amateurcontent handelt.

Dies zeigt, dass es sich hier wohl nicht ausschließlich um „eine Tätigkeit aus Liebhaberei“ handelt. Auch die Formulierung „ohne einen Beruf daraus zu machen beziehungsweise Geld für seine Leistung zu erhalten“ ist problematisch. Mittlerweile können User das Vorschalten von Werbung am Anfang ihrer Clips genehmigen und somit Gewinne erzielen. Zudem zeigt sich auch, dass sich einige User, die zunächst als Amateure begannen, mit dem wachsenden Erfolg ihrer Videos zunehmend professionalisierten. Dies beinhaltet nicht nur, dass ihre Produktionen ästhetisch an Qualität gewannen, sondern auch, dass diese sogenannten „Internet-Celebrities“ immer stärker strategisch handelten. Dies ist gut abzulesen an dem Vergleich von frühen Uploads der derzeit erfolgreichsten deutschen Youtuber (Stand: Ende 2013) Y-Titty mit deren aktuellen Videos:

Das vermeintlich authentische Moment

„Ohne einen Beruf daraus zu machen…“ – diese Formulierung deutet aber auch auf einen weiteren Aspekt hin: Amateurinhalte werden als „genuin authentisch“ und oftmals sogar als „dokumentarisch“ eingeschätzt; Zum einen, da dem Amateur unterstellt wird, es mangele ihm am Know-How, den eigenen Content zu manipulieren, zum anderen, da er aufgrund seiner Unabhängigkeit von Regeln, Normen, Kollegen, Konventionen, Sehgewohnheiten und Erfolg eine größere inhaltliche und gestalterische Freiheit besitzt als Profis, die finanziell von dem Erfolg ihrer Produktionen abhängig sind. Doch auch hier sind die Grenzen fließend. Mittlerweile kommt es öfters vor, dass Youtube-Content Verwertung in Nachrichtenübertragungen findet (insbesondere bei der Berichterstattung aus Krisengebieten, wenn noch keine Kamerateams vor Ort sind), wodurch die Amateuraufnahme in die Sphäre professioneller Inhalte übertragen wird. Jedoch werden diese stets von den Redaktionen durch eine Quellenangabe ausgewiesen und unterscheiden sich in ihrer Ästhetik meist stark von den professionellen Beiträgen. Insbesondere am Beispiel der Nachrichten zeigt sich jedoch auch, dass der Authentizitätsanspruch nicht ausschließlich Amateurcontent vorbehalten ist.

Im Kontrast dazu zeigt das nächste Beispiel, wie Profis bewusst die Amateur-Ästhetik nutzen, um den Anschein von Authentizität zu erwecken:

Das Amateurprodukt als defizitäres Produkt

Im Gegensatz zu der eher positiv zu bewertenden Vorannahme Amateurprodukte seien per se „authentisch“, haftet den Worten „Amateurhaftigkeit“ und „Dilettantismus“ ein negativer Beigeschmack an. Marek begründet dies mit den bislang vorherrschenden Umständen. Lange Zeit war es den Spezialisten vorbehalten, bei ihrer Arbeit auf umfassende gesellschaftliche Ressourcen, wie beispielsweise eine institutionalisierte Ausbildung, Finanzierung, Infrastruktur und Gesetzgebung, zurückzugreifen. Mittlerweile hat das Internet und die zunehmende Zugänglichkeit von semiprofessioneller Produktionstechnik, die sich in ihrer Bildqualität Profi-Produkten immer stärker annähert,  dazu geführt, dass ein Amateurvideo heutzutage nicht mehr zwangsläufig aufgrund seiner Ästhetik als solches identifiziert werden kann.

Ein weiterer Kritikpunkt an Amateurinhalten ist oftmals deren mangelnde Originalität, da sich diese häufig darauf beschränken, professionelle Produktionen lediglich nachzuahmen, wie das nachfolgende Beispiel verdeutlicht:

Amateurhaftigkeit und mangelnde Qualifikation

Während die mangelnde institutionalisierte Ausbildung zum einen als Defizit angesehen werden kann, so kann dies auch als Vorteil der Amateure erachtet werden: Da sie nicht fachwissenschaftlich vorgeprägt sind, müssen sie sich die Produktionstechniken zwangsläufig autodidaktisch aneignen. Marek sieht dies als möglichen Motor von Kreativität und Innovationsfreude, wirft allerdings die Frage in den Raum, ob professionell ausgebildete Youtuber, wenn sie diesen Content berufsunabhängig distribuieren, dem Amateur- oder doch eher dem Profibereich zuzuordnen sind.

Das Amateurprodukt als qualitativ minderwertiges Erzeugnis

Die Grenze zwischen Amateuren und Profis ist jedoch nicht nur deshalb schwer zu ziehen, weil beide Seiten von einander profitieren und sich gegenseitig inspirieren, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass Videoplattformen wie Youtube ein vergleichsweise neues Medium darstellen, weshalb in diesem Bereich streng genommen noch gar keine professionellen Produkte existieren können. Zwar gibt es institutionalisierte Ausbildungen in verwandten Bereichen wie Film und Fernsehen, der Webclip als solcher befindet sich jedoch noch in seinem technischen Anfangsstadium. Inwiefern dieser sich von verwandten Medien in Zukunft ästhetisch, inhaltlich und produktionstechnisch abgrenzen wird, bleibt abzuwarten. Auch die Remix-Kultur, die sich im Internet in den letzten Jahren herausgeprägt hat, erschwert die weitere Abgrenzung. An den nachfolgenden Beispielen ist zu erkennen, dass nicht nur Amateure professionelle Inhalte remixen (Bsp. 1), sondern dass diese Praktik mittlerweile auch von Profis genutzt wird, welche hier sogar auf Amateurinhalte zurückgreifen (Bsp.2).

Sarah Wehn hat das Metalmix-Video in ihrem Beitrag Was macht ein politisches Webvideo erfolgreich? ausführlicher analysiert.

Nichtanerkennung, Herabsetzung oder Wertschätzung

Aus der in den vorangegangenen Kapiteln angeführten begrifflichen Unschärfe ergeben sich zwei Positionen:

1. Der professionelle Sektor fühlt sich zunehmend bedroht. Nicht nur die mitunter professionell anmutenden und somit konkurrenzfähigen Produktionen der Amateure bereiten den Spezialisten Sorge, sondern auch die zunehmenden Urheberrechtsverletzungen im Zuge der Remixkultur sowie illegale Uploads kommerzieller Produkte.

2. Enthusiasten unterstreichen hingegen die kulturelle und wissenschaftliche Wertschöpfung, welche die millionenfache Amateurkooperation ermöglicht (wie beispielsweise bei der kooperativen Online-Enzyklopädie Wikipedia zu beobachten). Zudem demokratisieren Plattformen wie Youtube den Zugang und Distribution von Nachrichten, Kulturgütern und Wissen. Massenmedien wie Zeitung, Fernsehen usw. haben dadurch nicht länger eine Monopolstellung inne.

Beide Extreme bieten reichlich Angriffsfläche für Kritiker. Darum plädiert Marek für eine wertneutrale Definition des Amateurbegriffs. Angestrebt werden solle eine Abgrenzung, welche qualitative Urteile vermeidet. Leider bleibt er selbst diese jedoch schuldig.

Quellen:

Marek, Roman (2013): Understanding YouTube. Über die Faszination eines Mediums. Bielefeld: Transcript, S. 45-66.

Eimeren, Birgit van/Frees, Beate (2008): Bewegtbildnutzung im Internet, in: Media Perspektiven 7/2008, S. 408.

Reichert, Ramón (2008): Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0, S. 9.