Stefan Wellgraf: „Gangnam Style“

Stefan Wellgraf: „Gangnam Style“

Von Sarina Stork

Der „Gangnam Style“ von Psy war 2012 ein riesiger Musikerfolg. Auf der ganzen Welt war das koreanische Popphänomen präsent und mit über 1,8 Milliarden Clicks ist es das meistgesehene Video in der Geschichte von YouTube. Doch was ist überhaupt der Gangnam Style und warum wurde er zu so einem Erfolg? Weshalb tanzen plötzlich sowohl Berliner Hauptschüler als auch englische Eliteschüler eine Art koreanischen Pferdetanz? Und was können wir an diesem Beispiel über die globale Verbreitung zeitgenössischer Popkultur lernen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Anthropologe Stefan Wellgraf in seinem Text „Gangnam Style“ (2013) und untersucht dabei aus interkultureller Perspektive verschiedene Videos aus den unterschiedlichsten Weltregionen, die sich auf das ursprüngliche Gangnam-Style-Video von PSY beziehen.

Entstehungskontext und Lesart in Korea

Der „Gangnam Style“ gehört zum Genre des „K-Pop“, der auf der sogenannten „koreanischen Welle“ schwimmt. Um die Bedeutung von YouTube für die koreanische Musik- und Filmbranche aufzuzeigen, wird ein kurzer Exkurs zu der sogenannten „Koreanischen Welle“ gegeben. Die koreanische Welle bezeichnet die ansteigende Popularität der südkoreanischen Pop-Kultur, die sich vor allem in Asien zeigt, aber auch langsam in Europa zu beobachten ist. Sie beinhaltet Kulturgüter wie Musik, Serien oder Filme. Diese kulturellen Güter exportiert Korea und vor allem YouTube hat dessen Verbreitung erleichtert. Der zunehmende Kulturexport wird auch von der südkoreanischen Regierung unterstützt und gefördert. Diese gezielte Vermarktung über YouTube passt zu der internetaffinen koreanischen Kultur.

Gangnam ist ein reiches und dekadentes Stadtteil von Seoul. Es symbolisiert einen hippen, hedonistischen und konsumorientierten Lifestyle und steht für ein modernes und kapitalistisches Südkorea. Allerdings zieht Psy diesen Lebensstil in absurden, übertrieben Szenen und mit seinem sogenannten Pferdetanz ins Lächerliche. Mit dieser extremen humoristischen Zurschaustellung einer Gesellschaftsschicht hat Psy vermutlich einen Nerv getroffen, der die koreanische Gesellschaft beschäftigt. Denn zum einen gibt es die konsumorientierte, kapitalistische Strömung, und zum anderen die Strömung, die von ihren kulturellen Wurzeln geprägt sind und an diesen festhalten.

Aneignungsformen

Wellgraf unterscheidet zwischen zwei Aneignungsformen des Videos, einerseits die Kopie und andererseits die Parodie. Bei der Kopie wird das gleiche Konzept leicht verändert in einem anderen räumlichen Kontexten wiederholt. Bei der Parodie wird der Gangnam Style dagegen „erweitert“, indem das Lied neu interpretiert wird oder noch weiter ins Lächerliche gezogen wird.

Um die verschiedenen Adaptionen und Variationen einzuordnen, betrachtet Wellgraf diese mit dem Ansatz der Cultural Studies von Stuart Hall. In Kürze geht das Konzept der Cultural Studies grundsätzlich davon aus, dass die Nutzer eines Mediums aufgrund ihrer sozialen Herkunft, Bildung, Geschlecht und ethnischer Herkunft Medienprodukte unterschiedlich wahrnehmen und damit in ihnen auch unterschiedliche Bedeutungen erkennen. Es gibt also verschiedene Lesarten gegenüber dem Medienangebot und dabei werden verschiedene Positionen eingenommen.

Lesarten anderer Kulturen im Spiegel von Gangnam-Style-Aneignungen

China:

In dem Video ist der chinesische Künstler Ai Weiwei zu sehen, der aufgrund von regierungskritischen Äußerungen 2011 in Haft genommen wurde. Angedeutet wird dies in dem Video durch seine Handschellen. Auch die räumliche Umgebung des Videos erscheint beengt. Der Künstler macht aber nicht nur auf seine eigene Inhaftierung aufmerksam, sondern auch auf die von anderen Menschen und übt somit Kritik an dem chinesischen autoritären System.

USA:

In dieser Parodie werden Präsident Obama und seine Ehefrau humoristisch dargestellt.

England:

Schüler der englischen Eliteschule Eton machen sich über den verklemmten Elitismus der britischen Oberschicht lustig.

Deutschland:

Y-Titty, die erfolgreichsten YouTube Blogger Deutschlands, parodierten das Lied, indem sie sich als Figuren aus „Herr der Ringe“ verkleiden und einen eigenen Text singen.  Diese Parodie zielt nicht unbedingt auf eine Kritik an der Gesellschaft ab, sondern die Blogger sind auf den Zug des Erfolgs von Psy und der Vielzahl vonVideos mit aufgestiegen.

Fazit

Der große Erfolg des „Gangnam Style“ ist unter anderem auf seine Offenheit zurückzuführen. Denn durch seine ironische und humoristische Inszenierung ist es möglich feste Bedeutungszuschreibungen zu unterlaufen und mit Widersprüchen zu spielen. Das Spektrum der Deutungen reicht von Filmparodien über kulturkritische bis hin zu politisierenden Interpretationen.

 

Quelle:

Wellgraf, Stefan (2013): Gangnam Style. In: pop-zeitschrift.de. S. 1 – 12.