Webvideo-Kultur in China

Webvideo-Kultur in China

Von Guang Yang, Meng Li und Shiyi Zhang

Internetnutzung in China

Seit 2000 stieg die Wachstumsraten der Internetnutzer stetig an. Laut CNNIC (China Internet Netwerk Information Center)  hatte China im Jahr 2012 564 Millionen Internet-Nutzer, angesiedelt in fast allen Bevölkerungsschichten.

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Anstieg der Internet-Nutzung in China

Webvideos stellen einen relevanten Teil der Internetnutzung dar. 2012 war die Zahl der Webvideonutzer auf 371 Millionen gestiegen, die jährliche Wachstumsrate beträgt 14,3%, 65,9% der Internetnutzer in China schauen Webvideo.

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China Internet Network Information Center (CNNIC). Quelle: http://www1.cnnic.cn/index.htm

Iqiyi, Youku, Tudou sind bedeutende Beispiele für Webvideoportale in China, die sich in ihrer Grundstruktur gleichen. User sehen sich hier nicht nur Videos an, sondern laden auch selbst welche hoch und/oder bewerten vorhandenes Material.

Auf Youku zum Beispiel kann jeder Nutzer ein kostenloses Konto anlegen und Videos – unabhängig von ihrer Größe – hochladen. Darüberhinaus besteht die Möglichkeit, Favoritenlisten anzulegen, die wiederum von anderen Nutzern eingesehen werden können. Als Besonderheit Youkus kann gelten, dass die Webseite mit einer Reihe von Fernsehsendern, Film- und Fernsehproduktionsfirmen in China verbunden ist, die regelmäßig Medieninhalte hochladen.

Youku als Fernsehen und Kino

Auf Youku sind zahlreiche Fernsehformate abrufbar, auch ausländische Produktionen (z.B. „The Vampire Diaries“ – USA oder „Knallerfrauen“ – Deutschland). Es lässt sich feststellen, dass der Mediengebrauch vieler Chinesen sich vom traditionelleren Fernsehen hin zu dieser Videoplattform verlagert.

Auch Filme aus aller Welt sind in großer Zahl kostenlos ansehen. Will man aktuelle Produktionen auf Youku ansehen, bedarf es einer kostenpflichtigen Mitgliedschaft oder einer einmalen Zahlung.  Die jüngere Verfilmung „The Great Gatsby“ kostet 5 Yuan (ungefähr 60 Cent), eine Mitgliedschaft kostet 15 Yuan (ungefähr 2 Euro) pro Monat. Dies macht Youku als „digitales“ Kino natürlich sehr attraktiv.

Youku als Soziales Netzwerk

Der sogenannte Youku-Kanal ist die individuelle Webseite eines Youku-Benutzers. Hier findet man alle öffentlichen Videos und Playlists. Man sieht die persönlichen Angaben des Benutzers, wie zum Beispiel seinen echten Namen, sein Alter, das Beitrittsdatum etc. Des Weiteren lässt sich der Kanal vom Benutzer individuell gestalten. So kann man beispielsweise das Titelbild ändern, den Titel des Kanals ändern und Module wie Playlists hinzufügen und löschen.

Youku ist Marktführer des chinesischen Videoportal-Sektors. Das Produkt-Konzept von Youku lässt sich in etwa übersetzen mit „schnell ist König“, wobei sich hierbei auf das Erleben für den User und die ständige Verbesserung der Service-Strategien konzentriert wird. „Schnell spielen, schnell hochladen, schnell suchen“ – Youkus Produkteigenschaften sollen die steigenden Erwartungen der Kunden über einer multipel nutzbaren Plattform erfüllen, nicht zuletzt, um die dominierende wirtschaftliche Position weiterhin sicherzustellen.

Dafür arbeitet Youku eng mit internationalen Firmen, zum Beispiel mit Hongkong TVB, KBS, Disney und anderen amerikanischen Institutionen zusammen. Auch auf dem Feld der Eigenproduktionen, die TV-Dramen, Unterhaltungsprogramme und andere lange Videos umfassen, zeigen sich derart Bemühungen allerdings. So wurde 2008 erstmals eine eigene Webserie von Youko veröffentlicht: Hip Hop Four Quartets. Deren rasanter Erfolg wurde schnell zum Maßstab der Branche und zog weitere Projekte nach sich.

Self-made-Webserien in China

Self-made-Webserien spiegeln besonders deutlich eine gewisse Freiheit des Nutzers wider, die selbst wählen können, wann sie was ansehen möchten. Self-made-Webserien werden von Fernsehkanälen, die auf Videoportalen aktiv sind oder von diesen selbst produziert, die Wahl des Themas, die Idee des Drehbuchs, das Filmen und die Post-Produktion umfassend. Dann wird es ausschließlich auf ihren jeweiliger Kanäle oder Webseiten ausgestrahlt. Dabei entspricht es dem Wunsch der User, dass „jeder ein Star (oder auch ein Reporter) sein kann“.

Besonders Aufsehen erregend war die 2006 losgetretene „Paiker“-Welle. „Paiker“ ist eine Gruppe von Menschen, die in der Internet-Ära mit allen Arten von Kameras, Handys oder DV-Kameras und anderen digitalen Geräten Videos und Bilder aufnehmen und diese im Internet publizieren. Diese Form des User-Generated Contents wurde zu einem kulturellen Trend, dem sich auch Youku 2008 anschloss und begann, Self-made-Webserien zu produzieren. Entscheidend ist hierbei, dass die Produktion sich von den Usern selbst wieder hin zu professionellen Kanälen verlagerte, durch die Adaption „amateurhafter“ Strukturen aber große Erfolge verbuchen konnte.

Wie bereits erwähnt hieß die erste dieser Serien Hip Hop Four Quartets und erzählt die Geschichte des Arbeitsalltags zwischen einer humorvollen Führungskraft und einigen Mitarbeitern in den 1970er und 80er Jahren. Der einzigartige Lebensstil und das positive, optimistische Lebensgefühl der sogenannten White collar-Workers (Weißkragenarbeiter) werden durch Übertreibung, Mode und  allgegenwärtige Fröhlichkeit dargestellt.. Unter der Leitung von Zhengyu Lu, einem jungen chinesischen Regisseur in China, wurde „HHFQ“ 2009 beim 22. Film-Festival in China als beste Netzwerk-Serie ausgezeichnet.

Youku-Serie “Hip Hop Four Quartets”

Youku-Serie “Hip Hop Four Quartets”

Youku-Serie “Hip Hop Four Quartets”

Youku-Serie “Hip Hop Four Quartets”

The bright eleven-Films, bestehend aus 10 Kurzfilmen, spielt ebenfalls in den 1980er Jahren, schlägt aber ernstere Töne an:
Beispiel 1: The bright eleven-Films —《江湖再见》Farewell:

Beispiel 2: The bright eleven-Films —《哎》 Ai:

Das Genre des „Weifilms“

Der Weifilm (chinesisch: Wei Dian-ying) ist eine der beliebtesten Formen des Webvideos in China. Die Bedeutung des „wei“ ähnelt der Bedeutung der deutschen Vorsilbe „Mikro“, weswegen „Weifilm“ in vielen englischen oder deutschen Texten als „Mikrofilm“ übersetzt wird. In der Tat verweist dies auf Besonderheiten des Weifilms.

Zunächst einmal ist die Länge des Weifilm sehr kurz. Normalerweise dauert ein Weifilm 30 Sekunden bis 5 Minuten, Produktionen von 10 oder 20 Minuten sind sehr selten. Darüberhinaus ist die Machart der Weifilme simpel. Es bedarf eines guten Stücks, einiger SchauspielerInnen, einer Kamera und eines Computers zur Post-Produktion. Manchmal gestaltet sich Herstellung sogar noch einfacher, 2011 zum Beispiel wurde von Kangyong Cai, einem bekannten Talkshowmoderator, ein Weifilm veröffentlicht, den er mit seiner Handykamera gedreht hatte.

Daran zeigt sich auch bereits die dritte „Mikro“-Komponente: Die Finanzierung. Die Kosten eines Weifilms liegen nicht besonders hoch, noch dazu, da sie auf Webvideoplattformen kostenlos hochgeladen und so verbreitet werden.

Die Geschichte des Weifilms

2010 war das Wort „Weifilm“ erstmals auf Youku zu finden: Die amerikanische Autofirma Cadillac hatte eine 90sekündige Werbung im Stile eines Hollywoodfilms ausschließlich über die Webvideoplattform produzieren und ausstrahlen lassen.

Cadillac Weifilm

Im gleichen Jahr wurde Old Boy veröffentlicht, der nun nicht mehr für etwas warb, sondern ein „richtiger“ Weifilm war. Der Film erzählte eine Geschichte über die zwei Jungen Xiao Dabao und Wang Xiaoshuai. Aufgrund ihrer geteilten Begeisterung für Michael Jackson waren sie gute Freunde in ihrer Jugend. Dabao konnte prima singen, Xiaoshuai tanzte perfekt. Je mehr Zeit verging, umso enttäuschender empfanden sie das Leben und als sie schließlich vom Ableben ihres Idols erfahren, entscheiden sie sich, alte Träume wieder aufleben zu lassen und bei einer Castingshow teilzunehmen. Der Song „Old Boy“ beschreibt ihre Erinnerungen an dieJugend und die schwierigen Erfahrungen ihres Leben.

Old Boy Weifilm

Wegen des Erfolgs von Old Boy ist die Zahl der Nutzer und Nutzerinnen in Youku enorm gewachsen. Als Konsequenz investierte Youku siebenhunderttausend Renminbi (ca. 87,500 Euro) in den Weifilm.

Weifilme und Kurzfilme im Vergleich

Auch wenn die Grenzen zwischen Weifilm, Kurzfilm und Webvideo zunehmend verwischen, lassen sich weiterhin einige Unterschiede ausmachen. Wie auch in einem Kurzfilm schließt ein Weifilm in verhältnismäßig wenig Sequenzen eine komplette Geschichte ein. Figuren, Szenen und Musik sind vergleichbar. Neben den Plattformen, auf denen sie verbreitet werden, markieren allerdings besonders die Professionalität und die Marktorientiertheit Unterschiede. So bietet der Weifilm  unbegrenzt die Möglichkeit für alle Menschen, ihre Filmträume kreativ auszuleben, egal ob Amateur oder vom Fach. Wegen der einfachen und kostengünstigen Produktion sind Weifilme auch für kommerzielle Unternehmen von großen Interesse, die häufig über diese Kanäle Werbung setzen. Wie am Eingangsbeispiel zu erkennen, kann dies nicht nur durch die Platzierung bestimmter Produkte in einem der Filme selbst geschehen, sondern durch die Verpackung von Reklame als Weifilm selbst.

 

Quellen:

顾磊.湖南卫视自制剧的营销策略[J].东南传播,2010(9)

中凡,戚海龙.当代传播学[M].武汉:华中科技大学出版社,2007.

http://original.youku.com/

http://www.dcci.com.cn/