Anna Obererlacher, M.A.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Innsbruck): Fingierte Epitexte

Dissertationsthema:
Die Fiktionalisierung von Epitexten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Universität Innsbruck
Institut für Germanistik
Innrain 52, A-6020 Innsbruck

+43 (0) 512-507-41332
anna.obererlacher[at]uibk.ac.at


KurzvitaDissertationsprojektPublikationen


Kurzvita

geb. 1988 
2010 bis 2014B.A. Germanistik
an der Universität Innsbruck
2014 bis 2018M.A. Germanistik
an der Universität Innsbruck
2012Auslandssemester
an der Universität Göteborg, Schweden
2014 bis 2016Studentische Mitarbeiterin bei Univ.-Prof. Dr. Thomas Wegmann
für das Forschungszentrum Dimensionen des Literaturtransfers: Übertragung, Vermittlung, Rezeption der Universität Innsbruck
2016Studentische Mitarbeiterin bei Ass.-Prof. Mag.Dr. Michael Pilz
im Projekt Briefe und Postkarten von Joachim Ringelnatz an Peter Scher. Transkription und Kommentierung an der Universität Innsbruck
2016 bis 2017Studentische Mitarbeiterin bei Dr.’in Gunhild Berg, M.A.
im Projekt Versuch und Experiment. Konzepte des Experimentierens zwischen Naturwissenschaft und Literatur (1700–1960) an der Universität Innsbruck
seit 2020Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Univ.-Prof. Dr. Thomas Wegmann
im Arbeitspaket Fingierte Epitexte (Universität Innsbruck)
des FWF/DFG-Projekts Formen und Funktionen Auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart

Kurzvita ∗ Dissertationsprojekt ∗ Publikationen


Dissertationsprojekt

Das Dissertationsprojekt befasst sich mit Texten von Autor*innen deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die Epitexte bzw. epitextuelle Elemente – wie Interviews oder Gespräche – für ihre Poetik produktiv machen, mit ihnen (auto)fiktionale Texte mit eigenem Paratext-Apparat gestalten und so das ‚Beiwerk‘ zum eigenständigen Werk transformieren, das mit literarischen Mitteln den Stellenwert des Autors bzw. der Autorin reflektiert.

Für das Forschungsvorhaben stehen mindestens drei Frage- und Problemstellungen im Fokus. Zum einen, inwiefern die Fiktionalisierung des Autors, der Autorin in den untersuchten Texten als Reaktion auf die literaturbetriebliche Nachfrage nach Autorschaft zu lesen ist;¹ und weiters, in welcher Beziehung dazu das vorsätzlich ambivalente Verhältnis von fiktionalen und faktualen Elementen und Hinweisen der ästhetischen Überschneidung von Text und Paratext steht. Abschließend ist zu hinterfragen, ob diesbezüglich Analogien zu paratextuellen Strategien um 1800 (Stichwort ‚Herausgeberfiktion‘) bestehen.²

Als Textkorpus eignen sich besonders Interviewromane, die den Epitext ‚Interview‘ für ihr fiktionales Programm produktiv machen und die gattungsgeschichtlich damit auf einer Traditionslinine von den imaginären Gesprächen Lukians über die Kunstdialoge der Romantik bis zu den Erfundenen Gesprächen Hugo von Hofmannsthals zu verorten und mit Genre-Traditionen wie dem Dialog, den Toten- und Göttergesprächen wie auch dem journalistischen Interview in Verbindung zu setzen sind. Dazu zählt paradigmatisch und von der Forschung viel diskutiert etwa Wolf Haas’ Wetter vor 15 Jahren,³ aber auch Clemens J. Setz’ Bot (2018) sowie John von Düffels KL – Gespräch über die Unsterblichkeit (2015).

Weiters werden medial vom Buch abweichende Spielformen fiktiver und fiktionaler Interviews wie die von Alexander Kluge mit Helge Schneider für das Fernsehen audiovisuell inszenierten Interviews und zugleich Konzepte des „New Journalism“ bzw. „Borderline-Journalismus“ im Grenzbereich zwischen Fakt und Fiktion bzw. Journalismus und Literatur berücksichtigt.

Darüber hinaus finden Texte Berücksichtigung, die die Mechanismen, folglich die Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen des Literaturbetriebs – und somit auch die Stellung des Autors bzw. der Autorin darin – auf vielfältige Weise reflektieren und motivisch wie verfahrenstechnisch literarisch verarbeiten. Sei es in Gestalt eines autofiktionalen Narrativs wie Thomas Glavinics Das bin doch ich (2007), eines gendertheoretischen Sujets wie Marlene Streeruwitz’ Nachkommen (2014), einer metafiktionalen Genreparodie wie Bodo von Kirchhoffs Schundroman (2002) oder einer Literaturbetriebssatire wie Thomas Modicks Bestseller (2015).

Es sind dies Texte, die nach dem faktualen Status von Paratexten im Allgemeinen und dem von auktorialen Epitexten im Besonderen fragen, nach ihrem aktuellen Stellenwert im literarischen Feld und dem damit im Zusammenhang stehenden Glauben an die Authentizität von Interviews und Autorschaft – während sie sich selbst zwischen Fakt und Fiktion bewegen. Nicht zuletzt ermöglichen sie dabei einen Diskurs über mediale Repräsentationsformen, ihre Konventionen und Grenzbereiche. Der Autor bzw. die Autorin, so die Hypothese, bringt nicht nur Fiktionen hervor, die Autorschaft selbst konstituiert sich maßgeblich über kulturelle Fiktionen.

Fußnoten:

1. Zipfel, Frank: Autofiktion, in: Dieter Lamping (Hg): Handbuch der literarischen Gattungen. Stuttgart 2009, S. 31–36; Wagner-Egelhaaf, Martina (Hg.): Auto(r)fiktion. Literarische Verfahren der Selbstkonstruktion. Bielefeld 2013; Krumrey, Birgitta: Der Autor in seinem Text. Autofiktion in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur als (post-)postmodernes Phänomen. Göttingen 2015; Pottbeckers, Jörg: Der Autor als Held. Autofiktionale Inszenierungsstrategien in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Würzburg 2017.

2. Wirth, Uwe: Die Geburt des Autors aus dem Geist der Herausgeberfunktion. Editoriale Rahmung im Roman um 1800: Wieland, Goethe, Brentano, Jean Paul und E.T.A. Hoffmann. München 2008.

3. Jaumann, Michael: „Aber das ist ja genau das Thema der Geschichte!“ Dialog und Metafiktion in Wolf Haas’ Das Wetter vor 15 Jahren, in: J. Alexander Bareis (Hg.): Metafiktion. Berlin 2010, S. 203–225; Schaffrick, Matthias: Das Interview als Roman. Das Wetter vor 15 Jahren von Wolf Haas, in: Torsten Hoffmann / Gerhard Kaiser (Hgg.): Echt inszeniert. Interviews in Literatur und Literaturbetrieb. Paderborn 2014, S. 417–429.


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